Pamuk | Das schwarze Buch | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Pamuk Das schwarze Buch

Roman

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-446-25232-5
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Mann auf der Suche nach der geliebten, grundlos verschwundenen Frau. Auch ihr Halbbruder ist unauffindbar, dessen Zeitungskolumnen erscheinen jedoch weiterhin. Ein geheimnisvoller Hinweis? Tagelang streift Galip, Orhan Pamuks Held, durch die schillernde Ober- und Unterwelt Istanbuls, begegnet Zuhältern, Derwischen, Betrügern. Pamuks Roman und Kriminalgeschichte ist wie die Stadt am Bosporus voller Labyrinthe, alles wird symbolisch. Suchend ergründet Galip die Mysterien der Stadt und der eigenen Vergangenheit. 'Die Stadt Istanbul hat ihren Meister gefunden, wie einst Dublin in James Joyce, Prag in Franz Kafka.' STUTTGARTER ZEITUNG
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ERSTES
Als Galip Rüya zum erstenmal sah
Verwendet kein Epigraph, denn es tötet das im Text verborgene Geheimnis! Adli Stirbt es auf diese Weise, dann töte das Geheimnis, töte den falschen Propheten, der geheimes Wissen feilbietet. Bahti Rüya schlief, bäuchlings ausgestreckt, in der mollig-warmen Dunkelheit unter den Schattentälern und indigoweichen Hügeln des blaugewürfelten Steppdeckenreliefs, welches das Bett von oben bis unten überzog. Von draußen drangen die ersten Laute des Wintermorgens herein: einzeln vorbeifahrende Autos und alte Busse, vom Gehsteig her das dumpfe Klingen der Kupferkannen des Salepverkäufers, der sein heißes Getränk gemeinsam mit dem Pastetenhändler anbot, und die Trillerpfeife des Platzanweisers an der Dolmusstation. Das Winterlicht, vom Dunkelblau der Vorhänge entfärbt, sickerte fahlgrau ins Zimmer. Noch schlaftrunken betrachtete Galip neben sich den Kopf seiner Frau, den die Steppdeckenkante freiließ. Rüyas Kinn war in den Federn des Kopfkissens vergraben. Etwas Unwirkliches umspielte die Neigungslinie der Stirn, man wurde ängstlich und zugleich neugierig auf die wunderbaren Dinge, die sich gerade jetzt in dem Gehirn dahinter abspielten. »Das Gedächtnis«, hatte Celâl in einer seiner Kolumnen gesagt, »ist ein Garten.« »Rüyas Garten, Rüyas Gärten …« war es Galip damals durch den Kopf gegangen, »nicht an sie denken, nicht daran denken, sonst wirst du eifersüchtig!« Doch Galip betrachtete die Stirn seiner Frau und dachte nach. Er wollte jetzt durch Rüyas fest verschlossene Gärten streifen, in der friedlichen Versunkenheit ihres Schlafes, wollte unter Weiden, Akazien und Kletterrosen in der Sonne wandern. Angefangen von den Gesichtern, die ihm dort begegneten, beschämt und ängstlich: »Ach, du bist auch hier? Guten Tag!«, bis zu den unbequemen, bewußt erwarteten Erinnerungen, aber auch dem unvermuteten Anblick von Männerschatten, schmerzlich interessiert: »Verzeihung, mein Lieber, wo sind Sie meiner Frau begegnet, wo haben Sie sich kennengelernt?« »Vor drei Jahren bei Ihnen zu Hause; auf den Seiten einer Modezeitschrift, in Alaaddins Laden gekauft; in der von Ihnen gemeinsam besuchten Mittelschule; im Eingang des Kinos, das Sie beide Hand in Hand betreten haben …« Doch nein, vielleicht waren Rüyas Gedankengänge nicht so gedrängt voll, nicht so grausam, vielleicht auch befanden sich Rüya und Galip gerade in dem einzigen von einem Sonnenstrahl erhellten Winkel dieses dunklen Gedächtnisgartens auf einer Bootsfahrt. Sechs Monate nach der Ankunft von Rüyas Familie in Istanbul waren sie beide, Galip und Rüya, an Mumps erkrankt. Damals hatten manchmal seine, manchmal ihre Mutter, die schöne Schwägerin Suzan, oder auch beide Mütter gemeinsam die Kinder an der Hand genommen und mit ihnen nach einer Busfahrt über das holprige Kopfsteinpflaster in Bebek oder Tarabya ein Boot bestiegen. Mikroben waren in jenen Jahren berühmt, nicht die Medikamente, und man glaubte, ein Ausflug in der sauberen Luft auf dem Bosporus würde den mumpskranken Kindern guttun. Das Meer war ruhig gewesen in den Morgenstunden, der Kahn weiß und der Bootsmann stets von gleicher Freundlichkeit. Die Mütter und Schwägerinnen setzten sich dann ins Heck des Bootes, Galip und Rüya, von dem sich auf- und abwiegenden Rücken des Ruderers verdeckt, nebeneinander auf den Bug. Unter den vom Bootsrand baumelnden, einander so ähnlichen Füßen und schmalen Fesseln floß das Meer träge dahin, glitten Algen, regenbogenfarbene Ölflecken, kleine, fast durchscheinende Kiesel und noch leserliche Fetzen von Zeitungen vorbei, auf denen – schau mal, wer weiß?! – vielleicht einer von Celâls Artikeln stand. Als Galip sechs Monate vor dem Mumps Rüya zum erstenmal begegnete, saß er zum Haareschneiden auf einem Hocker, den man auf den Eßtisch gestellt hatte. Der Barbier, ein großer Mann mit Douglas-Fairbanks-Bärtchen, kam damals fünf Tage die Woche ins Haus, um den Großvater zu rasieren. Es war die Zeit, als vor dem Geschäft des Arabers und Alaaddins Laden lange Schlangen nach Kaffee anstanden, Nylonstrümpfe schwarz verkauft wurden, sichdie 56er Chevrolet-Modelle in Istanbul vermehrten, Galip das erste Schuljahr und gleichzeitig sehr aufmerksam die zweite Seite der Zeitung Milliyet zu lesen begann, auf der fünfmal die Woche unter dem Namen Selim Kaçmaz ein Aufsatz von Celâl erschien; doch war es nicht die Zeit, in der er Lesen und Schreiben lernte, das hatte ihm seine Großmutter schon zwei Jahre zuvor beigebracht. Sie saßen an einer Ecke des Eßtisches: Nachdem die Großmutter mit rasselnder Stimme die größte Hexerei enthüllt hatte, nämlich, wie sich Buchstaben zu Wörtern verschlingen, blies sie den Rauch ihrer ständig an der Lippe hängenden Bafra-Zigarette von sich, was die Augen des Enkels zum Tränen brachte und das übergroße Pferdebild in seinem ABC-Buch durch den blauen Dunst lebendig werden ließ. Das mächtige Tier, unter dem die Buchstaben A + T = AT geschrieben standen, war größer als die knochigen Gäule vor den Karren des Wasserhändlers und des schlitzohrigen Trödlers. Damals dachte Galip daran, über dem kräftigen ABC-Pferd eine Zaubertinktur auszugießen, wie man sie verwendet, um Bilder lebendig zu machen, später jedoch, als er in der Schule noch einmal nach dem gleichen ABC Lesen und Schreiben lernen mußte, weil man ihm nicht erlaubte, mit der zweiten Klasse zu beginnen, sollte er diesen Gedanken unsinnig finden. Wenn’s dem Großvater damals, wie versprochen, möglich gewesen wäre, diese Zaubertinktur in der granatapfelroten Flasche von draußen mitzubringen, dann hätte Galip gerne die Flüssigkeit über die Zeppeline aus dem Ersten Weltkrieg, über die alten, verstaubten Ausgaben der Illustration voller Kanonen und schlammbesudelter Leichen, über die Postkarten von Onkel Melih aus Paris und Marokko und über das von Vasif aus der Welt ausgeschnittene Zeitungsbild der Orang-Utan-Mutter mit ihrem Jungen an der Brust und über die merkwürdigen, aus Celâls Zeitungen stammenden Gesichter ausgegossen. Doch der Großvater ging auch nicht mehr fort, nicht einmal zum Friseur, er blieb den ganzen Tag zu Hause. Trotzdem war er so gekleidet, als ginge er ins Geschäft, wie früher an bestimmten Tagen: eine alte englische Jacke mit breitem Kragen, dunkelgrau wie seine sonntäglichen Bartstoppeln, eine verknautschte Hose, Manschettenknöpfe und ein, wie der Vater meinte, dünner, langer Beamtenschlips. Die Mutter aber sagte nicht: »Schlips«, sie sagte: »Krawatte«, weil ihre Familie früher einmal reicher gewesen war. Danach fingen die Eltern an, vom Großvater wie von einem der alten, anstrichbedürftigen Holzhäuser zu sprechen, die Tag um Tag eins nach dem anderen niedergerissen wurden, und wenn sie schließlich den Großvater vergaßen und ihr Gespräch lauter wurde, wandten sie sich Galip zu: »Los, geh nach oben zum Spielen!« »Soll ich mit dem Fahrstuhl nach oben fahren?« »Allein soll er den Aufzug nicht benutzen!« »Soll ich mit Vasif spielen?« »Nein, der ärgert sich!« Was jedoch nicht stimmte. Vasif war zwar taubstumm, aber wenn ich am Boden herumkroch, verstand er, daß ich mich nicht über ihn lustig machte, sondern »Geheimer Gang« spielte und das tiefste Dunkel des Wohnhauses, gleichsam das Ende der Höhle, unter den Betten hindurchgleitend erreichte und wie ein Soldat katzenhaft lautlos durch einen Tunnel bis zu den feindlichen Gräben vorstieß, doch die anderen wußten das nicht, außer Rüya, die später hinzukam. Manchmal blickten Vasif und ich lange Zeit gemeinsam aus dem Fenster auf den Schienenstrang der Straßenbahn. Vom Betonerker des Betonhauses reichte der Blick auf einer Fensterseite bis zu der Moschee, dem einen Ende der Welt, auf der anderen Seite bis zu dem Lyzeum, dem anderen Ende der Welt, und dazwischen befanden sich die Polizeistation, der riesige Kastanienbaum, die Straßenecke und Alaaddins florierender Laden. Wenn Vasif, während wir die ein- und ausgehenden Kunden beobachteten und uns gegenseitig die vorbeifahrenden Autos zeigten, plötzlich in Aufregung geriet und ein schauderhaftes Krächzen hören ließ, als würde er im Traum mit dem Teufel ringen, fuhr ich verstört zusammen. Ein wenig hinter uns saß der Großvater in dem Lehnstuhl mit einem zu kurzen Bein der Großmutter gegenüber, das Radio lief, beide rauchten wie die Schlote, und er sagte zu ihr: »Vasif hat wieder den Galip erschreckt!«, was sie nicht beachtete, und dann fragte er, weniger aus Neugier als aus Gewohnheit: »Na, wie viele Autos habt ihr denn nun gezählt?« Doch wenn ich über die Anzahl der Dodges, Packards, De Sotos und neuen Chevrolets Auskunft gab, hörten sie gar nicht hin. Die Großeltern unterhielten sich ständig, während aus dem Radio, auf dem friedvoll ein dichtbehaarter Nippeshund nichttürkischer Rasse ruhte, von morgens bis abends Musik alla turca und alla franca drang, dazu Nachrichten und Werbung für Banken, Eau de Cologne und die Staatslotterie. Wie über anhaltende Zahnschmerzen, die zur Gewohnheit werden, so klagten sie die meiste Zeit über die ständige Zigarette in der Hand, beschuldigten sich gegenseitig dafür, daß sie das Rauchen noch immer nicht lassen konnten, und wenn schließlich einer von ihnen einen Hustenanfall bekam, erklärte der andere zunächst fröhlich und siegesgewiß, später besorgt und zornig, wie sehr er doch recht habe. Gleich darauf aber geriet einer von beiden so richtig aus dem Häuschen: »Laß mich doch endlich in Ruhe! Ich habe doch nichts mehr vom Leben, außer dem Rauchen!« und fügte noch eine Zeitungsweisheit hinzu: »Soll gut sein für die Nerven!« Vielleicht...


Pamuk, Orhan
Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, studierte Architektur und Journalismus. Für seine Werke erhielt er u.a. 2003 den Impac-Preis, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis für Literatur. Bei Hanser erschienen zuletzt Der Koffer meines Vaters (2010), Cevdet und seine Söhne (Roman, 2011), Der naive und der sentimentalische Romancier (2012), der Katalog Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul (2012), Diese Fremdheit in mir (Roman, 2016), Die rothaarige Frau (Roman, 2017), Istanbul (Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt, 2018) und Die Nächte der Pest (Roman, 2022).


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