E-Book, Deutsch, 278 Seiten
Schmale Mein Europa
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-205-79262-8
Verlag: Böhlau
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Reisetagebücher eines Historikers
E-Book, Deutsch, 278 Seiten
ISBN: 978-3-205-79262-8
Verlag: Böhlau
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wolfgang Schmale ist Professor für Geschichte der Neuzeit am Institut für Geschichte der Universität Wien. Darüber hinaus ist er Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste sowie der Academia Europaea.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
West-östlicher Divan
Usbekistan – Bindeglied zwischen Europa und Asien
Der Ort, wo viele Pfirsichbäume wachsen
Armenien – selbstverständlicher Teil der christlich-muslimisch-jüdischen Welt
Ursprünge
Jerusalem – besonderer Ort Europas
Steinbruch der Erinnerung
Athen – Ort vieler Ursprünge Europas
Dorische Säulen
Serbien – ohne Wenn und Aber europäisch
Die Mitte
Europa zwischen Berlin und Wien
David und Herkules
Toskana – Bilderbuch der europäischen Geschichte
Christianisierung und Revolution
Burgund – steingewordenes europäisches Bewusstsein
Je ne croix qu’à la civilisation française
Paris – Erinnerungsort europäischer Männlichkeit
Quodlibet der Geschichte
Dänemark – Land europäischer Vernetzungen
Je me souviens
Die Europäische Union grenzt an Kanada
Europas südlicher Limes
Marokko – Mischung vieler Ursprünge
Epilog
Anmerkungen
IM RÖMISCHEN REICH waren Oriens und Occidens gewissermaßen neutrale Begriffe und bezeichneten das Ganze Große der beiden Reichsteile im Sinne nur der Himmelsrichtungen. In der christlichen Kirche galt das zunächst auch so, da die Ecclesia wie das Imperium Romanum eine Einheit darstellte. Dies änderte sich mit der Kirchenspaltung, sodass die beiden Bezeichnungen nicht mehr als neutral gelten können. Byzanz sah sich sogar als den höherwertigen Teil des Römischen Reiches, der Blick war von Osten her asymmetrisch auf den Westen gerichtet. Bei den Karolingern schließlich vermischten sich Occidens und Europa.4
Die enge Verbindung zwischen Europa und dem sogenannten Orient resultiert historisch einerseits aus den materiellen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen und Transfers, andererseits aus der Auffüllung des Raums mit mythologischen und biblischen Orten. Die Orte des Alten Testaments, die der Evangelien sowie die neuen aus der Apostelgeschichte und schließlich der Christianisierungsgeschichte bezeichneten den Raum der Heilsgeschichte. Die Schauplätze der antiken Mythologie bezeichneten einen Aktionsraum, der in Teilen mit dem biblischen deckungsgleich ist, in Teilen aber schon zu biblischer Zeit darüber hinausgeht, und zwar nach Westen (Herkules etc.), oder mit Prometheus in den Osten nördlich des Ararat mit dem Kaukasus. Orte und Akteure beider sich überschneidender Räume werden in der europäischen Geschichte mit der Renaissance immer weiter nach Westen und Norden mittels Erinnerungsorten geholt. Darunter litt eine ehemals hochgradig positive Bewertung des Oriens.
Von der Mitte des 18. Jahrhunderts an war ,der Orient‘ ein besonderes Objekt europäischer Erkenntnis, in dem sich zwar Spuren des später von Edward Said 5 sogenannten Orientalismus erkennen lassen, vielfach aber immer noch oder wieder eine hohe Achtung herrschte. Der Orient war Teil Asiens, und Asien war seit der Antike der kulturell geachtete Schwesterkontinent Europas. „Europa“, die Königstochter, kam bekanntermaßen aus Kleinasien …
In Wien wurde Mitte der 1750er-Jahre eine Schule für orientalische Sprachen (Türkisch, Persisch, Arabisch, dazu Griechisch und Latein) gegründet, die unter dem Namen „Orientalische Akademie“ bekannt ist und bis heute, nunmehr als „Diplomatische Akademie“, fortbesteht.6 Ausgebildet wurden dort Dolmetscher und Diplomaten, die für die Beziehungen zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich gebraucht wurden. An der Akademie wurde außerdem Forschung über den Orient betrieben, die reichhaltigen Bestände der Hofbibliothek standen zur Verfügung und wurden weiter ausgebaut. Berühmt wurde Joseph von Hammer-Purgstall (1774 – 1856), ein Absolvent der Akademie und Verfasser einschlägiger Schriften über das Osmanische Reich. Nicht zuletzt dieser Hammer-Purgstall brachte Goethe auf den Geschmack des Orients, besonders durch seine Übersetzung der Gedichte des Hafis.
Goethe brachte die Sichtweise des gegenseitigen Respekts und der beidseitigen Anerkennung im „West-östlichen Divan“ zur Geltung. Die Gedichtsammlung, die einen deutschen und arabischen Titel trug, wurde erstmals 1819 veröffentlicht, die Gedichte stammen aus mehreren Jahren.7 Die Geschichtsschreibung nahm sich in diesen Jahrzehnten intensiver des Orients an, historische Gestalten wie Timur, der uns in diesem Kapitel begleiten wird, wurden wieder zu einer feststehenden historischen Größe, wie sie es tatsächlich – auch für Europa – im 14. und 15. Jahrhundert gewesen waren. In der Weltgeschichte eines Leopold von Ranke trifft man selbstverständlich auf Timur, um nur ein historiografisches Werk des ausgehenden 19. Jahrhunderts als Beispiel zu nennen.8
Ohne das spätere 18. und teilweise das 19. Jahrhundert zu romantisieren, muss man einräumen, dass seit dem Imperialismus der Scherbenhaufen zwischen West und Ost immer größer geworden ist. So ist der Name, den Daniel Barenboim, Edward Said 9 und Bernd Kauffmann 1999 für eine der interkulturellen Verständigung gewidmete musikalische Neugründung wählten, „West-Östliches Divan Orchester“, voller historischer [<< 22] Anspielungen und zugleich ständiges Mahnmal des Umstands, dass sich der aufgehäufte Scherbenhaufen nicht wegräumen lässt. Es handelt sich im wahrsten Sinne des Wortes um eine Sisyphus-Arbeit.
„West-östlicher Divan“ ist eine große Gedichtsammlung, der Name wurde zum Erinnerungsort einer positiven Geisteshaltung, die zwischenzeitlich von negativen Varianten des Orientalismus überlagert wurde. Gedichte stellen eine von vielen möglichen ästhetischen Annäherungen an ein Thema dar. Versuchen wir es mit einem kulturell-ästhetischen Blick in Erinnerung an den west-östlichen Divan.
Der Weg von Wien nach Taschkent, die Hauptstadt Usbekistans, führt heutzutage z. B. über Riga in Lettland – nicht gerade der klassische Weg von Europa zur sogenannten Seidenstraße, aber ein preisgünstiger … Die ehemalige Sowjetrepublik bzw. der seit 1. September 1991 unabhängige Staat Usbekistan deckt den kulturell interessantesten Teil Mittelasiens ab, durch den eine der Haupthandelsrouten verlief bzw. weitere abzweigten. Mittelasien war historisch ein ausgesprochenes wirtschaftliches und kulturelles Bindeglied zwischen Europa und Asien, wenn auch selten ein direktes; viele regionale Zwischenstufen waren dazwischengeschaltet. Die Route von Buchara oder Chiwa über Teheran, Bagdad und Damaskus hat aber etwas für das historische Europa Vertrautes. Kulturell unterschied und unterscheidet Mittelasien/Usbekistan sich deutlich von Indien und China oder anderen asiatischen Regionen, aber ebenso vom imaginären Orient. Einflüsse hat es freilich von China, Korea, Indien, Persien, Europa, dem russischen Europa und dem sogenannten Orient erhalten und bewahrt.
Eine schöne Mixtur aus Überbürokratie und Nonchalance beginnt am Flughafen Taschkent und wird bis zum Ende der Reise anhalten: Viele große und kleine bis kleinste Formulare und Papiere, Stempel, Unterschriften, Registrierungen, Kopien … Einem Historiker kann nichts Schöneres passieren, als auf seinen Reisen so umfassend dokumentiert zu werden.
Blick auf Taschkent bei Sonnenaufgang durch die aus Betonteilen bestehende Fassade des Hotels „Usbekistan“ | eBookplusImage
In Taschkent überlagern sich viele Zeitschichten bzw. greifen ineinander und ergeben ein erstaunlich kohärentes Bild – im wahrsten Sinn [<< 23] des Wortes. Aufgrund des Erdbebens von April 1966 ist Taschkent vom Gesamteindruck eine junge Stadt. Altes aus der ‚frühen Neuzeit‘ hat sich wenig erhalten, während Bauten im russischen Stil aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hier und etwa in Samarkand für einen historistischen Touch sorgen. Die sowjetische Stadtarchitektur ist stark präsent, aber sie wurde, im Gegensatz zu den zahlreichen sowjetischen Ruinen in Armenien, modernisiert und überarbeitet, eingegrünt und in Blumenbeete getaucht. Viele Plattenbauten sind mit Kachelornamenten geschmückt, was einer Visualisierung der bewussten Förderung kultureller Spezifika gleichkam. Schon Lenin hatte als Geste, um sich vom Zarenreich zu distanzieren, eine der frühesten Abschriften – eine der fünf unter dem Kalifen Uthman (644 – 656) angefertigten Abschriften –, die im 15. Jahrhundert, vielleicht schon unter Timur Tamerlan, nach Samarkand verbracht worden war, zurückgegeben: 1868/69 war diese nach St. Petersburg gebracht worden. In den Führern aus der sowjetischen Zeit 10 wird der Baustil im 20. Jahrhundert als „europäisch“ bezeichnet. Europäisierung in diesem Sinn hat sicher stattgefunden. Es handelt sich um eine russisch vermittelte Europäisierung, die aber mehr bedeutete als nur Russifizierung.11
Bauten seit der Unabhängigkeit Usbekistans knüpfen an ältere Stile und Symboliken an. Standorte von Denkmälern blieben erhalten, wurden jedoch umgewidmet. So mussten auf dem zentralen Platz in Taschkent Marx und Engels Timur weichen. Am Rand des Platzes steht eine unter Beteiligung deutscher Architekten errichtete Veranstaltungs- und Kongresshalle im derzeit angesagten nationalen eklektizistischen Stil – das hätte doch eine sinnreiche Beziehung zwischen den deutschen Architekten des Kommunistischen Manifests und den deutschen Architekten der Nationalarchitektur ergeben …
Der 1. September, der Ankunftstag in Taschkent, ist Nationalfeiertag. Überall sind Familien und junge Leute unterwegs, bestens gelaunt. Die wenigen Touristen werden für Familienfotos vereinnahmt, sich von diesen fotografieren zu lassen oder sie mit auf das Foto zu nehmen, ist ein großer Spaß, der für viel Heiterkeit während der gesamten Reise sorgt. Die Stimmung ist gelöst, munter und freundlich. Eine Familie reicht [<< 24] uns ein usbekisches Brot, das sehr gut schmeckt. Am stark frequentierten Memorial für die Opfer des Zweiten Weltkrieges sind Besucher aus allen Generationen zu sehen, die die ehernen Namenstafeln mit den Toten und Vermissten durchblättern.
Überall – nicht nur aus Anlass des Nationalfeiertages – hängen Plakate zur Feier der Nation und des Vaterlands. Timur, der wie ein Staatsgründer des modernen Usbekistan zelebriert wird, und die Timuriden müssen die historischen Elemente des entstehenden usbekischen Nationalepos...




