Buch, Deutsch, 392 Seiten, HC runder Rücken kaschiert, Format (B × H): 160 mm x 226 mm, Gewicht: 772 g
Kinder mit destruktivem Verhalten und die Notwendigkeit ihrer Ermutigung
Buch, Deutsch, 392 Seiten, HC runder Rücken kaschiert, Format (B × H): 160 mm x 226 mm, Gewicht: 772 g
ISBN: 978-3-946130-15-4
Verlag: Vta-Verlag
Die Autorin meint: Die Lösung der vielerorts beklagten Disziplinlosigkeit liegt in der grundsätzlichen Beachtung und Einbeziehung der Kinder. Im Zentrum dieses Buches einer 3. und 4. Grundschulklasse steht die Entwicklung des sozial gestörten Schülers Dennis. Beobachtet und beschrieben wird ein Zeitraum von anderthalb Jahren.
Die im Text eingestreuten Szenen geben ein lebendiges Bild von den Diskussionen mit den Kindern und den Entwicklungsfortschritten. Das direkt wiedergegebene Geschehen wird anschließend reflektiert, wobei es um grundsätzliche pädagogische Fragen und Probleme geht. Die Autorin, eine erfahrene Lehrerin, orientiert sich dabei am pädagogischen Konzept der Individualpsychologie Alfred Adlers.
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Es ist über dreißig Jahre her. Ende der achtziger Jahre geschah, was ich in diesem Buch beschreibe: der schwierige Unterricht in einer schwierigen Klasse. Fünfzehn Jahre später erst habe ich dieses Buch verfasst, das dann 2003 im Auer-Verlag Donauwörth erschien. Und noch einmal fünfzehn Jahre danach, im Sommer 2018, steht es nun unmittelbar vor seiner Wiederveröffentlichung im VTA-Verlag Berlin. Dazwischen liegen also drei Jahrzehnte. Die Grundschulkinder von damals sind heute etwa vierzig Jahre alt, und längst haben viele von ihnen eigene Kinder – Kinder, die jetzt ungefähr in dem Alter sind, in dem ihre Eltern damals waren.
Mit diesem Buch hat es eine besondere Bewandtnis. Dennis, der Schulschreck, eines der eigenwilligsten, auffälligsten und aggressivsten Kinder, die ich je erlebt habe, trat wenige Jahre nach Beginn meiner beruflichen Laufbahn in mein Leben, und die Arbeit mit diesem Kind und seiner Klasse sollte diese Laufbahn bis zu ihrem Ende entscheidend beeinflussen. Zur gleichen Zeit nämlich, auf Drängen meines Doktorvaters Hans Josef Tymister, kam ich mit der Individualpsychologie Alfred Adlers in Berührung und befasste mich mit den Grundsätzen der individualpsychologischen Erziehung und Pädagogik im Unterricht. Schnell zeigte sich: Dennis und die Individualpsychologie waren für mich die perfekte Alliance. Denn mit der großen 3. Grundschulklasse, die im Zentrum dieses Buches steht, hatte ich ein Übungsfeld, das geeigneter nicht hätte sein können. Alles, was ich lernte, konnte ich in der Praxis umsetzen und überprüfen – zeitgleich, nicht erst nacheinander –, und mit allem, was wiederum im Unterricht geschah, lernte ich den pädagogischen Ansatz Alfred Adlers mehr und mehr zu verstehen. Ohne die Individualpsychologie und deren Herzstück, die Ermutigung, hätte ich die pädagogische Herausforderung, der ich unversehens gegenüberstand, wohl nicht in dieser Form bewältigen können.
„Ich bin hier der Schulschreck!“ ist ein Zeitdokument der achtziger Jahre. Als mir Jürg Frick im Sommer 2017 eine Neuveröffentlichung empfahl, standen, bei aller Begeisterung, doch einige Fragen im Raum. Die erste und wichtigste war: Ist denn so ein Buch noch aktuell? Die Welt hat sich dramatisch verändert, doch die Bedeutung der individualpsychologischen Pädagogik ist gerade für die heutige Zeit von unschätzbarem Wert und damit unverändert hoch. Das war unser Fazit. So erscheint das Buch im Gewand seiner Zeit, auf der Basis einer aktuellen pädagogischen Theorie, und veröffentlicht in einem Verlag, der sich der Individualpsychologie in besonderer Weise verpflichtet sieht. Im Detail bedeutet das beispielsweise, dass aus der Deutschen Mark (DM) im Kapitel „Eine Kunstauktion für die Eltern“ kein Euro gemacht wurde, dass der Over-headprojektor nicht gegen einen Beamer ausgetauscht wurde, dass die beiden spanischen Kinder Leo und José „ausländische Kinder“ bleiben und nicht zu „Kindern mit Migrationshintergrund“ wurden, und dass auch nicht so getan wird, als hätten die Schülerinnen und Schüler regelmäßigen Computerunter-richt im Zuge einer fortgeschrittenen Digitalisierung. Diese Dinge anzugleichen hätte bedeutet, dem Buch seine Authentizität und seinen Charme zu nehmen, und damit wäre es auch noch lange nicht zu einem Abbild heutiger Zeit geworden.
Warum ist die individualpsychologische Pädagogik auch heute noch so aktuell? Sie ist aktuell, weil das Bedürfnis der Kinder – und nicht nur der Kinder – nach Beachtung, nach Anerkennung und Zugehörigkeit unverändert geblieben ist. Meinem persönlichen Eindruck nach hat dieses Bedürfnis sogar zugenommen. Infolgedessen ist auch die Notwendigkeit der Ermutigung geblieben – mehr noch: Das Kind zu ermutigen, ist aus meiner Sicht eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige Möglichkeit, es so nachhaltig zu stärken, dass es sich nicht verführen lässt, dass es standhaft bleibt, seine eigenen Werte kennt und die-sen treu bleibt, wie Stefanie bei dem Gespräch im Teil D des Buches so treffend sagt, und dass es sich eben nicht durch Medien oder Gewaltverherrlichung dazu verführen lässt, seinem Leben eine destruktive, unheilvolle Richtung zu geben. Wann immer ich Kinder und Jugendliche beobachte – ob im Unterricht oder außerhalb der Schule –, erlebe ich die Kraft und manchmal geradezu lebensrettende Wirkung der Ermutigung – „Ermutigung“ im Sinne der Indivi-dualpsychologie verstanden.
Die Entscheidung, dieses Buch neu aufzulegen, führte zu einer gründlichen Überarbeitung. Der Text wurde durchgehend gestrafft, der C-Teil fast neu geschrieben. Doch sind Struktur und Inhalt gleich geblieben. Vor allem die beiden großen Teile A und B, die Gespräche mit den Kindern und Eltern, die Projekte, Szenen und Ausschnitte aus dem Unterricht – sie haben nichts von ihrer Praxisnähe und Anschaulichkeit eingebüßt. Dennis: „Ich bin hier der Schul-schreck!“ ist, fast könnte man sagen: ein Roman. Es ist ein Unterrichtsroman, der seine Leserinnen und Leser teilhaben lässt am Geschehen in der Klasse, sie mitnimmt und gleichsam einbezieht, der aber auch regelmäßig Abstand schafft zum Gelesenen, für Denkpausen sorgt und Raum geben möchte zum Nachempfinden, zum Reflektieren und zur eigenen Meinungsbildung.
Selbstverständlich ist der D-Teil geblieben wie er ist: das „Stuhlkreisgespräch“ mit einigen der ehemaligen „Kinder“, ein Tonbandmitschnitt. Unabhängig von jeder Überarbeitung der anderen Teile des Buches habe ich es selbst noch ein-mal mit besonderem Interesse gelesen. Wüsste man nicht, dass dieses Gespräch im Jahr 2002 stattgefunden hat, ließe es sich problemlos in die heutige Zeit übertragen. Die ehemaligen Schülerinnen und Schüler, zu diesem Zeitpunkt vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alt, benennen die zentralen, die „neuralgischen“ Punkte der Lehrerausbildung, und sie beschreiben die elementaren (Stefanie) Voraussetzungen und Eigenschaften einer Lehrerpersönlichkeit, die den damals wie heute steigenden Ansprüchen an diesen Beruf gewachsen sein muss. Der Appell, dass ein junger Mensch den Lehrerberuf nur dann ergreifen sollte, wenn er bereit ist, sich für das Kind selbst einzusetzen, ist unüberhörbar und wird kompromisslos und mit erstaunlicher Weitsicht präsentiert. Immerhin ist dieser Ansatz – erst das Kind, dann der Schüler! – das Leitmotiv der gesamten wissenschaftlichen und pädagogischen Arbeit des niederländischen Professors für Sonderpädagogik Luc Stevens.
Wichtig erscheint mir am Ende noch ein persönlicher Hinweis: Ich hatte damals die Zeit, mich in dieser ungewöhnlichen Intensität der Klasse zu widmen. Ein solcher Einsatz wäre heute wohl nicht mehr zu leisten – für mich nicht und auch für Kolleginnen und Kollegen nicht. Allein die zahlreichen Gespräche vor und nach dem Unterricht, die kleinen und großen zusätzlichen Aufgaben, die Hausbesuche und vielen Stunden, die mehr der Klassenführung, der Präventiv- und Konfliktlösungsarbeit dienten als der Stoffvermittlung – all das ist in Aus-maß und Umfang der damaligen, einer in vielerlei Hinsicht ruhigeren Zeit zu verdanken. Die in diesem Buch dargestellten Prinzipien und Maßnahmen dagegen und vor allem die pädagogische Haltung mit ihrem Primat der Ermuti-gung als Ausgangspunkt und Ziel pädagogischen Handelns – sie sind nicht an bestimmte Bedingungen gebunden. Sie werden auch in Zukunft Bestand haben.
Bad Salzuflen, im Juli 2018