E-Book, Deutsch, Band 14, 1600 Seiten
Reihe: Perry Rhodan Neo Paket
Perry Rhodan Neo Romane 131 bis 140
E-Book, Deutsch, Band 14, 1600 Seiten
Reihe: Perry Rhodan Neo Paket
ISBN: 978-3-8453-3397-7
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autoren/Hrsg.
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1. Schlaglicht: Die Glut der Sonne Eric Leyden konnte den Blick nicht abwenden. Die Oberfläche der Sonne schien die gesamte Stirnseite des Raums einzunehmen: ein brodelndes Höllenfeuer, nur im Zaum gehalten von der Schwerkraft und den gewaltigen magnetischen Feldlinien. Was er da vor sich sah, waren etliche Tausend Grad Kelvin Hitze und Glut. Ein Fusionsofen im wahrsten Sinne des Wortes. Obwohl seine Umgebung klimatisiert war, standen dicke Schweißtropfen auf der Stirn des Hyperphysikers. Das wirre, hellblonde Haar war verschwitzt. Es war ein rein psychosomatischer Effekt, und er hatte etwas Bizarres an sich. Der Körper versuchte, sich abzukühlen, weil der Organismus wegen der herrschenden Lichtfülle zum Ergebnis gelangte, es müsse heiß sein. Dass der Verstand sich des Gegenteils bewusst war, spielte kaum eine Rolle. »Dabei käme man nicht mal mehr zum Schwitzen!«, murmelte Leyden. Nachdenklich beobachtete er in der Echtzeitwiedergabe eine Protuberanz, die in greller Gelbglut eine der wirr verdrehten Magnetfeldlinien entlangfloss. »Plasma zu Plasma!« Ein absurder Gedanke drängte sich ihm auf: Als Norweger besaß er eine eher helle Haut. Wie würde ein Sonnenbrand wohl wirken? Verheerend! Da bekommt die Epidermis nicht mal mehr die Gelegenheit, sich zu schälen. Von einer Rötung ganz zu schweigen! Grüne Linien zeichneten die Feldlinien des solaren Magnetfelds nach. Sie bildeten ein verschlungenes Knäuel, das chaotisch wirkte, es aber nicht war. Besonders eindrucksvoll waren die Farbadern, die sich wie herausgezogene Maschen eines Wollpullovers weit in den Raum hinausstreckten. Glühendes Plasma umspielte ihre Form. Eric Leyden kannte diese Abläufe – aber etwas hatte sich verändert. Er trat ein paar Schritte zurück. Der Raum, in dem er sich aufhielt, befand sich im Auswertungsareal, das sich ringförmig durch das Zentrum der Sonnenforschungsstation RA zog. Die Station, ein aufwendig ausgebauter, kleiner Asteroid, umkreiste das Zentralgestirn in einer Entfernung von 500.000 Kilometern. Sie diente der Erforschung des Sonnenchasmas – dieses klaffenden Risses im Innern von Sol. Ein Abgrund, von dem niemand zu sagen vermochte, aus welchem Grund es ihn gab oder wie er entstanden war. Das von Eric Leyden ins Leben gerufene Sonnenkorps beschäftigte sich damit auf vielerlei Art und an vielen Orten. Hier indes lag – buchstäblich – der Brennpunkt. Noch immer bekam Leyden Schluckbeschwerden, wenn er an die Schwierigkeiten der Finanzierung zurückdachte. Denn in der Nähe einer gewaltigen, ständig fusionierenden Kugel aus ultrahoch erhitztem Wasserstoff gab es die Option günstig nicht. Die Stationstechnik war auf dem neuesten und leistungsfähigsten Niveau. An diesem Ort war das Beste gerade gut genug – andernfalls war man tot. Die Sonne nahm keine Rücksicht. Bereits im normalen Zustand schleuderte sie Unmengen an Strahlung, Energie und Sonnenmasse von sich. Alles, was sich dieser Hölle stellte, war ohne Schutz verloren. Leyden schaltete mit einem Blinzeln einen Filter vor. Das Holo verschob das abgebildete Spektrum in den Bereich der Röntgenstrahlung. Das Chasma an sich war bereits absurd genug; was die jüngsten Messungen allerdings angedeutet hatten, war derart abwegig, dass Eric Leyden sogar sein obligatorisches Frühstück verkürzt hatte. Der Hyperphysiker stand vor einem Rätsel, das ihn stärker beschäftigte, als ihm lieb war. »Phase vier analysieren!«, befahl er leise. »Ich will eine komplette Darstellung aller Änderungen im Strahlungsprofil über einen Zeitraum von fünf Tagen. Mit G-Wellen-Profil korrelieren!« Etliche Subholos bildeten sich, Tabellen, Grafiken, Kurven. Leyden ordnete sie mit einigen kurzen Bewegungen seiner Finger und starrte darauf wie auf ein grünes Schwarzes Loch. »Was zum Teufel ist das nur?«, flüsterte er entgeistert. »Was kann das sein?« Schritte hinter ihm verrieten, dass jemand den Raum betreten hatte, aber er drehte sich nicht um. Das ganze Sonnenkorps setzte sich aus etwa 80 Wissenschaftlern, Spezialisten und Technikern zusammen. Zu diesem Raum hatten momentan die wenigsten Zutritt. Eric Leyden brauchte Ruhe; keine Horde neugieriger Kollegen, die ihm ihre neuesten Geistesblitze vortragen wollten. »Eine Idee?«, fragte Dr. Olaf Vennegutt und trat neben den Hyperphysiker. Der ältere Mann war einer von Leydens engsten Mitarbeitern und zusammen mit ihm und Pablo Ramirez die Führungsspitze des Korps. Vennegutt kannte Leydens Eigenheiten wie kaum ein Zweiter. Ihm entging die Nervosität nicht, die Leyden im Griff hielt. Leyden wiegte den Kopf. »Nein. Eben nicht! Siehst du das?« Er deutete auf eine Gravitationsanalyse. Ein sonderbares Muster bildete sich, verschwand und tauchte erneut auf. »Das sind eindeutig Interferenzmuster. Das ist unstrittig, denke ich. Die Positronik hatte nicht mal den Hauch einer Alternative zu bieten. Woher kommen sie?« Er unterbrach sich kurz, als zweifle er an dem, was er gerade gesagt hatte. »Ich meine: Was sollte es sonst sein?« »Planetare Einflüsse können wir ausschließen?«, erkundigte sich Vennegutt und nippte an einem jovianischen Sunspot. Der Cocktail war auf RA außerordentlich beliebt und eine Art von ironischem Kommentar der Wissenschaftler darauf, dass man mit der Erforschung des Chasmas nicht weiterkam. Sogar die Einsätze der ILIOS, des liduurischen Sonnenkreuzers, der auf RA stationiert war, hatte keine verwertbaren Ergebnisse gebracht. »Planetare Einflüsse ... Das war das Erste, was wir überprüft haben!«, stieß Leyden hervor. »Sogar ich hatte damit gerechnet, dass Vulkan etwas damit zu tun haben könnte. Weiß der Geier, was die durchgedrehte Halatonintelligenz dort an technischen Spielereien hochfährt, nur weil sie Lust darauf hat. Aber nein. Das ist es nicht. Und der Einfluss Merkurs ist derart minimal, dass man verzweifeln könnte. Er verursacht keine derartigen Interferenzen. Weißt du was, Olaf? Es klingt völlig verrückt, aber ich halte das mittlerweile für auftreffende Gravitationswellen, die von außen kommen! Es hat nichts mit der Sonne zu tun ... nicht primär! Das sind nur Symptome. Das Chasma hat uns bereits derart im Bann, dass der Begriff Scheuklappen die reinste Untertreibung ist. Wir sind blind für alles andere.« Vennegutt stellte den Cocktail ab und kniff die Augen zusammen, während er die Kurven musterte. »Von außen ...«, echote er leise. »... von außen. Aber woher von außen?« Er drehte sich zu Leyden und starrte ihn kurz an. »Diese Muster – für den Fall, dass du recht hast – haben ständig andere Ausgangspunkte. Als werfe jemand mehrere Steine in einen Teich. Die Wellen interferieren nicht nur mit dem Gravitationsfeld der Sonne, sondern gleichfalls untereinander. Wie soll das denn gehen? Du weißt, wie Gravitationswellen entstehen. Wenn in der Nähe des Sonnensystems oder darin Schwarze Löcher kollidieren würden, wüssten wir das! Die arkonidischen Strukturtaster würden Zeter und Mordio schreien!« »Ja«, sagte Eric Leyden abwesend. »Das täten sie ... Nicht? Es sei denn ...« Vennegutt stutzte. »Es sei denn ... was?« Leyden schwieg zunächst. Er dachte intensiv nach. Arkonidische Strukturtaster hatten eine sensorielle Reizschwelle. Unterschritt die Intensität eines Struktureffekts dieses Minimum, verhielt sich ein Standardtaster, als sei nichts gewesen. Dennoch waren diese Interferenzmuster so deutlich, dass sie niemand übersah. »Das ist nur die letzte Auswirkung!«, murmelte Leyden. »Egal was diese Wellen verursacht, es bleibt im Wesentlichen unterhalb der sensortechnischen Schwelle. Ein Zeitfenster vielleicht? Warum also wird der Effekt hier sichtbar, in der Nähe der Sonne?« »Könnte ganz simpel an dem liegen, was die Arkoniden unter Gravitonendichte zusammenfassen«, spekulierte Vennegutt. »Die Sonne als Quelle der Schwerkraft, der raumzeitlichen Krümmung, ist derart nahe, dass diese Interferenzen hier ein Medium finden, in dem sich alles abbildet. Immerhin: Befänden wir uns nicht auf RA, ich wette, wir hätten nicht das Mindeste bemerkt!« »Könnte es so einfach sein?« Leyden fluchte leise. »Wenn man ein Schwarzes Loch gepulst abschirmen könnte ... In so einem Fall käme der Schwerkrafteinfluss rhythmisch zum Tragen. Aber wer zum Teufel kann eine Singularität abschirmen? Mikrosingularitäten vielleicht, aber die hätten nicht die gemessene Wirkung. Das macht alles verrückter, als es ohnehin ist!« Er war nach wie vor unschlüssig riss sich aber zusammen. »Was ist mit dem Ikaroiden?« Vennegutt aktivierte eine Verbindung in die kleine Kommandozentrale des Asteroiden. Pablo Ramirez' Kopf erschien, neben das Haupt von Dr. Janina Lefcourt. Die Plasmaphysikerin ähnelte einem gerupften Huhn. Allerdings war sie, wie Leyden nur zu genau wusste, ein unglaublich fähiges Huhn. Der Spitzname wäre längst in Vergessenheit geraten, wenn ihre gackernde Stimme nicht für eine ständige Neuassoziation gesorgt hätte. Ramirez, ein klein gewachsener Mexikaner, war ehemaliges Mitglied von SPEC und überwachte das Ikaroiden-Programm. »Ikarus 159 ist unterwegs, seit ...« Er unterbrach sich und schielte auf die Zeitangabe. »... genau zwei Minuten und ... achtundzwanzig Sekunden. Erreicht in weiteren dreißig Sekunden die untere Grenze der Chromosphäre. Die neue Praecello-Keramik-Verbundlegierung wird gleich zeigen, wie gut sie ist. Die Schirme halten sicher nicht länger als bei den bisherigen Versuchen. Aber vielleicht reicht die Widerstandsfähigkeit des Verbundstoffs, den Ikaroiden zurückzuholen. Und sei's nur als zusammengebackener Klumpen. Ein paar Nahdaten sind genau das, was wir brauchen. Ich...