E-Book, Deutsch, Band 2, 412 Seiten
Reihe: Lorenz und Brehm
Prammer Schattenriss
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7099-8405-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Theater-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 2, 412 Seiten
Reihe: Lorenz und Brehm
ISBN: 978-3-7099-8405-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Theresa Prammer versteht es, Leben in ihre Figuren zu bringen - egal, ob als Schauspielerin, Regisseurin oder Autorin - und hat dafür bereits den Leo-Perutz-Preis eingeheimst. In ihren Kriminalromanen schickt sie den Privatdetektiv Edgar Brehm und die Schauspielschülerin Toni Lorenz auf Verbrecherjagd in den Straßen Wiens, auf Theaterbühnen und wuselnden Filmsets. In ihrem ersten Fall 'Lockvogel' (2021) haben die beiden in der für Machtgefälle und Intrigen berüchtigten Filmbranche ermittelt.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Mit sieben Jahren hatte sie gelernt, dass es Wahrheiten gab, die man besser für sich behielt.
Damals war es der nette ältere Schulwart mit den dunklen Knopfaugen und den rosigen Wangen, der immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen hatte. Auch, als er sie in den Heizungskeller der Schule mitnahm. Um ihr etwas zu zeigen, das ein Geheimnis sein sollte.
Er hatte sich das falsche Kind dafür ausgesucht, sie war klug genug, um zu wissen, dass er so etwas nicht tun durfte. Als sie von dem Vorfall erzählte, gab es einen großen Tumult. Der Schulwart beteuerte seine Unschuld, niemals würde er sich an einem Kind vergehen, schließlich arbeitete er schon jahrelang in dem Beruf. Das sei alles nur ihre lebhafte Fantasie.
Immer wieder wurde sie von allen möglichen Leuten befragt. Ihre Mutter weinte viel. Ob wegen ihr oder wegen der Unannehmlichkeiten, war ihr nicht klar. Ihr Vater war ständig genervt. Er sah sie anders an als früher. Vielleicht dachte auch er, dass sie sich das alles ausgedacht hatte. Der Schulwart wurde letztendlich doch gekündigt, ihre Lehrerin gab ihr ab dem Zeitpunkt schlechte Noten und nutzte jede Gelegenheit, um sie vor der Klasse bloßzustellen – damals wusste noch niemand, dass die Frau eine Affäre mit dem Schulwart hatte.
Zehn Jahre waren seit diesem Nachmittag im Heizungskeller vergangen, in denen ihre schulische Karriere eher zweifelhaft verlaufen war, die Eltern sich hatten scheiden lassen und sie mit einer gewaltigen Portion Skepsis durchs Leben ging. Mit der Zeit hatte sie eine Fähigkeit entwickelt, ganz von selbst und so selbstverständlich, als wäre ihr an einer Hand ein sechster Finger gewachsen.
Sie hatte angefangen zu lügen. Die Wahrheit brachte zu oft Probleme. Es fiel ihr leicht. Sie wusste nicht, ob sie einfach ein Talent dafür hatte. Sie konnte so viel und unbeschwert lügen, dass sie sich manchmal fragte, ob vielleicht eine spezielle Veränderung in ihrem Gehirn eingesetzt hatte. Eine Art Angebot und Nachfrage der Evolution.
„Wollen wir nochmal?“, fragte der achtzehnjährige Junge neben ihr. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen, er grinste sie an.
Sie verzog die Mundwinkel und schüttelte den Kopf. „Ich würd voll gern, Julian, echt. Aber ich kann nicht. Ich muss nach Hause. Meine Mutter killt mich sonst“, log sie. Kein Wort davon, dass ihr Herz im dreifachen Tempo klopfte, ihr schlecht und so schwindlig war, dass der Boden unter den Füßen schwankte.
„Bitte. Nur noch einmal. Du hast doch Ferien.“ Er sah sie mit seinen großen Augen an und deutete zum Kassenhäuschen der Loopingbahn, vor dem sich seit ihrer Fahrt wieder eine kleine Schlange gebildet hatte. Für sie war es ab dem ersten Looping der reinste Horror gewesen. Dieses Gefühl, gleichzeitig zu fallen, kopfüber zu hängen und völlig ausgeliefert zu sein, hatte sie in Panik versetzt. Was sie sich nicht hatte anmerken lassen.
„Ich zahl auch wieder“, sagte er und holte weitere hundert Euro aus der Hosentasche. Es war seine Idee gewesen, in den Prater zu gehen. Was sie süß fand, denn normalerweise wollten die Jungen etwas ganz anderes. Nicht mal in der Geisterbahn hatte er die Hand um sie gelegt oder versucht, ihr unter den kurzen Rock zu fassen. Wie oft hatte sie sich gewünscht, mit jemandem wie ihm auszugehen. Julian hatte sie schon früher, als sie jünger waren, nach ihrer Meinung gefragt. Sich mit ihr über alles Mögliche unterhalten. So wie jetzt. Er hatte noch nie zu der Art von Burschen gehört, die ihr gierig auf den Busen starrten. Er interessierte sich für sie. Und sie mochte ihn. Schon lange. Was ihr ein bisschen peinlich war, darum hatte sie auch abgelehnt, als er sie vor drei Wochen das erste Mal nach einem Date gefragt hatte. Aber er war hartnäckig geblieben. Das war nur eine der Eigenschaften, die sie an ihm schätzte. Davon wusste niemand. Und wenn es nach ihr ging, sollte auch keiner davon erfahren. Denn Julian war nicht wie die anderen.
Er war ernst, verschlossen, sehr dünn, trug meistens Sakkos, was für einen Achtzehnjährigen recht schräg war. Es wirkte bei ihm nicht im Mindesten cool, sondern ein bisschen, als würde er angestrengt versuchen, sich älter zu machen.
Sie hatte bereits früher mitbekommen, wie manche über ihn redeten, „voll strange“ und „cringe“ waren die netteren Kommentare.
Heute trug er kein Sakko, sondern ein Hemd und Sneakers. Sein Vorschlag mit dem Prater hatte sie erstaunt. Diese Vorliebe für schnelle Fahrten hatte er früher, als sie jünger waren, nie erwähnt. Das hätte sie ihm nicht zugetraut. Er war also doch überraschend normal.
Gleichzeitig verunsicherte sie seine Zurückhaltung, was sie betraf. Vielleicht hatte sie seine Erwartungen nicht erfüllt? Und er stand einfach nicht auf sie?
„Ich muss los, Julian.“
„Bitte geh nicht.“ Er fasste nach ihrer Hand, hielt sie in seiner. Sein Blick wurde ernst. „Ich … Anna-Sophie, ich mag dich. Schon immer. Und …“ Jemand rempelte ihn an, er reagierte kurz erschrocken. „Können wir irgendwo anders reden?“, fragte er.
Sie bemühte sich, nicht zu zeigen, wie sie sich freute, und nickte. Er führte sie aus dem Abschnitt mit den Fahrgeschäften des Praters hinaus. Wortlos entfernten sie sich von dem Trubel, gingen in die begrünte Hauptallee. Um 22 Uhr war es hier, bis auf ein paar vereinzelte HardcoreJogger und Betrunkene, menschenleer. Obwohl sie schon mit einigen Jungen geschlafen hatte – was nicht so aufregend war, wie sie erwartet hatte –, fühlte sie sich in seiner Gegenwart seltsam nervös. Auf eine gute Art.
Er senkte den Kopf, scharrte mit dem Schuh im Kies und vergrub die Hände in den Hosentaschen.
„Ich mag diesen Platz. Nicht weit entfernt ist die Wirtschaftsuni. Ab Herbst werde ich zwei Studien gleichzeitig belegen. Am liebsten würde ich noch ein drittes dazunehmen, aber das geht nur in Ausnahmefällen.“
Sie musste grinsen. Er war der einzige Achtzehnjährige, der so etwas sagte, ohne lächerlich oder angeberisch zu wirken.
„Das wolltest du mir sagen?“
„Ähm, nein, also …“, druckste er herum, „… es ist etwas anderes.“ Er sah sie mit einem tiefen Blick an, strich ihr sanft mit dem Daumen eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte sie an. Für einen Moment wurde alles unwichtig. Ihre nervende Mutter, deren ganzer esoterischer Klimbim, das Gefühl, nie gut genug zu sein, die Schule. Da war eine Verbindung zwischen ihnen, die sie noch nie bei jemandem empfunden hatte.
Ohne nachzudenken, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und drückte ihre Lippen auf seine. Ihr Kuss blieb unerwidert. Er öffnete weder die Lippen, noch spitzte er sie. Sie löste sich wieder von ihm. Seinen Blick konnte sie nicht deuten. Julian sah aus, als wäre er … ja, was? Erschrocken? Angeekelt? Normalerweise wollten die Jungen mehr.
So eine Reaktion wie von ihm hatte sie noch nie erlebt.
Oh Gott, wie peinlich.
„Was?“, fragte sie laut.
Er sah sie verdattert an. So ein Mist. Das war’s, den Abend konnten sie beenden. Sie wollte sich umdrehen, da zog er sie zurück. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie.
Das war ein anderer Kuss als alle, die sie jemals erlebt hatte. Keine drängende Zunge, die sich in ihren Mund schob. Es war ein liebevoller, erwachsener, leidenschaftlicher und wunderbar zärtlicher Kuss. Als wäre wirklich sie gemeint. Ihre Knie wurden weich. Noch nie war sie so geküsst worden.
„Wow“, entkam es ihr, als sich ihre Lippen lösten.
„Wow“, sagte er, nahm sie in seine Arme, wiegte sie hin und her.
Sie vergrub ihr Gesicht in seiner schmalen Brust. Wie gut er roch. Sie konnte sich gar nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal in ihrem Leben so sicher und geborgen gefühlt hatte. Es musste lange her sein.
Sie hob den Kopf und lächelte ihn an. „Wollen wir zurück in den Prater?“, fragte sie. „Ich wäre jetzt bereit für die nächste Runde auf der Loopingbahn.“ „Echt?“ Er grinste übers ganze Gesicht.
„Ja, echt“, sagte sie. Und diesmal war es die Wahrheit.
Es wurde nicht nur die Loopingbahn. Sie fuhren auch Break Dance, Ketten-Karussell, Autodrom und mit einer Achterbahn im Liegen, in der man nebeneinander mit dem Kopf voran wie Superman die Schienen entlang geschossen wurde. Sie hielt seine Hand umklammert, schrie aus vollem Hals und hatte gleichzeitig wahnsinnig viel Spaß. Als wäre da in ihr eine Tür aufgegangen, von der sie gar nicht gewusst hatte, dass sie da war.
„Hey, hast du Hunger?“, fragte er, nachdem sie beim Dosenwerfen einen kleinen Teddybären gewonnen hatten.
„Und wie.“ Die Zeit war nur so verflogen.
Sie aßen Langos und Pommes. Und er kaufte zwei Cola. Dann setzten sie sich auf eine Bank vor dem Blumenrad, er holte einen Schaumbecher für sich und für sie Zuckerwatte.
„Puh, ich platze...




