Larsen | Seegeschichten eines Hamburger Jungen | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Larsen Seegeschichten eines Hamburger Jungen

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-384-04936-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kapitän zur See Jens Larsen berichtet in dieser Autobiografie über 31 Jahre Seefahrt, von der Harten Zeit auf Fischkuttern vor Grönland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Neuregulierung der Hafenordnung in Saudi-Arabien kurz vor Ende seiner Karriere, vom vierzehnjährigen Fischerjungen bis zum persönlichen Berater eines Ministers kreuz und quer über alle Wellen der Ozeane, von der Arktis bis nach Australien.
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Hart und weich Ich nahm mir erst mal 14 Tage Verschnaufpause. Auf gut Glück fuhr ich mit der Fähre nach Hamburg-Finkenwerder, dort lag sie, gegenüber vom Lotsen Höft die H.C.N. An Bord war nur der Steuermann, der sagte, die zwei anderen seien aus Angst vor dem Kapitän verschwunden. Das Kapitänshaus stand oben an der Tran Allee, Finkenwerders beste Adresse. Einige Kapitäne hatten sich in der kargen Nachkriegszeit ein bescheidenes Vermögen mit dem Verkauf von Lebertran verdient, das Volk brauchte Energie, daher der Name Tran-Allee. Die Hausherrin öffnete mir die Tür, eine sehr elegante Dame. Da ich einen Anzug und Schlips trug, konnte ich mithalten. Sie rief ihren Mann, 1,98 Meter groß, mit flacher zurückfallender Stirn und riesigen Händen. Er musterte mein gepflegtes Aussehen und fragte abwertend: »Was kannst du?«, während die Hausherrin gleich sagte: »Ihn nehmen wir.« Er: »Du siehst nicht aus wie ein Seemann, bekommst bei mir drei Prozent, obwohl du bei meinem Bruder schon fünf Prozent hattest. Ich fange auch viel mehr.« Er kannte mich also und hatte von seinem Bruder ja den Tipp, mich nicht zu schlagen. So konnte ich bei dem zweitbesten Verdiener Finkenwerders als Leichtmatrose anfangen. Es musterte noch ein Matrose an. Der war 20 Jahre alt und kam vom besten Verdiener Finkenwerders, der M. H. deren Kapitän H. einen sagenhaften Namen hatte, seine Besatzung holte ihn nämlich aus der Koje, als sie von einer Überzahl Marinesoldaten verprügelt wurden. Man sagte, Kapitän H. schmiss die Soldaten einfach durch die Fenster und Tür der Kneipe und bezahlte den Schaden. So etwas imponiert Seeleuten ordentlich. Schon beim Auslaufen zeigte sich, dass der neue Matrose weder Netzflicken noch auf der Elbe navigieren konnte, also musste ich den Kapitän zum Essen ablösen. Nach fünf Minuten kam er an Deck, kontrollierte meinen Kurs in der Fahrrinne und sagte: »Du bekommst fünf Prozent vom Fang.« Ich war glücklich. Eines Nachts auf den Fischgründen, es war sehr stürmisch, hatte der neue Matrose Schleppwache. Beim Wendemanöver bekam er die Segel nicht unter Kontrolle, das Schiff segelte bei dem Sturm über Stag. Netz und Geschirr waren verdreht und zerrissen. Der Kapitän verprügelte den Matrosen; selbst als dieser in die Knie ging, hörte er nicht auf zu schlagen. Er war rasend vor Wut. Das konnte ich nicht mehr mit ansehen und ging dazwischen, ich hatte ja als Schüler gelernt, wie man Schläge abwehrt. Der Kapitän sagte: »Was, du willst deinen Kapitän schlagen?« Ich antwortete: »Nein, ich wollte nur, dass du ihn nicht kaputt schlägst, wir brauchen ihn ja noch, und außerdem weiß ich mich zu wehren.« Jetzt hatte ich den Kapitän auch noch geduzt. Ich gab mein bestes Wissen und Geschick, auf den großen Fischdampfern in der Arktis hatte ich viel gelernt, und nach einer Rekordzeit von einer Stunde war das Geschirr wieder einsatzfähig. Mir war mies zumute, ich war überzeugt entlassen zu werden, ohnehin war ich sehr enttäuscht, hatte ich doch meine erste Liebe an den Bäckergesellen ihres Lehrladens verloren, er hatte ihr wohl sehr beim Backen geholfen. Doch noch vor dem nächsten Aussetzen des Netzes sagte der Kapitän zu mir: »Ich degradiere den Matrosen, er wird jetzt kochen, nur die Seezungen musst du weiter für uns braten, das kann sonst keiner so.« Obwohl die Seezungen bei Windstärke neun manches Mal aus der Pfanne hüpften und an der Kombüsen-Wand klebten, wurden sie von mir goldbraun und knusprig serviert. Nur Backen konnte ich nicht. »Ab heute bist du Vollmatrose und bekommst sieben Prozent vom Fang.« Alles andere hätte ich erwartet – nur das nicht. Nach nur 15 Monaten Fahrtzeit im Alter von 16 Jahren war ich – sogar rückwirkend – Vollmatrose, befördert durch einen Kapitän mit einem solchen Ruf (ansonsten war Vollmatrose ja ein Lehrberuf von drei Jahren Lehrzeit). Jetzt betrachtete ich die Hochseefischerei erst recht als echte Berufung. Mittlerweile war ich fast 1,70 Meter groß und durch das reichhaltige Essen und die schwere Arbeit beachtenswert kräftig geworden. Wegen meines jugendlichen Alters wollte der Heuerbaas mich nicht zum Vollmatrosen ummustern. Der Kapitän überzeugte ihn schließlich, dass ich ein vollwertiger Matrose sei, also Vollmatrose. Während der zwei, drei Tagesfahrten zu und von den Fischgründen lernte ich, die einkommenden Seen einzuschätzen, ob die Brecher auf Deck einschlagen würden oder nicht. Minderte ich entsprechend die Fahrt oder änderte den Kurs ein wenig, schwappten die Brecher nur sachte über die Reling. Ich probierte durch Kursänderungen, welche Gradlage zur See am günstigsten war. Die ungünstigste Lage war immer die, die den lautesten Wumms verursachte. Wenn der Wumms zu laut wurde, steckte der Kapitän seinen Kopf aus dem Niedergang der Kajüte, dann stellte ich die klassische Musik, die ich dabei hörte, schnell ab. Der Klassikkanal lag sehr nahe an der Notruffrequenz Kanal 2182, daran merkte der Kapitän, dass die Frequenz nicht immer genau zurückgestellt war. Obwohl der Kapitän es mir unter Androhung von Schlägen ausdrücklich verboten hatte, hörte ich während des Schleppens nachts Musik von Wagner und Strauß im Klassikkanal. Mit geringen Kursänderungen und der Maschinenkraft passte ich den Rhythmus der Wellen der Musik an. Wenn ich die größtmögliche Harmonie zwischen den Naturgewalten und der Musik erarbeitet hatte, fühlte ich mich entspannt. Irgendwie schienen sich auch die Seezungen für Johann Strauß zu begeistern. Besonders der Kaiserwalzer und An der schönen, blauen Donau hatten es uns angetan. Bei Wagners Fliegendem Holländer manövrierte ich vorsichtiger, um ja nicht seine roten Segel in Sicht zu bekommen. Der Kutter machte weiche Bewegungen, das Netz wurde durch die gesteuerte Anpassung des Kutters an die Wellen nicht ruckartig hochgerissen, sondern glitt ebenmäßig über den Meeresboden und ich fing mehr Seezungen als der Kapitän und der Steuermann. Wegen der guten Ergebnisse musste ich oft Doppelwachen gehen. Die längeren Wachen nahm ich gerne in Kauf. Meistens wegen des guten Fangs briet der Kapitän dann zum Frühstück auch Eier Kartoffeln und Speck für mich. Den Grund meines Erfolges wagte ich niemandem zu verraten, sie hätten es nie verstanden. Spielerisch lernte ich so, ein Schiff mit den unbändigen Gewalten der Natur zu verschmelzen. Mit übergroßen Wellen ließ ich mich jedoch nicht spielerisch ein, sondern brachte das Schiff stets in die beste Lage. Immer wieder faszinierte es mich, wie aus einem schmeichelnden, leise fächelnden Wind ein enormer Sturm entstehen konnte. Durch genaue Einschätzung aber weckte ich den Kapitän beim Entstehen hoher Schaumkronen immer rechtzeitig, um das Netz frühzeitig ohne Schaden zu bergen. Von diesen Erfahrungen zehrte ich später als Kapitän noch. Bei einer Reederei mit 42 Schiffen, alles Schwesterschiffe, die 24 Knoten (etwa 44 km/h) liefen, sagte mir einmal der verantwortliche Inspektor der Reederei so nebenbei, die Schiffe unter meinem Kommando machten die schnellsten Reisen und hätten nie Schäden, während andere Schiffe der Reederei erhebliche Seeschäden erlitten. Wir hatten eine Hündin an Bord, sie hieß Püppi. Wir mochten uns, sie schlief immer bei mir in der Koje und bewachte meine kurzen Schlafzeiten, beim Eindrehen des Kutters zum Netzeinholen weckte sie mich mit einem milden Wau. Zurück in Hamburg, musste ich noch in der Nacht an der alten Fischauktionshalle in Altona 180 Zentner Seezungen und Schollen zum Anlanden und Sortieren in Körbe schaufeln, danach übernahmen wir 400 Zentner Eis von der Eisfabrik für die nächste Reise und fuhren über die Elbe nach Finkenwerder. Die H.C.N. hatte wieder einmal eine profitable Reise gemacht und ich hatte zum ersten Mal sehr gut verdient. Den Rest des Tages und die folgende Nacht hatte ich frei, fuhr mit der Elbe-Fähre zu den Hamburger Landungsbrücken, ging von Bord und eine halbe Stunde zu Fuß zur Glashüttenstraße (St. Pauli Nord), in der meine Familie wohnte. Gerade hatte ich leckere Seezungen für meine ganze Familie gebraten, da kam die Milchfrau zu uns (sie hatte Telefon) und sagte: »Deine Kapitänsfrau hat angerufen, du möchtest gleich wieder zum Kutter kommen.« Ich fuhr also wieder zurück. Auf seinem Kutter stand mein Kapitän mit gesenktem Haupte. Dieser große, bärenstarke, unzerstörbar wirkende Mann, in dessen riesigen Händen Püppi lag, weinte. Er sagte: »Sie ist gestorben, bitte beerdige sie, dann komm zum Kaffee in mein Haus.« Am Anlegesteg des Kutters, direkt gegenüber der ehrwürdigen Lotsenstation Lotsen Höft habe ich Püppi begraben und...


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