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E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Pollack Topografie der Erinnerung

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4528-9
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein unbestechlicher Wegweiser durch unsere schmerzhaftesten, aber notwendigen Erinnerungen.

Die wichtigsten Reden und Aufsätze des brillanten Essayisten Martin Pollack erstmals in einem Band: Sie widmen sich so unterschiedlichen Themen wie dem Massaker von Rechnitz in den letzten Kriegswochen, den Wiener „Reibpartien", bei denen Juden unter dem Beifall der Bevölkerung die Gehsteige schrubben mussten, dem Mythos Galizien, der polnischen und ukrainischen Nachkriegsgeschichte oder auch der Verstrickung seiner eigenen Familie in den Nationalsozialismus. Immer ist Pollacks Blick scharf und kritisch, immer richtet er sich gegen das bequeme Vergessen. Und immer stellt er die zentrale Frage der Geschichtspolitik: Wie können und müssen wir heute mit dieser Erinnerung umgehen?
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Statt eines Vorworts.
Über die Macht der Erinnerung
Die große Geschichte wird leichter begreifbar, wenn wir sie von unten betrachten, aus der Perspektive einzelner Erfahrungen, Erlebnisse und auch Tragödien. Aus diesem Grund sind Erinnerungen für die Beschäftigung mit der Vergangenheit so wichtig, und zwar sowohl die Erinnerungen der Opfer als auch der Täter, aber auch von Zuschauern, ob unbeteiligt oder nicht. Denn alle diese Zeugen vermitteln ganz individuelle Sichtweisen auf bestimmte Ereignisse, beeinflusst und gefärbt von den jeweiligen nationalen Narrativen, in die sie eingebettet sind. Sie erzählen persönliche Geschichten und Beobachtungen, die nicht unbedingt mit der offiziellen Geschichtsschreibung übereinstimmen müssen, manchmal sogar im Widerspruch zu dieser stehen. Wenn wir die verschiedenen Zeugnisse dann wie ein Puzzle zu einem größeren Bild zusammenfügen, versetzt uns das mit einigem Glück in die Lage, uns das oft scheinbar Unerklärliche, Unfassbare, mit dem uns gerade die jüngste Geschichte häufig konfrontiert, zumindest ansatzweise vorstellen zu können. Dürre Zahlen und Daten vermögen das nicht zu leisten. Natürlich müssen wir uns immer vor Augen halten, dass Erinnerungen trügerisch sein können. Dazu bedarf es gar keiner bösen Absicht, keines bewussten Bemühens, etwas zu verfälschen oder zu verschweigen. Unser Gedächtnis kann, aus welchen Gründen auch immer, Ereignisse verzerrt wiedergeben, bestimmte Begebenheiten und Begegnungen ausblenden, andere sogar „erfinden“, Zeiten durcheinanderbringen. Mit einem Wort: Wir dürfen unserem Gedächtnis nicht immer trauen. Die Psychologie kennt für dieses Phänomen den Begriff der falschen Erinnerung, eine verstörende Erfahrung, die wahrscheinlich jeder von uns schon einmal gemacht hat. Es kommt auch vor, dass Erinnerungen gefährlichen Minenfeldern gleichen, durch die wir uns mit Bangen bewegen, vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzend, ständig gewärtig, mit einem Mal auf schreckliche Bilder und Erkenntnisse zu stoßen, die uns aus dem seelischen Gleichgewicht zu werfen drohen. Dann mögen wir uns die Frage stellen, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, die Vergangenheit, die wir mit diesen Erinnerungen aufgestört haben, ruhen zu lassen und an diese Dinge gar nicht zu rühren – obwohl wir natürlich wissen, dass Schweigen und Wegschauen, Wegschieben und Verdrängen die Probleme nicht zum Verschwinden bringen. Von einer solchen Erfahrung mit schrecklichen Bildern der Vergangenheit möchte ich hier berichten. Dazu ist es nötig, ein wenig auszuholen und ins Jahr 1944 zurückzugehen, in die Zeit des Warschauer Aufstands. Mein Vater war damals als Leiter eines Sonderkommandos einer Einsatzgruppe in Polen stationiert, in einem Schloss namens Radziejowice, etwa vierzig Kilometer südwestlich von Warschau gelegen. Er hatte die Einheit wenige Wochen zuvor in der Nähe von Bialystok in Ostpolen übernommen und auf dem Rückzug vor den rasch vorstoßenden Russen bis Warschau geführt. Irgendwo unterwegs nahm das Sonderkommando Bast, wie die Einheit nach ihrem Kommandeur auch genannt wurde – mein leiblicher Vater hieß Dr. Gerhard Bast, er war SS-Sturmbannführer und leitender Beamter der Gestapo –, eine Gruppe älterer Polen als Geiseln, vielleicht, um sich unterwegs gegen Partisanenangriffe zu schützen. Die Geiseln wurden bis Radziejowice mitgeführt. Von hier aus nahmen einzelne Mitglieder des Sonderkommandos an den Kämpfen in Warschau teil, unter ihnen auch mein Vater. Doch das ist eine andere Geschichte. Mitte September 1944 wurde das Sonderkommando 7a von Polen in die Slowakei verlegt, um dort bei der Niederschlagung des slowakischen Aufstandes mitzuwirken. Bevor das Kommando mit Fahrzeugen und Waffen auf die Bahn verladen wurde, wurden die Geiseln im Park des Schlosses Radziejowice erschossen und, wie in solchen Fällen üblich, an Ort und Stelle in vorher ausgehobene Gruben geworfen. Mein Vater hätte als Kommandeur der Einheit die polnischen Gefangenen auch freilassen und nach Hause schicken können, aber diese Option zog er offenbar gar nicht erst in Betracht. Geiseln, die man nicht mehr braucht – und was hätte man mit polnischen Geiseln in der Slowakei anfangen können? –, werden erschossen. Von der Ermordung der fünfzehn bis zwanzig Polen (die genaue Zahl ist nicht bekannt) erfuhr ich aus der Zeugenaussage eines Angehörigen des Sonderkommandos vor einem Untersuchungsrichter in Flensburg. In dem Verfahren ging es allerdings um andere Vorgänge, Radziejowice wurde bloß am Rande erwähnt. Ich habe vor über zehn Jahren in einem Buch über meinen Vater über diese Geiselerschießung geschrieben. Damals habe ich auch versucht, mehr über die damaligen Ereignisse herauszufinden. Ich erfuhr, dass in dem Schloss, das sich einst im Besitz der Familie Krasinski befand, jetzt ein Urlaubsheim für Künstler und Schriftsteller untergebracht ist. Also nahm ich Kontakt zum Direktor des Heimes auf, der jedoch von einer Exekution im Schlosshof nichts wusste. Er zog dann seinerseits Erkundigungen ein, suchte in Dokumenten und Chroniken und befragte Zeitzeugen, ohne Erfolg. Am Ende äußerte er sogar Zweifel, ob die in meinem Buch erwähnte Erschießung tatsächlich stattgefunden hatte. RAD-Männer, stationiert in Radziejowice, vermutlich 1940/41 Kurz bevor ich im April 2015 nach Polen reiste, um dort die Übersetzung eines Buches zu präsentieren, in dem ich ausgerechnet über verborgene Massengräber schreibe, meldete sich der Direktor des Künstlerheimes mit der überraschenden Nachricht, dass ein Zeuge aufgetaucht sei. Ein Augenzeuge, der 1945 bei der Exhumierung der Opfer im Schlosspark von Radziejowice zugegen gewesen war. Ich traf ihn in einem Café in Poznan. Er war in Begleitung des Direktors von Radziejowice gekommen: ein rüstiger Mann, einiges über achtzig, dem man sofort ansieht, dass er einen guten Teil seines Lebens im Freien verbracht hat. Ein ehemals leitender Forstbeamter und passionierter Jäger. Der Mann berichtete so lebhaft und anschaulich von den damaligen Ereignissen, als wären sie erst gestern geschehen. Wenige Monate nach Kriegsende, er war gerade 12 Jahre alt, wurde er von seinem Onkel, einem Priester, aufgefordert, ihn als Ministrant zu einer Exhumierung von Naziopfern zu begleiten. Es handelte sich um Polen, die von einer deutschen Einheit im Schlosspark von Radziejowice erschossen und verscharrt worden waren, um ein unbekanntes Massengrab im Schlosspark, das offenbar die Geiseln barg, die mein Vater liquidieren hatte lassen. Mein Gegenüber konnte sich an Details erinnern, die ich, um die Wahrheit zu sagen, lieber nicht gehört hätte. Die von deutschen Kriegsgefangenen geöffnete Totengrube füllte sich so rasch mit Wasser, dass die Leichen darin schwammen, alle mit dem Gesicht nach unten. Dieses Bild habe ihn noch lange Jahre verfolgt, sagte der Zeuge. Wohin die Toten, die keiner kannte, gebracht wurden, um ordentlich bestattet zu werden, könne er nicht sagen. Er habe nach der Exhumierung nie mehr über die Ereignisse gesprochen, weder mit seinem Onkel, dem Priester, noch mit sonst jemandem, bis zum heutigen Tag. Warum er so lange geschwiegen habe, sei ihm selber ein Rätsel, fügte er dann hinzu. Das mache er sich jetzt zum Vorwurf. Er hätte sich schuldig gemacht, weil er diese Vorkommnisse nie erwähnt habe, auch nicht, als er groß geworden war. Dabei wäre es damals vermutlich noch möglich gewesen, herauszufinden, wer die Menschen waren, die in Radziejowice den Tod gefunden hatten. Heute sei es dafür wahrscheinlich zu spät. Trotzdem erzähle er jetzt, nach so vielen Jahren, endlich diese schreckliche Geschichte, denn sein Gewissen sage ihm, dass die Erinnerung an die Ermordeten nicht verloren gehen dürfe. Man müsse in Radziejowice in irgendeiner Form an sie erinnern, vielleicht eine Tafel anbringen. Sonst hätten die Täter noch im Nachhinein ihr Ziel erreicht, das auch darin bestand, den Ermordeten Namen, Geschichte und Identität zu rauben und sie anonym dem totalen Vergessen anheimfallen zu lassen, sie völlig auszumerzen. Keiner möge ihrer gedenken, jede Erinnerung an sie sollte für immer ausgelöscht werden. Das dürften wir nicht zulassen. Schließlich hätten die Toten, denen sein Onkel kurz nach dem Krieg in Radziejowice den letzten Segen erteilte, in ihrem Heimatort, den wir nicht kennen, Frauen und Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde zurückgelassen. Die Angehörigen hätten gewiss jahrelang nach ihnen gesucht, mit wachsender Verzweiflung, weil sie nicht glauben mochten, dass ein ihnen nahestehender Mensch spurlos verschwinden könnte, für immer, ohne Nachricht, und sei es nur eine knappe Notiz von seinem gewaltsamen Tod. Während ich den beiden Männern, dem späten Zeugen und dem Direktor von Radziejowice, gegenübersaß, versuchte ich mir vorzustellen, was damals, vor über siebzig Jahren, geschehen war, was meinen Vater und seine Leute angetrieben hatte, diese unschuldigen Menschen zu...


Martin Pollack geboren 1944 in Bad Hall. Studium der Slawistik und osteuropäischen Geschichte. Übersetzer polnischer Literatur, Journalist und Autor, 1987- 1998 Korrespondent des SPIEGEL in Wien und Warschau. Zahlreiche Preise, u. a. den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln (2007) und den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (2011). Lebt im Südburgenland und in Wien. Zuletzt erschienen: „Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater“ (2004), „Wer hat die Stanislaws erschossen? Reportagen“ (2008), „Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien“ (2010).


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