E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4532-6
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henriette Lauber blickt auf ein kreatives und arbeitsreiches Leben zurück. Als Cutterin von Kinofilmen tauchte sie in spannende Welten ein und konnte an der Seite eines geliebten Mannes tätig sein. Doch dies ist lange her und sie lebt nun kontaktscheu und weitgehend isoliert in einer kleinen Innenstadtwohnung. Ihrem Patensohn aus der Westsahara gilt all ihre Liebe und Sehnsucht. Nach einem Schwächeanfall macht sie die Bekanntschaft ihrer jungen Nachbarin Linda, die sich um Henriette zu kümmern und ihre Nähe zu suchen beginnt...
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Es war das Schlagen eines Fensters, das ihr ins Bewußtsein drang. Sie öffnete die Augen. Dunkelheit umgab sie. Erst nach einer Weile konnte sie schräg über sich einfallendes Licht wahrnehmen, ein helles Viereck und daneben das Wehen einer dünnen Stoffbahn. Also liege ich auf dem Boden, dachte sie. Warum liege ich hier auf dem Boden. Das dort oben scheint mein Schlafzimmerfenster zu sein, es ist wohl Nacht und der Wind weht. Warum liege ich nicht in meinem Bett. Sie versuchte, den Kopf zur anderen Seite zu drehen, und es gelang. Ich sollte aufstehen, sagte sie sich. Doch eine schwere Mattigkeit hielt ihren Körper nieder, so, als wäre er ein mit Sand oder Steinen gefüllter Sack, ein fremder Gegenstand, den aufzuheben sie nicht die Kraft besaß. Sie schloß die Augen und blieb regungslos liegen. Wieder schlug ein Fensterflügel im Wind. Bin ich ohnmächtig geworden? überlegte sie, oder war es ein Schlaganfall? So viele Leute meines Alters erleiden zur Zeit Schlaganfälle. Ihr wurde heiß bei dieser Überlegung, sie bekam plötzlich keine Luft, und ihr Herz begann so heftig zu schlagen, daß sie selbst es hören konnte. Ich habe Angst, dachte sie, vielleicht ist es Todesangst, bitte beruhige dich, Henriette, sonst stirbst du noch an dieser Angst. Schließlich bewegte sie vorsichtig die Zehen und stellte erleichtert fest, daß diese ihr gehorchten. Ihre Füße waren nackt, also hatte sie wohl das Bewußtsein verloren, als sie dabei war, ins Bett zu steigen. Oder als sie vom Bett aufgestanden war, um in das Badezimmer zu gehen. Mehrmals pflegt sie ja nachts ins Badezimmer zu gehen, auch wenn es nur ihrer Schlaflosigkeit wegen ist. Ins Bad, in die Küche, sie unternimmt nächtliche Wanderungen, nachdem auch stundenlanges Lesen im Bett sie nicht wieder einschlafen läßt. Eine Nacht durchzuschlafen gelingt ihr seit Jahren nicht mehr. Aber wie angestrengt Henriette auch zurückdachte, es wollte sich keine Erinnerung einstellen. Was war los gewesen, ehe sie umfiel. Wie spät war es. Wie spät ist es jetzt. Trägt sie schon ihr Nachthemd? Oder noch Tageskleidung? Vielleicht hatte sie sich beim Auskleiden verletzt, war mit dem Kopf irgendwo angerannt. Aber wo. Sie lag in einiger Entfernung zum Bett auf den Holzbohlen ihres Schlafraums, das war ihr mittlerweile klargeworden, links über ihr, in einiger Entfernung, das geöffnete Fenster, der dünne weiße Vorhang noch nicht vorgezogen, die Nacht war warm und der stürmische Wind kündigte vielleicht ein Gewitter an. Ich sollte das Fenster schließen, dachte Henriette. Mit jetzt weit geöffneten Augen versuchte sie das Halbdunkel des Zimmers zu durchdringen. Dann zwang sie sich, einen Arm hochzuheben. Sie sah, daß auch dieser nackt war, wie ihre Füße. Sie sah es in der spärlichen Beleuchtung, die von den Straßenlampen in das Zimmer fiel. Bin ich etwa zur Gänze nackt? fragte sie sich. Sollte ich jetzt sterben, würde man hier nach einiger Zeit eine nackte, alte, tote Frau vorfinden. Was für ein unangenehmer Gedanke, also besser jetzt nicht sterben. Henriette hörte sich kichern und erschrak. War sie mittlerweile vielleicht verrückt geworden? Nicht mehr bei Sinnen? Deshalb hier auf dem Fußboden hingestreckt, ohne zu wissen, warum? Alt genug für solche Schübe war sie ja. Eine Frau, die auf die achtzig zugeht, ist alt genug für jede Form von Hinfälligkeit und Verfall. Ohnehin verwunderlich, wie sie sich bisher gehalten hatte. Jetzt verwende ich auch schon diese idiotische Formulierung, dachte Henriette. Wie gut Sie sich gehalten haben! Als wäre man Dosenfleisch, das glücklicherweise noch nicht schimmelt. Jetzt waren auch ferne Donnerschläge zu hören, die Windstöße wurden immer heftiger und warfen einen der Fensterflügel knallend hin und her. Das Glas wird zerbrechen, wenn es so weitergeht, dachte Henriette. Aber sie zögerte nach wie vor, ihren Kopf zu heben, etwas beunruhigte sie, ein ferner, dumpfer Schmerz. Jedoch ließ sie den Arm wandern und wagte ein vorsichtiges Betasten ihres hingestreckten Körpers. Nein, sie war nicht nackt. Ihre Hand fühlte dünne Baumwolle, es war wohl eines der leichten Hemden, die sie bei Hitze daheim zu tragen pflegte. Also hätte man den Leichnam nicht unbekleidet vorgefunden, wenn sie gestorben wäre. Wer hätte sie eigentlich gefunden? Sicher nicht so bald jemand, denn keinem Menschen wäre sie zunächst abgegangen. Wenn man alt und familiär nicht eingebunden ist, wenn man alleine lebt und bislang den Eindruck machte, es funktioniere klaglos, ohne irgendwelche Scherereien für andere, eine ordentliche Wohnung, keine sichtbaren körperlichen Gebrechen, vernünftiges Grüßen und Gespräch möglich, dann schert sich keiner um einen. Vielleicht wäre es den Nachbarn irgendwann doch aufgefallen, daß man sie schon lang nicht mehr gesehen hätte, im Haus oder auf der Gasse. Aber man sah sie ja normalerweise auch nicht oft, höchstens durch Zufall manchmal am Gang oder vor der Wohnungstür. Das hätte Tage gedauert, bis man sie tot aufgefunden hätte. Nur Maloud. Maloud hätte sich schnell gewundert, wäre schnell beunruhigt gewesen, sie am Handy nicht zu erreichen. Aber trotzdem wäre auch bei ihm viel Zeit vergangen, bis er jemanden zu ihr in die Wohnung hätte schicken können, so etwas ist nicht so leicht von einem anderen Kontinent aus zu organisieren. Und sie hatten außerdem nie besprochen, wen er in so einem Fall kontaktieren solle, ein Fehler. Eine neuerliche Sturmböe warf sich gegen das offene Fenster und ließ es wild schlagen, Ausläufer wehten bis zum Fußboden herab. Henriette fühlte den warmen Wind über ihren Körper streichen. Ich sollte nicht über Tod und Verwesung nachdenken, schalt sie sich, schließlich lebe ich noch und sollte unbedingt aufstehen, bevor alle Fensterscheiben zu Bruch gehen. Warum nur fürchte ich mich davor, den Kopf zu heben. Los. Grell zuckte ein Blitz auf, erleuchtete kurz das Zimmer, und gleich darauf krachte in großer Nähe ein gewaltiger Donnerschlag herab, der das Haus leicht erzittern ließ. Erschrocken hob Henriette jetzt den Kopf, aber nichts geschah. Weder fiel sie nochmals in Ohnmacht, noch verstärkte sich der Schmerz. Also richtete sie sich weiter auf. In sitzender Stellung konnte sie sehen, wie es draußen zu regnen begann. Vorerst waren es nur einige harte Tropfen, die auf das Fensterbrett schlugen, aber in Windeseile wurde daraus ein wild herabprasselnder Gewitterregen. Da rappelte Henriette sich hoch. Es gelang ihr, indem sie vorerst auf allen vieren zum Bett kroch, sich dort mit einiger Mühe abstützte, und schließlich aufstand. Alle Knochen taten ihr weh, aber daran war sie gewöhnt. Sie taumelte vorwärts, erfaßte die im Sturm schwingenden Fensterflügel, und es gelang ihr, das Fenster zu schließen. Danach glitt sie wieder zu Boden. Über ihr, hinter dem jetzt geschlossenen Fenster, tobte der Gewitterregen weiter, auch Hagelkörner knallten gegen die Scheiben. Durchnäßt, mit geschlossenen Augen und in unsäglicher Erschöpfung blieb Henriette sitzen, unterhalb des Fensters gegen die Wand gelehnt, ihr war egal, wie lange noch. Sie saß da und lauschte. Schon als Kind hatte sie Gewitter mehr geliebt als gefürchtet. Sie hatte alles geliebt, was die Natur ihr bot, auch so ein Sommergewitter wie dieses heute Nacht. Vielleicht wurde ich deshalb bewußtlos, dachte Henriette, weil das Gewitter sich atmosphärisch angekündigt hat, vielleicht fiel ich deshalb um. Oder ist es einfach nur mein alter Körper, der langsam aufgibt. Es läutete an der Tür. Mehrmals. Was soll das, dachte Henriette, meine Klingel ist doch laut genug, um auch bei Gewitter nicht überhört zu werden. Sie öffnete die Augen und sah vor sich hin. Wer meinte da, sie mitten in der Nacht und bei Blitz und Donner aus dem Schlaf wecken zu müssen. Nie läutete jemand bei ihr, höchstens ab und zu der Briefträger, für eine Unterschrift, wenn Maloud ihr ein Päckchen schickte. Und jetzt plötzlich dieses Geklingel. Einfach nicht melden, dachte Henriette, sicher ist es ein Versehen. Aber die Klingel schrillte weiter. »Mist«, brummte Henriette. Dann kroch sie quer durch das Zimmer, richtete sich in der Nähe des Lichtschalters auf und drehte die Deckenlampe an. Das Licht fiel auf den Korridor hinaus, an dessen Wänden sie sich abstützte, während sie zur Wohnungstür schwankte. Ich bin noch nicht ganz in Ordnung, dachte sie, vielleicht war das vorhin wirklich was Ernsteres, mir schwindelt, als wäre ich seekrank. Als Henriette öffnete, stand die junge Frau aus der Nachbarwohnung hoch aufgerichtet vor ihr. Sie war barfuß, trug ein geblümtes Nachthemd, und die langen Haare hingen ihr in Strähnen über die Schultern. Sie sah aus wie jemand, den man aus dem Schlaf gerissen hatte. »Was ist denn mit Ihrem Fenster los?« rief sie, »es...