E-Book, Deutsch, Band 8, 256 Seiten
Der neuste Fall für Holmes und Waterson
E-Book, Deutsch, Band 8, 256 Seiten
Reihe: Ein-Holmes-und-Waterson-Krimi
ISBN: 978-3-95819-305-5
Verlag: Ullstein Midnight
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Das Hemd klebte unangenehm an seinem Rücken, und mittlerweile tropfte der Schweiß auf den großen Zeichentisch, wenn er sich darüberbeugte. Warum zum Teufel gab es in diesem Büro mit der gewaltigen Fensterfront denn keine funktionierende Klimaanlage?, schimpfte Miro still in sich hinein. Das altersschwache Gerät ächzte und klapperte vor sich hin, doch angesichts der Außentemperaturen von annähernd 40 Grad konnte es nicht wirklich etwas ausrichten. Zugegeben, der Blick über den still daliegenden Platz mit dem vor Hitze flimmernden See dahinter war atemberaubend, doch die Temperatur hier drin mittlerweile unerträglich. Er richtete sich auf und dehnte seinen angespannten Rücken. »Ich glaube, wir machen lieber später weiter, wenn es Ihnen recht ist. Eine Mittagspause wäre angebracht, bis die Sonne nicht mehr direkt hier hineinscheint, was meinen Sie?« Sein Gegenüber, ein gut betuchter Unternehmer namens Axel Treuling, schaute erleichtert auf. »Das wäre mir sehr recht. Ausgerechnet jetzt gibt auch noch die Verdunkelung den Geist auf. In etwa zwei Stunden müsste es besser sein.« Miro nickte und seufzte. Zwei Stunden Pause und dann noch die komplette Objektbesprechung. Hoffentlich schaffte er es heute noch nach Hause. Er sehnte sich nach Marlene, seiner Tochter und den kühlen Nächten auf der Alb. Selbst jetzt, in diesem Rekordsommer, fiel die Temperatur nachts auf angenehme 17 Grad ab. Ein Hoch auf die Schwäbische Alb und die dicken Mauern des alten Bauernhauses, in dem er nun schon seit einigen Jahren mit seiner ständig anwachsenden Familie lebte. Im Herbst erwartete Bena Hula einen neuen Wurf, Marlene hatte sich beim Zuchtverband durchgesetzt und Holmes als Deckrüden eintragen lassen. Diverse Tests und Untersuchungen hatten bewiesen, dass seine krummen Hinterbeine kein genetischer Defekt, sondern nur das Ergebnis einer unglücklichen Lage im Bauch seiner Mutter Nelly waren. Der erste, unbeabsichtigte Wurf der beiden hatte nur wunderschöne und kerngesunde Möpse hervorgebracht. Und was Marlene sich vornahm, dass schaffte sie auch, lächelte er in sich hinein und schaute versonnen aus dem Fenster. Was war denn das? Was lag denn da unter dem Tisch des Straßencafés? »Entschuldigen Sie mich, ich glaube, wir machen für heute doch lieber einfach Schluss, ich melde mich wegen des nächsten Termins.« Er wartete gar nicht erst auf eine Antwort des verblüfften Herrn Treuling, sondern riss die Tür auf. Überstürzt rannte er die Treppe hinunter und ungeachtet der sengenden Hitze über den verlassenen Platz. Entsetzt starrte er auf das kleine Bündel, das nun vor seinen Füßen lag. Er hatte sich nicht getäuscht, ein kleiner Mops kämpfte um sein Leben, und er war sich nicht sicher, ob der Kampf nicht bereits verloren war. Er zerrte an der verknoteten Leine und hob dann vorsichtig das kleine Tier hoch. Das Café hatte geöffnet. Drinnen war es angenehm kühl und dunkel. Eine Kellnerin lehnte verschlafen am Tresen, Gäste waren keine zu sehen. »Schnell, ich brauche Wasser.« »Hunde sind hier drin nicht …«, begann die junge Frau, doch ein Blick von Miro ließ sie sofort verstummen. »Dann achten Sie darauf, was auf Ihrer Terrasse vor sich geht. Das arme Ding war draußen an einem Ihrer Tische angebunden. Lauwarmes Wasser, viel und schnell!«, herrschte Miro die Bedienung an. Nun kam endlich Bewegung in die Frau. »Oh Gott, das ist ja furchtbar. Ich habe nichts bemerkt.« Schnell brachte sie eine große Schüssel mit Wasser, und vorsichtig benetzte Miro den Kopf und die ausgetrocknete Schnauze. Dann hob er das schlaffe Tier über die Schüssel und tunkte die Pfoten ins Wasser. »Wird es der Hund schaffen? Mein Name ist übrigens Betty. Tut mir leid wegen eben.« Sie hatte mittlerweile ein paar Geschirrtücher auf dem Boden neben der Schüssel ausgebreitet, auf die Miro die Kleine nun sanft ablegte. Immer wieder rieb er ihren Kopf mit Wasser ab und ließ Wasser tropfenweise in das verkrustete Maul tropfen. »Ich bin Miro. Und Entschuldigung, dass ich Sie gleich so angeschnauzt habe. Sie machen ja auch nur Ihren Job.« Er lächelte Betty kurz an und konzentrierte sich wieder auf das Häufchen Elend in seinen Händen. »Ich weiß nicht, ob sie es schafft. Immerhin atmet sie noch, und die Augen sind wieder an ihrem Platz, aber sie muss trinken.« Wie auf Kommando hob die Mopshündin plötzlich den Kopf und starrte die beiden Helfer kurz aus ungewöhnlich hellen, fast grünen Augen an. Suchend schaute sie sich um und begann an ihrer nassen Nase zu schlecken. Miro hob sie vorsichtig wieder in die Schüssel, und tatsächlich begann der kleine Hund nun gierig zu trinken. Doch Miro ließ sie nur ein paar Schlucke nehmen. »Langsam, kleine Maus. Nicht zu viel auf einmal.« Betty konnte kaum ein Auge von ihrem unverhofften Gast lassen. Der Mann sah einfach hinreißend aus, obwohl oder vielleicht gerade deshalb, weil er ziemlich zerzaust war. Wie ein verwegener Pirat, dachte sie bei sich. Die schwarzen, lockigen Haare fielen ihm immer wieder vor strahlend blaue Augen, und das weiße Hemd, das er mittlerweile achtlos hochgekrempelt hatte, stand ihm einfach hervorragend. Sie beobachtete, wie er zärtlich der Mopshündin über den Kopf strich und leise mit ihr sprach. Natürlich hatte sie auch den schmalen, goldenen Ring an seiner rechten Hand bemerkt. Schade, die gut Aussehenden waren meistens schon vergeben. Miro war absolut ihr Typ und dazu noch auf den ersten Blick sympathisch. Sie konzentrierte sich wieder auf den kleinen Hund. Zwar machte sie sich nicht besonders viel aus Tieren, doch die Kleine tat ihr aufrichtig leid. So einen qualvollen Hitzetod wünschte sie niemandem. Sie hoffte außerdem, dass ihr Chef nichts von dieser Sache erfahren würde, denn es war ja ziemlich offensichtlich, dass sie nicht – wie angeordnet – regelmäßig draußen nach dem Rechten sah. Der Mops hatte dort schon eine ganze Weile gelegen, soweit sie das bei dem schlechten Zustand beurteilen konnte, und vor allem hatte das kleine Tier zu Beginn seiner Tortur wahrscheinlich versucht, sich bemerkbar zu machen. Mit einem Schulterzucken wischte sie ihr kurzzeitig aufflackerndes schlechtes Gewissen zur Seite. Sie hatte den Mops ja nicht dort angebunden, jemand anders war so gemein gewesen. Wieder schaute sie auf den gut aussehenden Mann, der neben ihr auf dem Boden saß und immer noch um das Leben des Tieres kämpfte. Sie straffte ihre Schultern und wollte gerade fragen, ob er auch etwas zu trinken wollte, zuckte aber im nächsten Moment erschrocken zusammen, als sie die donnernde Stimme ihres Chefs hörte. »Betty! Was hat das zu bedeuten? Wir haben hier Tische für unsere Gäste! Was fällt dir ein, auf dem Fußboden …« Dann erst fiel sein Blick auf den schwach atmenden Mops in der Wasserschüssel. Mit einer Behändigkeit, die ihm niemand auf den ersten Blick zugetraut hätte, glitt der Besitzer des Cafés neben Miro auf den Boden. »Rutsch mal, Betty, du bist eh nur im Weg, und bitte, zieh dir dein Oberteil wieder richtig an, sonst kullert da gleich was raus.« Schmollend rappelte sich Betty auf und richtete betont langsam ihre Kleidung wieder hin, nicht ohne dabei zu Miro zu schielen, um zu schauen, ob er einen Blick für sie übrig hatte. Hatte er nicht, musste sie feststellen. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt seinem kleinen Schützling. Wieder hatte der Mops die Augen geöffnet, und dieses Mal schien er seine Umgebung zum ersten Mal bewusst wahrzunehmen. Währenddessen schöpfte ihr Chef mit den Händen immer wieder Wasser über den Rücken und den Kopf. »Ich glaube, sie schafft es«, flüsterte er nach einer Weile. »Schauen Sie nur. Sie wedelt mit dem Schwänzchen.« Tatsächlich, jetzt konnte sich auch Miro etwas entspannen. »Kleines Kämpferherz, ich könnte schwören, ich kenne dich«, murmelte er. Dann schaute er auf seinen Helfer. »Vielen Dank. Das war knapp. Mein Name ist Miro Dobric.« Er wischte sich die nasse, mit Hundehaaren verklebte Hand achtlos an seiner Leinenhose ab und streckte sie dem Cafébesitzer entgegen. »Hans Jörg Thünner. Mir gehört das Thünners Café. Freut mich.« Die Männer schüttelten sich kräftig die Hand. »Was ist denn mit Ihrem Hund passiert?« »Oh, das ist gar nicht mein Hund. Ich habe ihn draußen …« Er bemerkte Betty, die wild hinter dem Rücken ihres Chefs gestikulierte und heftig den Kopf schüttelte, und zögerte. Sie konnte ja eigentlich nichts dafür, niemand ging bei dieser Hitze freiwillig nach draußen. » …gefunden. Sie war in der Sonne angebunden«, beendete er den Satz unverbindlich. »Ach so, ich hatte den Eindruck, Sie kennen sich mit Hunden aus. Möchten Sie etwas trinken? Wir haben hier eine sehr erfrischende selbst gemachte Limonade. Betty? Mach uns bitte einen großen Krug davon.« Herr Thünner wartete erst gar nicht auf die Antwort von Miro und schob ihm höflich einen Stuhl hin. »Da sage ich nicht Nein.« Miro streckte sich, um die verkrampften Muskeln zu lockern, und ließ sich dann mit einem erleichterten Seufzen auf dem angebotenen Platz nieder....