Vom Vier- zum Fünfparteiensystem?
E-Book, Deutsch, 408 Seiten, eBook
ISBN: 978-3-531-90984-4
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Prof. Dr. Wolfgang Schroeder lehrt Politikwissenschaft an der Universität Kassel.
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1;Vorwort;5
2;Inhalt;7
3;Hessisches Parteiensystem im Wandel – eine Einleitung;9
3.1;1 Hessische Verhältnisse – Hessen vorn!;10
3.2;2 Vom Vier- zum Fünf-Parteiensystem;11
3.3;3 Rahmenbedingungen der hessischen Entwicklung;12
3.4;4 Die Mähr vom „Roten Hessen“;14
3.5;5 Entwicklungsphasen des hessischen Parteiensystems;16
3.6;6 Bundespolitische Bedeutung hessischer Politiker;18
3.7;7 Die Beiträge im Überblick;19
4;I. Kontexte;24
4.1;Die hessische Landtagswahl 2008;25
4.1.1;1 Vorgeschichte ;27
4.1.1.1;1.1 Sonderfall Landtagswahl 2003;27
4.1.1.2;1.2 Bundestagswahlen 2005 und Kommunalwahlen 2006;28
4.1.1.3;1.3 Bundes- und landespolitische Ausgangslage;29
4.1.2;2 Neuauflage des traditionellen Lagerwahlkampfs;30
4.1.2.1;2.1 Vorwahlkampf-Phase;30
4.1.2.2;2.2 Die heiße Phase des Wahlkampfs;34
4.1.2.3;2.3 Fazit des Wahlkampfes;38
4.1.3;3 Das Ergebnis der Landtagswahl: Keine Mehrheit für ein Lager;39
4.1.3.1;3.1 Wahlergebnis und Wählerwanderung;40
4.1.3.2;3.2 Ursachen;42
4.1.3.3;3.3 Analyse von Gewinnen und Verlusten;45
4.1.3.4;3.4 Die Landtagswahl 2008 im Kontext der historischen Wahlentwicklung Hessens;47
4.1.4;4 Fazit;50
4.2;Politische Kultur in Hessen im Wandel;54
4.2.1;1 Die Herausbildung der hessischen Identität;54
4.2.2;2 Symbole und Rituale;55
4.2.3;3 Wahlen und Landtag;57
4.2.4;4 Hessische Mythen;58
4.2.5;5 Die Zeit des Umbruchs;59
4.2.6;6 Zeiten der Politikverdrossenheit;62
4.2.7;7 Politisch-kulturelle Muster der hessischen Parteien;63
4.2.7.1;7.1 Die liberale Bürgergesellschaft;64
4.2.7.2;7.2 Die Herren der Netze;65
4.2.7.3;7.3 Die Partei der sozialen Netze;67
4.2.7.4;7.4 Die Grünen;69
4.2.7.5;7.5 Die Linke;70
4.2.7.6;7.6 Die freien Wähler;70
4.2.8;8 Wahlkampf, Wahl und Wahlergebnis;70
5;II. Parteien in Hessen;72
5.1;Die hessische SPD zwischen Regierung und Opposition;73
5.1.1;Einleitung;73
5.1.2;1 Entwicklung der hessischen SPD;74
5.1.2.1;1.1 Entwicklung der Wahlergebnisse der hessischen SPD;75
5.1.2.2;1.2 Regierungspartei im Abonnement (1950-1987): Das „Rote Hessen“;76
5.1.2.3;1.3 Der Weg zu „Rot-Grün“;78
5.1.2.4;1.4 Erstmals in der Opposition;79
5.1.2.5;1.5 Eichel-Jahre;80
5.1.2.6;1.6 Gekocht und geschrödert;80
5.1.3;2 Entwicklung der Parteiorganisation;83
5.1.3.1;2.1 Mitgliederentwicklung;83
5.1.3.2;2.2 Organisationsreformen;88
5.1.3.2.1;2.2.1 Bezirk Hessen-Süd;89
5.1.3.2.2;2.2.2 Bezirk Hessen-Nord;90
5.1.3.2.3;2.2.3 Auflösung der Bezirke?;91
5.1.4;3 Wahlkämpfe seit 1999;93
5.1.4.1;3.1 Politische Strömungen und Spitzenpersonal;93
5.1.4.2;3.2 Wahlkämpfe 1999 und 2003;94
5.1.4.3;3.3 Wahlkampf 2008;96
5.1.5;4 Fazit und Ausblick;100
5.2;Die Hessen-CDU: Kampfverband und Regierungspartei;103
5.2.1;1 Entwicklung der hessischen CDU;103
5.2.2;2 Entwicklung der Parteiorganisation der CDU in Hessen ;114
5.2.2.1;2.1 Mitgliederentwicklung;114
5.2.2.2;2.2 Organisationspolitische Entwicklung des CDU-Landesverbandes Hessen;116
5.2.2.3;2.3 Der Spendenskandal der hessischen CDU;119
5.2.3;3 Regierungspolitik der CDU in Hessen ;123
5.2.3.1;3.1 Leitlinien der Regierung Koch;123
5.2.3.2;3.2 Regierungsstil;125
5.2.3.3;3.3 Wo steht Hessen heute?;126
5.2.4;4 Wahlkampf und Landtagswahl 2008;128
5.2.5;5 Fazit und Ausblick;134
5.3;Die FDP Hessen im bürgerlichen Koalitionslager;138
5.3.1;1 Entwicklungsgeschichte;138
5.3.2;2 Organisation und Führung;140
5.3.3;3 Programmatik;142
5.3.4;4 Stellung im Parteiensystem und Wahlentwicklung ;143
5.3.4.1;4.1 Bundes- und Landtagswahlen;143
5.3.4.2;4.2 Stimmensplitting;146
5.3.4.3;4.3 Kommunale Vertretung;147
5.3.5;5 Innerparteiliche Konflikte, landespolitische Schwerpunkte, Strategieprobleme;149
5.3.5.1;5.1 Konflikte;149
5.3.5.2;5.2 Landespolitische Schwerpunkte;151
5.3.5.3;5.3 Profilierung im Parteienwettbewerb;152
5.3.6;6 Ausblick;154
5.4;Die Grünen in Hessen;157
5.4.1;1 Stationen der Parteigeschichte;157
5.4.1.1;1.1 Die Gründungsphase;157
5.4.1.2;1.2 Die Realos setzen sich durch: Der Weg zu rot-grün;158
5.4.1.3;1.3 Konsolidierung des Landesverbandes: Die Fischer-Partei;160
5.4.1.4;1.4 Die Regierung Eichel/ Fischer: Grünes Regieren als parlamentarischer Normalfall;161
5.4.1.5;1.5 Die Gründung der GJH;163
5.4.1.6;1.6 1995-1999: Grüne Krisenjahre in der zweiten Regierung Eichel;164
5.4.1.7;1.7 Wahldebakel und Neuanfang in der Opposition;165
5.4.1.8;1.8 2003: Grüne wieder gestärkt;169
5.4.1.9;1.9 Die Ära Al-Wazir;170
5.4.2;2 Veränderungen im politischen Profil der hessischen Grünen;171
5.4.3;3 Die Entwicklung von Mitgliedschaft und Parteiorganisation;173
5.4.4;4 Die Landtagswahl 2008 und ihre Konsequenzen für die Grünen;176
5.4.5;5 Ausblick;177
5.5;Die Linkspartei in Hessen;180
5.5.1;1 Einleitung;180
5.5.2;2 Ausgangssituation und Entwicklungsprozess der Linkspartei in Hessen;181
5.5.2.1;2.1 PDS in Hessen;182
5.5.2.2;2.2 WASG in Hessen;183
5.5.2.3;2.3 Annäherungs- und Fusionsprozess;184
5.5.3;3 Der Weg in den hessischen Landtag;185
5.5.3.1;3.1 Die ersten gemeinsamen Schritte: Der Landesparteitag 2007 ( Vorbereitungsphase);187
5.5.3.2;3.2 Vorwahlkampfzeit;190
5.5.3.3;3.3 Schlußphase;190
5.5.4;4 Die Fraktion der Linkspartei im Hessischen Landtag;195
5.5.5;5 Die Linkspartei in Hessen – Eine Innenansicht;197
5.5.5.1;5.1 Aufbau und Strukturen des innerparteilichen Lebens;197
5.5.5.2;5.2 Innerparteiliche Strömungslehre;200
5.5.6;6 Die Linkspartei im hessischen Parteiensystem;201
5.5.7;7 Resümee;202
5.6;Rechtsextreme Parteien in Hessen;205
5.6.1;1 Nachkriegszeit;205
5.6.2;2 Sechziger Jahre – Dominanz der NPD;206
5.6.3;3 Siebziger Jahre – Neue Militanz und Radikalisierung;207
5.6.4;4 Wahlerfolge in den achtziger und frühen neunziger Jahren;208
5.6.5;5 Mitte der neunziger Jahre bis Anfang 2008 – Wahlergebnisse, Differenzierung und Jugendkultur;209
5.6.5.1;5.1 Parteien und Wahlen: NPD und REP;209
5.6.5.2;5.2 Jugendkultur/ Alltag;213
5.6.5.3;5.3 Einzelaktivisten/ Kameradschaftsszene/ Freie Nationalisten/ Vernetzung;214
5.6.5.4;5.4 Öffentlichkeits- und Demonstrationspolitik;215
5.6.5.5;5.5 Straftaten und Gewalt;217
5.6.6;6 Fazit;217
5.7;Die Freien Wähler in Hessen;220
5.7.1;1 Einführung;220
5.7.2;2 Geschichte der Freien Wähler in Hessen ;221
5.7.2.1;2.1 Die Freien Wähler in den Kommunen;221
5.7.2.2;2.2 Die erfolglose Landtagswahlkandidatur 1978;224
5.7.3;3 Erfolgsfaktoren Freier Wähler;225
5.7.4;4 Aktuelle Situation der Freien Wähler in Hessen ;226
5.7.4.1;4.1 Organisation, Strukturen und Mitglieder;226
5.7.4.2;4.2 Wahlen und Erfolge;227
5.7.5;5 Landtagswahl 2008 ;228
5.7.5.1;5.1 Freie Wähler und Landtagskandidaturen;228
5.7.5.2;5.2 Neuausrichtung der Freien Wähler Hessen;229
5.7.5.3;5.3 Interne Debatte und Entscheidung für die Landtagswahlkandidatur;229
5.7.5.4;5.4 Untersuchungsausschuss;230
5.7.5.5;5.5 Wahlkampfmanagement und -finanzierung;232
5.7.5.6;5.6 Strategien;233
5.7.5.7;5.7 Themen;233
5.7.5.8;5.8 Kandidaten;234
5.7.5.9;5.9 Wahlergebnis;235
5.7.6;6 Fazit und Ausblick;236
5.8;Kleinstparteien in Hessen;239
5.8.1;1 Einleitung;239
5.8.2;2 Rechtliche Rahmenbedingungen;241
5.8.3;3 Kleinstparteien bei Landtagswahlen seit 1991;242
5.8.3.1;3.1 Landtagswahl 1991;242
5.8.3.2;3.2 Landtagswahl 1995;242
5.8.3.3;3.3 Landtagswahl 1999;243
5.8.3.4;3.4 Landtagswahl 2003;244
5.8.3.5;3.5 Landtagswahl 2008;244
5.8.4;4 Zusammenfassung;245
6;III. Hessische Fallstudien;252
6.1;Landtagswahlen als bundespolitische Zwischenwahlen. Der vermeintliche Sonderfall Hessen;253
6.1.1;1 Landtagswahlen als Zwischen- oder Testwahlen: Hypothesen;255
6.1.2;2 Empirische Befunde 1970 bis 2005;258
6.1.3;3 Zwischenwahlen unter der Großen Koalition (2005 – 2007);259
6.1.4;4 Hessen: Mikrokosmos oder Sonderfall?;261
6.1.4.1;4.1 Strukturelle und situative Faktoren in Hessen;262
6.1.4.2;4.2 Hessische Landtagswahlen als Referendumswahlen;265
6.1.4.3;4.3 Zusammenhang zwischen Zeitpunkt und Ergebnis der Wahl;269
6.1.4.4;4.4 Kompensation durch die kleineren Parteien;272
6.1.4.5;4.5 Stabilisierung der Regierungsparteien;274
6.1.5;5 Fazit;275
6.2;Hessens Ministerpräsidenten im Profil;278
6.2.1;1 Christian Stock 1947-1950;280
6.2.2;2 Georg August Zinn 1950-1969;282
6.2.3;3 Albert Osswald 1969-1976;285
6.2.4;4 Holger Börner 1976-1987;287
6.2.5;5 Walter Wallmann 1987-1991;290
6.2.6;6 Hans Eichel 1991 - 1999;293
6.2.7;7 Roland Koch 1999 – 2008;296
6.2.8;8 Fazit;299
6.3;Alte Regierungskunst im politischen Umbruch. Die Ära Börner;307
6.3.1;1 Politische Biografie und Profil Holger Börners;308
6.3.2;2 Herausforderung Landtagswahl 1978;309
6.3.3;3 Herausforderung Atompolitik und Flughafenausbau;311
6.3.4;4 Herausforderung neue Regierungsmehrheit;316
6.3.5;5 Zur Bedeutung Holger Börners als Ministerpräsident;323
6.4;Schulpolitik und Schulkämpfe in Hessen;326
6.4.1;1 Einleitung;326
6.4.2;2 Historische Dimensionen des hessischen Schulkampfs;328
6.4.3;3 Die hessischen Schulen und Schüler im Lichte der PISA-Befunde;331
6.4.4;4 Die Schulpolitik der Regierung Koch und ihre Resonanz;333
6.4.5;5 Das verbandspolitische Kräftefeld;340
6.4.6;6 Schulpolitische Programmentwicklung der hessischen SPD in der Opposition;343
6.4.7;7 Fazit;348
6.5;Ist Frankfurt eine CDU-Hochburg?;355
6.5.1;1 Niedergang der Frankfurter SPD;355
6.5.2;2 Pluralisierung des Parteiensystems;357
6.5.3;3 Fehlanpassung bei der Mitgliederentwicklung;358
6.5.4;4 Von „rot-grün“ zur Großkoalition;359
6.5.5;5 Rückgang der Wahlbeteiligung;359
6.5.6;6 Probleme der schwarz-grünen Koalition;360
6.5.7;7 Fehleinschätzungen der Dienstleistungsgesellschaft;361
6.5.8;8 Frankfurt – eine postdemokratische Stadt ?;362
6.6;Wahlverhalten und Parteiidentifikation in hessischen Städten;365
6.6.1;1 Alles fließt;365
6.6.2;2 Forschung und Intention;367
6.6.3;3 Was tun – was nicht?;370
6.6.4;4 Wahlebenen und Wahlentwicklung: Vom Verlust der SPD-Dominanz in Hessen;371
6.6.5;5 Die Bundestagswahl vom 18. September 2005, die Landtagswahlen vom 2. Februar 2003 und vom 27. Januar 2008 ( eine Analyse der Aggregatdaten);375
6.6.6;6 Zusammenfassend und ausblickend;382
7;Anhang;387
7.1;1 Ökonomische Rahmendaten;387
7.2;2 Hessische Wahlergebnisse;390
7.3;3 Mitgliederentwicklung der hessischen Parteien;395
7.4;4 Partei und Fraktionsvorsitzende der hessischen Parteien;396
8;Autorenverzeichnis;398
Hessisches Parteiensystem im Wandel — eine Einleitung.- Hessisches Parteiensystem im Wandel — eine Einleitung.- Kontexte.- Die hessische Landtagswahl 2008.- Politische Kultur in Hessen im Wandel.- Parteien in Hessen.- Die hessische SPD zwischen Regierung und Opposition.- Die Hessen-CDU: Kampfverband und Regierungspartei.- Die FDP Hessen im bürgerlichen Koalitionslager.- Die Grünen in Hessen.- Die Linkspartei in Hessen.- Rechtsextreme Parteien in Hessen.- Die Freien Wähler in Hessen.- Kleinstparteien in Hessen.- Hessische Fallstudien.- Landtagswahlen als bundespolitische Zwischenwahlen. Der vermeintliche Sonderfall Hessen.- Hessens Ministerpräsidenten im Profil.- Alte Regierungskunst im politischen Umbruch. Die Ära Börner.- Schulpolitik und Schulkämpfe in Hessen.- Ist Frankfurt eine CDU-Hochburg?.- Wahlverhalten und Parteiidentifikation in hessischen Städten.
II. Parteien in Hessen (S. 77-78)
Wolfgang Schroeder
Die hessische SPD zwischen Regierung und Opposition
Einleitung
Die hessische SPD war einst so etwas wie der Superstar unter den deutschen Sozialdemokratien. Wer in der Adenauer-Ära den Hauch einer Vorstellung davon bekommen wollte, wie eine sozialdemokratische Realpolitik aussieht, die sich als Gegenmodell zur Adenauer Republik verstand, der konnte nach Hessen schauen. Keine andere Sozialdemokratie in Deutschland hat so lange und so intensiv die Geschicke eines Flächenstaates geprägt wie die hessische SPD.
Einst waren das Bundesland Hessen und ihre Sozialdemokratie – zumindest von außen betrachtet - zwei Seiten einer Medaille. In diesen fast fünf Jahrzehnten Regierungszeit - zwischen 1949 und 1987 und von 1991 bis 1999 - waren auch in Hessen selbst die Reden vom „roten Hessen", von „Hessen vorn" und vom „sozialdemokratischen Modellstaat" mehr als geflügelte Worte. Die bitteren Niederlagen in den scheinbar ewigen sozialdemokratischen Hochburgen Frankfurt (1977), der Verlust der Landesregierung in Wiesbaden (1987) und der Mehrheit in Kassel (1993) wirkten: Sie lähmten die Akteure und wurden als Zäsuren empfunden. Jedenfalls gelang es nicht, auf diese Niederlagen hin aus eigenen Kräften neue Wege einzuschlagen und neue Antworten zu geben.
Aber selbst nach den Siegen von Walter Wallmann (1987-1991) und Roland Koch (1999-2008) scheint die Erinnerung an die glorreichen Jahre der hessischen Sozialdemokratie nicht zu verblassen. Betrachten wir jedoch die zurückliegenden 10 Jahre, so ist die SPD zwar immer noch eine stolze und mitgliederstarke aber inzwischen zugleich regierungsunerfahrene sozialdemokratische Partei geworden, die kaum noch kampagnenfähig ist.
Weniger als anderen SPDLandesparteien ist es ihr gelungen, sich inhaltlich und organisatorisch zu erneuern, zugleich hat sie aber auch enorme Bindungsverluste zur einstigen Kernklien tel der deutschen Sozialdemokratie zu beklagen. Stärker als andere sozialdemokratische Landesparteien – so meine These – leidet die hessische Sozialdemokratie an der Last ihrer eigenen Erfolgsgeschichte. Der einstige Superstar der deutschen Sozialdemokratie hat sich zum Normalfall entwickelt. Gleichwohl braucht sich die hessische SPD nicht zu verstecken. Der Ausgang der Landtagswahl von 2008 jedenfalls weckte in der Partei selbst die Hoffnung, dass mit ihr in Hessen und im Bund wieder zu rechnen ist. Um den Wandlungen und Perspektiven der hessischen Sozialdemokratie auf die Spur zu kommen, werden hier folgende Fragen verfolgt:
Was war das klassische Profil der hessischen Sozialdemokratie? Worin bestand die politische Basis des „Roten Hessen"? Worin bestehen die wesentlichen Elemente des Wandels der hessischen Sozialdemokratie? Wie hat sie selbst auf die veränderten Verhältnisse reagiert? Was ist ihr heutiges Profil? 1 Entwicklung der hessischen SPD Die hessische SPD war zwischen 1949 und 2008 genau 49 Jahre an der Regierung. Sie war stets mehr als eine Staatskanzleipartei oder die Partei der Landräte und Oberbürgermeister, die bis in die 70er Jahre eine wichtige Rolle in und für die SPD spielten. Bis weit in die 70er Jahre hinein waren alle größeren hessischen Städte von sozialdemokratischen Oberbürgermeistern geführt. Ein wesentliches Merkmal der hessischen SPD besteht darin, dass sie sich bis auf den heutigen Tag als Mitgliederpartei versteht.
Gemeint ist damit, dass die Partei, genauer die Bezirke, Unterbezirke und Ortsvereine, ein eigenes Leben jenseits von Regierung, Opposition, Fraktion und Mandat führen, das einer anderen Logik als jener des engen wählerorientierten Parteienwettbewerbs folgt. Diese eher inhaltlich definierte Partei hat sich phasenweise selbstbewusst von den kurzfristigeren Zyklen des Mainstreams und der politischen Macht dispensiert, um ihre etablierte Identität zu pflegen. Daraus resultieren eine durchaus traditionsbehaftete, innerparteiliche Konfliktbereitschaft einerseits und eine partiell mobilisierungsfähige Wettbewerbsorientierung andererseits. Auffallend ist, dass sich trotz krisenhaftem Wandel, und gepflegter politischer Fragmentierung in Flügel und Strömungen, trotz organisatorischer Spaltung in die Bezirke Hessen-Süd und -Nord, die Zuschreibung als eher linker und mitgliederorientierter Landesverband durchgehalten hat.