E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-03790-115-1
Verlag: Arche Literatur Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Immer mehr Menschen beschließen, abzuschalten – und trotzdem nicht stehen zu bleiben. Sie gehen offline, lassen das Smartphone liegen und schlendern hinaus ins echte Leben. Sie gehen spazieren. Sie pfeifen darauf, besonders schnell, besonders cool oder besonders spekta kulär unterwegs zu sein. Sie sind um die Welt geflogen, haben Berge bestiegen und Städte im Marathon durchquert. Doch jetzt entdecken sie die schönste aller Tugenden neu. Sie entdecken die Gelassenheit. Deshalb gehen sie spazieren. Denn sie wissen: Wer spazieren geht, muss einfach mal kein Ziel erreichen.
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Fremde Leben
––– In der großen Stadt bekümmert sich niemand um den anderen; es wissen die Leute oft in derselben Etage nicht, wer ihr Nachbar ist, und es kann jene Anekdote leicht wahr sein, wonach ein Mietsmann die Frage eines fremden Beobachters dahin beantwortete: einen Herrn namens Fischer kenne er nicht, neben ihm wohne aber seit zehn Jahren ein Mann, der vielleicht so heißen möge. Ernst Dronke Als ich noch in Berlin lebte, bin ich gern abends durch die Straßen spaziert und habe in die erleuchteten Fenster gesehen. Nicht die Neugier leitete meinen Blick, sondern mich reizte die Vorstellung, dass für die Menschen in diesen Wohnungen ihr eigenes Leben ganz selbstverständlich ist und meines fremd, und dass umgekehrt jeder Alltagsgegenstand in deren Leben für mich neu wäre, ihr Geschirr, ihre Möbel, ihre Musik. Auch heute noch gehe ich gern nach Sonnenuntergang durch die Stadt. Bei Dunkelheit in ein erleuchtetes Zimmer zu sehen und darin Bücherregale zu erblicken, einen weißen Lampenschirm, blauen Lichtschein vom Fernseher, ein Bild an der Wand – es weckt in mir den Wunsch, das Leben dieser Anderen zu streifen. Ich frage mich: Sind sie glücklich? Was ist ihnen wichtig? Diese Berührung mit fremden Leben übt eine eigenartige Anziehungskraft auf mich aus. Sie bringt mich dazu, über mein eigenes Leben nachzudenken, und über das Leben an sich. Parallel zueinander finden nicht nur in meiner Gegend, sondern auf der ganzen Welt ungezählte Versuche statt, etwas Gutes aus den uns geschenkten achtzig, neunzig Jahren zu machen. Die Herangehensweisen unterscheiden sich so sehr wie die Menschen. Weil ich für mein eigenes Leben auf der Suche nach einem guten Blickwinkel und guten Wegen bin, fühle und denke ich mich in andere Leben hinein, wenn ich Romane schreibe genauso wie beim Spazierengehen. Hier auf dem Land verraten schon die Vorgärten viel über die Hausbewohner. Es gibt adrette Beete, gepflegt wie für ein Garten-Fotoshooting. Beim nächsten Haus ist Sperrmüll an die Wand gelehnt, und eine mannsgroße Satellitenschüssel ist zum Himmel ausgerichtet, von dort erhoffen sich die Bewohner Erlösung oder zumindest Ablenkung, vielleicht fehlt ihnen die Kraft, ihre Umgebung aufzuräumen und zu verschönern – oder es ist ihnen nicht wichtig. Daneben ein Garten mit verspielten Glasfiguren zwischen den Pflanzen. Auf dem nächsten Grundstück ein wildes Utopia, ein Dschungel für Insekten und Kleintiere. Und bei uns? Was sehen Spaziergänger da? Auf der Wiese vor unserem Haus liegt Spielzeug herum. Die Brombeersträucher wuchern, und die Lampe neben der Eingangstür habe ich etwas schief angeschraubt, versehentlich. Aber durch die gardinenfreien Fenster im ersten Stock sieht man im Lichtschein am Abend meine Bücherregale, und ich hoffe, Vorbeikommende freuen sich daran und erahnen ein wohnliches, herzwarmes Leben. Es gibt auf dem Land und in der Stadt eine unterschiedliche Laufgeschwindigkeit. Ich passe mich an. Bin ich zu Besuch in meiner alten Heimat Berlin, fällt mir jedes Mal der Unterschied auf. Seit Jahrzehnten wird über die Laufgeschwindigkeit geforscht. Den Anfang machten 1976 die Psychologen Marc und Helen Bornstein. Sie wollten den Zusammenhang zwischen der Einwohnerzahl von Orten und dem Verhalten ihrer Bewohner untersuchen. Aus dem Versteck maßen sie in 15 verschiedenen Städten der Welt die Laufgeschwindigkeit von Fußgängern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der renommierten Zeitschrift Nature unter dem Titel: »Die Schrittgeschwindigkeit des Lebens«. Sie waren von verblüffender Eindeutigkeit: Je größer die Stadt, desto schneller laufen die Menschen. Von Psychro in Griechenland (365 Einwohner) bis Brooklyn, New York (2,6 Millionen Einwohner) reihten sich alle Städte entsprechend ihrer Einwohnerzahl in die Statistik ein, ob in Deutschland, Israel, der Tschechoslowakei oder Frankreich. Nicht nur war damit nachgewiesen, dass das Stadtleben schneller getaktet ist, sondern auch, dass unabhängig von der Landeskultur die Dichte der örtlichen Bevölkerung die Lebensgeschwindigkeit bestimmt. Was ist der Grund dafür? Die Bornsteins vermuteten, dass Menschenmengen in großen Städten Verhaltensweisen auslösen, die soziale Störungen verhindern: Indem ich schneller gehe, vermeide ich, angesprochen und aufgehalten zu werden. Andere Psychologen glaubten, dass die Überreizung der Sinne einen sozialen Rückzug verursacht, um die Stimulation und Ablenkung durch die Umgebung zu verringern. Inzwischen haben Forscher wie der Psychologe Robert Levine die Studie erweitert und andere Gründe für das schnelle Gehen gefunden. Levine untersuchte im Jahr 1999 Städte in 31 Ländern und stellte fest, dass man am schnellsten in reichen Ländern läuft. Zwei der drei stärksten Faktoren für dieses Ergebnis waren das Bruttoinlandsprodukt und die Kaufkraft. (Der dritte Faktor war, wie ausgeprägt der Individualismus im jeweiligen Land ist.) Wächst eine Stadt, steigen in der Regel auch die Lebenshaltungskosten wie z.B. die Miete. Gleichzeitig steigen die Löhne der dort arbeitenden Menschen, und damit der monetäre Wert, den sie ihrer Zeit zumessen. Mehr Geldwert aus der vorhandenen Tagesdauer zu pressen wird dringlicher, und das Leben wird eiliger. Das hat auch Folgen für die Laufgeschwindigkeit. Neben der Laufgeschwindigkeit maß Levine, wie genau die Uhren in Bankgebäuden eingestellt waren und wie schnell man in Postfilialen bedient wurde, wenn man Briefmarken kaufte. Aus allen drei Messungen erstellte er einen Wert für die Lebensgeschwindigkeit. Nicht New York City zeigte die höchsten Ergebnisse, Städte in den USA und in Kanada rangierten eher im Mittelfeld. Das überraschte ihn, hat New York doch den unerschütterlichen Ruf, gestresste Bewohner zu haben. Nein, am schnellsten lebten Menschen in Westeuropa und in Japan. Von den neun Ländern mit der höchsten Lebensgeschwindigkeit lagen acht in Westeuropa, Deutschland auf Platz drei. Im Vergleich der 31 Länder standen wir bei der Schnelligkeit des Briefmarkenverkaufens auf Platz eins und bei der Laufgeschwindigkeit auf Platz fünf hinter England und vor den USA. Inzwischen hat man mit weiteren Studien nachgemessen – unter anderem Richard Wiseman, ein Psychologieprofessor an der University of Hertfordshire – und dabei festgestellt, dass sich unsere Laufgeschwindigkeit weiter erhöht. Im Vergleich zu den 90ern gehen wir im Schnitt noch einmal zehn Prozent schneller. Weil wir durch das Internet und unsere Smartphones Informationen schneller empfangen und verarbeiten, erwarten wir auch von uns selbst, in derselben Zeit mehr zu erledigen, analysiert Wiseman in seinem Buch Quirkologie. In diesem beschleunigten Alltagsleben aber helfen wir laut seiner Studie unseren Mitmenschen weniger und leiden eher an Herzerkrankungen. Da wundern wir uns darüber, dass das Leben an uns vorbeizurauschen scheint? Der Kreislauf aus Arbeiten-Essen-Schlafen, Arbeiten-Essen-Schlafen, Arbeiten-Essen-Schlafen macht uns schwindelig, wir wachen auf und staunen, dass Weihnachten schon so weit zurückliegt, dass wir so alt geworden sind, dass wir das Jahr 2019 schreiben. Sind Städte Stresstreiber, die wir lieber meiden sollten? Keinesfalls. Das Spazierengehen wurde genau hier erfunden: in der Großstadt. Charles Baudelaire erfand den Begriff des Flaneurs, als es im Paris des 19. Jahrhunderts, in dem er lebte, attraktiv wurde, die Wohnung zu verlassen und durch die Stadt zu spazieren. Eine neu angelegte Kanalisation ließ den Gestank der Abwässer verschwinden, und gepflasterte Gehwege neben der schlammigen Straße gestatteten es, sauberen Fußes zu laufen. Durch das Gewirr der Gassen zogen sich neue Boulevards wie Schneisen. Vor allem aber entstanden sogenannte Passagen, luxuriöse überdachte Einkaufswege, durch die man selbst bei schlechtem Wetter schlendern konnte. Mehr als zwanzig überdachte Einkaufsstraßen gab es 1830. Sie wuchsen zu einem weitläufigen Fußwegsystem zusammen, einem Paradies für gebildete Bürger, die sich darin in ihren Mußestunden ergingen. Walter Benjamin behauptete gar, sie hätten Schildkröten in den Passagen spazieren geführt, um sich an deren Tempo anzupassen. Das war eben damals, denken wir, was wussten die schon von unseren heutigen Herausforderungen und unserem Großstadtstress! Aber auch das Leben damals war nicht im Geringsten geruhsam. Die Industrialisierung hatte begonnen, man arbeitete vom Morgengrauen bis in den Abend endlose Arbeitsstunden zum lauten Stampfen der Dampfmaschinen und dem schrillen Pfiff der Dampfpfeife, die von den Arbeitern unnachgiebige Pünktlichkeit und effiziente Taktung einforderte. Qualmende Fabrikschornsteine sorgten für Smog, Dampfbagger kamen auf, das neue Modewort war »Nervosität«. In Amerika kam der neue Menschentyp des Geschäftsmanns in Mode, der Effizienz vergötterte, und überall wurde das Arbeitstempo gesteigert. Das Maschinenzeitalter und das Zeitalter der Vermassung der Menschen war angebrochen. Neue Formen der Versklavung tauchten auf, Lebensversicherungen wurden erfunden, illustrierte Zeitungen, Elektrizität, Telegrafie. Heinrich Heine schrieb damals: »Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.« Aber auch die schien schneller zu vergehen. Franz Xaver Gabelsberger erfand die Kurzschrift, durch die man Reden im Parlament und vor Gericht schneller mitschreiben konnte. Handwerker landeten...