Ein Leitfaden zur Begleitung von Trauernden und Kranken
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-7917-6242-5
Verlag: Friedrich Pustet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zugleich bietet das Buch die wichtigsten Grundlagen für das Gespräch am Krankenbett oder mit Trauernden. Schließlich werden auch die Grenzen des Tröstens aufgezeigt.
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Einleitung
Wenn ein Mensch geboren wird, freuen wir uns, wenn er heiratet, jubeln wir, doch wenn er stirbt, tun wir so, als ob nichts geschehen sei. MARGARET MEAD (1901–1978) Trösten – ein urmenschlicher Auftrag
An einigen Affenarten kann man sehen, wie sie sich bei großem Leid gegenseitig trösten. Dies darf als Hinweis gelten, dass Trösten keine menschliche Erfindung ist, sondern eine Fähigkeit, die bereits von unseren gemeinsamen Vorfahren, den Primaten, entwickelt wurde. Mit dem Trösten stehen wir Menschen des dritten Jahrtausends einer Tätigkeit gegenüber, die in ihrem Alter wohl nur noch durch lebenserhaltende Handlungen überboten wird, wie z. B. essen, trinken, schlafen und Geschlechtsverkehr. Das zeigt, dass Trösten geradezu lebenswichtig sein kann. Dieser großen Bedeutung des Tröstens werden wir uns heute langsam wieder bewusst. Als Leid eine Alltagserfahrung war, erwuchs bei jedem Menschen wie selbstverständlich die Fähigkeit zu trösten. Er erlebte, wie andere trösteten. Er erlebte, wie er getröstet wurde. Es bedurfte zum Trösten keiner professionellen Begleiter. Jeder wusste, was tröstet und gab dieses Wissen durch die gelebte Praxis weiter. Durch die Spezialisierung auf allen Ebenen des Lebens ging die allgemeine Fähigkeit des Tröstens verloren. Trösten wurde an Fachleute delegiert: Ärzte, Pflegepersonal, Seelsorger, Bestatter, Psychologen, Trauerbegleiter … Daneben gibt es Menschen, die sich ehrenamtlich in die Pflicht nehmen lassen. Diese Ehrenamtlichen sind tätig in Telefonseelsorge, Krankenbesuchsdienst in Klinik und Pfarrei, Hospizdienst … Es gibt kaum eine Pfarrgemeinde, die keinen von Ehrenamtlichen durchgeführten Krankenbesuchsdienst hat. In dem Maße, wie wir das Trösten an Spezialisten delegieren, verkümmert die eigene Fähigkeit des Tröstens immer mehr. Es gilt, diese Fähigkeit bei jedem Menschen wieder zu wecken, auszubilden und für die Leidenden aufblühen zu lassen. Es sind eben nicht nur die Profis und Ehrenamtlichen, die trösten sollen. Allen Menschen wird die Verpflichtung zugeschrieben, Trost zu spenden. Dies wird an den Jesusworten deutlich: „Ich war krank, und ihr habt mich besucht“. Wir sollen als Verwandte, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Vereinsmitglieder und lose Bekannte Kranke besuchen. Diesen Besuch verrichten wir jedoch nicht, um unsere Neugier zu befriedigen, sondern um dem Kranken beizustehen und ihn zu trösten. Wir möchten den uns möglichen Beitrag dazu leisten, das Leid zu erleichtern. Dazu bringen wir Geschenke mit, von denen wir hoffen, dass sie den Kranken trösten, stärken, erfreuen, erheitern, aufbauen, die Zeit vertreiben, … Trauernde oder Leidende?
Wenn von Trost gesprochen wird, dann denken die meisten Menschen an Trauer und daran, dass jemand einen geliebten Menschen verloren hat. Trost wünschen sich jedoch nicht nur Trauernde, sondern auch kranke oder einsame Menschen. Trost sucht jeder Mensch, der in irgendeiner Art und Weise Leid erfuhr, gekränkt oder verletzt wurde. Wir sprechen daher in diesem Buch von Leidenden, um alle im Blick zu behalten, die sich nach Trost sehnen. Tröster oder Begleiter?
Menschen haben das natürliche Bedürfnis, dem Leidenden zu helfen, den Trauernden zu trösten. Wie soll der Mensch bezeichnet werden, der diese Tätigkeit ausübt? „Helfer“ ist eine mögliche Bezeichnung. Bei so manchem Leid – insbesondere beim Tod eines Menschen – gibt es aber kaum eine Möglichkeit der Abhilfe, man kann die Situation nur mit aushalten. Daneben gibt es auch Leidende, die keine Hilfe annehmen wollen, zumindest für den Augenblick. Ihnen dennoch Hilfe zuteil werden zu lassen, käme einer Entmündigung gleich. „Tröster“ wäre eine weitere Möglichkeit der Bezeichnung. In diesem Buch werde ich aber aufzeigen, dass viele vermeintliche Tröstungen nur Vertröstungen sind, die zudem noch den Leidenden verletzen können. Auch birgt diese Bezeichnung die Gefahr, dass der „Tröster“ zu sehr aus sich heraus agiert, dass er aktiv wird, wo es gar nicht angebracht oder sogar kontraproduktiv ist. Aus diesem Grund wird in diesem Buch nur dann vom „Tröster“ gesprochen, wenn es um falschen Trost geht. „Man kann nur einen Menschen verstehen, wenn man einige Meilen in seinen Mokassins gelaufen ist“, heißt eine alte indianische Weisheit. Damit kommt zweierlei zum Ausdruck: Verständnis kommt zum einen dann auf, wenn man versucht, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen. Verständnis geschieht zum anderen darin, dass eine Wegstrecke mit ihm zurückgelegt wird, dass er begleitet wird. Aus diesen Überlegungen heraus wurde für dieses Buch der Begriff „Begleiter“ für diejenigen gewählt, die sich tröstend um Trauernde und Leidende kümmern. Damit kommt am treffendsten zum Ausdruck, was Trost vor allem ist: Begleitung. Die Ausführung des Tröstens
Es ist uns Menschen eigen, dass wir das Leid, dem wir begegnen, beseitigen oder – wo uns das nicht möglich ist – zumindest lindern wollen. Doch bei den konkreten Ausführungen haben viele Menschen ihre Probleme. Dies gilt insbesondere, wenn es darum geht, mit Worten und/oder Gesten Trost zu spenden. Diesen Mangel nannten verwaiste Eltern bei den von mir durchgeführten Umfragen. Das Gleiche nennen mir immer wieder Witwen und Witwer, die stationär im Krankenhaus aufgenommen waren. Der falsche Umgang mit Leid führt zu weiterem Leid. Er führt dazu, dass sich Leidende anderen Menschen nicht mehr anvertrauen, selbst wenn diese nach dem Befinden fragen. Lieber sagen sie, dass es ihnen gut gehe, bevor sie sich neue verbale Verletzungen der Seele zuziehen. Tröstung sollte nicht so gestaltet sein, dass es dem Begleiter nach der Begegnung mit Leidenden gut geht, sondern dass es dem Leidenden nach dieser Begegnung besser geht. Nicht wir selbst sind das Ziel des Tröstens, sondern der Leidende. Er sollte im Blickpunkt des Tröstens stehen. Gute Absicht alleine genügt nicht
Gute Absicht alleine genügt nicht, wenn nicht das bewirkt wurde, was eigentlich Ziel war. Trauernde und Kranke sind besonders empfindlich. Sie verspüren sehr genau, wie mit ihnen umgegangen wird. So mancher gut gemeinte Krankenbesuch wäre besser unterblieben, da er nicht hilfreich war. So mancher gut gemeinte Besuch eines Trauernden wäre besser nicht geschehen, da er nicht trostreich war. An einem selbst erlebten Beispiel soll dies verdeutlicht werden: Ich kam beim Durchgang durch die Station an einem Nachmittag zu Frau M., etwa 75 Jahre alt. Sie erzählte mir, dass keine Chemotherapie mehr gegen ihren bislang viele Jahre erfolgreich bekämpften Krebs greifen würde. Sie fand sich inzwischen mit der Tatsache des Sterbens ab und würde in den nächsten Tagen zum Sterben nach Hause gehen. Ich wollte mich gerade von Frau M. verabschieden, da klopfte es an der Tür und sogleich kam eine ca. 60 Jahre alte Frau ins Zimmer, ging gezielt zum Bett von Frau M. und begrüßte diese mit den Worten: „Grüß Gott Frau M. Ich bin Frau K. vom Krankenbesuchsdienst der Pfarrgemeinde. Wie geht es Ihnen, Frau M.?“ Frau M. antwortete mit schwacher Stimme: „Schlecht.“ Frau K. sprach ihr Mut zu und sagte: „Nur nicht den Kopf hängen lassen, das wird schon wieder. – Hier haben Sie einen Gruß von unserem Herrn Pfarrer. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Auf Wiedersehen.“ Mit diesen Worten überreichte sie Frau M. eine Genesungskarte, drückte ihr noch schnell die Hand und war ebenso schnell wieder aus dem Zimmer verschwunden, wie sie erschienen war. Ich war verblüfft, mit welch großem „Eifer“ Frau K. den Krankenbesuchsdienst versah. Mit keinem Wort ging sie auf die Antwort von Frau M. ein, um zu erfahren, warum es ihr so schlecht ging. Sie sprach ihr schnell ermutigende Worte zu, die hier völlig deplatziert waren, und war danach ebenso schnell wieder verschwunden. Ein anderes Beispiel ereignete sich in aller Öffentlichkeit. In einer Musikwunsch-Sendung des Südwestfunks am Mittwochvormittag des 22. August 2007: Gegen 11:40 Uhr rief ein Hörer bei SWR 4 an, um sich ein Lied zu wünschen. Dem Radiosprecher fiel sofort die deprimierte Stimme des Anrufers auf und sprach ihn darauf an. Dieser erzählte, dass ihm erst vor wenigen Tagen sein Hof abgebrannt sei. Der Radiosprecher versuchte ihn zu trösten. Dabei verwendete er Sätze wie: „Es ist doch immer wieder schön zu erfahren, dass man in seinem Leid nicht alleine ist“ und „Jetzt blicken sie nach vorne und nicht mehr...