E-Book, Deutsch, Band 2012, 420 Seiten
Reihe: Phantastische Stories
Melneczuk Geisterstunden
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-612-5
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2012, 420 Seiten
Reihe: Phantastische Stories
ISBN: 978-3-95719-612-5
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
'GEISTERSTUNDEN! 31 Tage im Oktober. 31 unheimliche Kurzgeschichten. Versammelt in einem Band. Ein literarischer Kalender zwischen wohligem Schauer und purem Schrecken.'
Autoren/Hrsg.
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4. Oktober: Loch Ness
Wir ahnten damals nicht, dass die beiden jungen Männer, die uns im Schankraum gegenüber saßen, dem Tod geweiht waren. Dreißig Jahre liegt die unheilvolle Begegnung inzwischen zurück. Sie ereignete sich an einem stürmischen Abend Anfang Oktober, und mir ist, als sei das erst gestern gewesen. Ich sehe sie noch immer vor mir, in ihren teuren Maßanzügen, ein Bier nach dem anderen kippend und altklug daher schwatzend – geistreich und arrogant zugleich. John Lethbridge hieß ihr Wortführer. Eine Erscheinung wie in Stein gemeißelt, hellwach, distinguiert, weit gereist und felsenfest davon überzeugt, sich mit Geld alles kaufen zu können. Einer seiner Vorfahren hatte mit der „Diving Engine“ das Tauchen in großen Tiefen überhaupt erst ermöglicht, irgendwann zu Beginn des 18. Jahrhunderts, und nun war es an ihm, die Tradition seiner Familie mit Anstand fortzusetzen, wie er betonte. Seine britischen Wurzeln lägen ihm am Herzen, dozierte Lethbridge, sein Bier in einer Art und Weise trinkend, wie es nur Amerikaner zu tun vermögen. Als Mitglied der Historical Diving Society verstand er sich als Abenteurer. Er benutze, und das wiederholte Lethbridge an diesem Abend gleich mehrfach, ausschließlich historische Ausrüstungsstücke – sofern es ihre Technik zuließ. Durch eine Erbschaft war er zu unglaublich viel Geld gekommen, und als Teilhaber wild sprudelnder Erdölfelder in Texas konnte sich der junge Mann jede Form von Extravaganz leisten. Der Amerikaner ließ mich nicht eine Sekunde daran zweifeln, dass er meinem alten Freund Scott und mir in allen Belangen überlegen war. Sein Partner hieß Jankins. John Lethbridge vermied es geflissentlich, den Mann beim Vornamen zu nennen. An seinem Geldgeber gemessen war Jankins geradezu zurückhaltend. Er begleitete den unerträglichen Amerikaner bereits seit einigen Jahren. Jankins stammte aus Bristol, trug stets eine Kamera bei sich und hatte sein Talent einst in den Dienst britischer und französischer Hochglanzmagazine gestellt. Bis er eines Tages einen extravaganten Multimillionär aus den Staaten abzulichten hatte. Als persönlicher Haus- und Hoffotograf von John Lethbridge erfüllte ihn seitdem die Hoffnung, sich in absehbarer Zeit mit einem Haufen Geld zur Ruhe setzen zu können. Jankins verbrachte den Abend damit, Scott und mich reserviert zu beobachten und hin und wieder seine hohe, braungebrannte Stirn zu runzeln, wenn wir etwas sagten. John Lethbridge offenbarte uns, dass sich sein persönlicher Assistent bestens darauf verstand, die Fotos, die er bei ihren gemeinsamen Expeditionen rund um den Erdball schoss, gegen Höchstgebote zu versilbern. Jankins war unberechenbar. Wortkarg trank er sein Bier und sah sich dabei immer mal wieder nach der hübschen Bedienung um, die uns bald schon mit Malt Whisky versorgte und nicht einen Blick erwiderte. So saßen uns John Lethbridge und Jankins in einem verrauchten Pub in Inverness gegenüber und besiegelten ihr Schicksal. Ein Mittelsmann, sein Name war Rowlins, hatte sich ein paar Tage zuvor mit uns in Verbindung gesetzt – über den Hafenmeister aus Aberdeen, den wir gut kannten. Lethbridge suchte zwei für sein nächstes Vorhaben erfahrene Seeleute, die Geld verdienen wollten, ohne daraus eine große Sache zu machen. Zwei Tage sollte der Job in Anspruch nehmen. Unsere einzige Verpflichtung bestand in Stillschweigen. Kein Wort zu unseren Familien, kein Wort zu unseren Freunden und vor allen Dingen kein Wort zur Presse. Andernfalls drohte uns die Rückzahlung des Zehnfachen der vereinbarten Summe. Nach Unterzeichnung eines entsprechend geharnischten Vertrages bei einem Notar wurden wir mit einem stattlichen Vorschuss und mit einem Boot bedacht. Der Kahn, den Lethbridge über den Hafenmeister hatte chartern lassen, hieß „Maid of Moray“, war gut in Schuss und lag startbereit an einem Ausleger am Loch Ness. Das roch nach leicht verdientem Geld. Scott und ich sollten die „Maid“ nur hinaus auf den See steuern und den beiden Abenteurern beim Tauchgang zur Hand gehen. John Lethbridge war mit Blick auf das bevorstehende Spektakel kaum noch zu bremsen, was Jankins sichtlich unangenehm war. So erzählte uns der Amerikaner nach seinem dritten Bier von einer Himalaya-Expedition auf den Spuren des Yeti. Und von den wirklich wundervollen Fotos, die Jankins von den Überresten eines solchen geschossen hatte. Hinter den verschwiegenen Mauern eines Klosters in Tibet, immer darauf bedacht, die jahrhundertealten Fundstücke bloß nicht durch Blitzlicht zu beschädigen. An der Echtheit des Fundes bestehe kein Zweifel, erklärte uns Lethbridge. Ähnliches gab es von Bigfoot zu berichten. Ihm waren die beiden Männer vor zwei Jahren über den Weg gelaufen. In den Rocky Mountains. Das behaupteten sie zumindest. Das Ungeheuer von Loch Ness fehle ihm noch in der Sammlung, ließ Lethbridge uns wissen. Er hoffe, das Untier beim Tauchgang mit Jankins vor die Linse zu bekommen – ein Relikt aus der Urzeit, das tief unten im See die Jahrtausende überdauert hatte. Ich fragte mich, wann der Amerikaner uns wohl von seinem Besuch in der Area 51 berichten würde. Und von den Fotos der vier außerirdischen Leichen, die seit dem Absturz von Roswell in New Mexico im Sommer 1947 dort aufbewahrt wurden. Möglicherweise war John Lethbridge ja auch im Besitz des Heiligen Grals und der Bundeslade, die er in einer extra dazu gebauten Frachthalle in seiner texanischen Heimat bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit aufbewahren ließ, um sie eines Tages doch noch der staunenden Welt zu präsentieren. Unser Auftrag: Mit Seilwinden und Galgen am Heck der „Maid“ sollten wir Lethbridge und Jankins in die Tiefe befördern. Die Männer verfügten über beheizbare Helmtauch-Ausrüstungen, von der Sorte, wie man sie aus alten Schatzsucher-Geschichten kennt. Dreißig Meter tief, das sollte reichen, um einen aufschlussreichen Blick in den See zu werfen. John Lethbridge legte Wert auf einen stilechten Tauchgang. Eigens für dieses Unternehmen hatte er deshalb zwei Tiefseetauchanzüge aus den 40er Jahren generalüberholen und auf den neuesten Stand der Technik bringen lassen. Die Unterwasser-Scheinwerfer und die Kameras, welche die Männer mit nach unten zu nehmen gedachten, waren hochmodern und das Beste, was es auf dem Markt zu kaufen gab. Der Zeitpunkt war ideal: Vor drei Wochen hatte es glaubhafte Meldungen über Sichtungen an der Westseite des Loch Ness gegeben. Diesen wollten Lethbridge und Jankins nachgehen, gegebenenfalls mit Tauchgängen an verschiedenen Stellen im See. Augenzeugen hatten – pünktlich zu Beginn der Saison – von riesenhaften Umrissen im Wasser berichtet, einer Schlange gleich, fast zehn Meter lang und sehr, sehr schnell. In der Überzeugung, den ersten echten Beweis für die Existenz des Ungeheuers von Loch Ness zu liefern, waren Lethbridge und Jankins nach Schottland gekommen. Das berühmte Nessie-Foto aus dem Jahr 1934 sei nichts anderes als eine Fälschung, behauptete der Amerikaner, und wir könnten gerade auch deshalb stolz sein, den Tauchgang hier gemeinsam mit ihm zum Erfolg zu führen, um der Welt da draußen endlich handfeste Aufnahmen zu liefern. Nach dem Loch Ness werde man bald schon im Lake Okanagan in Kanada tauchen, auf gleiche Weise, ebenfalls auf den Spuren eines Seeungeheuers, das an Land immer mal wieder für Schlagzeilen sorgte. Der Amerikaner entspannte sich etwas, als die Bedienung – eine gälische Schönheit mit feuerroter Mähne – Nachschub auf seinen Bierdeckel stellte. Mit Kähnen wie der „Maid“ aus früheren Zeiten vertraut, ließen wir uns auf das Abenteuer ein. John Lethbridge hatte es sich – unter Zuhilfenahme monetärer Mittel, wie er es nannte – abschließend auch bei den schottischen Behörden absegnen lassen. Mit der Maßgabe, bei einer Sichtung und eindeutigen Fotos umgehend die Regierung zu informieren. Um den Reiz seiner Mission zu vergrößern, hatte es sich der Amerikaner auch noch in den Kopf gesetzt, nachts zu tauchen. Und er war durch nichts davon abzubringen. Auf Aufnahmen unter solchen Bedingungen sei er spezialisiert, sekundierte Jankins. Außerdem sei die Chance, unter Wasser tatsächlich auf das Ungeheuer zu treffen, in den Nachtstunden am größten: Nach allem, was wir wissen, verlässt es vor allem bei Dunkelheit sein Versteck tief unten im See, um weiter oben auf die Jagd nach Fischen und Seevögeln zu gehen. Am Abend darauf machten wir uns auf den Weg. Der Himmel war sternenklar, als wir mit der „Maid of Moray“ auf Loch Ness hinaus fuhren. Lediglich ein paar japanische Touristen schauten uns nach, als wir ablegten. Jankins und Lethbridge winkten den Leuten feixend zu. Die Beiden waren auch noch in bester Laune, als sie wenig später in ihre Helmtauch-Anzüge stiegen. Nach einer kurzen Einweisung wussten Scott und ich, was beim Einkleiden unserer Helden zu beachten war: Wir reichten dem Amerikaner und seinem Tauchpartner schwere Drei-Bolzen-Helme und arretierten sie auf nicht minder schweren Schulteraufsätzen. Dann prüften wir die Zufuhr der Luftschläuche, kontrollierten die Auslassventile an den Anzügen ebenso wie die Pumpsysteme, die Lethbridge und Jankins unten im See mit Atemluft versorgen sollten. Die Männer sprachen über ihre Helm-Mikrophone mit uns. Zur Vorsicht waren beide auch noch über ein Zugseil als Signalgeber mit der „Maid“ verbunden. Am Ende der beiden Seile hing...