Pötzsch | Die Henkerstochter und der Teufel von Bamberg | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5, 592 Seiten

Reihe: Die Henkerstochter-Saga

Pötzsch Die Henkerstochter und der Teufel von Bamberg

E-Book, Deutsch, Band 5, 592 Seiten

Reihe: Die Henkerstochter-Saga

ISBN: 978-3-8437-0743-5
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gemeinsam mit seiner Tochter Magdalena und ihrem Mann Simon reist der Henker Jakob Kuisl im Jahre 1668 nach Bamberg. Was als Familienbesuch geplant war, wird jedoch bald zum Alptraum: In Bamberg geht ein Mörder um. Die abgetrennten Gliedmaßen der Opfer werden im Unrat vor den Toren der Stadt gefunden. Schnell verbreitet sich das Gerücht, die Morde seien das Werk eines Werwolfs. Jakob Kuisl mag sich diesem Aberglauben nicht anschließen und macht sich auf die Suche nach dem 'Teufel von Bamberg'.
Pötzsch Die Henkerstochter und der Teufel von Bamberg jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Prolog
Schongau, 16. Februar Anno Domini 1626 An dem Tag, als sein Vater unter Qualen starb, beschloss Jakob Kuisl, seiner Heimatstadt für immer den Rücken zu kehren. Es war der kälteste Februar seit Menschengedenken. Meterlange Eiszapfen hingen an den Dachfirsten, das alte Holz der Fachwerkhäuser knarrte und ächzte unter dem Frost, ganz so, als wäre es lebendig – trotzdem hatten sich entlang der Schongauer Marktgasse, die vom Rathaus hinunter zum Stadttor führte, Hunderte von Menschen versammelt. Alle waren dick vermummt mit Tüchern und Fellen, die Reicheren trugen warme Kappen aus Bären- oder Eichhörnchenpelz, viele der Ärmeren hatten Frostbeulen im Gesicht oder an den Füßen, die von zerfetzten Lumpen nur notdürftig geschützt wurden. Schweigend, doch mit funkelnden, gierigen Augen beobachteten die Schongauer die kleine Gruppe, die sich einen Weg zwischen ihnen hindurchbahnte, aus dem nördlichen Stadttor hinaus, auf der breiten, von Schneematsch bedeckten Straße, immer der Richtstätte zu. Wie Hunde, die eine blutige Fährte aufgenommen hatten, folgte die Menschenmenge dem Verurteilten, den vier gelangweilt wirkenden Bütteln mit ihren Hellebarden und dem Henker mit seinen beiden Knechten. Jakob und sein Vater gingen voraus, wobei Johannes Kuisl immer wieder stolperte und sich an seinem großgewachsenen, fast vierzehnjährigen Sohn abstützen musste. Wie so oft hatte der Schongauer Scharfrichter vor der Hinrichtung bis weit in den Morgen gesoffen. Schon mehrmals in den letzten Jahren hatte seine Hand bei Enthauptungen deshalb gezittert, doch so schlimm wie heute war es noch nie gewesen. Johannes Kuisls Gesicht war aschfahl, er stank stechend nach Branntwein und hatte Mühe, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Jakob war froh, dass sein Vater an diesem Tag nur eine verhältnismäßig einfache Strangulation vornehmen musste. Den Scheiterhaufen konnten zur Not auch er und sein ein Jahr jüngerer Bruder Bartholomäus anzünden. Verstohlen ging Jakobs Blick hinüber zu dem Verurteilten, der mit seinen zerfetzten Kleidern und dem zerschlagenen Gesicht mehr einer in Höhlen hausenden Kreatur als einem Menschen glich. Der Leinsamer Hans hatte die letzten Jahre wie ein Tier gelebt, nun sollte er auch wie ein Tier krepieren. Die meisten Schongauer kannten den alten Schäfer vom Holzklauben und Kräutersuchen im Wald. Hans war so dumm wie seine Schafe, nah an der Grenze zum Schwachsinn, hatte aber bis vor kurzem als harmlos gegolten. Nur die Kinder hatten sich vor ihm gefürchtet, wenn er sich ihnen mit seinem zahnlosen Maul grinsend näherte, ihnen sabbernd über den Kopf strich oder eine klebrige Süßigkeit reichte. Auch Jakob war dem Hans ein paarmal auf einer Lichtung begegnet, wenn er mit seinen beiden jüngeren Geschwistern Bartholomäus und Elisabeth durch die Wälder um Schongau streifte. Vor allem die erst dreijährige Lisl hatte dann immer ganz fest seine Hand umklammert, während Bartholomäus mit Tannenzapfen nach Hans warf, bis dieser jammernd das Weite suchte. Ihre Mutter hatte sie alle drei oft vor dem obdachlosen Vagabunden gewarnt, doch Jakob hatte bei seinem Anblick eher Mitleid empfunden, während der zwölfjährige Bartholomäus den Hans wohl am liebsten am nächsten Baum aufgehängt hätte, als Schmaus für die Raben. Seit Jakob denken konnte, waren Bartholomäus Tiere wichtiger gewesen als Menschen. Ein kranker Igel wurde von ihm liebevoll gesund gepflegt, während er gleichzeitig seinem Vater dabei half, einem verdächtigen Opferstockräuber die Knochen zu brechen. Eine Vorliebe, die Jakob nicht verstehen konnte. Traurig musterte Jakob den alten, leicht schwachsinnigen Schäfer, der gebunden wie ein Stück Vieh zwischen ihnen der Hinrichtungsstätte entgegenhumpelte. Wie eine Kuh glotzte Hans die Schongauer an, von denen ihn einige mit Schnee und Dreck bewarfen und verspotteten. Sein Mund formte sinnlose Laute, er wimmerte und schluchzte. Jakob nahm nicht an, dass dem Hans überhaupt bewusst war, warum er heute sterben sollte. Es war kurz nach Heilig Drei König gewesen, als die achtjährige Martha, die jüngste Tochter des Schongauer Bürgermeisters, beim Rodeln im Wald den Alten versehentlich angefahren hatte. Wie ein Wolf hatte er sich daraufhin auf sie geworfen, ohne dass im Nachhinein jemand hätte sagen können, warum. Hatte er mit ihr spielen wollen? Hatte ihm der schnell heranrasende Schlitten Angst gemacht? Martha hatte wie am Spieß geschrien. Als die anderen Kinder herbeirannten, hatte er ihr bereits das Kleid vom Leib gezogen. Dazugerufene Holzfäller hatten den Hans schließlich gepackt und in die Schongauer Fronveste geschleppt, wo er auf der Streckbank die widerwärtigsten Verbrechen schilderte. Wie ein Tier habe er sich über all die Jahre mit seinen Schafen gepaart; die Martha habe er in seinen Schäferwagen schleppen und dort vergewaltigen und töten wollen. Als Jakob den brabbelnden Hans jetzt so vor sich sah, konnte er sich jedoch nicht vorstellen, wie der Alte überhaupt ein solches Geständnis zustande gebracht haben sollte. Geschweige denn, dass es wahr war. Mittlerweile hatten sie die Hinrichtungsstätte außerhalb der Stadt erreicht, ein weites, gerodetes Feld, wo Jakob und Bartholomäus bereits am Vortag neben dem Schafott einen mannshohen Scheiterhaufen aufgeschichtet hatten. Eine Leiter führte hinauf zu einem Pfahl mit Ketten, der aus dem Holzstoß herausragte und den Mittelpunkt einer kleinen hölzernen Plattform bildete. Aus dem Augenwinkel bemerkte Jakob, wie stolz Bartholomäus den Scheiterhaufen musterte, und er empfand eine leichte Abscheu. Zum ersten Mal hatte der Bartl seinem älteren Bruder bei der Vorbereitung einer Hinrichtung helfen dürfen, für ihn war der Tag, an dem Hans’ Urteil und die Todesart verkündet wurden, ein Fest gewesen. Endlich ging sein Traum in Erfüllung, in die Fußstapfen seines Vaters und seines geliebten und bewunderten Bruders zu treten. Eigentlich verstand Jakob die Verehrung nicht, die ihm Bartholomäus entgegenbrachte. Oft machte er sich über den etwas schwerfälligen jüngeren Bruder lustig, im Geheimen verachtete er ihn sogar, was aber nichts daran änderte, dass ihm der Bartl wie ein Hündchen folgte. Bartholomäus sah Jakob zu, wenn er die Folterkammer reinigte und die Stricke für das Hängen knotete oder wenn er das Richtschwert schärfte, weil der Vater einmal wieder zu besoffen dafür war. Und insgeheim wusste Jakob, dass Bartholomäus irgendwann ein besserer Scharfrichter sein würde als er. Jakob selbst hatte schon vor Jahren beschlossen, diesen Beruf später nicht auszuüben. Doch hatte er überhaupt eine Wahl? Scharfrichtersöhne wurden Scharfrichter, wenn sie sich nicht als stinkende Schinder oder Abdecker verdingen mochten. So lautete das Gesetz, das die ehrlosen Berufe fein säuberlich von den anderen Berufen trennte. Den einzigen Ausweg bot der Große Krieg, der seit Jahren im Reich tobte und nach Söldnern lechzte, ganz egal, wie ehrlos sie waren. »Was ist nur mit dem Vater los?«, flüsterte Bartholomäus neben Jakob und riss ihn so aus seinen Gedanken. Sie standen nun unweit des Scheiterhaufens, und die Menge gaffte sie erwartungsvoll an. Besorgt deutete Bartholomäus auf Johannes Kuisl, der sich trotz der Kälte den Schweiß von der Stirn wischte und sich bemühte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. »Der Gute kann sich ja kaum noch auf den Beinen halten. Ist er etwa krank?« In der Zwischenzeit waren auch die vier Bürgermeister und andere hohe Patrizier an der Richtstätte eingetroffen. Gemeinsam mit dem Gerichtsschreiber und den paar hundert Zuschauern bildeten sie einen Kreis um die drei Kuisls und den Verurteilten. Nicht zum ersten Mal hatte Jakob das unbehagliche Gefühl, man werde auch ihn gleich hinrichten. »Was soll mit dem Vater schon los sein?«, zischte Jakob und versuchte, ruhig zu bleiben, während um ihn ein leises Murren einsetzte. »Besoffen ist er mal wieder! Wir können nur beten, dass er sich nicht aus Versehen selbst anzündet.« Bartholomäus zuckte zweifelnd mit den Schultern. »Aber vielleicht … vielleicht ist es ja auch das Fieber«, murmelte er. »Das geht zurzeit um. Schau dir nur die Mutter zu Hause an, die hat es auch erwischt.« Jakob verdrehte die Augen. Er hasste es, wenn sein Bruder den Vater mal wieder von allen Sünden freisprach. Vielleicht lag es aber auch daran, dass der Vater sich von Jakob schon vor längerer Zeit abgewandt hatte, nachdem er erkennen musste, dass sein Ältester nicht in seine Fußstapfen treten wollte. Zu gerne hätte Jakob seinen Vater geliebt – allein, es ging nicht. Johannes Kuisl war ein Säufer und Versager. Früher, ja, da war er ein großer Scharfrichter gewesen, fast so gefürchtet wie sein Schwiegervater Jörg Abriel, der im berühmten Schongauer Hexenprozess über sechzig Frauen gefoltert, geköpft und verbrannt hatte. Von ihrem Großvater hatten die beiden Kuisl-Brüder auch jene seltsamen bösen Bücher geerbt, die Bartholomäus fast noch mehr liebte als seine kranken Tiere und die er mit dem Vater fast jede Woche einmal aus der Truhe in der Kammer holte. Sie erinnerten die Familie an die großen blutigen Zeiten, als ihr Name noch etwas gegolten hatte. Doch diese Zeiten waren schon lange vorbei, mittlerweile war Johannes Kuisl ein Wrack. Hinter seinem Rücken spotteten die Leute bereits; sie hatten keine Angst mehr vor ihm, und das war das Schlimmste, was einem Scharfrichter widerfahren konnte. Ohne die Angst vor ihm war er ein Niemand. Auch jetzt sah Jakob Verachtung in den Augen vieler Zuschauer aufblitzen, während sie den zitternden, schwitzenden Säufer abschätzig musterten. In Jakob wuchs die Furcht. Schon zweimal hatte sein Vater eine Hinrichtung beinahe verpfuscht, noch einmal...


Pötzsch, Oliver
Oliver Pötzsch, Jahrgang 1970, arbeitete nach dem Studium zunächst als Journalist und Filmautor beim Bayerischen Rundfunk. Heute lebt er als Autor mit seiner Familie in München. Seine historischen Romane haben ihn weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht: Die Bände der Henkerstochter-Serie sind internationale Bestseller und wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Oliver Pötzsch, Jahrgang 1970, arbeitete viele Jahre als Filmautor für den Bayerischen Rundfunk, vor allem für die Kultsendung quer. Er ist selbst ein Nachfahre der Kuisls, die 300 Jahre lang die berühmteste Henker-Dynastie Bayerns waren.


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.