E-Book, Deutsch, 351 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Schnitzler / Michel Das große Lesebuch
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401602-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fischer Klassik PLUS
E-Book, Deutsch, 351 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401602-3
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Arthur Schnitzler wurde am 15. Mai 1862 in Wien geboren. Nach dem Abitur studierte er Medizin, wurde Assistenzarzt an der Poliklinik und dann praktischer Arzt, bis er sich mehr und mehr seinen literarischen Arbeiten widmete. 1891 wurde Schnitzlers erstes Theaterstück uraufgeführt, 1895 erschien Schnitzlers erstes Buch bei S. Fischer in Berlin. Schnitzler starb als einer der größten österreichischen Erzähler und Dramatiker am 21. Oktober 1931 in Wien.
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Der Soldat und das Stubenmädchen
Prater. Sonntagabend.
Ein Weg, der vom Wurstelprater aus in die dunkeln Alleen führt. Hier hört man noch die wirre Musik aus dem Wurstelprater; auch die Klänge vom Fünfkreuzertanz, eine ordinäre Polka, von Bläsern gespielt.
Der Soldat.
Das Stubenmädchen.
STUBENMÄDCHEN
Jetzt sagen S’ mir aber, warum S’ durchaus schon haben fortgehen müssen.
SOLDAT lacht verlegen, dumm.
STUBENMÄDCHEN
Es ist doch so schön gewesen. Ich tanz’ so gern.
SOLDAT faßt sie um die Taille.
STUBENMÄDCHEN läßt’s geschehen
Jetzt tanzen wir ja nimmer. Warum halten S’ mich so fest?
SOLDAT
Wie heißen S’? Kathi?
STUBENMÄDCHEN
Ihnen ist immer eine Kathi im Kopf.
SOLDAT
Ich weiß, ich weiß schon … Marie.
STUBENMÄDCHEN
Sie, da ist aber dunkel. Ich krieg’ so eine Angst.
SOLDAT
Wenn ich bei Ihnen bin, brauchen S’ Ihnen nicht zu fürchten. Gott sei Dank, mir sein mir!
STUBENMÄDCHEN
Aber wohin kommen wir denn da? Da ist ja kein Mensch mehr. Kommen S’, gehn wir zurück! – Und so dunkel!
SOLDAT zieht an seiner Virginierzigarre, daß das rote Ende leuchtet
’s wird schon lichter! Haha! Oh, du Schatzerl!
STUBENMÄDCHEN
Ah, was machen S’ denn? Wenn ich das gewußt hätt’!
SOLDAT
Also der Teufel soll mich holen, wenn eine heut beim Swoboda mollerter gewesen ist als Sie, Fräul’n Marie.
STUBENMÄDCHEN
Haben S’ denn bei allen so probiert?
SOLDAT
Was man so merkt, beim Tanzen. Da merkt man gar viel! Ha!
STUBENMÄDCHEN
Aber mit der blonden mit dem schiefen Gesicht haben S’ doch mehr ’tanzt als mit mir.
SOLDAT
Das ist eine alte Bekannte von einem meinigen Freund.
STUBENMÄDCHEN
Von dem Korporal mit dem auf’drehten Schnurrbart?
SOLDAT
Ah nein, das ist der Zivilist gewesen, wissen S’, der im Anfang am Tisch mit mir g’sessen ist, der so heis’rig red’t.
STUBENMÄDCHEN
Ah, ich weiß schon. Das ist ein kecker Mensch.
SOLDAT
Hat er Ihnen was ’tan? Dem möcht’ ich’s zeigen! Was hat er Ihnen ’tan?
STUBENMÄDCHEN
O nichts – ich hab nur gesehn, wie er mit die andern ist.
SOLDAT
Sagen S’, Fräulein Marie …
STUBENMÄDCHEN
Sie werden mich verbrennen mit Ihrer Zigarrn.
SOLDAT
Pahdon! – Fräul’n Marie. Sagen wir uns Du.
STUBENMÄDCHEN
Wir sein noch nicht so gute Bekannte. –
SOLDAT
Es können sich gar viele nicht leiden und sagen doch Du zueinander.
STUBENMÄDCHEN
’s nächstemal, wenn wir … Aber, Herr Franz –
SOLDAT
Sie haben sich meinen Namen g’merkt?
STUBENMÄDCHEN
Aber, Herr Franz …
SOLDAT
Sagen S’ Franz, Fräulein Marie.
STUBENMÄDCHEN
So sein S’ nicht so keck – aber pst, wenn wer kommen tät!
SOLDAT
Und wenn schon einer kommen tät, man sieht ja nicht zwei Schritt weit.
STUBENMÄDCHEN
Aber um Gottes willen, wohin kommen wir denn da?
SOLDAT
Sehn S’, da sind zwei grad wie mir.
STUBENMÄDCHEN
Wo denn? Ich seh’ gar nichts.
SOLDAT
Da … vor uns.
STUBENMÄDCHEN
Warum sagen S’ denn: zwei wie mir? –
SOLDAT
Na, ich mein’ halt, die haben sich auch gern.
STUBENMÄDCHEN
Aber geben S’ doch acht, was ist denn da, jetzt wär’ ich beinah g’fallen.
SOLDAT
Ah, das ist das Gatter von der Wiesen.
STUBENMÄDCHEN
Stoßen S’ doch nicht so, ich fall’ ja um.
SOLDAT
Pst, nicht so laut.
STUBENMÄDCHEN
Sie, jetzt schrei’ ich aber wirklich. – Aber was machen S’ denn … aber –
SOLDAT
Da ist jetzt weit und breit keine Seel’.
STUBENMÄDCHEN
So gehn wir zurück, wo Leut’ sein.
SOLDAT
Wir brauchen keine Leut’, was, Marie, wir brauchen … dazu … haha.
STUBENMÄDCHEN
Aber, Herr Franz, bitt’ Sie, um Gottes willen, schaun S’, wenn ich das … gewußt … oh … oh … komm!
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SOLDAT selig
Herrgott noch einmal … ah …
STUBENMÄDCHEN
… Ich kann dein G’sicht gar nicht sehn.
SOLDAT
A was – G’sicht …
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SOLDAT
Ja, Sie, Fräul’n Marie, da im Gras können S’ nicht liegen bleiben.
STUBENMÄDCHEN
Geh, Franz, hilf mir.
SOLDAT
Na, komm zugi.
STUBENMÄDCHEN
O Gott, Franz.
SOLDAT
Na ja, was ist denn mit dem Franz?
STUBENMÄDCHEN
Du bist ein schlechter Mensch, Franz.
SOLDAT
Ja, ja. Geh, wart ein bissel.
STUBENMÄDCHEN
Was laßt mich denn aus?
SOLDAT
Na, die Virginier werd’ ich mir doch anzünden dürfen.
STUBENMÄDCHEN
Es ist so dunkel.
SOLDAT
Morgen früh ist schon wieder licht.
STUBENMÄDCHEN
Sag wenigstens, hast mich gern?
SOLDAT
Na, das mußt doch g’spürt haben, Fräul’n Marie, ha!
STUBENMÄDCHEN
Wohin gehn wir denn?
SOLDAT
Na, zurück.
STUBENMÄDCHEN
Geh, bitt’ dich, nicht so schnell!
SOLDAT
Na, was ist denn? Ich geh’ nicht gern in der finstern.
STUBENMÄDCHEN
Sag, Franz, hast mich gern?
SOLDAT
Aber grad hab’ ich’s g’sagt, daß ich dich gern hab’!
STUBENMÄDCHEN
Geh, willst mir nicht ein Pussel geben?
SOLDAT gnädig
Da … Hörst – jetzt kann man schon wieder die Musik hören.
STUBENMÄDCHEN
Du möcht’st am End’ gar wieder tanzen gehn?
SOLDAT
Na freilich, was denn?
STUBENMÄDCHEN
Ja, Franz, schau, ich muß zu Haus gehn. Sie werden eh schon schimpfen, mei’ Frau ist so eine … die möcht’ am liebsten, man ging’ gar nicht fort.
SOLDAT
Na ja, geh halt zu Haus.
STUBENMÄDCHEN
Ich hab’ halt ’dacht, Herr Franz, Sie werden mich z’ Haus führen.
SOLDAT
Z’ Haus führen? Ah!
STUBENMÄDCHEN
Gehn S’, es ist so traurig, allein z’ Haus gehn.
SOLDAT
Wo wohnen S’ denn?
STUBENMÄDCHEN
Es ist gar nicht so weit – in der Porzellangasse.
SOLDAT
So? Ja, da haben wir ja einen Weg … aber jetzt ist’s mir zu früh … jetzt wird noch ’draht, heut hab’ ich über Zeit … Vor zwölf brauch’ ich nicht in der Kasern’ zu sein. I’ geh’ noch tanzen.
STUBENMÄDCHEN
Freilich, ich weiß schon, jetzt kommt die Blonde mit dem schiefen Gesicht dran!
SOLDAT
Ha! – Der ihr G’sicht ist gar nicht so schief.
STUBENMÄDCHEN
O Gott, sein die Männer schlecht. Was, Sie machen’s sicher mit einer jeden so.
SOLDAT
Das wär’ z’viel! –
STUBENMÄDCHEN
Franz, bitt’ schön, heut nimmer, – heut bleiben S’ mit mir, schaun S’ –
SOLDAT
Ja, ja, ist schon gut. Aber tanzen werd’ ich doch noch dürfen.
STUBENMÄDCHEN
Ich tanz’ heut mit kein’ mehr!
SOLDAT
Da ist er ja schon …
STUBENMÄDCHEN
Wer denn?
SOLDAT
Der Swoboda! Wie schnell wir wieder da sein. Noch immer spielen s’...




