Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8310-8
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rosa fällt von einer Krise in die nächste. Helfen können nur ihre beste Freundin Elfie - und Maurizio. Er tritt an Rosas allerschwärzestem Tag in ihr Leben. Er rettet sie und bringt ihr bei, dass man Kaffee ausschließlich schwarz, heiß und stark trinken darf. Die Romanze dauert einen Sommer lang ...
Wie Rosa, schlussendlich gestrandet in einem italienischen Dorf, endlich erkennt, dass nur sie selbst sich befreien kann - und wie es ihr gelingt, ihr Glück und die Freiheit zu finden, das erzählt Karin Michalke anrührend, komisch und in einer ganz eigenen, wunderbaren Sprache.
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1
Rosa am unteren Rand der Welt So wollt ich nie enden, denkt Rosa. Sie steht bis zu den Knien im lauwarmen Mittelmeer. Hinter ihr liegen die grauen Häuser und Ruinen von Torre Santa Magdalena. Vor ihr schwebt träge die Sonne. Irgendwann wird sie im Meer versinken, denkt Rosa. So wie ich. Rosa wartet nur noch auf die Flut. Rosa ist zuvor noch nie am Meer gewesen. Eigentlich hat sie gedacht, das Meer wäre grün; schäumend und voller glitzernder Fische. Weiße Segel würden sich im Wind bauschen. Es würde rauschen und donnern. Aber es schwappt grau und trüb um ihre Waden. Nicht aufregender als der Happinger Weiher. Nein, so wollt ich nicht enden, denkt Rosa noch mal, wie in einer Zeitschleife. Ausgerechnet in Torre Santa Magdalena, am südlichsten Ende von Italien. Südlicher ist dann schon Afrika. Aber so weit sieht Rosa nicht. Für sie könnte Torre Santa Magdalena auch der Rand der Welt sein. Das Ende von allem. Langsam kriechen Rosas Gedanken weiter zu der Frage: Was wollt ich eigentlich hier? Ihre Zehen versinken im lauwarmen Schlamm. Gestern hat sie sie noch mühevoll geschrubbt, gefeilt und lackiert. Sie wollte eine Frau mit schönen Füßen sein. Rosa ist hier, um sich zu ertränken. Der Moment ist perfekt: öd, einsam und leer. Der Horizont ist ein diesiger Strich zwischen Himmel und Meer. Nur ein einziger, winziger Punkt klebt darauf. Ein Öltanker wahrscheinlich. Maurizio hat immer gesagt, Torre Santa Magdalena sei berühmt für seine Sonnenuntergänge. Touristen kämen hierher, nur um den Sonnenuntergang zu sehen. Sie sitzen dann auf Campingstühlen und Decken, sie haben Brot und Wein dabei, essen, trinken und küssen sich. ‚Es ist ein Ort der Liebe‹, hat er gesagt. Liebe, denkt Rosa, und eine kleine Welle patscht gegen ihr Knie. Ich weiß nicht einmal, was Liebe ist. Jetzt hängt die Sonne nur noch ein kleines Stück über dem Öltanker. Das Salzwasser hat Rosas schöne Seidenstrümpfe ruiniert. Und die neuen Schuhe, die sie extra noch am Mailänder Bahnhof gekauft hat, liegen irgendwo am Strand, weit hinter ihr. Rote Pumps. Rosa hat noch nie zuvor solche Schuhe getragen. Und auch nie wieder, denkt Rosa. Es ist eh für alle das Beste, wenn ich ertrinke. Hubert würde sein Geld wiederbekommen, Marco und Marion könnten in Ruhe heiraten, ohne dass Rosa sie dafür umbringen will – und sogar Maurizio würde mit dem Leben davonkommen. Also los!, denkt Rosa, schließt die Augen und zählt langsam bis zehn. Aber als sie die Augen wieder öffnet, hat sich die Welt verändert: Ein kleines Windkräuseln sprüht Lichtfunken über das ganze Meer. Die Sonne schüttet sich in Pink und Purpur über den ganzen Himmel. Es glitzert und funkelt und kribbelt wie Brausepulver. Und wie es riecht! Mmmh! Nach Sehnsucht. Nach Kuss und Liebe, denkt Rosa. Und nach einer Hand, die ihre hält. Es ist, als wäre Rosa zum ersten Mal in ihrem Leben lebendig. Was für ein herrliches Ende! Rosa strafft entschlossen die Schultern, zieht ihren Rock ein Stückchen hoch, damit er nicht gleich nass wird, und geht den ersten, langsamen Schritt. Im Film würde jetzt Musik einsetzen: Geigen, Flöten und ein herzzerreißendes Klavier ... Leider bellt nur irgendwo ein Hund, um sich die Langeweile zu vertreiben. Schade eigentlich. Der zweite Schritt auf dem Weg ohne Wiederkehr. Happing wird Rosa nie wieder sehen. Sie wird nie wieder beim Edeka an der Kasse sitzen. Sie wird nicht friedlich im Altersheim sterben. Sie wird auch nicht auf dem Happinger Friedhof beerdigt werden, mit Sterbebild und Blumengestecken und einer Messe mit Kirchenchor. Wahrscheinlich hätte ich sowieso kein Grab bekommen, denkt Rosa. Kriminelle kriegen keine Gräber. Irgendwann wird man ihre Leiche aus dem Meer fischen. Die wahre Todesursache wird man nicht feststellen können, denn gebrochene Herzen kann man nicht feststellen. Vielleicht ist es falsch, sich zu ertränken. Vielleicht stimmt es, dass das Leben schön ist und dass irgendwann immer alles gut wird. Vielleicht aber auch nicht. Nicht umgebracht hat Rosa sich jedenfalls schon oft genug. Sie geht den dritten Schritt ins Meer hinein. Das Wasser ist nur noch eine Handbreit von ihrem Bauchnabel entfernt. Aber plötzlich hört Rosa Kirchenglocken. Ganz leise klingt es, und ein bisschen blechern: Bimm-Bimmm-Bimmm-Bimmm-Bimm-Bimm-Bimm. Wie aus dem Himmel weht der dünne Klang zu ihr. Für einen Moment flattert Rosas Herz, als hätte es Flügel. »Danke«, flüstert Rosa. Eine kleine Träne krabbelt ihren Hals hinauf. Bimm-Bimmm-Bimmm-Bimmm-Bimm-Bimm-Bimm. Dann ist es wieder still. Sieben Uhr, denkt Rosa. Oh. Die Träne tropft leise ins lauwarme Mittelmeer. Und da, nur ein paar Schritte weiter, sieht Rosa noch jemanden im Wasser stehen. Eine kleine, zarte Fee. Ihre Haare schimmern ein bisschen lila im Sonnenuntergang. Wer das wohl ist? Genauso wie Rosa lässt die Frau die trägen Wellen über ihre Knie schwappen und schaut dabei weit hinter den Horizont. Ihre Augen zwinkern gar nicht. Ganz genau wie Rosa zieht die Frau jetzt ihren Rock ein Stückchen hoch, damit er nicht nass wird, und macht vorsichtig einen halben Schritt hinein ins Wasser. Kaum zu sehen, so klein ist der Schritt. Auf ihrer Wange fängt sich dabei ein Sonnenstrahl und glitzert für einen kurzen Moment wie ein Juwel. »Hallo?«, fragt Rosa. Die Frau hört sie nicht. Vielleicht ist sie tatsächlich eine Fee. Oder ein Engel. Sie sieht fast durchsichtig aus, als könnte sie jederzeit schwerelos übers Wasser tanzen. So wollt ich immer sein, denkt Rosa voller Sehnsucht. So schön und federleicht wie diese Frau. Die Frau geht weiter, langsam, lächelnd. Eine bunte kleine Welle wippt schon bis zu ihren Ellbogen. »Hallo?«, sagt Rosa noch einmal. Jetzt hört die Frau. Sie streicht ihr graues Haar zurück, als würde sie aus einem weit entfernten Traum erwachen. Ihr Blümchenrock fällt ihr aus der Hand und schwimmt um sie herum wie eine Wolke. Und dann schweift ein Blick aus zwei hellen Augen zu Rosa. Verwundert streift der Blick Rosas hochgehaltenen Rocksaum, flattert höher und registriert schneller als ein Lidschlag den Riss in Rosas Herz. Sie weiß es, denkt Rosa. Und auf einmal schämt sie sich. Ihre Zehen scharren unter Wasser eine Sandwolke auf. »Che bello, eh?«, sagt die kleine Frau und zeigt hinaus aufs offene Meer. Ihre Stimme ist leise und heiser. Sie sagt es so nebenbei, als hätten sie sich wie jeden Tag beim Einkaufen getroffen. Rosa nickt. Die Frau nickt auch. Wehmut ist in ihren Augen. Ein Abschied. Ein lang ersehnter Kuss, den man auf später verschieben muss. Ihr Mund lächelt trotzdem. Hätte ich doch den Mund gehalten, denkt Rosa. Salzige Luft weht jetzt vom Meer herein. Dort, wo die Träne über Rosas Backe getropft ist, fühlt es sich kühl an. Und irgendwie ist der Horizont verschwunden. Es ist jetzt ganz und gar unmöglich, dort hinauszugehen. Schöner Scheiß, denkt Rosa. Was mach ich denn jetzt? Weiterzuleben hat sie nicht eingeplant. Ihr Leben besteht aus zwei Koffern, einer versiegelten Geldbombe und einem Paar Pumps mit abgebrochenem Absatz. Heute geht nicht einmal mehr ein Bus! Da sagt die Frau etwas zu ihr auf Italienisch und watet langsam und schwerelos herüber zu Rosa. Rosa lächelt, weil sie nicht weiß, was sie sonst tun soll. »No parla italiano?« Rosa schüttelt den Kopf. »Deutsch?« »Ja«, krächzt Rosa. Jetzt steht die kleine Frau neben ihr. Ihr Blümchenrock schaukelt mit den Wellen hin und her. Und einträchtig daneben schwimmt Rosas Rock. Ein schöner Rock, wie für eine Sommernacht in Italien gemacht. »Ah. Meine Deutsch ist schon sehr alt«, sagt die Frau. »Ich habe lange nicht gesprochen.« »Aber nein, Ihr Deutsch ist sehr gut«, sagt Rosa. »Aah, si, si.« Die Frau lacht leise, und ihr Blick schwirrt kurz noch einmal fort, in eine andere Zeit. Vielleicht ist diese Frau ja verrückt. Normale Menschen stehen nicht mit Bluse, Rock und Strümpfen im Meer. »Serafina«, stellt sie sich dann vor. »Rosa«, sagt Rosa. »Der Name einer schönen Frau.« »Ha!«, schnieft Rosa. »Dann ist er bei mir falsch.« Serafinas heller Blick wandert zu den Schuhen am Strand. Und zu den Strümpfen, die Rosa trägt. Es sind solche, die schlanke Beine machen. »Die haben nichts geholfen«, sagt Rosa. »Ein Mann muss mit dem Herzen sehen, nicht mit den Augen«, sagt Serafina. »Das tut doch keiner«, sagt Rosa. »Ich habe einen gekannt, der hat das getan«, erzählt Serafina zum Horizont hinaus. »Ja?« »Rudolfo«, singt Serafina und tanzt einen Walzerschritt im Meer. »Und? Wo ist er jetzt?«, fragt Rosa und denkt: Wahrscheinlich hat er sie verlassen. Oder betrogen. Alle Italiener betrügen ihre Frauen. Sonst würde Serafina ja jetzt nicht allein im Meer herumstehen. »Gestorben.« »Oh«, sagt Rosa. »Das tut mir leid. Ich hab nicht gedacht, dass ... an so was habe ich nicht gedacht.« »Da draußen«, lächelt Serafina. »Es war ein großer Sturm, 1958. Die Fischerboote kamen nicht mehr herein. Viele sind gestorben damals.« Rosa folgt Serafinas Blick hinaus zum Horizont. Ein magisches Licht ist jetzt da draußen. »Wir waren sehr jung«, sagt Serafina. »Rudolfo und ich.« Ihr Lächeln wird zu einem...