E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten
Reihe: Die Lying Game
E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten
Reihe: Die Lying Game
ISBN: 978-3-641-09302-0
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Sutton ist tot. Sag es niemandem. Spiel weiter mit ... Oder du bist als Nächste dran.«Nur äußerst knapp hat Emma Paxton zwei Mordanschläge überlebt. Außer ihrem Freund Ethan weiß keiner, dass sie in die Rolle ihrer ermordeten Zwillingsschwester Sutton geschlüpft ist, um deren Mörder zu überführen. Bei den Ermittlungen stellt Emma fest, dass Suttons Herz alles andere als rein war: Die Zahl der Verdächtigen, die Sutton umgebracht haben könnten, ist astronomisch. Und ganz oben auf der Hitliste steht Suttons Ex Thayer: gutaussehend, sexy, gefährlich. Seit Monaten wurde Thayer vermisst - jetzt ist er wieder da. In der Hoffnung, mehr über Sutton zu erfahren, geht Emma mit Thayer auf Tuchfühlung ...
Sara Shepard hat an der New York University studiert und am Brooklyn College ihren Magisterabschluss im Fach Kreatives Schreiben gemacht. Sie wuchs in einem Vorort von Philadelphia auf, wo sie auch heute lebt. Ihre Jugend dort hat die »Pretty Little Liars«-Serie inspiriert, die in 22 Länder verkauft wurde und die, ebenso wie ihre Reihe »Lying Game«, zum New York Times Bestseller wurde. Inzwischen wurde »Pretty Little Liars« mit großem Erfolg als TV-Serie weltweit ausgestrahlt.
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1 Sie hat ihn gesehen »Thayer«, flüsterte Emma Paxton und starrte den Jungen an, der vor ihr stand. Sein wuscheliges Haar wirkte in Suttons dämmrigem Schlafzimmer schwarz. Seine Wangenknochen traten scharf hervor, seine Lippen waren voll. Er verengte seine tief liegenden, haselnussbraunen Augen zu schmalen Schlitzen. »Hi, Sutton«, sagte er dann langsam. Emma lief ein Schauer über den Rücken. Sie hatte Thayer erkannt, weil sie sein Gesicht auf Vermisstenanzeigen gesehen hatte – er war im Juni aus Tucson verschwunden. Aber das war lange vor dem Tag gewesen, an dem Emma nach Tucson gereist war, um ihre Zwillingsschwester Sutton kennenzulernen, von der sie nach ihrer Geburt getrennt worden war. Und lange vor dem Tag, an dem sie eine anonyme Nachricht erhalten hatte, in der stand, Sutton sei tot und Emma müsse ihren Platz einnehmen und dürfe niemandem davon erzählen. Emma hatte hektisch versucht, in kürzester Zeit so viel als möglich über Sutton zu erfahren: wer ihre Freunde und wer ihre Feinde waren, mit wem sie zusammen war, welche Klamotten sie trug und was sie in ihrer Freizeit machte. Sie war nach Tucson gefahren, um eine Verwandte kennenzulernen – als Pflegekind sehnte sie sich verzweifelt danach, zu einer Familie zu gehören –, aber nun steckte sie bis zum Hals in der Aufklärung des Mordes an ihrer Schwester. Es war zwar eine ungeheure Erleichterung gewesen, dass Suttons engste Freundinnen und ihre Schwester unschuldig waren, aber Sutton hatte sich zu Lebzeiten eine Menge Feinde gemacht … und von denen hätte jeder ihr Mörder sein können. Und Thayer war einer von ihnen. Wie bei den meisten Menschen in Suttons Leben wusste Emma über ihn nur das, was sie sich aus Facebook-Nachrichten, Klatsch und der »Findet Thayer«-Website zusammengeklaubt hatte, die seine Familie nach seinem Verschwinden eingerichtet hatte. Er schien irgendwie gefährlich zu sein – alle sagten, er habe eine Menge Ärger gemacht und sei fürchterlich jähzornig. Außerdem ging das Gerücht, dass Sutton etwas mit seinem Verschwinden zu tun gehabt hatte. Aber vielleicht war es ja genau umgekehrt, dachte ich, als ich den Jungen mit dem flammenden Blick in meinem Zimmer stehen sah. Vielleicht hatte Thayer etwas mit meinem Verschwinden zu tun. Eine Erinnerung stieg in mir auf. Ich sah mich in Thayers Zimmer stehen, wo wir uns beide wütend anstarrten. »Dann mach doch, was du willst«, hatte ich wütend gezischt und mich zur Tür umgedreht. Thayer wirkte zuerst verletzt und dann wütend. »Das werde ich«, hatte er mir nachgeschleudert. Ich hatte keine Ahnung, worum es bei dem Streit gegangen war, aber ich hatte ihn offensichtlich ziemlich wütend gemacht. »Was ist los?« Thayer musterte Emma jetzt und verschränkte die Arme vor seiner breiten Fußballspielerbrust. Er hatte genau den gleichen arroganten Gesichtsausdruck wie auf seiner Vermisstenanzeige. »Hast du Angst vor mir?« Emma schluckte heftig. »W… warum sollte ich Angst vor dir haben?«, fragte sie so ungerührt wie möglich, in dem Tonfall, den sie für grapschende Pflegebrüder und zwangsneurotische Pflegemütter reserviert hatte. Und für die zudringlichen Penner auf den Straßen der miesen Viertel, in denen sie aufgewachsen war, nachdem unsere leibliche Mutter Becky sich abgesetzt hatte. Aber all das war nur Fassade. Es war kurz vor drei Uhr am Sonntagmorgen, Suttons Freunde, die nach dem Schulball noch bei ihr weitergefeiert hatten, schliefen tief und fest, genau wie die Eltern Mercer. Sogar Drake, die riesige dänische Dogge der Familie, schnarchte in seinem Korb im Elternschlafzimmer. Das Haus war totenstill, und Emma musste auf einmal an die Nachricht denken, die an ihrem ersten Morgen in Arizona an der Windschutzscheibe von Laurels Auto auf sie gewartet hatte: Sutton ist tot. Sag es niemandem. Spiel weiter mit … oder du bist als Nächste dran. Dann dachte sie an die starken, schrecklichen Hände, die sie eine Woche später nachts in Charlottes Küche mit Suttons Halskette gewürgt hatten. An die erneute Warnung, ja den Mund zu halten. Und an die Silhouette, die sie in der Schulaula gesehen hatte, kurz nachdem ein Scheinwerfer von der Decke gestürzt und nur Zentimeter neben ihrem Kopf gelandet war. War es möglich, dass Thayer hinter alldem steckte? Thayer grinste, als lese er ihre Gedanken. »Du hast sicher deine Gründe.« Und dann lehnte er sich zurück und musterte sie so, als habe er sie durchschaut. Als wisse er, warum sie hier war und so tat, als wäre sie ihre tote Schwester. Emma sah sich panisch nach Fluchtmöglichkeiten um, aber Thayer packte ihren Arm, bevor sie zurückweichen konnte. Sein Griff war fest und instinktiv schrie Emma gellend auf. Thayer legte ihr die Hand auf den Mund. »Bist du wahnsinnig geworden?«, knurrte er. »Mmmm«, stöhnte Emma, die unter Thayers Hand kaum noch Luft bekam. Er stand so dicht vor ihr, dass sie seinen Zimtkaugummi riechen und die winzigen Sommersprossen auf seinem Nasenrücken sehen konnte. Voller Panik begann sie sich gegen ihn zu wehren. Sie biss heftig in die Hand vor ihrem Mund und schmeckte seinen erdigen, salzigen Schweiß. Thayer fluchte, ließ Emma los und wich zurück. Sie wirbelte herum und stieß dabei mit dem Ellbogen die meerblaue Vase um, die auf Suttons Bücherregal stand. Sie fiel zu Boden und zerbarst in winzige Scherben. Im Flur ging ein Licht an. »Was zum Teufel war das?«, rief eine Stimme. Schritte ertönten und einen Augenblick später stürmten Suttons Eltern ins Zimmer. Sie gingen eilig zu Emma. Mrs. Mercers Haare waren strubbelig und sie trug ein weites gelbes Nachthemd unter einem Bademantel. Mr. Mercers weißes Unterhemd hing über seine blaue Flanellpyjamahose und sein grau meliertes Haar stand ihm wild vom Kopf ab. Als Suttons Eltern den Eindringling bemerkten, rissen sie die Augen auf. Mr. Mercer stellte sich schützend zwischen Emma und Thayer und Mrs. Mercer legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. Emma ließ sich dankbar in die Arme von Suttons Adoptivmutter sinken und rieb sich den Oberarm, wo Thayers Finger fünf tiefrote Abdrücke hinterlassen hatten. Ich wusste nicht genau, wie ich die Reaktion meiner Eltern einschätzen sollte. Beschützten sie Emma nur vor Thayer, weil diese geschrien hatte, oder ging von Thayer tatsächlich eine Gefahr aus? Hatte es schon einmal eine solche Konfrontation gegeben? »Du!«, brüllte Mr. Mercer Thayer an. »Wie kannst du es wagen, hier aufzukreuzen? Wie bist du ins Haus gekommen?« Thayer starrte ihn nur stumm an, den Hauch eines Grinsens auf dem Gesicht. Mr. Mercers Nasenflügel bebten vor Zorn. Sein Kiefer war angespannt, seine blauen Augen blitzten und an seiner Schläfe klopfte eine Ader. Einen Moment lang fragte sich Emma, ob Mr. Mercer deshalb so wütend war, weil er glaubte, dass seine Tochter um drei Uhr morgens einen Jungen in ihr Zimmer gebeten hatte. Aber dann fiel ihr auf, dass Mr. Mercer und Thayer sich gegenüberstanden, als wollten sie sich aufeinander stürzen. Es war, als hinge in der Luft zwischen ihnen eine dunkle Wolke reinen Hasses, der mit Sutton überhaupt nichts zu tun hatte. Auf der Treppe waren weitere Schritte zu hören. Suttons Adoptivschwester Laurel und ihre beste Freundin Madeline erschienen im Türrahmen. Sie waren aus dem Wohnzimmer gekommen, in dem die Pyjamaparty stattgefunden hatte. »Was ist denn los hier?«, murmelte Laurel und rieb sich das Gesicht. Dann erblickte sie Thayer, riss ihre hellen Augen auf und schlug sich mit zitternden Fingern die Hand vor den Mund. Madeline trug ein schwarzes Negligé, und ihr schwarzes Haar war zu einem perfekten Knoten frisiert, obwohl es mitten in der Nacht war. Sie drängte sich zwischen Laurel und Mrs. Mercer durch. Ihr Mund klappte auf, und sie griff nach Laurels Arm, als fürchte sie, vor Schreck gleich umzufallen. »Thayer!« Madelines Stimme klang schrill und in ihrem Gesicht kämpften Wut, Verwirrung und Erleichterung miteinander. »Was machst du hier? Wo warst du? Geht es dir gut?« Thayer ballte die Fäuste und seine Oberarmmuskeln spannten sich an. Er blickte zwischen Laurel, Madeline, Emma und Suttons Eltern hin und her wie ein verwundetes Tier, das nach einer Fluchtmöglichkeit sucht. Einen Herzschlag später wirbelte er herum und rannte los. Er sprintete durch Suttons Zimmer, hechtete aus dem Fenster und hangelte sich an der Eiche herunter, die schon oft als Notausgang gedient hatte. Emma, Laurel und Madeline eilten zum Fenster und beobachteten, wie Thayer durch die Dunkelheit rannte. Er hinkte und belastete hauptsächlich sein linkes Bein, als er über den Rasen flüchtete. »Komm zurück!«, schrie Mr. Mercer, rannte aus Suttons Zimmer und eilte die Treppe hinunter. Emma heftete sich an seine Fersen und auch Mrs. Mercer, Madeline und Laurel folgten ihm. Charlotte und die Twitter-Zwillinge stolperten verschlafen und verwirrt aus dem Wohnzimmer. Alle versammelten sich an der offenen Haustür. Mr. Mercer war in die Auffahrt gelaufen und drohte den zwei Rücklichtern, die in der Ferne verschwanden, mit der Faust. »Ich rufe die Polizei!«, schrie er. »Komm zurück, verdammt noch mal!« Keine Antwort. Das Auto fuhr mit quietschenden Reifen um die Kurve und Thayer war verschwunden. Madeline wirbelte herum und starrte Emma an. Tränen glänzten in ihren blauen Augen und ihr Gesicht war rot und fleckig. »Hast du ihn hierher eingeladen?« »Was? Nein!«, keuchte Emma. Aber Madeline sprintete schon durch die Tür. Ein paar grelle Piepstöne durchschnitten die Luft, dann leuchteten die Scheinwerfer von...