E-Book, Deutsch, 684 Seiten
ISBN: 978-3-7534-0027-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jürgen May wurde im Mai 1964 in Köln geboren, wuchs jedoch im Bergischen Land auf. Erst im Erwachsenenalter zog es ihn wieder zurück in seine Geburtsstadt, in der er heute mit seinem Ehemann lebt und seinem Beruf als Bilanzbuchhalter nachgeht. Schon im Kindesalter befasste er sich lieber mit Zahlen als mit Worten, was ihn später dazu veranlasste, eine entsprechende Berufswahl zu treffen. Erst ein Workshop, den er in einer Schreibwerkstatt besuchte, weckte in ihm das Interesse, Worte zu Papier zu bringen und daraus entstand 2021 sein erster Roman.
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Kapitel 1
Die Vorahnung
Es war ein stechender Schmerz in meinen Augen, der mich ungewollt aus meinem Schlaf riss und mir unmissverständlich zu verstehen gab, dass der Tag angebrochen war! Die Sonne hatte es geschafft, sich mit ihrem Strahl an der Außenfassade entlang langsam ihren Weg zu suchen, um dann mit voller Kraft gewaltsam durchs Fenster in mein Zimmer einzudringen. Aber heute wollte ich nicht wach werden und so wendete ich mich ab und versuchte mich wieder in meinen Träumen zu verlieren. Irgendetwas ließ mich jedoch nicht mehr zur Ruhe kommen und die Sonne tat ihr Bestes daran, mir, egal wie ich mich wendete, zu folgen, um mich zu ermahnen, den Tag zu beginnen. „Warum konnte ich mich heute nicht darauf einlassen?“, fragte ich mich. Im Allgemeinen freute ich mich doch jeden Morgen über den Tagesanbruch und auf ein neues Stück Lebensgeschichte. Doch an diesem Tag begleitete mich ein ungutes Gefühl, welches mir meinen Durst nach neuen Herausforderungen, die mich vielleicht erwarteten, nahm. Ich konnte dieses Gefühl nicht richtig deuten, dennoch umgab es mich und schnürte mir den Hals zu. Ich war weder in der Lage, es in Worte zu fassen, noch konnte ich die Gedanken festhalten, die darum kreisten. Irgendetwas lag in der Luft und schwebte so als Vorahnung herum, ohne auch nur den leisesten Hinweis preisgeben zu wollen, um was es sich handeln könnte. „War es wie ein bitterer Vorgeschmack auf etwas Neues, Unheilvolles, was mich erwarten würde, sobald ich das Bett verließe?“ „Oder war es eher ein bitterer Nachgeschmack auf etwas Altes, längst Verjährtes, was sich heute wieder den Weg ins Jetzt suchte?“ Ich kam zu keinem Ergebnis und stellte mit Enttäuschung fest, dass ich vollends wach war. Die Sonne hatte den Kampf gewonnen. Ich glaubte fest daran, dass ihre einzige Aufgabe darin bestünde, den Globus zu umwandern, um die darauf lebenden Wesen zu wecken und in den Tag zu schicken. Abends verschwindet sie einfach wieder und erteilt damit die Erlaubnis, sich zur Ruhe zu begeben. „Nun ich weiß! Die Sonne dreht sich nicht um die Erde, sondern es verhält sich umgekehrt!“ Doch damals wusste ich das nicht. Genau genommen war sich in jener Zeit niemand so richtig im Klaren über das Zusammenspiel von Erde und Sonne. „In jener Zeit?“, werden Sie fragen. „Ja, damals, als ich noch König war!“ „König?“ „Ja, König von Lordland.“ „Lordland?“ „Ja, Lordland, aus dem Hause der Tungston!“ „Wann genau das gewesen sein soll?“ „In meinem früheren Leben!“ „Genau gesagt, im Mittelalter des 16. Jahrhundert!“ Aber wie ich schon sagte, ich war nun wach und das schon bevor mich mein Kammerdiener, Percy Mainstorm wecken konnte, wie er es für gewöhnlich tat. Und so saß ich auf meiner Bettkante, unschlüssig ob ich mich nun wagen sollte, meine Füße auf den Boden zu setzen, um mich aufzurichten, oder es vorziehen sollte, doch lieber bis in alle Ewigkeit sitzen zu bleiben. Ich ließ meinen Blick durch meine Kammer wandern und sah alles noch wie durch einen Schleier. Durch mehrfaches Reiben meiner Augen glaubte ich meine Sicht klären zu können, doch bemerkte ich bald, dass dies zu keinem Erfolg führte und mein Schlafgemach jetzt in der Form zu sehen war, als würde ich durch ein dickes Trinkglas blicken. Was ich sah war meine gegenüberstehende Kommode, die so wirkte, als hätte sie jemand über Nacht verbogen. Die Gegenstände, die darauf standen, ließen sich nur verschwommen erahnen und erschienen mir in einem völligen Durcheinander. Es handelte sich um einige Vasen aus edelstem Porzellan, eine Menge Dosen aus verschiedensten Metallen und unzählige Kerzenständer, die bereits das Zimmer meiner Mutter schmückten. Die Kommode selbst war aus Eichenholz gefertigt und deren Türen mit kunstvollen Verzierungen geschnitzt. Ein dazu passender Kleiderschrank stand rechts von meinem Bett und direkt daneben befand sich ein einfacher Waschtisch, welchen ich allmorgendlich benutzte. Hierauf stand eine Waschschüssel aus weißem Porzellan mit einer dazugehörigen Kanne, die über einen breiten Ausguss verfügte. Ein wohlriechender Duft verriet, dass Percy neue Seifenstücke hat auflegen lassen. Neben diesen Möbelstücken und meinem Bett, welches auf Stelzen stand und mit einem prunkvollen, aus Gold besticktem Baldachin überdacht war, standen noch ein altes Sofa und eine Sitzgarnitur in der Nähe des Fensters. Schwere rote Samtvorhänge und eine tiefbraune Wandvertäfelung aus Ebenholz sorgten dafür, dass der Raum recht dunkel wirkte. Wenn die Sonne nicht direkt durch das Fenster schien, gab es für mich nur eins was meine Kammer erstrahlen ließ, und dies war das Gemälde meiner Gemahlin, welches direkt gegenüber am Fußende meines Bettes hing. Etwas daneben befand sich eine sehr schmale Tür, die nach draußen auf einen etwa fünfzig Zentimeter breiten Mauervorsprung führte. Dieser war durch eine schmiedeeiserne Brüstung gesichert und von hier konnte man einen seitlichen Ausblick auf den Schlosspark genießen. Gerade als ich im Begriff war mich aufzurichten, hörte ich das Knattern der schweren Eichentür, welche in den Vorraum meines Schlafgemachs führte. Es ließ mich innehalten und so verschob ich meine Entscheidung aufzustehen auf später. Ich blieb ruhig sitzen, wurde von Percy begrüßt und hatte nun die Gelegenheit den morgendlichen Gang meines Kammerdieners zu beobachten, was ich bislang noch nie bewusst tat. Zunächst holte er unter meinem Bett den Nachttopf hervor und brachte ihn vor die Tür. Anschließend betrat er wieder den Raum und füllte für meine morgendliche Toilette die Schüssel mit Wasser. Und während er dies tat, fiel mir auf wie alt er in der Zwischenzeit geworden war, was mir aufgrund dessen, dass ich sonst noch recht verschlafen war um diese Zeit, gar nicht bemerkt hatte. Meine Augen sahen nun wieder klar, so dass ich ihn jetzt in seiner ganzen Gestalt betrachten konnte. Ich vernahm ein mageres, mit Falten übersätes Gesicht, trübe, tiefliegende Augen, eine lange, spitze Nase und ein fast lippenloser Mund, der sich wie ein Kräuselband zusammengezogen hatte. Sein greises, langes und schütteres Haar fiel ihm bis auf die Schultern und seine krumme Haltung ließ ihn um einiges kleiner wirken, als er in Wirklichkeit war. Was mir zum ersten Mal auffiel, war ein starkes Zittern in seinen Händen. Er zitterte so sehr, dass er nur noch mit Mühe die Waschschüssel befüllen konnte, ohne die Hälfte zu verschütten. Ich stellte mir die Frage wie alt er wohl mittlerweile sein mochte. Doch ich musste mir eingestehen, dass ich es nicht wusste, so sehr ich auch nachdachte. Alles was ich wusste, war, dass er bereits in den Diensten meines Vaters stand und ein dem Hofe vertrauter Geistlicher, als Fürsprecher, Percys Fähigkeiten anpries. Mein Vater hat seine Entscheidung, den damals schon älteren Percy als seinen Kammerdiener zu ernennen, nie bereut und war mit seiner Arbeit stets zufrieden. Als ich nach dem Tode meines Vaters die Thronfolge antrat, setzte Percy seine Dienste fort, ohne dass wir auch nur ein Wort darüber wechselten. „Sollte nun meine Vorahnung sein, dass die Tage dieses alten Herrn, den ich seit meiner Geburt an meiner Seite wusste, gezählt waren und ich bald damit rechnen musste, dass er von mir gehen würde?“ „Nein das konnte es nicht sein!“ Die Ängste, die mich an diesem Morgen heimsuchten mussten etwas Größeres und Gewichtigeres bedeuten. Ohne es schmälern zu wollen, aber das Ableben eines alten Mannes, der vielleicht schon imstande war, sein irdisches Leben in Frieden verlassen zu können, würde mich doch nicht in solchem Maße ängstigen. Wie dem auch sei, ich beschloss darüber nachzudenken, wie ich Percy in seinen wohlverdienten Ruhestand schicken könnte, ohne dass er sich seines Amtes enthoben fühlte. Es würde sicher auch nicht leicht sein einen ebenbürtigen Nachfolger zu finden. In diesem Moment fiel mir auch niemand ein, aber in den nächsten Tagen würde ich nach einem geeigneten Kandidaten suchen. In der Zwischenzeit hatte Percy meine Kleidung zurechtgelegt und ich hatte die Wahl zwischen drei verschiedenen Varianten. Bei der ersten Variante handelte es sich um eine aus dunkelbraunem Leder gearbeiteten Hose und einem weißen Leinenhemd, welches mit verschnörkelten Ornamenten bestickt war. Dazu gehörte eine hellbraune Samtjacke, die an den Ärmeln und am Kragen mit Goldlitze versehen war. Ein leichtes Leinengewand bot sich als zweite Variante. Es war über und über mit sommerlichen Blumenmotiven bestickt und man trug es mit einem vergoldeten Gürtel um die Hüfte. Den Abschluss bildete ein Anzug aus feinstem Stoff, der zwar aufwendig verarbeitet war, aber auch sehr steif wirkte. „Hierin würde ich mich heute bestimmt nicht wohl fühlen!“, befand ich. Und da wir bereits Mitte Juli hatten und sich ein heißer Tag ankündigte, entschied ich mich für das luftige...