E-Book, Deutsch, Band 2, 128 Seiten
Holmes und Waterson ermitteln in ihrem neuen Fall
E-Book, Deutsch, Band 2, 128 Seiten
Reihe: Ein-Holmes-und-Waterson-Krimi
ISBN: 978-3-95819-049-8
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Das Dilemma bei uns Möpsen ist, dass wir Schnee lieben, aber unsere Beine leider für Schneehöhen über zehn Zentimeter völlig ungeeignet sind. Dieser Winter war einer der längsten, die Knieslingen, mein beschauliches Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb, je erlebt hat. Der erste Schnee kam im Oktober. Seither blieb die Kälte hartnäckig und es schneite immer wieder. Der Winter vergönnte uns keine Pause. Der Schnee lag mittlerweile weit über einen Meter hoch. Die ersten Tage im Februar machten uns Hoffnung auf ein baldiges Ende. Die ewigen Wolken der letzten Monate waren verschwunden und die kräftige Sonne erwärmte tagsüber die Luft auf ein paar Grad über null. Die klaren Nächte waren eisig kalt, aber das war uns egal. In unserer Küche brannte seit Herbst ein gemütliches Holzfeuer im Ofen und wir blieben nachts im Haus. Da fällt mir ein, ich muss mich all denen, die mich noch nicht kennen, kurz vorstellen: Mein Name ist Holmes. Ich bin der Erstgeborene meiner wunderbaren Mutter Nelly. Sie ist schwarz, aber ich bin beige mit einem schwarzen Gesicht und schwarzen Ohren, so wie mein Papa Marquez. Ich durfte als einziger Nachkomme bei meiner Familie bleiben, weil ich im Bauch von Mama komisch gelegen habe und meine Beine daher etwas zu krumm geraten sind. Frauchen züchtet uns Möpse und jedes Jahr im Winter bekomme ich neue Geschwister. Mama meint zwar, dass sie auch zweimal im Jahr Babys kriegen kann, und ist immer sehr enttäuscht, weil Frauchen da anderer Meinung ist. Die ist aber in dieser Beziehung sehr streng. Durch eine Reihe von Ereignissen hat sich ergeben, dass ich meinem Namen alle Ehre mache und gewisse Qualitäten bei der Aufklärung von Verbrechen entwickelt habe. Inzwischen bin ich zwei Jahre alt und ein stattlicher Mopsrüde geworden, meine krummen Beine behindern mich überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich bin überglücklich deswegen, denn meine Familie ist wirklich einmalig. Sie besteht – außer uns drei Möpsen – noch aus unserem Frauchen namens Marlene Schuster, ihrem Lebensgefährten Miroslav Dobric, genannt Miro, und den drei Katzen Murpsel, Marlon und Maurice. Außerdem gibt es zwei Töchter von Frauchen und eine Menge Hühner. Wir alle leben in Knieslingen, einem hübschen Dorf auf der Schwäbischen Alb, in einem alten Bauernhaus mit großem Garten. Entgegen der landläufigen Meinung vieler ahnungsloser Menschen brauchen wir Möpse viel frische Luft und Bewegung. Es gab in diesem Winter in unserem Dorf nur noch einen einzigen geräumten Wanderweg, den Spaziergänger und alle Hunde nutzen mussten. Die Räumfahrzeuge hatten genug mit den ständig zugeschneiten Straßen zu tun. Das hieß für uns aber, nur an der Leine zu laufen, denn leider sind nicht alle so freundlich veranlagt wie wir Möpse. Herrchen und Frauchen hatten auch keine Lust, ständig nur zwischen den mächtigen Schneehaufen, die der Schneepflug links und rechts des Weges aufgeschoben hatte, auf immer die gleichen Leute zu treffen. Sie fanden das genauso langweilig wie wir. Eine Idee musste her. Mein guter Kumpel, Kriminalkommissar Johannes Waterson, mit dem ich meinen ersten Fall gelöst habe, kam abends auf ein Gläschen Wein mit seiner Freundin Jackie vorbei. Jackie ist eine enge Freundin von Frauchen und hat Waterson im vorigen Herbst kennengelernt, als dieser mit meiner Hilfe den Diebstahl ihres Familienschmucks aufgeklärt hat. Mittlerweile wohnen beide gemeinsam hier in Knieslingen, nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt. Gemeinsam beratschlagten sie, was zu tun sei. Meine schöne schwarze Mama bekam bald wieder Babys und musste sich schonen. »Im Wald oben liegt weniger Schnee, das meiste haben die Bäume abgefangen. Dort sind inzwischen viele Skifahrer und Wanderer gewesen. Der Schnee ist zertrampelt, da könnten sie laufen«, schlug Waterson vor. »Wie kommen wir dahin? Der Weg ist zwar nicht weit, aber für die Hunde nicht zu schaffen, und wir können unmöglich alle drei tragen. Wir sinken ja selbst bis zu den Knien ein.« Frauchen schüttelte den Kopf. »Das geht nicht.« »Doch, das geht!« Waterson schaute begeistert in die Runde. »Wir basteln auf euren Schlitten einen Korb, in dem die drei sitzen können. Ihr kauft ein paar Schneeschuhe und zieht gemeinsam den Hundeschlitten den Berg hoch, im Wald können sie dann ein wenig herumschnüffeln und ein Stück rennen. Die Nelly könnt ihr jederzeit wieder warm einpacken, dann kann sie auch mit.« »Ich dachte zwar, in einem Hundeschlitten sitzen Menschen und die werden von Hunden gezogen und nicht umgekehrt«, lachte Jackie. »Aber das klingt wunderbar.« Die Männer machten sich gleich ans Werk und wir Mopsmänner, also mein Papa Marquez und ich, gingen vorsichtshalber mit. Unser großer Weidenkorb, mit dem Frauchen und Herrchen normalerweise das Brennholz in die Küche tragen, wurde zweckentfremdet und mit Spanngurten auf dem Holzschlitten festgezurrt. Frauchen brachte ein dickes Kissen und eine kleine, warme Decke und fertig war unser Mopsschlitten. Wir durften schon mal Probe sitzen und ich muss sagen, das haben die Männer wirklich gut gemacht. Am nächsten Tag brachte Herrchen, als er abends von der Arbeit nach Hause kam, zwei Paar Schneeschuhe mit. Wir waren schon sehr aufgeregt, am nächsten Morgen sollte es losgehen. Die Aussicht auf einen Spaziergang ohne Leine war herrlich. Es war ein wunderschöner Morgen, die Sonne schickte die ersten warmen Strahlen über die gefrorene Schneefläche. Diese war nahezu unberührt, nur die Loipe unterbrach mit ihren Spuren die weiße Pracht. Herrchen und Frauchen schnallten am Ortsrand die Schneeschuhe fest. Wir wurden in den Korb verfrachtet und los ging es. Wir blinzelten in die Sonne, die Vorderpfoten auf den Rand unseres Gefährtes gestützt. So konnten wir was sehen. Schnaufend zogen uns unsere beiden Besitzer den leichten Hang hinauf. Wir überquerten die Loipe und endlich war der Waldrand erreicht. Tatsächlich lag der Schnee hier lange nicht so hoch wie auf den Wiesen und Feldern, wir konnten rennen, wenn auch nicht besonders schnell, aber immerhin. Mama blieb nach wenigen Metern plötzlich stehen. »Kannst du nicht mehr?«, wollte ich besorgt wissen. »Riechst du das nicht?« Ihr Fell sträubte sich und sie fing an zu knurren. Ich glaubte zuerst, dass schwangere Möpse ein wenig empfindlich sind, aber dann erwischte ich auch eine Nase voll. Es roch nach Eisen. Auch Papa blieb stehen, er begann ebenfalls drohend zu knurren. »Was ist das für ein Geruch?«, wollte ich wissen. »Es riecht nach kaltem Blut, nach sehr, sehr viel kaltem Blut. Nach dem Tod eines großen Tieres oder eines Menschen«, erklärte Mama. Daher kam mir der Geruch bekannt vor. Warmes Blut kannte ich schon, kaltes roch ähnlich, aber metallischer, nicht ganz so appetitlich. Herrchen und Frauchen blieben verwundert stehen. »Was haben die denn? Ich dachte, die drei geben nach all den Wochen an der Leine richtig Gas, jetzt stehen sie nur herum und knurren.« Herrchen schüttelte den Kopf. Frauchen verstand uns etwas besser. »Hier stimmt was nicht, sie haben irgendetwas entdeckt. Lass uns mal nachsehen.« Entschlossen stapfte Frauchen los, immer gegen den leichten Wind. Am Waldrand schob sie sich durch ein paar Büsche und blieb abrupt stehen. »Schau mal, da vorne stecken ein paar Skier im Schnee.« Wir hielten uns dicht hinter ihr. Der Geruch war mit jedem Schritt stärker geworden. »Und es hängt auch noch ein Fuß dran. Da liegt jemand. Bleib hier!« Herrchen marschierte entschlossen los. Frauchen blieb ihm dicht auf den Fersen. Ein »bleib hier« kann sie von gar nichts abhalten. Am Waldrand kamen wir Möpse nicht mehr weiter, der Schnee ließ uns nicht durch. Wir konnten aber sehen, dass Herrchen auf einmal schwankte und sich wegdrehte. Er begann zu würgen und das gute Frühstück lag im Schnee. Frauchen war auf die Knie gesunken und zog ihre Handschuhe aus. Sie legte ihre Hand auf den Bauch des Skifahrers und lauschte angestrengt, ob er noch atmete, den Kopf über seinen gebeugt. »Er ist tot. Da ist ganz schön viel Blut. Wir rufen die Polizei. Am besten versuchen wir gleich Gerlach und Waterson im Kommissariat zu erreichen. Das war kein Skiunfall.« Sie richtete sich auf. »Gib mir mal dein Handy und dann schau nach den Hunden.« Herrchen war dankbar, dass er ein bisschen Entfernung zwischen sich und den Toten bringen konnte, und lief, so schnell er konnte, zu uns zurück. Wir waren zwischen Enttäuschung über den verpatzten Spaziergang und Neugierde hin- und hergerissen. »Kennst du den?«, wollte Herrchen wissen. Er klang noch ein wenig zittrig. »Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, er hat hier bei der Bank gearbeitet. Also nicht bei unserer, sondern bei der Konkurrenz.« Sie hielt das Handy ans Ohr. »Hallo Johannes, Marlene hier. Wir haben am Tobel oben einen toten Skifahrer gefunden. Ich denke, er wurde erschossen … Ja, außer unseren Spuren ist hier nichts, deswegen … Er hat stark geblutet. Zu viel für einen Skiunfall, auch das große Loch in der Brust spricht dagegen … Ja, ich warte hier. Miro bringt die Hunde nach Hause.« Ich erschrak, ich wollte doch nicht nach Hause! Aber Frauchen redete schon weiter. »Miro wartet unten an der Straße auf euch und ihr nehmt dann Holmes wieder mit hoch, er führt euch dann zu mir. Nein, ich glaube, ohne Pistenraupe oder Motorschlitten kommt ihr nicht hier rauf. Wir haben Schneeschuhe an, klar, Skier gehen auch. Okay, so machen wir es.« Sie legte auf und lief zu uns. Dann zog sie ihre Schneeschuhe aus und gab sie Herrchen. »Hier, nimm die auch mit....