Theorien, Methoden, Tendenzen von 1900 bis zur Gegenwart
E-Book, Deutsch, Band 1543, 293 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
ISBN: 978-3-406-62702-6
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtswissenschaft Allgemein Geschichtswissenschaft: Theorie und Methoden
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Wissenschafts- und Universitätsgeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtswissenschaft Allgemein Historiographie
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I
Konzepte, Probleme und Gegenstände einer Geschichte der Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert
Jeder Leser historischer Fachliteratur kennt die Beobachtung: Er wird von der ersten Seite an Zeuge von Auseinandersetzungen, die der Autor mit älteren oder jüngeren Forschungsthesen und Berufskollegen führt. Ohne die Kenntnis der zugrundeliegenden Fragestellungen und Probleme bleiben selbst «schlichte» Darstellungen historischer «Tatsachen» rätselhaft und unverständlich. Wissenschaftliche Geschichtsschreibung führt einen ständigen Dialog mit sich selbst. Der zeitliche Horizont dieser Dialoge reicht dabei über die unmittelbare Gegenwart weit zurück in die Forschungsgeschichte. Häufig markiert der Beginn von Professionalisierung und Verwissenschaftlichung der Historiographie die zeitliche Grenze dieser Rückbezüge und Dialoge. Weltweit können deshalb die beiden Jahrzehnte um 1900 als Ausgangspunkt genommen werden für eine gegenwartsbezogene Geschichte der Geschichtswissenschaft, welche die Genese noch heute wichtiger Probleme und Fragestellungen, Institutionen und Verfahren der Forschung in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stellt. 1. Orientierungswissen und kritische Historisierung
Eine Geschichte der modernen Geschichtswissenschaft hat demnach ein Informationsbedürfnis ganz elementarer Art zu befriedigen: Sie bietet eine unentbehrliche Orientierungshilfe für alle, die sich aktuelles Fachwissen aneignen wollen. Als Geschichte fachwissenschaftlicher Problemstellungen und ihrer Lösungsversuche liefert sie notwendiges Kontextwissen für das wissenschaftliche Tagesgeschäft. Damit liefert eine Geschichte der Geschichtswissenschaft zugleich auch einen grundlegenden Beitrag zu einer selbstkritischen Historisierung und Problematisierung aktueller Begriffe und Forschungsfragen. Historiker interessieren sich immer wieder von neuem für alte Fachkontroversen, prüfen alte Argumente und aktualisieren vergessene Problemsichten. Als Wissenschaftsgeschichte ist die Historiographiegeschichte jedoch noch mehr: Mit Hilfe sozial- und kulturgeschichtlicher Methoden versucht sie, die Institutionen des Faches sowie die politischen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen der früheren Berufspraxis von Historikern zu analysieren. Indem sie kollektive Traditionsmuster, Konfliktfelder aber auch fächerübergreifende Konjunkturen herausarbeitet, legt sie die unbewussten, d.h. verkannten Erbschaften bzw. nicht reflektierten Aspekte des eigenen wissenschaftlichen Tuns bzw. der eigenen beruflichen Position und Situation offen. So kann sie etwa offenlegen, wie die soziale Dominanz von Männern in diesem Beruf lange Zeit mit einem dezidiert «männlichen» Blick auf Staat, Gesellschaft und Kultur früherer Zeiten verbunden war und zum Teil noch heute ist. 2. Erklärungsmodelle: vom Paradigmenmodell zum Konstruktivismus
Die meisten Historiker, die sich mit der Geschichte ihres eigenen Faches beschäftigen, vermeiden eine Festlegung auf ein Verfahren, einen theoretischen Zugriff. Anerkennung und Verbreitung hat jedoch das Paradigmenmodell gefunden, das vom Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn unter Rückgriff auf den wissenssoziologischen Entwurf Ludvik Flecks entwickelt worden ist [Kuhn, Fleck].[*] Für die Geschichtswissenschaft ist es von Jörn Rüsen maßgeblich weiterentwickelt worden. Das Paradigmenmodell bietet einen Ansatz für eine Strukturgeschichte grundlegender historischer Erklärungsansätze und Verfahren, deren Verbreitung und Wechsel. Es geht davon aus, dass sich die Geschichtswissenschaft in Analogie zu den Naturwissenschaften über Brüche, radikale Veränderungen der Deutungsmuster weiterentwickelt habe. Unterschiedliche Erklärungsansätze und Methoden, die wiederum von unterschiedlichen Forschergruppen und -generationen getragen, vertreten und dann auch im Forschungsprozess getestet werden, lösen einander ab. Es lassen sich Phasen des Umbruchs, die gekennzeichnet sind durch Kontroversen um die Grundlagen des Faches, unterscheiden von Zeiten, in denen die Mehrheit des Faches mit Hilfe etablierter Modelle weiterforscht, in denen also so etwas wie störungsfreier «Normalbetrieb» stattfindet. Rüsen hat dieses Modell für die Geschichtswissenschaften konkretisiert, indem er solche Denkstile oder Paradigmen in fünf Aspekte oder Dimensionen untergliedert: 1. die Interessen oder Orientierungsbedürfnisse der Gegenwart, die Eingang finden in die Fragen der Fachhistoriker, 2. die Ideen bzw. leitenden Gesichtspunkte bei der Erschließung der Vergangenheit, 3. die Regeln der empirischen Forschung, 4. die Formen der Darstellung und 5. die Funktionen des historischen Wissens [Rüsen]. Dieses ausgearbeitete Modell hat nur wenige theorietreue Anhänger gefunden, seine fünf Dimensionen sind jedoch in der einen oder anderen Weise in vielen Analysen zur Entwicklung der Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert berücksichtigt worden. Besonders attraktiv war die Idee des Paradigmenwechsels: Sie erlaubt nämlich, die unübersichtlichen, vielfach disparaten Beobachtungen über die Fachentwicklung zu bündeln und den Gesamtablauf der wissenschaftlichen Entwicklung als Abfolge dominanter Paradigmen zu ordnen. Rüsen selbst hat die moderne deutsche Geschichtswissenschaft als Abfolge von Aufklärungshistoriographie, Historismus und historischer Sozialwissenschaft für das gesamte 19. und 20. Jahrhundert periodisiert [Jäger/Rüsen]. Georg Iggers sieht in seinem Übersichtswerk die internationale Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhundert durch zwei Paradigmenwechsel geprägt: Der klassische Historismus, auf dessen Grundlage sich das Fach im 19. Jahrhundert etabliert hatte, wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelöst durch das Paradigma der Sozialgeschichte und der historischen Sozialwissenschaft. Aber für die Zeit seit 1980 konstatiert Iggers dann eine weitere Kehrtwende hin zu einer neuen Kulturgeschichte, deren theoretische Grundlagen jedoch so vielfältig und intern so kontrovers sind, dass er für die jüngste Vergangenheit und Gegenwart vorsichtig das Ende der großen Paradigmen feststellt [Iggers 1993]. Die überraschende Rücknahme des Modells in Iggers’ letzter Studie lässt bereits erkennen, welche Schwierigkeiten entstehen, wenn man versucht, die Fachentwicklung vorrangig anhand der Schnittstelle zwischen großen Theorien und Methodenkontroversen zu erklären. Im Ergebnis kommt ein Ablaufmodell zustande, das bestenfalls einen weitgehend willkürlich ausgewählten Ausschnitt der Fachwirklichkeit halbwegs plausibel zu erklären vermag. Es zeigt sich immer wieder, dass in der Geschichtswissenschaft der Bezug auf theoriegeleitete Erklärungsmodelle, gar auf wissenschaftstheoretische Reflexionen eher nachrangige Bedeutung besitzt, zuweilen geradezu zufällig erscheint. Die Lässigkeit der Historiker in Fragen der Theorie stützt sich auf einen fachspezifischen Empirismus, der immer wieder darauf setzt, induktiv die eigenen leitenden Begriffe und Erklärungsmodelle zu entwickeln. Überall dort, wo historische Forscher autonom über die Wahl der leitenden Ideen entscheiden konnten, finden wir eine lebhafte Konkurrenz oder häufiger noch ein friedliches Nebeneinander unterschiedlicher Ansätze, ohne dass dadurch die Einheit der Disziplin gesprengt worden wäre. Eine Stufenfolge unterschiedlicher Paradigmen und ein geordneter Wechsel zwischen revolutionären Krisenphasen und Jahren des Normalbetriebs lässt sich im Fortgang der Disziplinentwicklung seit 1880 jedenfalls nicht ausmachen. «Denkstile» und «Denkkollektive» sind im Fall der Geschichtswissenschaft immer unterhalb der Schwelle paradigmatischer Verbindlichkeit und Verbreitung geblieben, die Pluralität von Ansätzen, «Schulen» und «Konzepten» ist im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer größer geworden. Dieser Zuwachs hängt auch damit zusammen, dass ältere Forschungsansätze unbehelligt von neuen Trends und Moden weiterexistierten. Gerade die wachsende Spezialisierung hat ein solches Nebeneinander von Denkstilen ganz unterschiedlichen Alters stark gefördert. Einheitsstiftendes Element der Fachentwicklung war nicht die große Theorie, sondern die gemeinsame Methodik. Drei Gesichtspunkte ergänzen und relativieren also die Einsichten, die aus der Betrachtung theoriegeleiteter Debatten und aus der Analyse von großen Werken, den «Klassikern» der Disziplinengeschichte, gewonnen werden können: 1. Die Geschichte der Kontroversen muss zugleich auch als Geschichte der Konflikte um die Aneignung von Ressourcen, von Macht und Einfluss im Fach analysiert werden, deren Ausgang keineswegs allein durch die Überzeugungskraft der wissenschaftlichen Argumente und Forschungsergebnisse bestimmt wurde und wird. Eine realistische Geschichte der Disziplin muss deshalb auch die Sozial- und Politikgeschichte der wissenschaftlichen Institutionen umfassen. 2. Diese Konflikte sind zugleich eingebettet in ein Regelwerk von Institutionen, die Streitlust und Forschungsneugier der Berufshistoriker domestizieren und regulieren: Zeitschriften definieren die Verfahren des fachgerechten Streits, Promotionen und Habilitationen regeln praktisch die Standards hinsichtlich der Methoden, Konzepte und Themen, die im jeweiligen...