Mit einem Vorwort von Martin Pollack
Buch, Deutsch, 172 Seiten, Format (B × H): 216 mm x 303 mm, Gewicht: 1200 g
ISBN: 978-3-9504585-2-7
Verlag: bildmanufaktur
»Zur Erinnerung« ist in erster Linie ein Werk der Kunst, komponiert aus Versatzstücken der (vergangenen) Wirklichkeit. Damit ist es aber auch ein Beitrag gegen das Vergessen. Der Autor inszeniert ein Drama in Bildern und Worten, die uns Verstörendes erzählen: Es sind immer Menschen, Eltern, Söhne und Töchter, Liebende und Trauernde, die sich mit den Insignien einer Macht schmücken, die sie verblendet und unsagbares Leid und Verderben in die Welt gebracht hat.
»[…]
Fotografien, gerade Kriegsfotografien, und seien es scheinbar harmlose Porträtaufnahmen von Soldaten, üben stets auch eine beunruhigende und provozierende Wirkung aus, weil wir wissen, was damals geschehen ist. Dabei wird uns bald klar, dass sich die Fotografien, auch die Abbildungen in diesem Band, klaren Deutungen und Einordnungen entziehen und mehr Fragen aufwerfen, als sie Antworten geben, was zweifellos auch ihren Reiz und ihre morbide Faszination erhöht. Solche Bilder fordern uns auf, die sich beim ersten Betrachten anbietende Interpretation in Frage zu stellen und zu versuchen, gleichsam an der Oberfläche des Abzugs zu kratzen, um tiefere, verborgene Schichten freizulegen. Dabei müssen wir immer damit rechnen, auf Unangenehmes, ja Schreckliches zu stoßen.
[…]«
Martin Pollack, aus dem Vorwort, August 2019
Weitere Infos & Material
»Zur Erinnerung!« So schrieben die Soldaten – oft etwas unbeholfen – auf ihre Portrait-Postkarten. Mitunter wussten sie wohl nicht so recht, was sie schreiben sollten. Die Generation, die damals in den Krieg zog, hatte mehrheitlich nur wenige Jahre Schulbildung genossen. Manche von ihnen ahnten wohl, dass sie vielleicht nicht mehr aus dem Krieg zurückkommen würden.
Seit fast zwanzig Jahren sammle ich Fotografien. Nicht nur solche mit militärischem Hintergrund, aber doch im Speziellen sogenannte Portrait-Postkarten der beiden Weltkriege. Anfangs sammelte ich nur Fotografien, auf denen mir bekannte Personen abgebildet waren, aber mit der Zeit interessierten mich vor allem anonyme Abbildungen. »Was wird er wohl erlebt haben?«, so fragt man sich beim Betrachten der Fotografie.
Auch wenn im Zweiten Weltkrieg, dessen Ausbruch sich in diesem Jahr zum 80. Male jährt, viele Frauen im Kriegsdienst tätig waren, habe ich mich bei der Auswahl für dieses Buch auf männliche Soldaten beschränkt. Die Mehrheit der Abgebildeten waren Soldaten der Deutschen Wehrmacht und zwar aus historischem Grund: Österreich war damals als sogenannte Ostmark Teil des Deutschen Reiches. Die Mehrzahl der Großväter meiner Generation waren somit deutsche Soldaten. Um aber auch auf die Opfer unter den damaligen »Gegnern« hinzuweisen, habe ich einige wenige Soldaten anderer Nationen mit in die Auswahl genommen. Leider finden sich sehr selten Portraits von Soldaten anderer Nationalität auf österreichischen Flohmärkten, deshalb sind sie auch in meiner Sammlung unterrepräsentiert. Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass meine Auswahl keinerlei ideologische Wertung widerspiegelt.
Es ist ein fast typisches Schicksal von Fotografien, welche man heutzutage auf Flohmärkten um wenig Geld erwerben kann: Lange Jahre von der Braut, den Eltern oder den Geschwistern gehütet, werden die alten Fotos bei Wohnungsräumungen entweder umgehend entsorgt oder von Händlern zur Seite gelegt, um sie bei passender Gelegenheit Interessierten zum Kauf anzubieten. Speziell das Österreichische Verbotsgesetz veranlasst allzu ängstliche Angehörige oft dazu, Fotos mit militärischem Hintergrund vorschnell zu entsorgen. Manche fürchten um den Ruf der Familie, andere haben auch 80 Jahre nach Kriegsende noch Angst, der NS-Bezug der Vorfahren könnte ihrer Karriere schaden. Man will »Schluss« damit machen, endlich die sogenannten braunen Flecken in der Familie loswerden, und vergisst dabei, dass – bei aller möglichen individuellen Schuld – die Kriegsgeneration Teil unserer eigenen Biografie ist.
Kurt Lackner, Sommer 2019