E-Book, Deutsch, 140 Seiten
ISBN: 978-3-96799-361-5
Verlag: Karina Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mitglied bei der Autorengruppe Karina Verlag Wien.
Autoren/Hrsg.
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Am anderen Morgen
Marina hat schlecht geschlafen. Vielleicht verdankt sie die grässlichen Albträume dem Festessen zu ihrem zehnten Hochzeitstag am Abend zuvor, zu dem Friedrich sie in ein exklusives Lokal eingeladen und ihr die ganze Zeit über liebevoll den Hof gemacht hatte. Vielleicht ist aber auch das Wetter daran schuld. In letzter Zeit spürt sie dessen Auswirkungen immer deutlicher und beginnt, sich vor dieser Entwicklung zu fürchten. Früher hatte sie es belächelt, wenn ältere Damen baten, die Tür zu schließen und doch bitte auf ihre Knochen Rücksicht zu nehmen, welche Zugluft überhaupt nicht mehr vertrügen. Und heute …? Sollte es schon so weit gekommen sein, dass sie die unangenehmen Auswirkungen ihres fortgeschrittenen Alters zu spüren bekommt? Sie ist doch erst Anfang fünfzig! Ein kleiner Seufzer entfährt ihr und wird sogleich durch das entschlossene Zurückschlagen der Bettdecke in seine Schranken gewiesen. Sie schwingt ihre Beine aus dem Bett und lässt den übrigen Körper energisch folgen. Noch während sie in die Pantoffeln schlüpft, riskiert sie einen verhaltenen Blick zurück auf das Lager. Friedrich schläft tief und fest, gibt gelegentlich grunzende Laute von sich und lässt beim Ausatmen eine Haarsträhne flattern, die sich über sein Gesicht geschlichen hat. Nein, sie hat ihn durch ihr abruptes Aufspringen nicht geweckt, er wird wie gewöhnlich noch ein gutes Stündchen weiterschlafen, wenn sie ihn denn lässt. Nach nunmehr zehn Ehejahren weiß sie das nur zu gut. Im Bad ist es schön warm. Sie lässt das Nachthemd fallen und reckt sich genießerisch. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel lässt sie erschauern. Das Gesicht darin erscheint ihr kaum wie ihr eigenes, zerknautscht, missmutig, seltsam fremd, entzaubert. Enttäuscht stöhnt sie auf. »Heute ist ein guter Tag.« Sie fährt herum, reißt ein Handtuch vom Haken und versucht, ihre Blöße zu bedecken. Da ist niemand. Sie prüft die Verriegelung der Tür: abgeschlossen. Woher kommt die Stimme? Und wem, zum Teufel, gehört sie? Sie schlägt das Badetuch um den Leib und setzt sich, mit dem Rücken gegen die Wand, die Knie fest geschlossen, ratlos auf den Hocker. Sich wieder zu entblößen und die Dusche zu betreten, wagt sie nicht, solange die Quelle der Stimme nicht entdeckt ist. Ihre Augen durchsuchen den Raum: das kleine Fenster mit dem noch geschlossenen blickdichten Vorhang, Wanne, Duschkabine, das Schränkchen mit den Handtüchern, Bidet und Toilette. Nichts, der gut überschaubare Raum ist leer. Ach ja, den Wäschekorb neben sich hat sie übersehen! Sie wagt es, den Deckel vorsichtig anzuheben: Bis auf eins ihrer Höschen und Friedrichs Paar Socken vom Vortag ist auch er leer. Sie hat ja gerade erst gewaschen. »Hast du verstanden? Es ist ein guter Tag heute, du musst dich beeilen.« Es schnürt ihr die Kehle zu. »Wer spricht? Ich kann Sie nicht sehen! Wie sind Sie hier hereingekommen und was wollen Sie von mir?« Über den Kloß in ihrem Hals presst sie die Fragen hervor. Keine Antwort. Woher kennt sie nur die Stimme? Und warum wird sie von ihr eigentlich geduzt? Ach, hätte sie doch in dieser Situation ein Mobiltelefon zur Hand! Aber Friedrich hatte immer abgewinkt: Solchen Firlefanz brauchen wir nicht; und außerdem sind die Funkstrahlen ungesund. Der hat gut reden, er schläft tief und fest nebenan, während sie womöglich ihrem Vergewaltiger gegenübersteht. Wenn ich hier heil herauskomme, werde ich Friedrich zur Rede stellen, denkt sie, und wehe, er weigert sich noch länger! Man braucht einfach auf jeder Ebene des Hauses ein mobiles Telefon, am besten in jedem Zimmer eins. Seine Sparsamkeit ist geradezu abartig! An sie und ihre Bedürfnisse hat er ohnehin noch nie einen Gedanken verschwendet, dieser Egomane. Wie anders ließe sich sonst erklären, dass sie ihre eigenen Wünsche und kleine Begierden immer wieder zu zügeln bereit ist, während er sich jeden noch so banalen Wunsch umgehend erfüllt: die neue Schlagbohrmaschine, mit der er eigentlich kleine Reparaturen im Haus selbst erledigen wollte, das Wohnmobil, mit dem sie seit Jahren durch die Gegend touren, obwohl sie ein angenehmes Hotel bevorzugen würde, die Fahrräder, damit sie das Auto auch einmal stehen lassen können … Ach, es gibt so vieles, das er sich gönnt; aber ihr verweigert er ein simples Mobiltelefon – und das ausgerechnet, wenn sie es am dringendsten braucht! Der Groll in ihr wächst mit jedem angstvollen Wimpernschlag. Ist denn nicht eigentlich er schuld an ihrer Lage? Hat denn nicht er sie erst in diese Situation gebracht? Dieser verdammte Mistkerl, dieser Ignorant, der ihre wahnsinnige Angst nun noch nicht einmal mitbekommt, sondern selig draußen in seinem Bett noch schlummert. Sie hasst ihn dafür. Doch diesmal wird sie sich rächen, bitter rächen! Inge hat ja schon immer gesagt: Lass die Finger von dem, der tut dir nicht gut. Allerdings hat sie das für eine Reaktion auf ihre Stoßseufzer nach gelegentlichen Auseinandersetzungen mit Friedrich gehalten, so wie man eben der Freundin in Krisenzeiten Mut zuzusprechen versucht. Schließlich hat sie Inge oft genug mit dem Aufschrei empfangen: »Irgendwann bringe ich ihn noch einmal um!« Warum nur hat sie Inges Warnung ignoriert? Der Blick bleibt am Gesicht im Spiegel über dem Waschtisch hängen und ihr schaudert. »Das bist doch nicht mehr du; sieh nur, was aus dir geworden ist, was er aus dir gemacht hat!« Wenn diese Stimme doch endlich schweigen würde, verdammt! Marina taumelt zurück an die Wand und kriecht noch tiefer in ihr Handtuch hinein. Unvermittelt erinnert sie sich, dass sie diese Stimme schon früher gehört hat, aber das muss sehr lange zurückliegen. Ja doch, es stimmt. Kein Wunder, dass sie ihr so bekannt vorkommt. Sie versucht, ihre Erinnerungen zu ordnen. Diese Stimme war es, derentwegen Werner sie damals verlassen hat. Und sie hatte mit ihm ohne Trauschein länger zusammengelebt als jetzt mit Friedrich. Werner hatte damals ihre Weigerung, sich in einer Fachklinik behandeln zu lassen, einfach nicht länger hinnehmen wollen. Vielleicht hatte er sie auch deshalb niemals gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. Sie war daran zerbrochen. War sie wirklich solch ein Ungetüm, war sie krank? Fast zwei Jahre hatte sie in der Klinik verbringen müssen, bis man sie wieder soweit stabilisiert hatte, dass sie es unter den Leuten aushielt und sich nicht ständig verstecken wollte. Damals hätte sie Werner am liebsten umgebracht. Sollte es nun wieder so weit sein, dass sie Stimmen hörte? Hatte Friedrich sie deshalb beim Essen gestern Abend so merkwürdig, fast fremd angeschaut und das Gespräch über ihre gemeinsame Zukunft so distanziert geführt? Wollte er ihr etwa zu verstehen geben, dass sie dem Abgrund einen großen Schritt nähergekommen war? Ist sie wieder unberechenbar geworden, unzumutbar für jedermann um sie herum? Ist sie schon wieder ein Fall für den Psychiater? Die Welt droht unterzugehen. In diesem Augenblick ist ihr das völlig gleichgültig. Ihre Schläfen dröhnen, der Puls hämmert. »Siehst du, nun hast du mich verstanden. Worauf wartest du also? Zehn Jahre sind genug. Du hast viel zu lange unter ihm gelitten, mach ein Ende!« Plötzlich ist sie sich ganz sicher. Ihr Körper entspannt sich, alle Angst fällt von ihr ab und eine tiefe Befriedigung ergreift sie: Zehnmal würde sie zustechen – ja, das hatte er verdient – zehnmal, einmal für jedes lange und schmerzliche Jahr. Mit der längst gewohnten Handbewegung schaltet sie das kleine Transistorradio ein, mit dem sie beim Baden zur Entspannung üblicherweise einen Klassiksender hört. Die Philharmoniker spielen Verdis Requiem, wie passend. Eine kleine Weile lauscht sie der Musik, ehe sie entspannt und ohne das Nachthemd wieder überzustreifen, in die Küche geht. Aus dem Messerblock nimmt sie das große Fleischmesser, umschließt den Schaft mit aller Kraft und wirft seiner scharfen Spitze einen liebevollen Blick zu. »Nun mach schon, zögere nicht länger! Er wacht sonst auf, bevor du es getan hast.« Sie muss lächeln, als sie das Schlafzimmer betritt. Wie friedlich er schläft! Jeden Morgen sieht sie ihn so, scheinbar unschuldig, entspannt, wehrlos; nur selten wacht er einmal vor ihr auf. Allmählich an Intensität gewinnend dringt die aufgehende Sonne durch einen Schlitz in der Verdunkelung und malt eine blutrote Spur an die gegenüberliegende Wand. Ein herrliches Rot, beruhigend, warm und dunkel. Vorsichtig setzt sie sich auf den Bettrand, um ihren Mann nicht versehentlich zu wecken. Friedrich schläft tief, bläst beim Atmen die Backen auf und entlässt die Luft beim Ausatmen mit einem heftigen »Pfffh!« Sein nackter linker Arm ragt etwas über die Bettkante hinaus, die Hand hängt schlaff herab. Als sie unwillkürlich sanft darüberstreicht, richten sich auf ihr die dunklen Haare auf. Schmunzelnd erinnert sie sich, dass er, seit sie ihn kennt, bei beginnender Erregung oft mit einem Niesen reagiert, was ihm immer äußerst peinlich ist. Sie hat diesen Zusammenhang längst durchschaut und oft genug für ihre Zwecke eingesetzt. Nach zehn Ehejahren kennt man einander schließlich gut genug, erahnt Gedanken und Reaktionen des Partners und verfügt über funktionierende Instrumente der Manipulation. Es müsse daran liegen, dass er dabei stets Gänsehaut bekomme und dann auch die Haare in der Nase sich aufrichteten und derart kitzelten, dass Niesen unvermeidlich sei, hatte er ihr vor kurzem erklärt. Ihre Hand gleitet unter die Bettdecke, berührt seinen nackten Schenkel und tastet sich an ihm aufwärts. Friedrich niest dreimal heftig, öffnet die Augen und grinst: »Guten Morgen, Liebes! Was machst du da?«...