E-Book, Deutsch, 253 Seiten
ISBN: 978-3-945067-17-8
Verlag: Gute Ideen Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autoren/Hrsg.
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Einer von uns
Miriam drehte sich unruhig im Schlaf hin und her. Es war einer dieser Momente, in denen man noch träumte, aber irgendwie auch wusste, dass man schon ein wenig wach war. Einer jener schönen Träume im Halbschlaf, bei denen man auf keinen Fall zurück in die Realität wollte. Etwa einhundert weiße und rote Herzluftballons flogen zum Himmel. Miriam schaute sich zufrieden um, als sie vorsichtig aus der Hochzeitskutsche ausstieg. Alle waren gekommen: Ihr Bruder Alex, ihre beste Freundin Carla und sogar die Kollegen. Die Sonne schien und zwei kleine Mädchen streuten rote Rosenblüten bis zur Tür des Standesamtes. »Jetzt, wo wir drei Jahre zusammen sind, wird es Zeit, dich für die nächsten dreißig Jahre an mich zu binden. Liebe Miriam, ich will jeden Tag meines Lebens mit dir zusammen sein und dich glücklich machen. Ich will dir dein Traumhaus bauen und mit dir die schönsten und liebevollsten Kinder dieser Welt zeugen. Miriam, ich liebe dich.« Miriam strahlte ihren geliebten Torsten an und schaute sich noch einmal um. Die anderen Manager aus dem Büro standen Spalier und sie hörte wie ihr Kollege Adrian sagte: »Wir alle wollten sie, aber er hat sie uns weggeschnappt.« »Ja, ich will.« ›Für dich soll‘s rote Rosen regnen.‹ Miriams Wecker war laut und unerbittlich. Er riss sie aus ihrem romantisch-kitschigen Hochzeitstraum. Immer noch etwas betrübt, dass die schöne Hochzeitsszene nur ein Traum war, stand Miriam auf und ging ins Bad. Sie nahm einen Lippenstift aus ihrer Schublade, wischte mit den Fingern die vier auf dem Spiegel weg und malte eine fünf in das große rote Herz. Kuschel-T-Shirt aus und rein in die Businessklamotten. Miriam brauchte nicht mehr als eine halbe Stunde, um aus der verschlafenen Romantikerin die taffe Geschäftsfrau hervorzuholen. ? »Carla anrufen.« Miriam sprach laut und deutlich, damit das Handy über die Freisprechanlage alles richtig verstand. Nur wenige Sekunden später ging ihre beste Freundin dran. »Hey Süße.« »Weißt du, was heute für ein Tag ist«, fragte Miriam. »Dienstag?« »Okay, ich frage anders: Weißt du, was für ein toller Tag heute in meinem Leben ist?« »Du wirst für das erfolgreiche Projekt ELO-MAN geehrt?« »Ja, das auch. Aber darum geht‘s nicht.« »Du bekommst die verdiente Gehaltserhöhung und damit nur noch 20 Prozent weniger als deine Kollegen?« »Das wäre toll. Aber ich meine was viel größeres und wichtigeres.« Miriam konnte es kaum noch aushalten und bevor Carla weitere Vorschläge machen konnte, platzte es aus ihr heraus. »Torsten und ich sind heute genau fünf Monate zusammen!« »Fünf Monate. Muss ich mir wirklich schon fünf Monate lang anhören, dass Torsten der tollste Mann der Welt ist?« Carla musste lachen. »Und du hast nach der letzten Pleite mit diesem Matthias geglaubt, dass du nie wieder einen Mann finden würdest, der ...« »Der es länger als ein paar Wochen mit mir aushält, ich weiß!« Miriams Stimme wurde etwas leiser. Sie rückte den Telefonhörer näher an ihren Mund. »Ehrlich gesagt glaube ich erst, dass unsere Beziehung die Fünf-Monats-Grenze überlebt, wenn ich Torsten heute Abend sehe. Was, wenn das schwache Herz seiner Mutter gestern Abend nur vorgeschoben war, weil er nicht mit mir rein feiern wollte? Was, wenn Torsten auch den Spaß an mir verliert und mich verlässt? So wie es alle Männer in den letzten acht Jahren getan haben?« In Miriams Augen sammelte sich Tränenflüssigkeit. Mit dem rechten Zeigefinger tupfte sie sie vorsichtig weg. »Ich will nicht schon wieder alleine sein.« Miriams Stimme war jetzt noch leiser und schwächer. »Du siehst Gespenster, Süße. Torsten mag dich sehr. Das habe ich neulich ganz deutlich gespürt, als ihr bei uns zum Essen ward. Das war total vertraut, wie er mit dir umgegangen ist und wie er ›Hase‹ zu dir gesagt hat.« »Also, wenn ich wirklich alles an ihm liebe. Aber, Hase? Er kann doch nicht zu einer Projektmanagerin mit Mitte dreißig Hase sagen. Das muss ich ihm unbedingt noch abgewöhnen!« »Nur weil du tagsüber die taffe Projektmanagerin spielst, musst du das doch nicht auch zuhause sein«, sagte Carla. »Ich spiele nicht! Ich bin halt gut in meinem Job.« »So war das doch nicht gemeint. Manchmal habe ich einfach das Gefühl, dass es nicht gut für dich ist, den ganzen Tag mit karrieregeilen Managern und Ingenieuren zu verbringen.« »Heute mache ich definitiv früh Feierabend. Und dann fahre ich zu Torsten in die Wohnung und überrasche ihn mit einem Drei-Gänge-Menü, jeder Menge Sekt und meiner neuen heißen Unterwäsche!« Miriam lachte. Vielleicht sah sie wirklich nur Gespenster. Aber nach all den Jahren mit den viel zu vielen zu kurzen und verkorksten Beziehungen und dem unfreiwilligen Singledasein, wollte sie endlich glücklich sein. Vielleicht sogar eine Familie gründen. Du willst ›ankommen‹, hatte Carla es genannt. Aber sie hasste diesen Ausdruck. Ankommen war was für schwache Frauen, die nach einem Mann suchten, der ihnen ein sorgenfreies Leben bot. Aber Miriam war stark und konnte ganz gut für sich selbst sorgen. ? Im Büro angekommen, kramte Miriam ihren Concealer aus der Handtasche und schaute in den kleinen Spiegel ihres Make-ups. Drei Tupfer unters rechte Auge, drei Tupfer unters linke Auge. Mit dem Zeigefinger verwischte sie die Flüssigkeit und klopfte noch einmal vorsichtig am hinteren Ende des Auges, um ganz sicher zu gehen, dass keiner mehr sehen konnte, dass sie geweint hatte. Lang kurz kurz kurz kurz – Pause – lang. Es klopfte an ihre Tür. Das musste Adrian sein, der charmanteste Ingenieur der Abteilung. Er ließ sich immer wieder einen neuen Klopfrhythmus einfallen. Da stand er: Der 1,90 Meter große, gut gewachsene Männerkörper in dem dunkelblauen Designer Anzug. Wie immer perfekt in Szene gesetzt. Adrian setzte sich mit einer Pobacke auf Miriams Schreibtisch und schaute ihr etwas zu lange in die Augen. »Toll siehst du aus«, sagte er. Miriam war froh, dass sie ein gut deckendes Make-up aufgetragen hatte. Vermutlich hatten sich ihre Wangen gerade rosarot verfärbt wie immer, wenn ein Mann ihr ein Kompliment machte. Wenn es Torsten nicht gäbe, würde sie mit Adrian zusammen sein wollen. Gleich am ersten Tag, war sie dem dunkelhaarigen Adrian mit den wunderschönen braunen Augen in die Arme gelaufen und hatte sich sofort in ihn verguckt. Seitdem hatten sie fast jede Mittagspause miteinander verbracht und sich vor allem zu beruflichen Dingen ausgetauscht, aber auch das ein oder andere Mal über das Leben philosophiert. Adrian war einer, der einen schnellen Geist besaß. Einer, der mithalten konnte, wenn es darum ging, eine Idee schnell und effektiv weiter zu entwickeln. Adrian war definitiv ein Mann zum Verlieben, wenn er nicht diesen riesigen Drang zu unterbelichteten Frauen und seiner persönlichen Freiheit hätte. Zum Glück hatte Miriam ihn schon nach wenigen Tagen als erbarmungslosen Flirter mit Bindungsangst identifiziert und einige Monate später Torsten kennengelernt. Adrian war einer, auf den sie noch vor wenigen Jahren reingefallen wäre. Einer, bei dem man zwar von Anfang an wusste, dass er einem nicht gut tun würde, aber man trotzdem nicht die Finger von ihm lassen konnte. Heute war das anders. Von bindungsunfähigen Männern hatte sie endgültig die Nase voll. Sie wollte einen, der es ernst mit ihr meinte. Sie suchte einen zum Heiraten. So einen wie Torsten! ? »Du musst mir helfen«, sagte Adrian mit flehendem Blick, »bis morgen früh muss die Präsentation für die Engländer fertig sein, aber ich schaffe es heute nicht. Nicht nur, dass heute Nachmittag die Abschlussfeier des ELO-MAN ansteht. Ich muss bis übermorgen auch noch das Konzept für die neuen Scheinwerfer fertig haben.« »Hmm.« Miriam zögerte. »Ich habe selbst total viel zu tun und will heute früher weg.« »Ach komm schon. Du bist eh viel fitter auf dem Gebiet als ich. So eine Intelligenzbestie wie du hat die Präsi locker in ein bis zwei Stunden überarbeitet!« »Nenn mich nicht intelligent, okay?« »Aber das bist du doch!« »Nicht intelligent genug, um dir eine Absage zu erteilen.« »Ich kann mich zwei Stunden dran setzen. Aber wenn ich es nicht schaffe, musst du den Rest machen.« Miriam hasste sich dafür, dass sie es wieder nicht geschafft hatte, Nein zu sagen. Viel zu oft schon hatte sie Adrians Arbeit übernommen. Adrian berührte wie zufällig Miriams Schulter...