Noll | Die Synagoge | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

Noll Die Synagoge

Roman

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

ISBN: 978-3-943167-92-4
Verlag: Verbrecher
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein kleiner Ort mitten in der israelischen Wüste während der zweiten Intifada - hier befinden sich das Grab eines berühmten Politikers, mehrere wissenschaftliche Institute für Solarenergie und Wüstenforschung, eine Highschool sowie eine Militärbasis. Die Menschen, die hier leben, sind überwiegend Akademiker oder Verwaltungsangestellte - Juden und Christen aus aller Welt, die ihre Häuser mit Hilfe von Arbeitskräften aus den Palästinensergebieten bauen oder die Traditionen der Beduinenstämme erforschen. Religion spielt in dem Leben der meisten von ihnen nur eine nachgeordnete Rolle. Im Zentrum des Romans steht die prachtvolle, doch meist leere Synagoge des Ortes. Nur einige wenige, wie die Deutschen Abi und Livia oder Paul, dessen Mutter vor Kurzem gestorben ist, suchen hier Halt und Trost. Anderen aus der Nachbarschaft ist die Synagoge eher ein Dorn im Auge, so auch Holly, einem radikalen Veganer und Wehrdienstverweigerer ...

Chaim Noll wurde 1954 in Ostberlin geboren. 1983 reiste er nach Westberlin aus, 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel. Veröffentlichungen, u.a.: 'Der Abschied' (1985), 'Berliner Scharade' (1987), 'Der goldene Löffel' (1989, wieder Verbrecher Verlag 2009), 'Nachtgedanken über Deutschland' (1992), 'Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel' (mit Lea Fleischmann, 2006). Im Verbrecher Verlag erschienen die Romane 'Der Kitharaspieler' (2008) und 'Feuer' (2010) sowie der Erzählungsband 'Kolja. Geschichten aus Israel' (2012).
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I.
Der Fremde
Der Fremde kam mit dem Bus aus Jerusalem und stieg aus, als er begriff, dass die Endstation erreicht war. Der Bus hielt seitlich neben offenen Läden, die Fahrgäste standen auf, griffen nach Rucksäcken und Maschinenpistolen, redeten durcheinander, lachten. Er wandte sich an den Busfahrer, der als Einziger sitzen blieb: »Beer Sheva?« Kurzes Kopfnicken. Der Mann sah nicht auf. Er zählte Geldscheine und sortierte sie nach Zwanzigern, Fünfzigern, Hundertern, die er bündelweise in eine blaue Plastiktüte stopfte. Zögernd stieg der Fremde die Stufen hinab, steif vom langen Sitzen. Die nächste Viertelstunde verbrachte er damit, über das heiße, schmutzige Pflaster des Busbahnhofs zu laufen und Unbekannten Fragen zu stellen. Eine alte Frau in Hosen, ärmelloser Bluse und klobigen Turnschuhen schüttelte, ohne ihn anzuhören, den Kopf und ging weiter. Auch andere schienen seine Frage nicht zu verstehen oder keine Antwort zu wissen. Ein hochgewachsener Soldat, ein Falafel in der Hand, wies kauend auf eine Gruppe, die sich an einem der eisernen Gitter versammelt hatte, wo eben ein grüner Bus hielt. Langsam, mit schmerzenden Knien, ging der Fremde hinüber zu den Wartenden und gesellte sich zu ihnen. Er nahm den schwarzen Borsalino vom Kopf und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Dann trank er aus einer kleinen Wasser­flasche und tupfte sich mit demselben Tuch den Mund ab. Seine blauen, hell bewimperten Augen blinzelten irritiert in das strahlende Licht der Vormittagssonne. Er mochte sechzig Jahre zählen oder mehr, war groß, knochig, leicht gebeugt, seine Haut blass. Auf seinem langen, bärtigen Schädel, dessen noch dichtes Haar vom Hanfgelben ins Graue spielte, saß eine schwarze Kipah. Auch seine Kleidung, bis auf das verschwitzte weiße Hemd, war schwarz, das Jackett, die Hosen und Socken, die derben, staubigen Schuhe. Er trug eine Reisetasche aus schwarzem Leder, einst elegant, inzwischen abgeschabt, das Leder wie verdorrt. Die langen Finger seiner Rechten tasteten in der äußeren Tasche nach einem Gegenstand und zogen ihn heraus, einen zerlesenen Sidur. Er blätterte darin, bis er gefunden hatte, was er suchte, dann begann er, im ­Stehen zu lesen, in einem Wispern, das nur er selbst verstehen konnte, doch mit sichtbar bewegten Lippen. Niemand achtete auf ihn. Der Busfahrer saß im geschlossenen Bus, der eben in die Box der Haltestelle eingefahren war, und tele­fonierte, wobei kein Ton nach draußen drang, doch die Art, wie er sich beim Reden aufpumpte und in großer Schnelligkeit Worte ausstieß, deutete auf ein lautes, erregtes Gespräch. Auch darauf achtete niemand. In Erwartung, dass sich demnächst die Tür neben dem Fahrer öffnen würde, schoben sich die Fahrgäste nahe an das grün glänzende Blech. Die meisten waren Soldaten, Mädchen und Jungen in der sandgelben Uniform der Luftwaffe oder der grünen der Bodentruppen. Sie schoben und drängelten sich unter Gelächter und Gerede an der Vordertür und der Gepäckklappe weiter hinten, im Bauch des Busses, vor der Taschen und Rucksäcke aufgehäuft lagen. Zwischen ihnen standen ältere Fahrgäste, dicke, Russisch sprechende Frauen mit unförmigen Taschen und Beuteln, in ihrer Gesellschaft mürrische Männer, die braun gebrannt waren wie fast jedermann hier und denen zugleich – eingelagert in der Tiefe ihres Fleisches – eine frühere Blässe, ein fernes, mit diesem Ort, der Sonne und Wärme unvereinbares Leben anzusehen war. Sie trugen amerikanische Baseballmützen, Jeans und andere betont jugendlich wirkende Kleidungsstücke, doch die Art, wie sie um sich blickten, mit einer zur Schau getragenen, mürrischen Selbstverständlichkeit, verriet ihre niemals endende Verwunderung darüber, hier zu sein. Die alten Frauen redeten fast pausenlos in ihrer weichen, gaumig fließenden, von kleinen Ausrufen und Trillern belebten Sprache, während die Männer nur gelegentlich knurrende Worte einwarfen. Der Fremde lehnte sich an das eiserne Geländer und stellte seine Tasche auf den Steinboden, der schwarz war von Schmutz. Hier und da leuchteten ein kürzlich zertretener Kaugummi oder ein Klecks Taubendreck aus dem schmierigen, vom Abrieb Tausender Turnschuhsohlen und Soldatenstiefel gum­mier­ten Dunkel. Plastikflaschen lagen herum, mit Resten bunter Getränke. Brot, verwesende Sandwiches in fettigem Papier, Packungen von Erdnüssen und Schokolade. An den Bänken, die zu den Pforten der Halteboxen führten, standen bedruckte Pappbecher von Starbucks und McDonald’s mit Neigen von Kaffee oder Cola. Vorn, an der Öffnung des Eisengitters zum Einsteigen in den Bus, zankten sich zerrupfte Tauben um ein Stück Pizza, das jemand weggeworfen hatte. All das musterte der Fremde mit unbestimmtem Lächeln, seine tief in den Höhlen liegenden, einst blauen, nun verblassten Altmänneraugen mieden jede Fixierung, jedes weitere Wahrnehmen unerfreulicher Details. Er wollte nichts Besonderes sehen oder erleben, nur den Bus wechseln auf seiner Fahrt in die Wüste, in die ödeste, am dünnsten besiedelte Gegend des Landes. Er hatte sich diese Fahrt lange vorgenommen, ohne genau zu wissen, warum. Gewiss, es war die ehrwürdigste aller Wüsten, die Wüste, durch die Gott sein Volk vierzig Jahre lang geführt, wo er es erprobt und versucht, in der Hitze gedörrt und hart gebrannt hatte, bis es imstande war, über den Jordan zu gehen und das ihm Versprochene zu nehmen. Zugleich war es ein vernachlässigter Verwaltungsbezirk im Süden des Landes, deutlich eine Kulturstufe unter Jerusalem und der Zentralregion, mit Bewohnern, die hart arbeiteten in Kibuzim, Siedlungen und Militärbasen, aber wenig Zeit, wenig Sinn dafür hatten, die einzigartige spirituelle Botschaft der sie umgebenden Landschaft zur Kenntnis zu nehmen. Er klammerte sich innerlich an seinen Gleichmut und gedachte, bis zur Abfahrt darin auszuharren, als er plötzlich in nächster Nähe, wenige Meter hinter sich, zwei Stimmen Englisch reden hörte. Als er sich umwandte, verriet sein Gesicht das Glück eines Menschen, der unerwartet, an einem fremden Ort, die Klänge seiner Muttersprache hört. Er sah zwei Frauen in den Fünfzigern, mit angegrautem, unfrisiertem Haar, in Hosen und kurzärmeligen Oberteilen, in der ewig studentischen, pflegeleichten Aufmachung, die weibliche Intellektuelle seiner Generation bevorzugten, immer schon, seit er denken konnte, seit er mit ihnen aufs College, auf die Universität gegangen war und in Woodstock gesessen hatte. Sie hatten sich schamlos mit den Jungs vergnügt, geraucht, gekifft und niemals Büstenhalter getragen, sodass man, ob man wollte oder nicht, ihre sich unter dem weichen Stoff abzeichnenden Brustwarzen hatte sehen können … »Excuse me«, sagte er in muttersprachlichem Amerikanisch und versuchte ein verbindliches Lächeln, »could you please tell me whether this is the bus to Mizpeh Ramon?« »It is«, erwiderte eine der Frauen, kurz, schnappend, ohne ihn anzusehen. Ihr Ton verriet, dass sie nicht vorhatte, ein weiteres Wort an den schwarz gekleideten Mann zu verschwenden, der vor ihr stand, lang, ungelenk, mit leicht geöffnetem Mund, um den graue Bartsträhnen hingen. Sie nahm ihr Gespräch wieder auf, mit einem übertriebenen Nachdruck, der nicht nötig gewesen wäre – der Fremde hätte auch ohne diese Demonstration verstanden –, und redete weiter, in einem Akzent, über den er einen Augenblick nachdachte, bis er zu dem Ergebnis kam: Südafrika. Die Gesprächspartnerin war Britin, daran bestand kein Zweifel. Sie schwelgte in ihrem Oxford-English, ließ es blitzen und schrillen mit wahrer Wonne, von klein auf daran gewöhnt, dass, wer solches Englisch sprach, in Lumpen gekleidet oder sturzbetrunken sein konnte, und dennoch von jedem Landsmann als Angehöriger der höheren Klassen erkannt wurde. Der Fremde wandte sich wieder dem Bus, den Soldaten, den russischen Rentnern zu, von seinen Lippen fiel ein halblautes »Thank you« wie Krümel von trockenem Kuchen. Er schien darüber hinaus, Ablehnung schwer zu nehmen. Es gab wichtige Gründe, diese Fahrt in die Wüste zu wagen, und kein menschliches Wesen – mochte es sich zu ihm benehmen wie es wollte – würde ihn davon abhalten. Das Lächeln, mit dem er sich auf weiteres Warten einrichtete, wirkte selbstgewisser als das vorhin. Er fühlte sich fremd an diesem Ort, fremd bis zur Verlorenheit, doch das gehörte dazu, war in Ordnung, war geradezu vorschriftsmäßig, »wie es im Buche steht«. Der Ort musste abweisend, ungemütlich, unzumutbar sein bis zur Grausamkeit. So war er beschrieben im göttlichen Buch, so war er bis heute, so würde er – auf eine andere, schwer vorhersehbare Weise – immer sein. Seine geschiedene Frau, wäre sie hier, hätte den Kopf geschüttelt über diese Fahrt ins Nichts. In den letzten Jahren ihrer Ehe hatte sie oft den Kopf über ihn geschüttelt. Sie fiel ihm jetzt ein, er hätte nicht sagen können, warum. Auch seine Kinder, die längst erwachsen waren. Er versuchte, sich vorzustellen, wie sie sich an diesem Ort ausnehmen würden, und gestand sich ein, dass es seine Fantasie überforderte. Allein ihre Schuhe, schmal, aus feinem Leder – undenkbar auf diesem Pflaster. Die selbstverständliche Sauberkeit, Gediegenheit ihrer Kleidung. Alles, was sie umgab, war neu, sah neu aus und wurde, kaum stellten sich Zeichen der Abnutzung ein, aussortiert. Alljährlich verschwanden Dutzende Kleider, Hemden, Schuhe, Handtücher, elektrische Geräte, noch brauchbar, haltbar...


Chaim Noll wurde 1954 in Ostberlin geboren. 1983 reiste er nach Westberlin aus, 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel. Veröffentlichungen, u.a.: 'Der Abschied' (1985), 'Berliner Scharade' (1987), 'Der goldene Löffel' (1989, wieder Verbrecher Verlag 2009), 'Nachtgedanken über Deutschland' (1992), 'Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel' (mit Lea Fleischmann, 2006). Im Verbrecher Verlag erschienen die Romane 'Der Kitharaspieler' (2008) und 'Feuer' (2010) sowie der Erzählungsband 'Kolja. Geschichten aus Israel' (2012).


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