Buch, Deutsch, Band 356, 168 Seiten, PB, Format (B × H): 120 mm x 170 mm, Gewicht: 120 g
Kapitalismus als Religion und seine Performer
Buch, Deutsch, Band 356, 168 Seiten, PB, Format (B × H): 120 mm x 170 mm, Gewicht: 120 g
Reihe: Internationaler Merve Diskurs
ISBN: 978-3-88396-295-5
Verlag: Merve
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
EINLEITUNG Funktion der ReligionÜber GeldMan marx oder man marx nichtDas „Superadditum“SPEKTAKELANALYSENI – MARILYN MONROEII – FORMEL 1III – DER SMILEY-BOMBERIV – MICROSOFT/MAXIHARTDU KANNST!
„An die Stelle des Prinzips von Gewalt/Beraubung setzen die Disziplinen das Prinzip von Milde/Produktion/Profit.“, so lautet Foucaults Diagnose zum Paradigmenwechsel der Herrschaftspraktiken von der klassischen Zeit zur modernen Gesellschaft.Die martialischen Bestrafungen des Vatermörders Damien, die dieser 1757 erleiden muss, werden von Foucault exemplarisch für die vergangene Herrschaftsepoche genannt, um seine These zu veranschaulichen: öffentliche Nacktheit, das Zwicken mit glühenden Zangen, Zerteilung des Körpers. Fast aber scheint es, als strebe das Fest der Martern, von dem Foucault schreibt, es sei zu Beginn des 19. Jahrhunderts verschwunden, wieder einem neuen Höhepunkt zu. Das metabolische Syndroma, grob formuliert – die generelle Verfettung der Bevölkerung – ist nur ein Indiz dafür, dass die von den unzähligen „Normalisierungsrichtern“ abgerichteten Individuen der Disziplinargesellschaft die Bestrafung ihrer Körper mit fortschreitender Perfektionierung der von Foucault beschriebenen Verhältnisse zunehmend selbst in die Hand nehmen.Vergleichbare Akte der Gewalt, wie sie für das 18. Jahrhundert laut Foucault typisch waren, kehren unter den modernen Formen der Disziplin (Milde/Produktion/ Profit) zurück, nun allerdings meist als Autoaggression. Von der Selbstgeißelung wegen muskulärer Idealdevianzen im Gerätepark über das blutige Schneiden und Implantieren zwecks Silhouettenoptimierung auf den OP Tischen bis zur langsamen Selbstzerstörung von Bürger XY durch legalen Rauschmittelmissbrauch – nicht zu vergessen das metabolische Syndrom: Aus dem „Gefängnis des Körpers“, der Seele – jener disziplinierenden Erfindung der Neuzeit – schallt der Ruf der Ökonomie der Macht zurück und formt aus den Körpern grimassierende Zeichen kapitalistischer Irrationalitäten und Ambivalenzen. Der epidemischen Ausbreitung des metabolischen Syndroms entspricht andererseits eine Erkrankung auf geistig-mentaler Ebene, die schon 2020 den zweiten Platz nach dem körperlichen Infarkt im Ranking der Haupttodesursachen der Menschheit einnehmen wird: die Depression.1921 schreibt Walter Benjamin das erst posthum publizierte Fragment „Kapitalismus als Religion“. Benjamin wird diesen Text nicht zu Ende bringen. Stattdessen wird er bis zu seinem Tod nie aufhören am Passagenwerk zu arbeiten, diesem über tausendseitigen Konvolut feinster Beobachtungen, bei deren Lektüre stets der Eindruck sich einstellt, Benjamin habe sie seiner Zeit nur deshalb ablauschen können, weil er sich als Autor seinem Thema verweigerte. Vielleicht kann man die abertausend Splitter des Passagenwerks als das Ergebnis einer Art Explosion beschreiben, deren baldige Zündung sich schon in der Energie des Textes „Kapitalismus als Religion“ ankündigt.Darin schwelt eine fiebrige Ungeduld, über die auch Roland Barthes in seiner Essaysammlung Mythen des Alltags spricht. Eine Ungeduld „angesichts der „Natürlichkeit“, die der Wirklichkeit von der Presse oder der Kunst unaufhörlich verliehen wurde, einer Wirklichkeit, die, wenn sie auch die von uns gelebte ist, doch nicht minder geschichtlich ist.“ Erst die Entnaturalisierung der Wirklichkeit öffne diese hin zu einem Möglichkeitsraum, in dem die eigene Autonomie erfahrbar werde. Dass ein kleines Aufblitzen von Wahrheit (-en) auch in dem begrenzten Rahmen des vorliegenden Textes möglich ist, dafür macht wiederum Benjamin Hoffnung, wenn er über „Geschichtliche Wahrheitserkenntnis“ als „Aufhebung des Scheins“ schreibt und vermerkt:„diese Aufhebung soll (.) ihrerseits die Konfiguration eines schnellen Bildes annehmen. Das schnelle kleine Bild im Gegensatz zur wissenschaftlichen Gemütlichkeit.“