Madlener-Charpentier / Pagonis | Aufmerksamkeitslenkung und Bewusstmachung in der Sprachvermittlung | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 102, 397 Seiten

Reihe: Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur

Madlener-Charpentier / Pagonis Aufmerksamkeitslenkung und Bewusstmachung in der Sprachvermittlung

Kognitive und didaktische Perspektiven auf Deutsch als Erst-, Zweit- und Fremdsprache

E-Book, Deutsch, Band 102, 397 Seiten

Reihe: Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur

ISBN: 978-3-7720-0187-1
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Mensch kann sich neues Wissen prinzipiell auf zwei Arten aneignen: mithilfe des Bewusstseins (explizit, intentional) oder beiläufig, also durch Lernmechanismen, die unterhalb der Schwelle des Bewusstseins operieren (implizit). Wie aber werden neue Sprachen erworben? Und welche Optionen eröffnet dies für eine erfolgreiche Sprachvermittlung? Der Sammelband skizziert für ausgewählte Erwerbsbereiche (z.B. Morphologie, Syntax) zentrale Aspekte impliziten und expliziten Wissens und Lernens und diskutiert Effekte und Nutzen impliziter und expliziter Vermittlungs- und Förderansätze im Kontext des Deutschen als Erst-, Zweit- und Fremdsprache.

Dr. Karin Madlener war Oberassistentin für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Basel und ist der Universität Basel weiterhin als Lehrbeauftragte verbunden. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute of Language Competence am Departement Angewandte Linguistik der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Prof. Dr. Giulio Pagonis vertritt den Bereich Deutsch als Zweitsprache an der Universität Heidelberg und ist Leiter des Masterstudiengangs Deutsch als Zweitsprache am Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie.
Madlener-Charpentier / Pagonis Aufmerksamkeitslenkung und Bewusstmachung in der Sprachvermittlung jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


3. Formfokussierung zwischen Aufmerksamkeitslenkung und Bewusstmachung
Ansätze der didaktischen Formfokussierung (sog. Pedagogical Focus on Form/FoF; siehe Long & Robinson 1998) sind grundlegend kommunikativ, also bedeutungs- und interaktionszentriert angelegt. Sie entstehen im Kontext aufgabenbasierter Sprachvermittlung (sog. Task-Based Language Teaching, u. a. R. Ellis 2017a, Long 2015, Niemeier 2017) und basieren auf der Beobachtung, dass L2-Lernende trotz reichhaltiger kommunikativer Settings häufig nur eingeschränkte Kompetenzen (vor allem in Bezug auf die Komplexität und Korrektheit ihres L2-Gebrauchs) erreichen: Canadian total immersion projects […] have shown that grammar does not develop on its own just by exposing the learners to rich input but that the result is rather one of fossilised reduction (Niemeier 2017:19, siehe auch Swain 1985). Ansätze der Formfokussierung (FoF) erlauben bzw. fordern im grundlegend kommunikativen Lernkontext daher spontane oder auch vorgeplante, in jedem Fall aber typischerweise kurze Episoden der Aufmerksamkeitslenkung auf oder auch Bewusstmachung von Form-Bedeutung-Zuordnungen (Doughty & Williams 1998a, R. Ellis 2016). Damit unterscheidet sich FoF gleichermaßen von strikt kommunikativen, ausschließlich bedeutungsorientierten didaktischen Ansätzen (sog. Focus on Meaning/FoM, z. B. Immersionsansätze) und von traditionellen expliziten und grammatikorientierten Vermittlungsansätzen, in denen formale Paradigmen häufig in Isolation (ohne kommunikative Einbettung) vermittelt werden (sog. Focus on FormS/FoFS). Die didaktische Formfokussierung versteht sich dabei nicht als geschlossene Methode, sondern als „Bauanleitung für bestimmte unterrichtliche Vorgehensweisen“ (Schifko 2008:37). Diese FoF-Techniken vereint in Abgrenzung zu FoFS das Bestreben, die Sprachvermittlung aufgaben- und bedeutungsorientiert anzulegen und an den aktuellen Ausdrucksbedürfnissen der Lernenden auszurichten, weswegen dekontextualisierte, behavouristisch motivierte Übungsformen wie z. B. isolierte Pattern Drills ebenso abgelehnt werden wie Verfahren, die sich darauf beschränken, den Lernenden kontextlos deklaratives Wissen über grammatische Strukturen und Regeln zu vermitteln. In Abgrenzung zu FoM verbindet alle FoF-Varianten hingegen das Ziel, die (gesprochene oder geschriebene) sprachliche Form im Rahmen eines prinzipiell kommunikativ ausgerichteten Unterrichts (pro- oder reaktiv) didaktisch zu forcieren (Tab. 2).   FoM FoF FoFS kommunikative Einbettung + + - didaktische Forcierung reaktiv (durch Feedback) und/oder proaktiv (durch Vorgestaltung des Sprachangebots) -     + + durch Bewusstmachung der Form - - (implizite FoF) + (explizite FoF) + Merkmale didaktischer Formfokussierung (FoF) in Abgrenzung zu FoM und FoFS Tabelle 2 illustriert mit der Unterscheidung zwischen impliziter und expliziter Formfokussierung (implizite FoF, explizite FoF) die oben eingeführte Grundannahme der didaktischen Formfokussierung, dass nämlich Form-Bedeutung-Zuordnungen „in mehr oder weniger expliziter Form“ (Schifko 2008:37, H.d.V.) in den Aufmerksamkeitsfokus der Lernenden gelangen müssen, wenn Lernprozesse angestoßen werden sollen. Damit wird ausgesagt, dass im Kontext einer didaktischen Forcierung eine Beteiligung des Bewusstseins an der Sprachverarbeitung je nach Lernendengruppe, Lerngegenstand und Kontext zwar sinnvoll sein kann, aber keineswegs notwendig ist (Doughty & Williams 1998b, Schifko 2011). 3.1. Implizite Formfokussierung Von impliziter Formfokussierung wird gesprochen, wenn durch die didaktische Vorgestaltung eines kommunikativ relevanten Sprach- und Interaktionsangebots der Versuch unternommen wird, die unterschwellige Aufmerksamkeit der LernerInnen auf Form-Bedeutung-Zuordnungen im Kontext zu lenken, ohne dass diese als Lerngegenstand bewusst werden und/oder metasprachlich reflektiert werden sollen. Bei impliziten Verfahren der Formfokussierung wird also vermieden, das Bewusstsein der Lernenden auf Formen im Input zu lenken oder Regelzusammenhänge bewusst zu machen. Stattdessen soll durch weniger invasive Vermittlungsoptionen (z. B. vorgeplant durch Inputfluten, s. Hernández 2011, Madlener 2015; oder reaktiv/spontan durch Recasts als Feedbackform, s. R. Ellis, Loewen & Erlam 2006, Lyster 2004) die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, dass Lernende notorisch schwierige, komplexe, wenig saliente und ggf. durch L1-Routinen blockierte sprachliche Form-Bedeutung-Zuordnungen im Input wahrnehmen und erwerbsförderlichen Intake generieren. Es wird in diesem Zusammenhang von unterschwelliger bzw. unbewusster Aufmerksamkeit (Attention) gesprochen, wenn zwar die Orientierung der Lernenden auf bestimmte Anteile des Inputs hin erfolgt, sodass diese Anteile des Inputs mit erhöhter Wahrscheinlichkeit wahrgenommen und (im Sinne der Herstellung von Form-Bedeutung-Zuordnungen) verarbeitet werden, dabei aber nicht das Bewusstsein (sog. Consciousness) der Lernenden an der Wahrnehmung der sprachlichen Form beteiligt ist (s. Gass 1997:8–12). 3.2. Explizite Formfokussierung Bei expliziter FoF wird hingegen die bewusste Aufmerksamkeit der Lernenden (punktuell) während der kommunikativen Aushandlung explizit auf die Form des sprachlichen Ausdrucks gelenkt; die Form-Bedeutung-Zuordnung wird den Lernenden damit also bewusst gemacht (im Sinne des Noticing nach Schmidt 2001, s. Swain 1995:129–130), ggf. wird auch eine bewusste Hypothesenbildung in den Lernenden angestoßen (Swain 1995:130–132), sodass auch das bewusste Verstehen (Understanding) bzw. Reflektieren von Regelhaftigkeiten (Swain 1995:132–140) ins Spektrum der explizit formfokussierenden Verfahren fällt – unter der Bedingung allerdings, dass diese explizite Formfokussierung und Bewusstmachung stets im Rahmen eines kommunikativen Unterrichtsrahmens erfolgt. Man spricht also von expliziten Techniken der Formfokussierung, wenn in einer grundlegend kommunikativ eingebetteten Lehrsituation der didaktische Versuch unternommen wird, das Bewusstsein der Lernenden relativ aufdringlich, in der Regel aber punktuell und bedarfsorientiert, auf ein sprachliches Problem oder auf ein oder mehrere konkrete Exemplare einer ausgewählten Form-Bedeutung-Zuordnung zu lenken, die für die Lösung einer kommunikativen Aufgabe relevant sind (z. B. vorgeplant durch Consciousness Raising Tasks, s. R. Ellis 2017b:511, Wong 2005, oder durch Textrekonstruktions- oder -reparaturaufgaben, s. Eckerth 2008; spontan/reaktiv durch Feedback-Typen wie Prompts, s. Mackey 2012). Dieses didaktische Vorgehen sei vorrangig bei relativ wenig salienten Form-Bedeutung-Zuordnungen (wie z. B. Artikelformen) sinnvoll, vor allem wenn sie zusätzlich stark mit L1-Konstruktionen kontrastieren (N. Ellis 2015:12, R. Ellis 2017b:522, Schifko 2008:45). Explizite FoF soll in erster Linie dazu beitragen, dass neue Form-Bedeutung-Zuordnungen im Input bemerkt und (im Sinne des Weak Interface, N. Ellis 2007) in der Folge auch für implizite Lernprozesse zugänglich werden: The primary conscious involvement in L2 acquisition is the explicit learning involved in the initial registration of pattern recognizers for constructions that are then tuned and integrated into the system by implicit learning during subsequent input processing (N. Ellis 2015:14). Unter dem Ansatz einer (im oben eingeführten Sinne gebrauchsbasierten) didaktischen Formfokussierung (siehe Madlener-Charpentier & Behrens in diesem Band) kann also vorläufig angenommen werden, dass sich – im Rahmen eines generell kommunikativ-interaktionalen Vermittlungsansatzes – eine (punktuelle) explizite Formfokussierung, ggf. auch in Form der Vermittlung deklarativen Wissens, zielführend und erwerbsförderlich auswirkt, wenn die entsprechende Aufmerksamkeitslenkung bzw. Bewusstmachung längerfristig die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass kritische Form-Bedeutung-Zuordnungen im Input von Lernenden mit Aufmerksamkeit belegt werden und damit potenziell Intake für die implizite Ableitung abstrakter Strukturen generiert wird (Doughty & Williams 1998a, b, Long & Robinson 1998, N. Ellis 2007, 2008, R. Ellis 2016, siehe auch Kohl-Dietrich & Maiberger in diesem Band). Als geradezu kontraproduktiv kann sich explizite FoF hingegen erweisen, wenn sie – in Annäherung an FoFS – das Bewusstsein der Lernenden allzu aufdringlich von der Bedeutungsseite weg auf die sprachliche Form lenkt: Da bewusste Verarbeitungsprozesse kognitiv aufwändig sind, unterbrechen sie gegebenenfalls Makroprozesse der Sprachverarbeitung bzw. der Form-Bedeutung-Zuordnung (Doughty 2001:211–212, Schifko 2008:38); es soll durch die Aufmerksamkeitslenkung aber eben gerade „kein Bruch mit dem Verstehen, Aushandeln oder Produzieren von Bedeutungen“ (Schifko 2008:38) entstehen. So ist laut Wong (2005) beispielsweise in Bezug auf das sogenannte Visual Text Enhancement festzustellen, dass stark aufmerksamkeitslenkende...


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.