Maar | Kartoffelkäferzeiten | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Maar Kartoffelkäferzeiten

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-86274-812-9
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Jugend in schwierigen Zeiten.
Der Zweite Weltkrieg ist nur wenige Jahre her. Die Erwachsenen sprechen von den »schlimmen Zeiten«. Die Kinder des kleinen Dorfs in Mainfranken empfinden das aber gar nicht so. Kohlenknappheit, Eichelkaffee gehören für sie ebenso zum Alltag wie Kartoffelkäfer- und Mäuseplagen. Auch die zwölfjährige Johanna fühlt sich wohl in der überschaubaren Welt. Bis sie langsam beginnt ihrer Familie zu entwachsen und auf eigenen Füßen zu stehen. Sie fühlt sich eingesperrt und erkennt bald: Wenn sie erwachsen werden will, muss sie über »die Mauern« klettern. Paul Maar erzählt in gewohnt humorvollem Ton aus einer Zeit, die er als Kind selbst erlebt hat.
Kluger Jugendroman vor historischem Hintergrund vom Erfinder des Sams.

- Der wahrscheinlich persönlichste Roman von Paul Maar, mit vielen autobiografischen Bezügen.
- Zarte Liebesgeschichte im Nachkriegsdeutschland, die die damalige Zeit lebendig werden lässt.
- Ein fesselndes Geschichtsbuch für Kinder ab 12 Jahren.
- Informativ und spannend zugleich – als Schullektüre empfohlen.
- Paul Maar ist einer der beliebtesten und erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis.
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Autoren/Hrsg.


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Johanna lag schon eine ganze Weile wach in ihrer Doppelbetthälfte, hatte den Kopf aus dem Kissen gehoben, sich halb aufgerichtet und lauschte auf die Geräusche, die vom Erdgeschoss heraufdrangen. Eben fiel unten eine Tür ins Schloss, die Tür zwischen der Gaststube und dem Nebenzimmer. Johanna erkannte sie am hellen, metallischen Klicken. In einem alten Haus hat jede Tür ihre unverwechselbare Stimme. Gleich darauf knarrte die Tür zwischen dem Nebenzimmer und der Küche. Jemand war aus der Gaststube gekommen und durchs Nebenzimmer in die Küche gegangen. Johanna nickte, lächelte und ließ den Kopf ins Kissen zurücksinken. Oma Mariechen hatte also das Schankblech geholt, einen flachen Messingkasten mit gelochtem Deckel, der unter dem ständig tropfenden Bierhahn seinen Platz hatte. Johanna konnte sich genau vorstellen, wie Oma Mariechen nun vornübergeneigt in der Küche stand, das Blech schief hielt und das Bier, das sich über Nacht gesammelt hatte, in den Eimer mit Schweinefutter rinnen ließ. Es ist schön, wenn eine Familie feste Gewohnheiten hat: Man kann im warmen Bett bleiben, die Zudecke bis ans Kinn hochgezogen, und weiß trotzdem haargenau, was einen Stock tiefer vor sich geht! Johanna versuchte abzuschätzen, wie lange es wohl dauerte, bis sich Oma Mariechen auf den Weg zum Schweinestall machte. Erst stellte Oma Mariechen das Blech beiseite, an seinen Platz zwischen Küchenherd und Topfschrank. Nun rührte sie mit einem Holzstab den dampfenden Brei um, der aus Gemüseabfällen, Kartoffelschalen, Kleie, heißem Wasser und abgestandenem Bier bestand. Sie nahm den Eimer am Henkel … »Jetzt!«, sagte Johanna und hielt die Luft an, um besser lauschen zu können. Wirklich ging keine zehn Sekunden später die Tür zwischen Küche und Hausflur. Johanna nickte. »Jetzt!«, sagte sie noch einmal. Fast gleichzeitig knarzte die hintere Haustür, die zum Hof und damit zum Schweinestall führte. Johanna zählte im Geist zwölf Schritte ab. »Und jetzt!«, befahl sie. Gehorsam klapperte die Tür des Schweinestalls mit ihrem Holzriegel. So, das Tier war versorgt. Höchste Zeit, dass nun die Menschen an die Reihe kamen! Da stieß auch schon die Kellertür dumpf an den Balken. Das war Johannas Mutter, sie holte die Milch fürs Frühstück. Johanna schob das Federbett ein wenig zurück und setzte sich auf. Sie war unschlüssig, ob sie aufstehen sollte oder nicht. Gab es einen Grund, sich aus dem warmen Bett zu schälen? Sie musste nicht in die Schule, die Weihnachtsferien waren wegen Kohlenmangels bis Ende Januar verlängert worden. Andrerseits war der Zeitpunkt geradezu ideal fürs Aufstehen. Ihre Mutter stand jetzt unten am Herd, die Küche war wohlig warm, gleich würde das Frühstück fertig sein. Tante Fanni setzte gerade einen Topf voll Wasser aufs Feuer. Tante Fanni hatte einen Abscheu vor kaltem Wasser und wusch sich morgens immer warm. Vielleicht stand sie auch schon im Unterrock vor dem Küchentisch, den Oberkörper über die Waschschüssel gebeugt, wusch sich und betrachtete ihr feuchtes Gesicht im Spiegel. War sie gut gelaunt, gab sie Johanna die Hälfte des warmen Wassers ab, hatte sie schlechte Laune, bekam Johanna immerhin noch einen Schöpfbecher voll. Oma Mariechen fütterte das Schwein. Sie stand nun neben dem Trog und redete dem Tier gut zu, wie sie das jeden Morgen tat. Sie pries dabei sein Futter in den höchsten Tönen, lobte es so überzeugend, dass man meinen konnte, sie selbst habe Appetit auf die packpapierfarbene Brühe. Bevor das Schwein den Trog nicht bis auf den letzten Tropfen geleert hatte, wich sie nicht von seiner Seite. Das würde noch eine Weile dauern. In der Zwischenzeit könnte Johanna aufstehn, sich waschen, sogar warm waschen, und sie könnte sich in aller Ruhe anziehn. Oma Mariechen würde sich bestimmt freuen, wenn sie vom Schweinefüttern zurückkam und Johanna schon angezogen am Frühstückstisch sitzen sah. Johanna schlug die Bettdecke ganz zurück, angelte mit den Füßen nach ihren Hausschuhen, nahm ihre Kleider unter den Arm und rannte durchs kalte Treppenhaus nach unten. Sie öffnete die Küchentür – und blieb verblüfft im Türrahmen stehen: Nichts stimmte! Nichts war, wie es zu sein hatte! Oma Mariechen saß im schwarzen Sonntagskleid vor dem schräg aufgestellten Spiegel, hatte ein Handtuch um die Schultern gelegt und kämmte sich. Tante Fanni, schon fertig angezogen, richtete das Frühstück. Mutter war gar nicht in der Küche. »Wo ist denn Mama?«, fragte Johanna. »Mach doch die Tür endlich zu!«, rief Tante Fanni. »Die ganze Kälte kommt herein.« »Deine Mutter füttert gerade das Schwein«, sagte Oma Mariechen. Sie sprach undeutlich, weil sie den Mund voller Haarklammern hatte. »Guten Morgen übrigens.« »Guten Morgen«, sagte Johanna verdutzt, trat in die Küche und schloss die Tür hinter sich. »Warum hast du denn das schwarze Kleid an? Ist heute ein Feiertag?« »Sie geht mal wieder zu einer Beerdigung«, antwortete Tante Fanni an Omas Stelle. »Wer ist denn gestorben? Jemand, den ich kenne?«, fragte Johanna. »Nein, nein«, sagte Tante Fanni gleichmütig, während sie die Pfanne mit den Kartoffeln vom Herd nahm. »Jemand aus dem Nachbardorf, aus Stessfeld. Irgendein Vetter von einem, den du auch nicht kennst.« Oma Mariechen nahm die Haarklammern aus dem Mund, um energisch widersprechen zu können. »Was erzählst du da dem Kind!«, sagte sie vorwurfsvoll zu ihrer Tochter. »Es ist Onkel Albin, ein Vetter zweiten Grades von deinem Onkel Ewald. Er ist immerhin ein Verwandter von uns.« »Wenn er unser Onkel ist, warum hat er uns dann nie besucht?«, fragte Johanna. »Er war nur ein entfernter Verwandter«, entschuldigte ihn Oma Mariechen. Tante Fanni sagte: »So entfernt auch wieder nicht: knapp drei Kilometer!« »Jedenfalls ist es Christenpflicht, einem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Und das werden wir auch tun!« Oma Mariechen wurde heftig. »Wir, verstehst du! Was denkt denn die Verwandtschaft, wenn ich ganz allein ankomme.« »Ich auch? Das ist nicht dein Ernst«, rief Tante Fanni. »Ich habe ihn doch kaum gekannt. Ich hab ihn nur einmal gesehn, bei meiner Erstkommunion vor fast zwanzig Jahren. Ich gehe jedenfalls nicht!« Die Küchentür öffnete sich, und mit einem Schwall kalter Luft kam Johannas Mutter herein. »Guten Morgen, Schatz«, sagte sie und nickte ihrer Tochter zu. »Dass du schon auf bist, wo du doch gar nicht in die Schule musst!« Oma Mariechen fragte besorgt: »Hat denn das Schwein schon alles aufgefressen? Ist der Trog wirklich leer?« Johannas Mutter zuckte mit der Achsel. »Weiß ich nicht«, sagte sie. »Meinst du nicht, dass unser Schwein schon ganz alleine essen kann?« Oma Mariechen steckte mit einer ärgerlichen Bewegung die letzte Haarklammer fest. »Alleine!«, wiederholte sie. »Ich gehe jedenfalls nicht alleine.« Und zu Johannas Mutter gewandt: »Wenn Fanni nicht will, begleitest du mich eben!« Johannas Mutter, die ja beim Gespräch über die Beerdigung draußen gewesen war und den Gedankenwegen von Oma Mariechen nicht recht folgen konnte, blickte ihre Mutter überrascht an. »Wohin begleite ich dich?«, fragte sie unsicher. »In den Schweinestall?« »Schweinestall!«, sagte Oma Mariechen ärgerlich. »Zur Beerdigung von Onkel Albin.« »Muss das sein?« Johannas Mutter verzog das Gesicht. »Ich habe ihn ja kaum gekannt.« »Ja, es muss. Es ist Christenpflicht«, sagte Oma Mariechen. »Dann werde ich halt mein schwarzes Kleid anziehen«, seufzte Johannas Mutter und setzte sich an den Frühstückstisch. Johannas Mutter hätte es nie gewagt, Oma Mariechen einfach zu widersprechen. Schon gar nicht so heftig, wie ihre jüngere Schwester Fanni das häufig tat. Merkwürdigerweise ließ Oma Mariechen die vielen Widersprüche von Tante Fanni meist ungerügt durchgehen, während sie sich über die seltenen Widerreden von Johannas Mutter stundenlang erregen konnte. Johanna kam ihrer Mutter zu Hilfe. »Warum kann ich denn nicht mitgehen zur Beerdigung?«, fragte sie. »Dann kann Mama mit Tante Fanni hier bleiben.« »Willst du wirklich mit?«, fragte Johannas Mutter. »So eine Beerdigung ist eine traurige Sache. Außerdem musst du sechs Kilometer zu Fuß gehen, drei hin und drei zurück.« »Ich bin gern bei Beerdigungen«, sagte Johanna. »Da gibt’s meistens was zu essen. Und dabei werden auch immer Geschichten erzählt.« Johannas Mutter und Tante Fanni schauten gespannt zu Oma Mariechen hinüber. An ihr lag nun die Entscheidung. Oma Mariechen stand auf, nahm das Handtuch von der Schulter, setzte sich neben Johanna und legte den Arm um sie. »Die Einzige hier, die weiß, was sich gehört, ist die Kleine«, sagte sie und streichelte Johanna übers Haar. »Wenn ihr beiden nur so widerwillig mitkommen wollt, dann geh ich eben mit Johanna allein.«   So kam es, dass Johanna – gerade hatte sie noch im warmen Bett gelegen, ohne jeden Plan für den Tag – sich wenig später mit Oma Mariechen auf dem Weg nach Stessfeld fand. Johannas Mutter hatte die zwei bis zum Dorfende begleitet, verabschiedete sich dort und blieb neben dem Ortsschild stehen. Ein paar Krähen, die auf den feuchten, schneefreien Feldern am Dorfrand nach Nahrung gesucht hatten und beim Näherkommen der drei Menschen aufgeflattert waren, beruhigten sich wieder, ließen sich neben Johannas Mutter nieder und schauten mit ihr zusammen hinter den beiden her. Oma Mariechen hatte ihren langen schwarzen Tuchmantel angezogen, der fast so alt war wie sie selbst. Johanna trug einen Wollmantel, den Tante Fanni aus einer Militärdecke geschneidert und dann schwarz gefärbt hatte. Die...


Paul Maar ist einer der beliebtesten und erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Er wurde 1937 in Schweinfurt geboren, studierte Malerei und Kunstgeschichte und war einige Jahre als Lehrer und Kunsterzieher an einem Gymnasium tätig, bevor er den Sprung wagte, sich als freier Autor und Illustrator ganz auf seine künstlerische Arbeit zu konzentrieren. Sein Werk wurde mit zahlreichen bedeutenden Auszeichnungen gewürdigt, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Friedrich-Rückert-Preis und dem E.T.A.-Hoffmann-Preis. Für seine Verdienste um Kunst und Bildung wurde er vom Bayerischen Staatsministerium geehrt.

Paul Maars Arbeit ist von beeindruckender Vielseitigkeit. Zu seinen bekanntesten Figuren gehören das Wünsche erfüllende SAMS, der zwischen Tier- und Menschenwelt wandelnde Herr Bello und der von orientalischen Abenteuern träumende Lippel, die in Buch und Film Erfolge feiern. In vielen seiner Bücher zeigt sich Paul Maar als virtuoser Wortkünstler, der in Gedichten, Reimen und Rätseln Unerwartetes aus Buchstaben und Begriffen zaubert, so in "Kreuz und Rüben. Kraut und quer. Das große Paul-Maar-Buch". Ein Klassiker ist sein Bilderbuch "Die Maus, die hat Geburtstag heut", zum Fürchten für Vierjährige sind "Drei miese, fiese Kerle", poetisch-satirisch "Als Herr Martin durchsichtig wurde". In der Erstlesereihe Sonne, Mond und Sterne interessiert Paul Maar Anfänger geschickt für die Kunst des Lesens, u.a. in "Der Buchstabenfresser". Über seine Arbeit reflektiert der Autor in "Vom Lesen und Schreiben - Reden und Aufsätze zur Kinderliteratur".


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