Mortimer | Lieben und lügen | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Mortimer Lieben und lügen

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-03820-889-1
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mrs. Armitage will mehr. Sie ist mit Anfang Dreißig in den besten Jahren, hat eine beträchtliche Anzahl von Kindern, ihr vierter Mann ist erfolgreicher Drehbuchautor, und doch fehlt etwas. Vielleicht noch ein Kind? Ihr Mann ist strikt dagegen und schickt sie zum Psychiater, um ihr diesen Wunsch ausreden zu lassen. Nach und nach entfaltet sich dort die Geschichte einer Frau, die sich als Mutter, Partnerin und Hausfrau an den großen und kleinen Zumutungen des Alltags abarbeitet, bis ihr schließlich nach einem Zusammenbruch bei Harrod's die Erkenntnis dämmert, dass Ehe und Familie nicht die Antwort auf alle Fragen des Lebens sind. Mit Scharfsinn, unerschrockenem Humor und großer Offenheit führt Penelope Mortimer in die Abgründe eines ganz normalen Frauenlebens.

Penelope Mortimer, geboren 1918 im walisischen Rhyl, studierte in London und arbeitete als Kummerkastentante für die Daily Mail. Ihre Kurzgeschichten erschienen regelmäßig im New Yorker und in der Sunday Times, ihr Debütroman Johanna wurde 1947 veröffentlicht. Es folgten u. a. Daddy's Gone A-Hunting (1958) und The Pumpkin Eater (1962), der 1964 erfolgreich verfilmt wurde. Daneben schrieb sie Drehbücher, eine Biografie der Queen Mother und erhielt für ihre Autobiografie About Time 1979 den Whitbread Prize. Sie war zweimal verheiratet, zuletzt mit dem Schriftsteller John Mortimer, und hatte sechs Kinder. Penelope Mortimer starb 1999 in London.
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1
»Also gut«, sagte ich. »Ich will es versuchen. Ich will ehrlich versuchen, ehrlich zu Ihnen zu sein, obwohl ich glaube, Sie sind gerade daran interessiert, dass ich nicht ehrlich bin. Sie verstehen wohl, was ich meine.« Der Doktor lächelte leichthin. »Als ich ein Kind war, hatte meine Mutter eine Schublade für ihre Wolle. Es war die unterste Schublade in einer Kommode im Esszimmer, und in die tat sie jedes Wollendchen, das sie besaß. Wissen Sie, Reste, die uralt waren, von Pullis, die sie mir gestrickt hatte, als ich zwei war. Manche dieser Reste waren nur ein paar Zentimeter lang. Also diese Schublade war ganz voller Wolle, in allen Farben, und an jedem regnerischen Nachmittag ließ sie mich ihre Wollschublade aufräumen. Sie verstehen gewiss, warum ich Ihnen das alles erzähle. Es hatte gar keinen Sinn, die Schublade aufzuräumen. Die Wolle war ganz nutzlos. Man hätte aus der ganzen Wolle noch nicht einmal einen Teewärmer stricken können – jedenfalls nicht, ohne eine Engelsgeduld dabei zu haben. Sie ließ mich nur aussortieren, damit ich etwas zu tun hätte. So wie man Gefangene Löcher graben lässt, die sie dann wieder zuschütten müssen. Sie verstehen doch, was ich meine?« »Sie möchten irgendwie von Nutzen sein«, sagte er ernsthaft, »so wie ein Teewärmer nützlich ist.« »So einfach ist das aber nicht.« »O nein. Es ist gar nicht einfach. Aber es gibt doch noch andere Sachen, die Sie aus Wolle machen können.« »Zum Beispiel?« »Überzüge für Wärmflaschen«, sagte er ohne Zögern. »Wir benutzen keine Wärmflaschen. Bälle könnte man machen für Babys. Oder kleine Stofftiere.« »Worauf Sie hinauswollen, ist also, dass es eine nutzlose und vielleicht sogar unmögliche Beschäftigung ist, Wolle auszusortieren?« »Ja.« »Aber Sie sind ein menschliches Wesen. Die Folgen Ihrer – Verwirrung sind schwerwiegender. Der Vergleich, sehen Sie, stimmt nicht.« »Möglich, aber ich fühle es so«, sagte ich. »Wenn Sie weinen – fühlen Sie es dann so? Hoffnungslos?« »Ich möchte nur einfach meinen Mund aufmachen und weinen. Weinen möchte ich und nicht denken.« »Sie können nicht bis ans Ende Ihres Lebens weinen.« »Nein.« »Und Sie können sich auch nicht bis ans Ende Ihres Lebens quälen.« »Nein.« »Was quält Sie denn, Mrs. Armitage?« »Der Staub«, sagte ich. »Wie bitte?« »Der Staub. Verstehen Sie? Der Staub.« »Aha«, sagte er und schrieb eine Weile auf einen langen Streifen Papier. Dann lehnte er sich zurück, faltete die Hände und sagte: »Erzählen Sie mir davon.« »Das ist ganz einfach. Jake ist reich. Er verdient fünfzigtausend Pfund im Jahr; ich nehme an, dass Sie das reich nennen würden. Aber alles ist voller Staub.« »Bitte, fahren Sie fort.« »Natürlich sind es zum Teil auch die Abbrucharbeiten. Überall um uns herum werden die Häuser abgerissen, da muss man sich schon mit etwas Staub abfinden. Mein Vater mietete das Haus für uns, als wir heirateten, das war vor dreizehn Jahren.« »Sie sind seit dreizehn Jahren verheiratet«, sagte er und schrieb es auf. »Mit Jake, ja. Der Mietvertrag lief noch dreizehn Jahre, als mein Vater ihn übernahm. Er bekam ihn für eintausendfünfhundert Pfund, und wir bezahlen nur eine lächerlich geringe Miete. Sie sehen, wir hatten da großes Glück. Na ja. Ich wollte Ihnen das mit dem Staub erzählen.« »Ihr Mietvertrag läuft also in diesem Jahr ab.« »Ich glaube. Wir bauen jetzt einen Turm auf dem Lande.« »Einen Turm?« »Ja.« »Sie meinen … ein Haus?« »Nein, einen Turm. Na ja, vielleicht kann man es auch ein Haus nennen. Es ist aber doch ein Turm.« Er legte vorsichtig seinen Federhalter hin, mit beiden Händen, so, als ob er zerbrechlich wäre. »Und wo ist dieser … Turm?« fragte er. »Auf dem Lande«, sagte ich. »Das ist mir klar, aber …« »Er steht auf einem Hügel, und unten im Tal ist eine Scheune, in der lebte ich, ehe ich Jake heiratete. Dort haben wir uns kennengelernt. Können wir jetzt wieder auf den Staub zurückkommen, denn –« »Selbstverständlich«, sagte er und nahm wieder seinen Federhalter. Ich versuchte zu denken. Ich starrte ihn an, seine Silhouette, die sich gegen den Netzvorhang vor dem Fenster des Sprechzimmers abhob. Ich hörte das Ticken der Uhr und das Zischen der Gasflamme. »Ich habe vergessen, was ich sagen wollte.« Er wartete. Die Uhr tickte. Ich starrte in das Feuer. »Jake will keine Kinder mehr«, sagte ich. »Haben Sie Kinder gern, Mrs. Armitage?« »Was soll ich auf eine solche Frage antworten?« »Ist es vielleicht eine Frage, die Sie nicht beantworten möchten?« »Ich dachte, ich würde hier auf der Couch liegen und Sie würden kein Wort sagen. Aber es ist ja wie die Inquisition oder so was. Wollen Sie mir einreden, dass ich im Unrecht bin? Das tue ich doch schon selbst.« »Glauben Sie, dass es unrecht wäre, Kinder nicht zu mögen?« »Ich weiß nicht. Ja. Ich denke, ja.« »Warum?« »Weil Kinder einem kein Leid antun.« »Vielleicht nicht direkt. Aber indirekt …« »Wahrscheinlich haben Sie keine«, sagte ich. »Aber ja. Drei. Zwei Jungen und ein Mädchen.« »Wie alt sind sie denn?« »Sechzehn, vierzehn und zehn.« »Und Sie haben sie gern?« »Meistens ja.« »Gut. Das ist auch meine Antwort: Meistens habe ich sie gern.« »Aber Sie haben …« Er sah auf den Streifen Papier und sagte nur: »… eine beträchtliche Anzahl. Sie scheinen bestürzt zu sein, weil Ihr Mann keine mehr will. Das klingt nicht nach jemandem, der seine Kinder ›meistens gernhat‹. Das klingt eher wie …« »Eine fixe Idee –?« »Das Wort würde ich nicht gebrauchen. Überzeugung, das träfe es besser.« »Ich dachte, ich sollte auf einer Couch liegen und über alles reden, was mir gerade in den Sinn kommt.« »Ich bin kein Psychoanalytiker, Mrs. Armitage. Ich möchte einfach herausfinden, wie ich Sie am besten behandeln kann.« »Behandeln … wogegen?« »Das wissen wir eben noch nicht, oder?« »Weil ich noch ein Kind haben will? Hat mich Jake deshalb zu Ihnen geschickt? Will er, dass Sie mich dazu überreden, kein Kind mehr zu bekommen?« »Ich bin nicht dazu da, um Sie zu irgendetwas zu überreden. Sie sind doch freiwillig zu mir gekommen.« »Dann tue ich also alles ganz freiwillig. Weinen, mich über den Staub aufregen. Sogar Kinder bekommen. Aber das glauben Sie doch selbst nicht, oder?« »Ich bin nicht dazu da, um Ihnen zu glauben, Mrs. Armitage. Darum geht es nicht.« »Sie erklären immer wieder, Sie seien nicht dazu da, um dies oder das zu tun. Wozu sind Sie denn eigentlich da?« »Vielleicht«, hier erschien wieder sein fahles Lächeln, »um herauszufinden, warum Sie, zumindest in diesem Augenblick, mich so sehr hassen. Oh, ich meine nicht mich persönlich, selbstverständlich. Aber Sie hassen doch irgendetwas – nicht nur den Staub, oder?« »Tut das nicht jeder?« »Was war das Erste, das Sie in Ihrem Leben gehasst haben – können Sie sich daran noch erinnern?« »Es war nicht etwas, es war ein Mann. Mr. Simpkin …« »Ja?« »Und ein Mädchen namens … Ireen Douthwaite, als ich ein Kind war. Und eine Frau, die Philpot hieß. Ich erinnere mich nicht mehr …« »Und Ihre früheren Ehemänner?« »O nein. Nein. Die mochte ich.« »Und Ihren jetzigen Mann? … Jake?« »Nein!« »Erzählen Sie mir von Jake.« »Ihnen erzählen …?« »Ja, natürlich. Erzählen Sie mir von Jake.« Es hörte sich so an, als wolle er mich herausfordern. Ich lachte, streckte meine Hände aus und betrachtete sie. »Also, was … was wollen Sie wissen?« »Alles, was Sie mir erzählen mögen.« »Also, Jake … es ist unmöglich, Ihnen etwas über Jake zu erzählen.« »Versuchen Sie es.« Ich holte tief Atem. Mir war, als müsste ich nur einfach den Mund öffnen, und die Worte würden ungehemmt herausströmen. Mir war, als könnte ich mein Herz öffnen, es buchstäblich aufschließen und weit aufreißen. Nun würde die Wahrheit gesagt werden. Dann ging mir der Atem aus. Ich sagte nichts. Er wartete. »Dieses Haus, in dem wir leben«, fing ich an, »das Wohnzimmer liegt nach Süden, es hat riesige Fenster, Schiebefenster. Immer, wenn die Sonne scheint, ist es da wie in einem Treibhaus, wirklich sehr heiß. Bei Sonne sieht man natürlich den Staub erst recht. Wenn Leute das erste Mal ins Wohnzimmer kommen, sagen sie immer, was für ein wundervoller Raum es ist, und dann, nach einer Weile, sehe ich, wie sie Einzelheiten bemerken. Natürlich meistens die Frauen, aber Männer auch. Jemand hat einmal einen Artikel über Jake geschrieben, in dem hieß es, er kaufe Bücher, keine Jachten. Nun, er kauft natürlich keins von beiden. Er kauft überhaupt nichts. Was die Leute bemerken, das sind die Brandlöcher im Teppich und die Flecken an den Wänden. Jake trank eine Zeit lang dieses Bier aus Blechdosen, Sie wissen ja, wie das herausspritzt, wenn man Löcher in die Dosen macht. Dann die Kinder. Ja, aus irgendeinem Grund sind die Wände nie abgewaschen worden,...


Reichart, Manuela
Manuela Reichart lebt und arbeitet in Berlin als Autorin, Radiomoderatorin und Herausgeberin (u.a.der Anthologie Doch uns schlug kein Gewissen, 2011). 2015 erschien ihr Buch Schon wieder Verspätung. Reisebekanntschaften im Dörlemann Verlag.

Mortimer, Penelope
Penelope Mortimer, geboren 1918 im walisischen Rhyl, studierte in London und arbeitete als Kummerkastentante für die Daily Mail. Ihre Kurzgeschichten erschienen regelmäßig im New Yorker und in der Sunday Times, ihr Debütroman Johanna wurde 1947 veröffentlicht. Es folgten u. a. Daddy’s Gone A-Hunting (1958) und The Pumpkin Eater (1962), der 1964 erfolgreich verfilmt wurde. Daneben schrieb sie Drehbücher, eine Biografie der Queen Mother und erhielt für ihre Autobiografie About Time 1979 den Whitbread Prize. Sie war zweimal verheiratet, zuletzt mit dem Schriftsteller John Mortimer, und hatte sechs Kinder. Penelope Mortimer starb 1999 in London.

Penelope Mortimer, geboren 1918 im walisischen Rhyl, studierte in London und arbeitete als Kummerkastentante für die Daily Mail. Ihre Kurzgeschichten erschienen regelmäßig im New Yorker und in der Sunday Times, ihr Debütroman Johanna wurde 1947 veröffentlicht. Es folgten u. a. Daddy's Gone A-Hunting (1958) und The Pumpkin Eater (1962), der 1964 erfolgreich verfilmt wurde. Daneben schrieb sie Drehbücher, eine Biografie der Queen Mother und erhielt für ihre Autobiografie About Time 1979 den Whitbread Prize. Sie war zweimal verheiratet, zuletzt mit dem Schriftsteller John Mortimer, und hatte sechs Kinder. Penelope Mortimer starb 1999 in London.


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