Mäder | Mein Bruder Marco | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Mäder Mein Bruder Marco

Versuch einer Annäherung
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-03973-033-9
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Versuch einer Annäherung

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-03973-033-9
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ueli Mäder nimmt Abschied von seinem älteren Bruder Marco. Er tut dies mit einem Brief, der wie ein Zwiegespräch daherkommt. »Wie kamst Du dazu, Dich zu Tode zu saufen? Du warst so erfolgreich unterwegs. Bei mir hätte ich es ja noch verstanden.« Was führte zum Bruch? Der Versuch, zu verstehen, verknüpft persönliche und gesellschaftliche Veränderungen. Zehn Jahre nach dem Tod seines Bruders Marco schreibt Ueli Mäder dieses Buch und setzt sich mit den Fragen auseinander, die schon im ersten Schrecken über ein elendes Ende aufbrachen. Marco war nicht nur ein Nationalliga-Handballer, er war belesen, feinfühlig, unabhängig und ein hoffnungsvoll engagierter Mensch. Wie konnte dieses an Möglichkeiten so reiche Leben so destruktiv zu Ende gehen? Was war das für ein Leben? In welcher Zeit? Welche gesellschaftlichen Umstände, unter denen Marco häufig litt, prägten seinen Weg? Auf der Suche nach Antworten tauchen immer mehr Erinnerungen und neue Fragen auf. Sie beziehen sich auch darauf, wie sich Marco mit Abhängigkeiten, Erwartungen, Erfolg, Liebe, Leiden, Mangel, seinen Lektüren, wissenschaft¬lichen und politischen Debatten auseinandersetzte.

Ueli Mäder, 1951 in Beinwil am See geboren, ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit. Er forscht über soziale Ungleichheiten. Zuletzt erschienen im Rotpunktverlag 68 - was bleibt? (2018), macht.ch. Geld und Macht in der Schweiz (2015) und mit Ganga Jey Aratnam und Sarah Schilliger zusammen Wie Reiche denken und lenken (2010). 2022 erhielt er den Internationalen Erich-Fromm-Preis.
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Frohes Fest – Marco erzählt


»Es war Sonja sofort klar«, schreibst du, »dass sie diesen Mann, der da gegen die Mauer gelehnt vor sich hin sprach, schon ein paar Mal gesehen hatte. Diesen alten Mann mit den ärmlichen Kleidern und dem schönen Hemingway-Gesicht. Weiß die Haare und der Bart. Rot die Gesichtsfarbe, herrührend von der Sonne, oder vom Bären, vom Kreuz, vom Schluuch oder von sonst wo. Sie hatte ihn schon gesehen auf einer Bank am Fluss, mit dem Migros-Tragsack durch Gassen schlurfend, Tauben fütternd. Sein Gesicht war ihr aufgefallen – mehr nicht. Da stand er nun, eine etwas gewagte Behauptung, gegen die Mauer gelehnt und war offensichtlich stark besoffen.

Was tun? Es war später Abend. Sonja war Studentin an der Schule für Sozialarbeit, hatte noch einen Vortrag mit dem schönen Thema ›Psychohygiene im Alltagsstress‹ besucht und war entsprechend müde. Sie überwand jedoch ihren zu dieser Stunde und in diesem Quartier durchaus angebrachten Reflex, die Straßenseite zu wechseln, und ging einer inneren Regung folgend auf den alten Mann zu. Sonja hörte sich lauter, als sie eigentlich wollte, ›guten Abend‹ sagen und fragen, ob sie helfen könne. Der alte Mann schaute mit glänzenden Augen in ihre Richtung und wiederholte, wie viele Betrunkene es zu tun pflegen, eines der letzten Wörter, das er gehört hatte: Helfen, helfen, helfen, ohne viel mit diesem für ihn etwas exotischen Begriff anfangen zu können. Sonja spürte keine Ablehnung und beschloss, konkreter zu werden. Sie bot ihm ihren Arm an und sagte einfach: Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause.

Der Mann blinzelte, straffte sich ein wenig und hängte sich wortlos bei Sonja ein. Gemeinsam – mit etwas eigenwilliger Linienführung, aber immerhin – schlurften sie von dannen. Da er auf entsprechende Fragen nicht reagierte, nahm Sonja an, dass er auch in diesem Zustand den Heimweg noch wüsste und ließ ihn die ungefähre Richtung bestimmen. Es war kalt und Sonja war froh, als der Mann vor einem alten Haus in einer Seitengasse stehenblieb und mit weit ausholender Armbewegung andeutete, dass er hier zu Hause sei. Umständlich klaubte er einen großen Schlüssel aus der Manteltasche und schloss noch umständlicher die Haustüre auf. Es wäre schneller gegangen, wenn Sonja dies getan hätte, aber sie wollte ihn nicht beleidigen. Er richtete sich wieder auf und streckte Sonja seine Hand hin. Sie schlug ein. ›Sepp‹ sagte er, ›Sonja‹ sie. Sepp versuchte krampfhaft, ihr Gesicht mit seinen Augen zu fixieren und schüttelte immer wieder den Kopf. Wahrscheinlich war es sehr lange her, dass er von einer jungen Frau heimbegleitet worden war. Mühsam brachte er ein paar Worte hervor, denen Sonja entnehmen konnte, dass er ihre Erscheinung im Bereich der Engel oder zumindest der guten Feen anzusiedeln geneigt war. Ein Danke glaubte sie auch herausgehört zu haben. Sonja musste sich eine gewisse Rührung zugestehen. Spontan legte sie ihm eine Hand auf die Schulter und schlug ihm vor, sich morgen Nachmittag um drei Uhr in einem nahe gelegenen Café zu treffen, sie würde gerne mit ihm plaudern. Sepp nickte. Ob er wohl verstanden hatte? Sie wünschten sich eine gute Nacht und trennten sich.

Auf ihrem restlichen Heimweg hatte Sonja ein gutes Gefühl im Bauch. Aber sie wunderte sich doch über ihre Spontaneität. War das wohl richtig vom sozialarbeiterischen Standpunkt aus? Andererseits interessierte sie dieser Mann und sie würde es später vielleicht noch häufig mit solchen Menschen zu tun haben. Auch müsste sie eigentlich noch gar nicht wissen, ob ihr Vorgehen richtig war, sie sei ja noch in Ausbildung und überhaupt, vielleicht komme Sepp gar nicht. Mit diesem mentalen Valium schlief Sonja, zu Hause angekommen, ruhig ein.

Wie immer erstaunt darüber, dass er auf seinem eigenen Bett lag, wachte Sepp am andern Morgen auf. Mit gewaltig brummendem Schädel richtete er sich auf. Nach geraumer Zeit stand er etwas wackelig auf seinen Beinen. Anzuziehen brauchte er sich nicht, hatte er doch den Vorteil desjenigen auf seinen Seiten, der sich fürs Schlafen erst gar nicht auszieht. Wohlgefällig blickte er auf die Unordnung in seinem Zimmer, das eher einer Höhle glich, aber es war seine Höhle. Routinemäßig braute er sich auf seinem Gaskocher einen starken schwarzen Kaffee und trank ihn unter Beigabe von Zitronensaft ungesüßt, ein altes Trinkerrezept, das mit Garantie die Revolte im Schädel niederzuschlagen imstande ist. (Ohne Ihnen etwas unterstellen zu wollen, versuchen Sie es mal, es schmeckt fürchterlich, aber es hilft. Ich rede aus Erfahrung.) Mit zitternden Händen trank er und versuchte, sich an den gestrigen Abend zu erinnern. Viel war da nicht zu machen, aber ein paar Bruchstücke irritierten Sepp.

Ein schemenhaftes Gesicht, Stil Engel oder Fee, der heutige Nachmittag und das naheliegende Café. Wie Blinklichter tauchten die drei Sachen vor seinem inneren Auge auf. Sepp kombinierte haarscharf. So fantastisch es klang, er musste gestern mit einer Fee oder einem Engel für heute Nachmittag im Café abgemacht haben. Der genaue Zeitpunkt war seinen strapazierten Hirnwindungen trotz allen Bemühens nicht zu entreißen. Sepp, der ein neugieriger Mensch war, beschloss, seine geradezu pathologische Abneigung gegen solche Lokale zu überwinden und den heutigen Nachmittag im Café zu verbringen. Komme was wolle, und kommt es nicht – auch gut. Er verzichtete schweren Herzens auf seine jetzt fälligen zwei Flaschen Bier, mit denen er üblicherweise das Zittern der Hände erfolgreich bekämpfte. Er wollte seinem Engel keine Alkoholfahne zumuten – für Sepp eine Frage der Pietät.

So konnte man denn Sepp ab 14 Uhr an einem Ecktisch des besagten Cafés sitzen sehen, von wo aus er die Eingangstüre beobachten konnte. Vor sich eine Tasse Kaffee. Die übrigen Tische waren mäßig besetzt, alles Frauen. Sepp schalt sich einen Narren und kam sich vor, wie etwa Ueli der Knecht, wäre der bei den De Meurons oder von Steigers zum Tee eingeladen gewesen, nämlich daneben. Wie auch immer, er spürte ein Kribbeln unter der Haut und belauerte die Tür, hin und her gerissen zwischen der Hoffnung, dass und dass nicht.

Punkt drei Uhr öffnete sich die Tür und eine junge, hübsche Frau steuerte geradewegs auf Sepp zu, der an diesem Ort ja wirklich nicht zu übersehen war. Sepps Augen weiteten sich, sein Engel war ein leibhaftiger Mensch geworden. Als eben dieser ihn mit seinem fröhlichen ›Guten Tag Sepp‹ begrüßte, machte es Klick in seinem Hirn und er sagte ebenso fröhlich wie überrascht ›Grüezi Sonja‹ und ergriff dankbar die dargebotene Hand. Sonja setzte sich und bestellte Kaffee. Sie hatte sich, wie es sich gehört, ein wenig auf dieses Gespräch vorbereitet und ließ gar nicht erst eine peinliche Stille aufkommen. Mit keinem Wort erwähnte sie den gestrigen Abend, sondern berichtete aufgestellt, dass sie sich auf diesen Moment gefreut habe. Sie habe extra eine stinklangweilige Vorlesung geschwänzt, was ihre Freude noch verdopple. Sie lachten beide. Das Eis war gebrochen, noch bevor es sich gebildet hatte. Sie habe Sepp schon ein paar Mal in der Stadt gesehen, fuhr Sonja fort, und sich dabei immer gefragt, was er wohl für ein Mensch sei, wie er lebe, was man sich eben so fragt, wenn man einen interessanten Menschen sieht. Natürlich habe sie niemals daran gedacht, dass man sich einmal gegenüber sitzen würde. Sepp spürte durchaus das echte Interesse, das diese junge Frau ihm und seinem Schicksal entgegenbrachte und er begann, zuerst recht allgemein, nach und nach detaillierter von sich und seiner Umgebung zu erzählen. Sonja entpuppte sich als eine gute Zuhörerin und wusste Sepps Redefluss geschickt mit gelegentlichen ›Mms‹ und kleinen, ermunternden Bemerkungen zu unterstützen.

Während er redete, hatte Sonja Gelegenheit, Sepps Gesicht in Ruhe und bei Tageslicht zu betrachten. Es war ein schönes, altes, zerfurchtes Gesicht, umrahmt von wirr gelockten, weißen Haaren und einem üppigen weißen Bart. Vom Rot des Teints war schon die Rede und wird hier weggelassen. Der Schalk in den Augen schien die darunter liegenden Tränensäcke zu verspotten. Die Ohren waren eher klein und kontrastierten in angenehmer Weise mit einer Nase, die als enorm bezeichnet werden darf. Am besten gefielen Sonja die Lachfältchen, die sich – im Dutzend billiger – von den Augenwinkeln bis zu den Schläfen hinzogen. Dieser Mann hatte sicher ebenso viel gelacht wie geweint in seinem Leben. Ihre Beobachtungen hinderten Sonja nicht daran, Sepp aufmerksam zuzuhören. Es ist ihr auch hoch anzurechnen, dass sie ab und zu zum Fenster hinaus blickte, nachdem sie bemerkt hatte, dass seine Hände zitterten, um ihm dergestalt zu ermöglichen, unbeobachtet einen Schluck Kaffee zu trinken. Selbstverständlich durchschaute Sepp dieses Bestreben und … wusste es zu schätzen.

Man soll nun nicht denken, dass dieses Gespräch eine durch und durch einseitige...


Mäder, Ueli
Ueli Mäder, 1951 in Beinwil am See geboren, ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit. Er forscht über soziale Ungleichheiten. Zuletzt erschienen im Rotpunktverlag 68 – was bleibt? (2018),
macht.ch. Geld und Macht in der Schweiz (2015) und mit Ganga Jey Aratnam und Sarah Schilliger zusammen Wie Reiche denken und lenken (2010). 2022 erhielt er den Internationalen Erich-Fromm-Preis.

Ueli Mäder, 1951 in Beinwil am See geboren, ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit. Er forscht über soziale Ungleichheiten. Zuletzt erschienen im Rotpunktverlag 68 – was bleibt? (2018), macht.ch. Geld und Macht in der Schweiz (2015) und mit Ganga Jey Aratnam und Sarah Schilliger zusammen Wie Reiche denken und lenken (2010). 2022 erhielt er den Internationalen Erich-Fromm-Preis.



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