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E-Book, Deutsch, 316 Seiten

Müller Mediävistische Kulturwissenschaft

Ausgewählte Studien

E-Book, Deutsch, 316 Seiten

ISBN: 978-3-11-023095-6
Verlag: De Gruyter
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Der Band vereinigt Studien der letzten 20 Jahre zu deutschen und lateinischen Texten aus Mittelalter und Früher Neuzeit. Sie entstammen Gattungen, die in den vorausgehenden Büchern des Autors zum Nibelungenlied, zum Minnesang und der höfischen Epik weniger thematisiert wurden: außernibelungische Heldenepik, Novellistik, Geistliches Spiel, Narrensatire, Prosaroman, Enzyklopädie. Gemeinsam ist die Frage nach der Literarizität von Texten in einer Zeit, in der es allenfalls Ansätze zu einer Ausdifferenzierung eines relativ selbständigen Systems ‚Literatur‘ gibt. Die Vormoderne ist durch einen anderen Literaturbegriff geprägt. Literarische Texte erfüllen pragmatische Funktionen (etwa die Narrenliteratur im Kontext von Sozialdisziplinierung), literarische Kommunikation ist in nicht-literarische kulturelle Praktiken eingebettet (etwa das Geistliche Spiel in den religiöse Kult), Wissensliteratur und fiktionale Texte sind nicht scharf getrennt (etwa Roman und historia). Zu diskutieren sind deshalb auch der zeitgenössische Literaturbegriff, seine theoretischen Grundlagen und medialen Voraussetzungen. Insofern sind die Studien alle theoriegeleitet, jedoch stets einzelfallbezogen. Sie verstehen sich als exemplarische Beiträge zu einer mediävistischen Kulturwissenschaft, die im literarischen Text zentriert ist, diesen aber nach seiner Einbettung in größere Kontexte befragt.
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Zielgruppe


Germanisten, Literaturwissenschaftler, Bibliotheken, Institute / Academics (German Studies, Literary Studies), Libraries, Institut


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Vorwort;6
2;Inhaltsverzeichnis;8
3;Überlegungen zu einer mediävistischen Kulturwissenschaft;10
4;Aufführung – Autor – Werk. Zu einigen blinden Stellen gegenwärtiger Diskussion;20
5;Literarischer Text und kultureller Text in der Frühen Neuzeit. Am Beispiel des ›Narrenschiffs‹ von Sebastian Brant;36
6;Der Widerspenstigen Zähmung;54
7;Die Fiktion höfi scher Liebe und die Fiktionalität des Minnesangs. Zum Verhältnis von Liedkunst und Lebenskunst;74
8;Literarische und andere Spiele. Zum Fiktionalitätsproblem in vormoderner Literatur;92
9;Kultur wissenschaft historisch. Zum Verhältnis von Ritual und Theater im späten Mittelalter;120
10;Mimesis und Ritual;144
11;Realpräsenz und Repräsentation. Theatrale Frömmigkeit und Geistliches Spiel;170
12;Verabschiedung des Mythos. Zur Hagen-Episode der ›Kudrun‹;192
13;Die hovezuht und ihr Preis. Zum Problem höfi scher Verhaltensregulierung in Ps.-Konrads ›Halber Birne‹;214
14;Kleine Katastrophen. Zum Verhältnis von Fehltritt und Sanktion in der höfi schen Litera tur des deutschen Mittelalters;238
15;Visualität, Geste, Schrift. Zu einem neuen Untersuchungsfeld der Mediävistik;262
16;Wissen ohne Subjekt? Zu den Ausgaben von Gesners ›Bibliotheca universalis‹ im 16. Jahrhundert;276
17;Nachweise;294
18;Gesamtverzeichnis verwendeter Literatur;296


Mimesis und Ritual (S. 135-136)

Dass das Geistliche Spiel nicht in den Kategorien theatrali scher Mimesis beschrieben werden kann, ist eine Binsenweisheit. Weit weniger einig ist man sich, welchen Status und welche Funk tion man ihm zuzuschreiben hat. Ein Großteil der Spätmittelalterforschung hat sich mit der Formel beruhigt, das Spiel diene der religiösen Verkündigung: der memoria des Heilsgeschehens, der Belehrung über bestimmte Glaubensinhalte und der Erweckung von compassio, emotionaler Anteilnahme am Leiden Jesu. So scheinen es die Verfasser der Spiele beabsichtigt zu haben, und so werden sie von ihren Apologeten gerechtfertigt. Daher kommt es, dass Rainer Warnings Buch von 1974, das einer solchen Lesart entschieden widersprach, in der germanistischen Forschung zu mindest hauptsächlich Abwehrreflexe auslöste – sofern man sich überhaupt dem Anspruch seiner Thesen stellte –, so dass Warning sich 1995 noch einmal veranlasst sah, vor den »her meneutischen Fallen« zu warnen, in die der moderne Interpret tappt, wenn er sich mit den beruhigenden Formeln der Belehrung und Erbau ung durch die Spiele zufrieden gibt. Meist verlässt man sich nämlich auf den religiösen Rahmen der Darstellung, das heilsgeschichtliche Geschehen, durch das nach Meinung der Interpreten burleske wie schockierende Aktionen, die Obszönitäten des Salbenkaufs wie die Grausamkeiten bei der Folter schon in die ›richtige‹ religiöse Perspektive gerückt werden. Nicht beachtet wurde meist, dass solche ›Rahmungen‹ ebenso gut nur der Lizenzierung des andernfalls Verbotenen dienen können, so dass sich unter ihrem Schutz abweichende Intentionen ausagieren können, ein Umstand, der der Massenpsychologie geläufig ist. Dass solch ein Umkippen tatsächlich stattfand, ist zwar vom Textder überlieferten Spiele her nicht beweisbar, wird aber durch Berichte von Aufführungen dokumentiert, die vom Bruch des sakralen Zusammenhangs erzählen.

Warning hatte – verein facht gesprochen – die Spiele und ihren Verkündigungsanspruch am theologischen Kerygma gemessen und ihren uneingestandenen Rückfall in den Mythos betont. Unter der Oberfläche der Darstellung des Passionsgeschehens z. B. liege ein archaisches Sündenbockritual verborgen, in dem die Erlösung am Kreuz nur Deckmantel für die Aggression gegen das Lamm Gottes sei, das blutig geopfert werde. Das unblutige Opfer der Eucharistie werde in den (theologisch überwundenen) mythischen Ursprung des Blutopfers zurückgespielt. Spuren jener dementierten eigentlichen Funktion zeigten sich auf der Textoberfläche in den bis zum Exzess getriebenen, dabei kunstvoll rhythmisierten und rituell geformten Worten und Aktionen der Folterung.

Warnings Überlegungen werfen fundamentale Probleme spät mittelalterlicher Frömmigkeit wie auch spätmittelalterlicher Theatralität auf. Ich möchte an sie anknüpfen und sie in Beziehung setzen zu einigen Einwänden, die gegen sie erhoben wurden. Mein Ziel ist es zu zeigen, wie in der Tat die Spiele den durch Liturgie und Verkündigung gesetzten Rahmen zu sprengen drohen, andererseits aber immer wieder Strategien entwickelt werden, sie in den Kontext von Liturgie und Verkündigung zurückzuspielen. Dies beruht auf ihrem ambivalenten Status zwischen – schlagwort artig verkürzt: – ›Kult‹ und ›Theater‹. Indem Warning zuerst ihre kultische Unbedenklichkeit vor dem Hintergrund der elaborierten Theologie in Frage gestellt hatte, rückte er dieses für eine Genealogie literarischer Formen zentrale Problem in den Blick: eine Freisetzung der Imagination aus rituellen Vollzügen. Bevor ich diese Überlegungen an überlieferten Texten überprüfe, möchte ich einige Prämissen nennen, von denen ich ausgehe.


Jan-Dirk Müller, Ludwig-Maximilians-Universität München.


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