Mit offenen Augen ins Abenteuer
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-492-99854-3
Verlag: Piper Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erik Lorenz, geboren 1988 in Berlin, ist Autor und Herausgeber zahlreicher Reisebücher, u.?a. für die Reihe »Lesereise« des Picus-Verlags. Er studierte in den Niederlanden, in Hongkong und Großbritannien, lebte anderthalb Jahre in Australien und bereiste unter anderem Südostasien, China und Jordanien. Auf der Leipziger Buchmesse wurde er als einer der »Autoren ohne Grenzen« ausgezeichnet. 2017 gründete er das Onlinemagazin WELTWACH, wo er seitdem im dazugehörigen Podcast sowie im englischsprachigen Ableger UNFOLDING MAPS Gespräche mit prominenten Abenteurern und Abenteurerinnen moderiert. Zudem ist er für den GEO-Podcast sowie den Wissenschaftspodcast des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst tätig. Er lebt in Mönchengladbach und Philadelphia.
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Der skeptische General – Aufbruch in den Himalaja
General Kumar schaute uns erstaunt an. »Ihr wollt von hier bis nach Leh fahren?« »Ja. Und noch weiter.« Er schüttelte den Kopf. Der weißhaarige Mann, seit einigen Jahren pensioniert, hatte 1962 im Indisch-Chinesischen Grenzkrieg an vorderster Front gekämpft und Truppen befehligt, hatte im eisigen Schnee Zehen verloren, Helikopter und Flugzeuge geflogen, dem Grauen ins Auge geblickt und gewaltige Verantwortung getragen. Er erschien uns als ein Mann, der wusste, was er geleistet hatte, und in sich ruhte. Aber jetzt wirkte er fassungslos. »Das ist die gefährlichste Straße der Welt. Ist euch das klar?« Marcus, Bastian und ich wechselten verunsicherte Blicke. Ich wartete nur darauf, dass es draußen schlagartig dunkel wurde und Blitze übers Firmament zuckten. »Die gefährlichste …?«, murmelte ich unentschlossen. »Nun …« »Das sind Hunderte Kilometer steilster Gebirgspässe: Abgründe, Straßen aus Schlamm und Geröll, Hangrutsche, reißende Flüsse, menschenleere Wildnis.« »Wir werden vorsichtig sein.« »Das solltet ihr! Erst vor zwei Monaten ist der Sohn unseres Nachbarn dort hochgefahren. Aber er ist auf einer Kiesstraße ausgerutscht.« General Kumar schlug mit der linken Handfläche auf den rechten Handballen, um den Aufschlag zu veranschaulichen. »Er verstarb. Sein Schädel war gebrochen.« Er schüttelte den Kopf, während er sich kurz in Erinnerungen an den Verstorbenen verlor. Ich schluckte schwer. Und musste an ein anderes Gespräch an einem anderen Ort denken. Es hatte mir ähnliches Unwohlsein bereitet wie General Kumars Sorge um uns. Denn der General war nicht der erste Zweifler. Von einem Freund hatte es schon vor unserem Aufbruch nach Indien skeptische Fragen gehagelt: »Durch den Himalaja mit dem Motorrad? Ich wusste gar nicht, dass du so gut Motorrad fahren kannst!« Ich zuckte bescheiden mit den Schultern. »Wo hast du denn das Fahren durchs Gelände gelernt?« »Och …« »Nein, im Ernst! Was braucht man dafür mehr: Talent oder Erfahrung?« Da der Freund nicht lockerließ, änderte ich meine Taktik. Statt Bescheidenheit täuschte ich nun Desinteresse vor und tat so, als wollte ich seiner Fragerei keine übermäßige Aufmerksamkeit schenken. Talent oder Erfahrung – welch beschränkter Kleingeist kommt denn auf so eine Frage? Wie hat Napoleon sein Geschick in Politik und Kriegsführung erlangt? Wie Sokrates seine Fähigkeiten in Philosophie? Ganz einfach, es steckte ihnen im Blut. Und genauso war es bei mir mit dem Motorradfahren. Diesen Eindruck versuchte ich jedenfalls gegenüber meinem Freund zu erwecken. Die Wirklichkeit sah geringfügig anders aus. Das wurde mir kurz nach unserer Ankunft in Indien schmerzlich klar, als wir die Maschinen für unsere Expedition auf einem Hinterhof in Neu-Delhi von einem freundlichen Mann entgegennahmen. Nachdem wir Zelte, Verpflegung und sonstige Ausrüstung verpackt und an den Motorrädern befestigt hatten, saßen wir auf und klappten die Ständer hoch. Da wir nicht sehr zuversichtlich waren, dass es uns gelingen würde, die Maschinen souverän zu starten und anzufahren, schoben wir sie ächzend – in ausgeschaltetem Zustand – vorwärts. Wir konnten spüren, wie sich die verwunderten Blicke des Verleihers in unsere Rücken bohrten. Unsere Füße erreichten kaum den Boden, sodass wir uns voll und ganz darauf konzentrieren mussten, nicht umzukippen. Wenigstens noch nicht jetzt – nicht hier. Wir drehten uns ein letztes Mal nach dem Verleiher um und winkten fröhlich. Er hob seine Hand zu einem zögerlichen Abschiedsgruß. Als wir im Schneckentempo um die nächste Ecke steuerten, verschwand er aus unserem Sichtfeld. Wir schnauften erschöpft. Und erleichtert. Immerhin waren wir nicht aufgeflogen. Doch nun war die Stunde der Wahrheit gekommen. Wir starteten die Motoren, fuhren vorsichtig an, verließen die gassenartige Nebenstraße … und fanden uns wenig später mitten im Verkehrschaos von Neu-Delhi wieder. In einem endlosen Strudel aus sechsspurigen Straßen voller Lastwagen, Tuk-Tuks, Fahrrädern und Kühen, die sich weder für die Spuren noch für die Fahrtrichtung interessierten. Wildes Hupen statt Blinken, plötzliches Von-links-außen-nach-rechts-innen-Schneiden, hier eine Vollbremsung, dort eine Beinahekarambolage. Mittendrin, im Herzen des Stroms, im Zentrum einer riesigen, staubigen Kreuzung: wir – drei deutsche Greenhorns auf großer Tour, die einmal mehr ihre Maschinen abgewürgt hatten. Selten habe ich mich so verloren und dem Schicksal ausgeliefert gefühlt wie auf diesen Kreuzungen Neu-Delhis. Alles floss an uns vorbei, unvorhersehbar, ohne Richtung, ohne Struktur und natürlich auch ohne Rücksicht. Ich begann mich zu fragen, wie ich diese Reise jemals überstehen sollte. Denn die Wahrheit war: Ich konnte gar nicht Motorrad fahren. Hatte es noch nie gekonnt. Meine beiden Reisegefährten ebenso wenig. Wir waren zwar in Südostasien mit halb automatischen Motorrollern durch die Gegend gedüst, aber nicht mit Motorrädern. Keiner von uns besaß einen Motorradführerschein – oder auch nur irgendeine Art von Erfahrung oder Ahnung. Nicht gerade beste Voraussetzungen für einen wochenlangen Trip über lebensgefährliche Straßen, quer durch das gewaltigste Gebirge überhaupt. Zweifel waren also durchaus angebracht. Und von denen hatte General Kumar reichlich. Er war der Vater eines engen Freundes von Marcus und hatte uns zusammen mit seiner Frau am Ende unserer ersten Tagesetappe aufgenommen. Er lebte in Chandigarh, rund zweihundertsechzig Kilometer nördlich von Neu-Delhi, aus dessen Verkehrschaos wir uns nur mühsam herausgekämpft hatten. Eine unserer Leitlinien für diesen Trip war, nie bei Dunkelheit zu fahren, aber weil unsere mangelnden Fahrkünste in Kombination mit verstopften, von Schlaglöchern, Tieren und Geisterfahrern übersäten Highways kein rasches Fortkommen zuließen, hatten wir die Regel schon am ersten Abend brechen müssen. Am darauffolgenden Morgen hatten wir dem General und seiner Frau beim Frühstück von unseren Plänen berichtet: Wir wollten von hier aus weiter nach Shimla fahren, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Himachal Pradesh, von dort auf dem NH22 – einem Gebirgshighway, der als eine der »tödlichsten Straßen der Welt« gilt – gen Kinnaur, durch die zerklüftete Mondlandschaft des Spiti Valley, eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Indiens, über etliche weitere Zwischenstationen und Umwege bis nach Leh im Herzen Ladakhs und von dort weiter in Richtung Tibet. All das lag an diesem Morgen noch vor uns, und während General Kumar auf uns einredete, schien die Herausforderung minütlich zu wachsen. Der General ließ einen Reigen aus Warnungen auf uns niederprasseln: »Überholt nie links! Fahrt bei Regen außerordentlich vorsichtig! Zeltet nicht unterhalb von Hängen, besonders nicht bei Regen, denn es gibt ständig Hangrutsche! Prüft, bevor ihr durch Flüsse fahrt, ihre Tiefe! Und wenn ihr es tut, fahrt mit konstantem Tempo im ersten oder zweiten Gang hindurch! Haltet unter keinen Umständen an! Sonst läuft Wasser durch den Auspuff in den Motor, und dann war’s das!« Während er versuchte, seine eigenen Zweifel zu besänftigen, indem er uns in den wenigen Minuten, die ihm noch blieben, bestmöglich auf all die tödlichen Gefahren vorbereitete, wuchsen die meinen ins Unermessliche. Worauf hatten wir uns da nur eingelassen? Nein, nicht eingelassen, das klingt, als wären wir Opfer äußerer Umstände gewesen. Eher: Was hatten wir uns da bloß eingebildet? Nachdem wir dem General und seiner Frau versprochen hatten, all seine Hinweise zu beherzigen, brachen wir auf. Die beiden winkten uns mit bangen Gesichtern hinterher, nicht unähnlich dem Motorradverleiher am Tag zuvor. Ich glaube nicht, dass sie damit rechneten, uns jemals wiederzusehen. Die ersten Tage waren elektrisierend und zermürbend zu-
gleich. Die Straßen wurden langsam steiler, als wir die Ausläufer der Berge erreichten, aber sie blieben voll – voller waghalsiger Fahrer, die sich mehr auf ihr Schicksal als auf objektive Wahrscheinlichkeiten zu verlassen schienen. Selbst in engsten Kurven, die um Felsvorsprünge herumführten, mussten wir stets damit rechnen, von einem auf uns zurasenden Lastwagen oder Motorradfahrer überrascht zu werden. Schon am zweiten Tag verzeichneten wir einen ersten Sturz: Marcus musste unmittelbar vor einem Schlagloch eine Vollbremsung machen und rutschte weg. Die Fahrzeuge hinter ihm reagierten gerade noch rechtzeitig. Das Ergebnis: zerrissene Kleidung, ein blutiger Arm, ein kaputter Scheinwerfer und viel verbogenes Metall. Zum Glück nichts Schlimmeres. Trotzdem kehrten die Fragen immer wieder zu mir zurück: Was taten wir hier? Warum um Himmels willen strebten wir mit alten indischen Royal-Enfield-Maschinen auf das Dach der Welt zu? Und warum wollte überhaupt irgendjemand irgendetwas Derartiges tun? Wieso brechen Menschen auf, um sich sehenden Auges in Situationen zu begeben, die andere nur als »haarsträubend« bezeichnen würden? Warum besteigen einige von ihnen unter größter Mühsal einen Berg, auf dessen Gipfel nicht viel mehr als eine gute Aussicht und eine kalte Nasenspitze warten, während andere sich mit dem Ausblick von der heimischen Fensterbank aus begnügen? Was treibt jene an, die auf ihren Abenteuern bis ans Äußerste gehen, aber auch jene, die jenseits von Gefahr und Übermut die Welt erkunden? Fragen wie diese habe ich mir schon oft gestellt, nicht nur hier auf dem Motorrad. Und ich habe sie nicht nur an mich gerichtet, sondern auch an zahlreiche andere Reisende, Weltenbummler, Abenteurer. Ich möchte ihre Motivationen und Denkweisen verstehen, in ihre...