Erinnerungen an eine Stadt
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-446-25229-5
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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1
Ein zweiter Orhan
Als Kind wurde ich lange den Gedanken nicht los, irgendwo in Istanbul, in einem Haus wie dem unseren, müsse noch ein zweiter Orhan leben, ein Ebenbild von mir, ein Zwilling, ein zweites Selbst. Wann und wie mich diese Vorstellung zum erstenmal überkam, das weiß ich nicht mehr. Sie hat sich wohl allmählich in mir festgesetzt, durch Spiele, Ängste, Mißverständnisse und Zufälle. Um zu verdeutlichen, was damals in mir vorging, möchte ich einen der ersten Momente schildern, in denen jener Gedanke mir klar vor Augen stand. Als ich fünf war, kam ich für eine Zeitlang zu einer anderen Familie. Bei meinen Eltern war es nach Streit und Trennung einmal wieder zu einer Versöhnung gekommen, allerdings in Paris, und mein großer Bruder und ich waren inzwischen getrennt untergebracht. Während mein Bruder im »Pamuk Apartmani«, dem mehrstöckigen Wohnhaus unserer Familie im Stadtviertel Ni?anta?i, unter der Obhut meiner Großmutter blieb, schickte man mich zu einer Tante in den Stadtteil Cihangir. In deren Haus, in dem ich stets freundlich aufgenommen wurde, hing in einem weißen Rahmen ein kleines Kinderfoto, und immer wieder mal zeigte meine Tante oder mein Onkel darauf und sagte lächelnd zu mir: »Schau, das bist du!« Irgendwie ähnlich sah mir der drollige Junge auf dem Foto schon, und er trug auch so eine Mütze, wie ich selbst sie oft aufhatte. Dennoch wußte ich, daß das nicht wirklich ein Foto von mir war. (Es handelte sich wohl um ein kitschiges europäisches Kalenderfoto.) War vielleicht das jener zweite Orhan, der in einer anderen Wohnung lebte und mir nicht aus dem Kopf ging? Aber nun war ich ja selbst in einer anderen Wohnung, und das war quasi die Voraussetzung gewesen, um den anderen Orhan zu treffen. Mir war jedoch diese Begegnung gar nicht recht, ich wollte zurück in mein eigentliches Zuhause, in das Pamuk Apartmani. Wenn mir gesagt wurde, der Junge auf dem Foto sei ich, geriet mir alles ein wenig durcheinander, mein eigenes Foto und das des Jungen, ich selbst und mein Ebenbild, dazu noch meine Visionen von einer anderen Wohnung, und dann wollte ich nur noch zu Hause sein, im trauten Kreis unserer großen Familie. Dieser Wunsch ging in Erfüllung, denn bald darauf wurde ich ins Pamuk Apartmani zurückgeholt. Die faszinierende Vorstellung von dem zweiten Orhan ließ mich jedoch nicht los, sondern spukte mir die ganze Kindheit und Jugend über im Kopf herum. Wenn ich an Winterabenden in den Straßen Istanbuls an Häusern vorbeikam, aus denen warmes gelbes Licht schien, und ich mir vorstellte, was die Menschen dort drinnen wohl für ein glückliches, behagliches Leben führten, und wenn ich versuchte, davon auch einen Blick zu erhaschen, dann durchfuhr mich der Gedanke, es lebe dort der zweite Orhan. Mit fortschreitendem Alter wurde mir diese Vorstellung zum immer reicheren Phantasiegebilde und ging in meine Träume ein. Dort traf ich in immer wieder anderen Häusern mit Orhan zusammen und wachte manchmal schreiend aus Alpträumen auf, in denen er und ich uns lange stumm und eiskalt angeblickt hatten. Dann klammerte ich mich im Halbschlaf noch fester an mein Kopfkissen, mein Haus, meine Straße. Wenn ich mich unglücklich fühlte, stellte ich mir gerne vor, daß ich in ein anderes Haus, ein anderes Leben gehen würde, eben dorthin, wo jener Orhan wohnte, und dann freundete ich mich mit dem Gedanken an, ich selbst sei dieser Orhan, und weidete mich an seinem Glück. Das richtete mich so sehr auf, daß ein tatsächlicher Ortswechsel gar nicht mehr nötig war. Seit meiner Geburt bin ich den Wohnungen, den Straßen und den Vierteln, in denen ich gelebt habe, stets treu geblieben. Daß ich trotz mehrerer Umzüge innerhalb Istanbuls nach fünfzig Jahren heute wieder im Pamuk Apartmani wohne, wo einst meine Mutter mich auf den Arm nahm und mir zum erstenmal die Welt zeigte und auch die ersten Fotos von mir gemacht wurden, hat gewiß auch mit der tröstlichen Vorstellung von jenem zweiten Orhan zu tun. In einer migrationsfreudigen Zeit, die Mobilität als Zeichen von Dynamik ansieht, fünfzig Jahre lang in der gleichen Stadt zu wohnen, ja sogar ins gleiche Haus zurückzukehren, ist so untypisch für Istanbul, wie es typisch für mich ist. »Geh doch mal raus, fahr irgendwohin, mach eine Reise«, so lauteten die Standardseufzer meiner Mutter. Es gibt Schriftsteller wie Joseph Conrad, Nabokov oder Naipaul, die den Wechsel in andere Sprachen, Völker, Länder, Kontinente, ja Zivilisationen erfolgreich bewältigt haben. So wie sie aus Exil und Emigration eine Stärkung ihrer schöpferischen Identität bezogen, so hat es mein eigenes Selbstverständnis geprägt, über die Jahre hinweg auf das gleiche Haus, die gleiche Straße, den gleichen Ausblick, die gleiche Stadt fixiert zu sein. Als Flaubert hundertzwei Jahre vor meiner Geburt nach Istanbul kam, war er von dem Menschengewoge und dem ganz eigenen Gepräge der Stadt so beeindruckt, daß er in einem Brief die Vermutung äußerte, Konstantinopel werde in hundert Jahren die Hauptstadt der Welt sein. Nun, durch den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches ist so ziemlich das Gegenteil von dem eingetreten, was Flaubert vorausgesagt hatte. Als ich auf die Welt kam, war Istanbul so heruntergekommen, geschwächt und isoliert wie nie zuvor in seiner zweitausendjährigen Geschichte. Seit ich denken kann, ist die Stadt von Armut gekennzeichnet, von Untröstlichkeit über den Verfall des Reiches, von der Melancholie, die von den Überresten aus großer Zeit ausgeht. So bin ich seit jeher damit beschäftigt, diese Melancholie zu bekämpfen oder mich dann doch, wie alle Istanbuler, ihr endlich hinzugeben. Wer sich auch nur einigermaßen mit Sinnfragen beschäftigt, der wird wenigstens einmal im Leben darüber nachdenken, warum er gerade in diese Zeit und diesen Ort hineingeboren ist. Sind wir gut genug weggekommen mit dieser Familie, dieser Stadt, diesem Land, die uns quasi per Los zugefallen sind und die wir nun lieben sollen (was uns schließlich auch gelingt)? Daß ich in einem Istanbul geboren wurde, das unter der Asche und den Trümmern eines zerfallenen Reiches arm und schwermütig vor sich hin altert und verblaßt, empfinde ich manchmal als Pech. (Eine innere Stimme sagt mir aber, daß es eigentlich ein Segen ist.) Was das Materielle angeht, kann ich von Glück reden, in eine wohlhabende Familie geraten zu sein (doch habe ich auch damit schon gehadert). Meist aber ist mir klar, daß meine Geburts- und Lebensstadt Istanbul mir unentrinnbares Schicksal ist, so wie ich mir auch mit Erfolg einrede, daß ich mich über meinen Körper nicht beklagen darf (obwohl ich ruhig ein bißchen besser aussehend und kräftiger gebaut sein könnte) oder über mein Geschlecht (ob ich als Frau wohl weniger Probleme mit der Sexualität hätte?). Von Istanbul als meinem Schicksal handelt nun dieses Buch. Ich bin am 7. Juni 1952 kurz nach Mitternacht in einer kleinen Privatklinik im Stadtteil Moda zur Welt gekommen. Es war eine ruhige Nacht, in den Gängen der Klinik ebenso wie im Rest der Welt. Abgesehen von der Aktivität des Stromboli, der zwei Tage zuvor plötzlich angefangen hatte, Feuer zu speien, tat sich auf unserem Planeten nichts Erschütterndes. In den Zeitungen war von unseren Soldaten die Rede, die im Koreakrieg kämpften, und von amerikanischen Gerüchten, laut denen die Nordkoreaner den Einsatz von biologischen Waffen planten. Wie die meisten Istanbuler las aber meine Mutter in den Stunden vor meiner Geburt vor allem Nachrichten über »unsere Stadt«, und ganz besonders aufmerksam die folgende: Ein Textilhändler identifizierte die Leiche eines vorbestraften Einbrechers und erkannte darin den Mann, der im Vorjahr am hellichten Tag seinen Laden in Harbiye überfallen und ausgeraubt hatte. Der Einbrecher hatte in der Nacht zuvor versucht, mit einer furchterregenden Maske durch das Toilettenfenster in ein Haus in Langa einzubrechen, war ertappt und von Nachtwächtern und den »tapferen« Bewohnern eines Studentenwohnheims verfolgt und schließlich in einem Holzlager in die Enge getrieben worden, wo er seine Verfolger noch wüst beschimpft und dann Selbstmord begangen hatte. Meine Mutter las diese Nachrichten im Krankenhaus allein, denn wie sie mir Jahre später gekränkt berichtete, war meinem Vater das Warten zu lang geworden, so daß er die Klinik verlassen und sich mit Freunden getroffen hatte. Im Entbindungssaal leistete ihr dann nur ihre Schwester Beistand, die es spätabends lediglich dadurch in die Klinik schaffte, daß sie kurzerhand über die Gartenmauer kletterte. Als meine Mutter mich zum erstenmal sah, fand sie mich sogleich zarter und schmächtiger als meinen zwei Jahre älteren Bruder. Es gibt im Türkischen eine von mir sehr geschätzte spezielle Vergangenheitsform für alles, was in Träumen und Märchen geschieht oder wir nicht direkt miterlebt haben, und im Grunde genommen ist das auch das geeignete Tempus, um alles wiederzugeben, was wir in der Wiege erleben, im Kinderwagen oder bei unseren ersten wackeligen Schritten. Unsere ersten Lebenserfahrungen werden uns ja später von unseren Eltern vermittelt, und wir hören dann gerührt die Geschichte unserer Gehversuche und unseres ersten Gestammels, als sei gar nicht von uns selbst die Rede. Dieses süße Gefühl, das in etwa dem Vergnügen ähnelt, im Traum sich selbst zu sehen, wird mit der Zeit aber eher zu einem Handicap, das wir unser Leben lang nicht mehr loswerden: Wir gewöhnen uns nämlich daran, alles Erlebte – und selbst die höchsten Genüsse – danach zu bewerten, wie andere es sehen. Genau wie unsere ersten »Erinnerungen« aus der Babyzeit, die wir von anderen so oft erzählt bekommen, bis sie ganz zu unseren eigenen...