Erzählungen
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-95732-185-5
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chaim Noll wurde 1954 unter dem Namen Hans Noll in Ostberlin geboren. Sein Vater war der Schriftsteller Dieter Noll. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ostberlin, bevor er Anfang der 1980er Jahre den Wehrdienst in der DDR verweigerte und 1983 nach Westberlin ausreiste, wo er vor allem als Journalist arbeitete. 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be'er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland. Veröffentlichungen, u. a.: 'Der Abschied' (1985), 'Unheimliche Tage' (1987), 'Berliner Scharade' (1987), 'Der goldene Löffel' (1989, wieder Verbrecher Verlag 2009), 'Nachtgedanken über Deutschland' (1992), 'Taube und Stern. Roma Hebraica. Eine Spurensuche' (1994), 'Die Wüste lächelt' (2001), 'Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel' (mit Lea Fleischmann, 2006). Im Verbrecher Verlag erschienen die Romane 'Der Kitharaspieler' (2008), 'Feuer' (2010), 'Die Synagoge' (2014), der Erzählungsband 'Kolja. Geschichten aus Israel' (2012), der Lyrikband 'Kolibri und Kampfflugzeug' (2015) sowie seine Erinnerungen unter dem Titel 'Der Schmuggel über die Zeitgrenze'.
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Kein Geld
Drei halbkreisförmige Treppenstufen abwärts, ein paar Schritte über gelbe Blätter. Der Tag überraschend warm. Mitte Oktober, blau flimmernde Luft. Die Tage davor waren bewölkt und düster – ein Wetter, das er hasst. Die Erleichterung ist so groß, die Wärme so wunderbar, dass man sich ausziehen muss. An seinem rechten Arm hängt die Tasche, er zerrt erst den linken Arm aus der Jacke, nimmt die Tasche in die andere Hand, zieht die Jacke ganz aus. Eine Krähe, ein paar Meter vor ihm auf dem Straßenpflaster, wirft einen kurzen Blick auf ihn, sieht keinen Grund zu fliehen. Schritte auf einem Weg, den er auswendig kennt … Geh gerade, Konrad, hört er seine Großmutter sagen, und wie immer, wenn er seinen Namen hört oder geschrieben sieht, kommt es ihm vor, als könne es nicht wirklich sein Name sein. Am Supermarkt vorbei. Durch die Scheiben sieht er Gestalten im künstlichen Licht ihre Wagen schieben. Eine alte Frau mit Hund kommt ihm entgegen, in dieser Gegend sind immer alte Frauen mit Hunden unterwegs. »Charly!«, ruft eine dünne Stimme, als der Hund an seinem Hosenbein schnuppert, ein winziger Hund mit nasser Nase und silbrig braunem Fell, das ihm über Rücken und Augen fällt wie Kaskaden von Wasser. »Er tut dir nichts!«, sagt die alte Frau. Tut dir nichts. Sie hat ihn mit Du angeredet. Wie ein Kind. Er weiß, dass er älter wirken könnte, wenn er sich ruhiger bewegen würde, langsamer, lässiger. Oder vielleicht nicht das. Aber irgendwie anders, wie man sich eben heute bewegt. Er hat einen Freund, Sebastian, der sich bewegt und lächelt wie die Leute in Filmen, alles so macht, wie es sein muss, an dem alles sitzt und passt. Immer die richtigen Klamotten, die Musik, die man jetzt hört. Die Mädchen sind hinter Sebastian her, finden ihn »süß«. Er denkt an ihn, wenn er eine Tasse vom Tisch fegt, ohne zu wissen, wie es dazu kam, wenn er mitten im Schritt merkt, dass er mit hängendem Kopf über die Straße geht. Hinter dem Supermarkt beginnt ein gewundener Weg, mit hellem Sand bestreut. Erinnert an Strand und Meer. Der Weg führt durch einen Park, der gestern trostlos aussah, heute bezaubernd. Gelbe Blätter, sanft leuchtend. Er hat Lust, vom Weg mitten in diese Blätter zu springen, zu rennen, über den Rasen, auf dem ein goldener Schimmer liegt, letzter Hauch des Sommers. Ihm fällt ein, dass er nach Hause muss, die Tasche auspacken, Mathematikbuch aufschlagen, Kapitel über Quadratfunktionen. Die Mathematikarbeit morgen ist entscheidend für die Abschlusszensur. Er soll sich vorher ausschlafen, sagt sein Vater. Die Blätter auf dem Parkweg rascheln verlockend. Er stößt mit dem Fuß hinein, lässt sie wirbeln, übersieht einen Mann im gefährlichsten Alter, Hut, rosiges Rentnergesicht. Zusammenstoß. Sie stehen sich einen Atemzug lang gegenüber. Er sieht die Wangen des Mannes bibbern, sich aufplustern. Wartet nicht länger, schiebt sich an ihm vorbei, hört noch »Kannst du nicht aufpassen …«, sich entfernendes, halblautes Gezeter. Vor ihm der S-Bahnhof, gelber Klinker, grüne Blechdächer – wie ein kleines Schloss, eine Ritterburg. In der Kaiserzeit hat man so gebaut, sagt seine Großmutter. Sie ist in der Kaiserzeit geboren. Es war eine schöne Zeit, behauptet sie – in der Schule lernen sie was anderes. Dann lebte sie eine Weile im Ausland, weil in Deutschland Krieg war. An einem unverhofft schönen Tag denkt man rascher und leichter als sonst. Wenn er seine Oma besucht, trinkt er Kaffee mit ihr. Nach der zweiten Tasse kommen verrückte Einfälle, er schreibt etwas, was aussieht wie ein Gedicht. Zeigt es niemandem. Manchmal schreibt er gute Aufsätze. Der Sonnenschein des Oktobertags hat keine Kraft. Die Sonne, ein ferner Stern, sinkt langsam ab, ein schwacher Lichtstreif im Grün der Dächer des S-Bahnhofs. Auf dem Rondell vor dem Eingang parken Autos, bunt, staubig, gelbe Blätter auf Kühlerhauben. Er greift in die Hosentasche nach der Monatskarte. Die Karte ist in der hinteren Tasche oder in der linken. Ein Mädchen mit rotem Haar geht vorbei, rasch drückt er die Wirbelsäule durch, damit er so groß aussieht, wie er ist … Wenn nicht dort, dann in der Jacke. Er fühlt etwas wie Panik aufsteigen. Die Karte ist nicht in der inneren Jackentasche. Wo könnte sie sonst sein? Münzen für den Automaten … Keine Tasche klimpert, überall stiller Stoff. In der Hemdtasche ist ein Zwanzigmarkschein, ein Geschenk von Oma. Den wird er wechseln lassen und eine Fahrkarte kaufen. Der Wind hat gelbe Blätter bis auf die Fliesen der Bahnhofshalle geweht. Warten, bis jemand kommt. Die Leute bleiben nicht gern in einer leeren Bahnhofshalle stehen und zücken ihr Portemonnaie, aber er wird seine Lage erklären. Entschuldigen Sie, ich habe kein Kleingeld, können Sie mir diesen Schein wechseln? Wieso eigentlich: Entschuldigen Sie? Warum muss man sich ständig entschuldigen? Er tastet, gerät in Panik, weil es in der Brusttasche nicht knistert wie es müsste. Er knöpft sie auf, fährt mit der Hand rein. Leer. Das Geld ist nicht da. Natürlich nicht. Jetzt fällt es ihm ein. Der Schein ist in dem Hemd, das er gestern anhatte. Ganz sicher. Er erinnert sich, dass er das Hemd gestern Abend im Keller vor die Waschmaschine geworfen hat. Nicht so schlimm, wenn der Schein mitgewaschen wird, man hängt den Geldschein hinterher auf die Leine und bügelt ihn. Aber der Schein ist nicht da. Er steht hier, ohne ihn. Ohne Geld. Schwarzfahren. Erwischen sie mich, notieren sie meine Adresse und schicken einen Strafbescheid. Er ist schon mal beim Schwarzfahren erwischt worden, »im Wiederholungsfall«, hatte der Uniformierte gesagt, wird es der Schule gemeldet. Na und? Wäre trotzdem blöd. Schade um das Geld. Dann lieber gleich ein Taxi nehmen, ins Haus gehen, seine Mutter gibt dem Fahrer das Geld. Sie wird erschrecken wie immer, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht. Er ist noch nie mit dem Taxi von der Schule nach Hause gefahren. Am Abend muss er sich dann einen Vortrag anhören, über Geldverschwendung und »Jugendliche«, die »ihre sieben Sinne nicht beisammen haben«. Sein Vater hält gern Vorträge … Welcher Tag ist heute? Donnerstag. Er sieht die offene Garagentür wie jeden Donnerstag, die leere Garage. Die Mutter ist donnerstags immer bei irgendwelchen Freundinnen zum Tee. Das Licht der Bahnhofshalle verändert sich, eine Spur Schatten von dort, wo der Park golden ins Dunkel schimmert. Vor dem lichten Hintergrund nicht gleich zu erkennen, erscheint ein Mann. Nähert sich. Jetzt nicht groß überlegen, zwei entschlossene Schritte auf den Mann zu – der Mann weicht sofort zurück – und freundlich sagen: »Entschuldigen Sie, könnten Sie mir das Geld für eine Fahrkarte borgen? Ich gebe es Ihnen natürlich zurück.« Der Mann zögert im Schritt, sieht ihn über die Schulter an. »Ich gebe Ihnen meine Adresse. Eine Mark brauche ich, mehr nicht. Ich habe es eilig.« Das war dumm. »Ich auch«, sagt der Mann im Vorbeigehen, schon auf der Treppe. Konrad glaubt von hinten zu sehen, dass er sich über seine schlagfertige Antwort freut: »Ich auch«. Entschuldigen Sie – so kann man nicht anfangen. Hört sich ängstlich an, und wer Angst hat, ist irgendwie verdächtig. Siegessicher auftreten. Grinsen. Alles nur Spaß. Der Nächste, wieder ein Mann. »Können Sie mir eine Mark borgen? Ich habe mein Geld zu Hause vergessen. Ich gebe Ihnen meine Adresse …« Der sagt gar nichts, sieht ihn nicht mal an, geht weiter, gebügelte karierte Hosen, weinroter Pullover, Markenzeichen auf der linken Brust. Teures Rasierwasser. Verschwindet auf der Treppe, oben fährt donnernd der Zug ein, hält kurz, inzwischen der zweite, den Konrad halten und abfahren hört. Das Geräusch der zuschnappenden Türen, Rollen der Räder auf den Gleisen. Stille. So viel Theater um das bisschen Geld. Es ist ein Spiel. Unvorhergesehene Situationen sind dazu da, dass man aus ihnen lernt. Eine junge Frau. Er macht einen Schritt, sie gleich drei, entschwindet, ehe er sein »Ich brauche …« zu Ende gesprochen hat. Ihr Schritt auf der Treppe verrät eine Angst, die ihm schmeichelt. Vor einem kleinen Jungen läuft man nicht weg. Die Schritte auf der Treppe werden erst ruhiger, als sie oben Licht sieht, freien Himmel, den Bahnhofsvorsteher, trapp-trapp-trapp, in Sicherheit. Wie ist das eigentlich: Ist Betteln erlaubt? Hat jeder das Recht zu betteln? Oder braucht man dazu eine Genehmigung? Er ist kein richtiger Bettler. Er wird heute Abend am Tisch sitzen, viel essen, sein Appetit wird größer sein als sonst. Er wird in seinem Zimmer quadratische Gleichungen lösen, ab und zu lachen, wenn ihm das erschrockene Gesicht der jungen Frau einfällt. Die Formel »Ich brauche eine Mark« ist zu ruppig für Frauen. Den Siegessicheren wird er nur noch bei Männern geben. Bei Frauen besser die Frageform: »Könnten Sie mir vielleicht …« Frauen haben eher Mitleid als Männer. Ein Mann im Elend rührt sie. Er fährt sich mit der Hand ins Haar, wirft die Locken über der Stirn in die Höhe, steht kerzengerade. Ist nicht schmächtig, sondern schlank, nicht fehl am Platz, sondern interessant. Sebastian sieht hübsch aus, aber ich sehe gefährlich aus. Und gefährlich ist irgendwie besser. Nicht jeder Mann im Elend rührt Frauen, aber ein gefährlicher. Das ist ganz logisch. Wieder eine Frau. Eine ältere. Graue Kurzhaarfrisur, Rock, Windjacke, leichter Schritt. Hat...