E-Book, Deutsch, 211 Seiten
Für GROSS und KLEIN zum vorlesen und selber lesen
E-Book, Deutsch, 211 Seiten
ISBN: 978-3-347-56231-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Der Eingang zur Anderswelt Ich sitze in meinem Garten und schaue hinaus in die wilde Natur, die sich mir bietet. Ich bin Berta Schlom oder Oma Berta, so nennen mich jedenfalls die Kinder aus der Nachbarschaft. Mit meinen 77 Jahren bin ich nicht mehr die Jüngste, allerdings noch sehr rüstig. Wer immer möchte, kann zu mir kommen. Ich wohne in einem kleinen weißen Häuschen am Rande des Waldes. Ein weißer Gartenzaun umrandet das Grundstück und ich habe mir viel Mühe gegeben die Natur bei mir einziehen zu lassen. Wilde Rosenranken umschließen den Eingang zu meinem Garten und wenn du darin stehst, kannst du viele bunte Blumen, Sträucher und Wiese sehen. Auch ein kleiner Teich ist zu erkennen, wenn du nur genau hinschaust. Alles in allem ein wunderschöner verwunschener Garten. Warum ich das so gemacht habe? Ja, das ist eine gute Frage… Zum Einen, weil ich den Tieren in meinem Garten eine Heimat geben wollte, zum anderen weil ich die Inspiration und die Ideen der Notwendigkeit von meinen kleinen Freunden bekommen habe. Es ist wichtig der Natur in ihrer ursprünglichen Form die Gelegenheit zu geben sich auszubreiten. In der heutigen Zeit wird so viel bebaut und betoniert, dass sich das, was wichtig ist und was wir brauchen, nicht mehr entfalten kann. Mit meinem Garten kann ich etwas dazu beitragen und wenn das jeder machen würde, wäre die Welt um einiges schöner und wertvoller. Nun schweife ich aber ab. Ich wollte euch erzählen, wie ich meine kleinen Freunde aus der Anderswelt kennengelernt habe. Ach, da bekomme ich gerade Besuch von den Kindern aus der Nachbarschaft. „Hallo Nele, hallo Klaus, hallo Günther und die kleine Sarah ist auch da…“, begrüße ich die Kinder erfreut und lade sie ein, sich zu nähern. „Schön, dass ihr gekommen seid. Ich freue mich sehr euch zu sehen.“ „Hallo Oma Berta“ ertönt es im Chor zurück. „Wir haben Ferien und wir wollten von dir die Geschichten aus der Anderswelt hören“, sagte Nele. Nele, Klaus und Günther sind 7 Jahre alt und die kleine Sarah ist die Schwester von Günther und 5 Jahre alt. Die Großen gehen zusammen in die 2. Klasse der örtlichen Grundschule und Sarah ist im Kindergarten in der Sonnenblumen-Gruppe. Sie kommen gerne zu mir, um sich meine Geschichten anzuhören. Dann sind sie alle ganz aufmerksam. Ich freue mich immer, wenn die Kinder kommen. So kann ich meine Geschichten erzählen und die Kinder sind so andächtig bei der Sache, dass ich erkennen kann, wie sie sich alles vorstellen und miterleben können. „Nun gut, dann nehmt euch Plätzchen und trinkt den Kakao, während ich euch erzähle, wie ich zum ersten Mal in die Anderswelt kam“, forderte ich die Kinder auf und machte es mir auf meinem Schaukelstuhl bequem. Ich war etwa so alt wie ihr, als ich morgens aufstand und merkte, dass der Tag anders war als sonst. Ich spürte förmlich, dass sich etwas Besonderes an diesem Tag ereignen würde. Schnell huschte ich ins Bad, um mich zu waschen und die Zähne zu putzen. Danach ging ich in die Küche, wo meine Mutter mich schon erstaunt erwartete. „Du bist schon fertig, Berta?“, fragte sie mich und zog die Augenbrauen hoch. „Ja, Mama, ich wollte mich beeilen. Ich möchte gleich nach dem Frühstück in den Garten. Dort wartet etwas auf mich….“ „Aha“, meinte meine Mutter und machte mir ein Butterbrot mit selbstgemachter Erdbeermarmelade, stellte einen Becher Milch dazu und ich ließ es mir schmecken. Nachdem ich alles aufgegessen und getrunken hatte, also noch mit Marmeladenbutterbrotkrümeln in den Mundwinkeln und einem Milchbart, der sich sehen lassen konnte, flitzte ich durch die offene Küchentür nach draußen in den Garten. Ich ging langsam durch das noch feuchte Gras. Der Garten sah schon damals fast genauso aus, wie heute. Alles war voller Blumen und Büsche. Die Bienen summten schon von Blüte zu Blüte, die Schmetterlinge tanzten durch die Luft und die Vögel sangen ihr Lied. Es war herrlich. Der Himmel war blau, die Sonne stieg langsam auf und es duftete nach Blumenwiese, Gras und auch etwas Wald. Es war schon hell, doch der Morgentau war noch nicht von der Sonne getrocknet worden. Ich ging also bis zum Ende unseres Gartens und schaute in den Wald hinein. Ich lauschte, denn ich hatte etwas gehört. Es knackte und raschelte. Ich schaute und lauschte. Ganz still stand ich da, um das was da war, nicht zu erschrecken. Da sah ich es und machte große Augen. Da war eine Hirschkuh. Sie schaute mich an. Ich blieb still stehen und bewegte mich nicht. Langsam kam sie näher und beobachtete mich neugierig. Ihre großen braunen Augen sahen mich an. Sie war wunderschön und ich konnte ihrem Blick nicht widerstehen. Ihr Fell war hellbraun und die Ohren groß und schön flauschig. Ihr Maul war umzogen von kurzen Fellhaaren. Es sah samtweich aus. Ich war fasziniert von solch einem schönen Tier, als es mich plötzlich ansprach: „Hallo, du liebes Kind, du bist von reiner Seele und ich bin heute hier, um mit dir zu sprechen und eine Bitte an dich zu richten. Ich bin Eilid.“ Sie verbeugte sich leicht vor mir. Erstaunt schaute ich sie an und ich gab mir einen Ruck, um zu antworten. „Hallo, Eilid, ich bin Berta Schlom“, sagte ich leise und beklommen. Sollte das wirklich gerade geschehen? Sollte ich gerade wirklich von einer Hirschkuh angesprochen worden sein? Das war vielleicht das, was ich heute Morgen beim Aufstehen schon gespürt hatte. Da richtete Eilid wieder das Wort an mich: „Wundere dich nicht, liebes Kind, liebe Berta. Ja, ich spreche mit dir, weil ich gesehen habe, dass du für diese Verbindung offen bist. Weil ich spüre, dass du ein besonderes Kind bist. Offen für Wunder. Offen für alles, was Leben ist und ebenso neugierig, etwas zu erleben. Genau nach dir habe ich gesucht! Magst du vielleicht mit mir kommen? Ich möchte dir etwas zeigen. Hab keine Angst, ich bringe dich nur zur Anderswelt. Dort braucht man deine Hilfe. Magst du mit mir kommen?“ Ich nickte, denn sagen konnte ich nicht viel, so erstaunt war ich. Was hat sie gesagt? Anderswelt? Ich kann helfen? Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf, doch meine Neugierde war größer, also kletterte ich schnell durch den Zaun. An einer Stelle hatte sich eine Latte etwas gelockert, so dass ich sie unten etwas zur Seite schieben konnte, um hindurch zu schlüpfen. Die Hirschkuh wartete geduldig. Gemeinsam gingen wir in den Wald hinein und ich schaute mich neugierig um. Was raschelte da? Hatte ich gerade etwas gesehen? Ach, das war sicher eine kleine Maus die durch die trockenen Blätter huschte. Ich war ganz aufgeregt. Nachdem wir einige Zeit gelaufen waren, fragte ich die Hirschkuh: „Was genau ist denn die Anderswelt?“ „Das, liebes Kind, ist die Welt, in der die Feen und Elfen, Kobolde und Zwerge, Gnome und andere Wesen leben“, antwortete sie. Da kamen wir an einem alten dicken Baum an. Eilid blieb stehen und ich schaute sie fragend an. „Hier, mein liebes Kind, sind wir angekommen. Hier ist der Eingang zur Anderswelt. Ich kann dich leider nicht weiter begleiten, doch ich kann dir das Tor öffnen. Wenn du durch dieses Tor gehst, wird dich auf der anderen Seite ein anderes Wesen empfangen und dich weiter begleiten. Ich danke dir, dass du mit mir gekommen bist. Wenn du zurück kommst, werde ich dich hier erwarten, um dich wieder nach Hause zu bringen“, sprach sie und scharrte mit dem linken vorderen Huf an einer bestimmten Stelle vor dem Baum. Da öffnete sich der Baum. Die Rinde schob sich wie ein Vorhang zur Seite und es war ein Durchgang zu erkennen. „Da soll ich reingehen?“, fragte ich etwas ängstlich und schaute abwechselnd zu Eilid und zum Eingang im Baum. „Trau dich, du brauchst keine zu Angst haben…“, sagte Eilid und schob mich behutsam mit ihrem Kopf näher an den Baum heran. Ich nahm all meinen Mut zusammen und betrat den Baum. Es fühlte sich an, als ob ich durch einen Vorhang ging. Zuerst war es dunkel in dem Baum, doch als ich weiter ging, wurde es nach und nach heller. Ich schaute mich um und sah eine lange Treppe, die nach unten führte. Gerade als mein Mut mich verlassen wollte, hörte ich ein leises Klingeln und neben mir erschien ein kleines Wesen. Rund wie eine Hummel, groß wie eine Hummel, doch es war keine Hummel. Es hatte ein blaues, fast durchsichtiges Kleidchen an mit einer winzigen roten Schleife um den Bauch. Winzig kleine Schühchen an den Füssen, doch es stand nicht auf dem Boden, nein, es flog um mich herum. Die kleinen Flügelchen waren kaum zu erkennen, so schnell bewegten sie sich. „Komm mit! Ich erzähle dir gleich alles auf dem Weg nach unten“, piepste mich das kleine Wesen an und flog die Treppe hinunter. Ich folgte ihr zögernd. Stufe um Stufe stieg ich hinunter und mit jeder Stufe wurde das Wesen grösser… oder ich nur kleiner? Ich war mir nicht sicher. Ich ging weiter und schaute mich um, doch außer den Stufen konnte ich nichts erkennen....