Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-641-22376-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Ohne Sinn und Verstand Herbert hetzte aus der Haustür, blickte nach links, nach rechts. Von Julia keine Spur. Das Grundstück der Fröhlichs, an einer längeren Zufahrt zwischen Habenschadenstraße und Josef-Breher-Weg gelegen, gehörte zu einem lockeren Verbund geräumiger Ein-, Zweifamilienhäuser im Südzipfel Pullachs. Gegenüber, im Garten der Schröders, war Erika mit Rasen- oder Blumenpflege oder sonst was in Herberts Augen Frauengemäßem beschäftigt. Vielleicht genoss sie aber auch nur die satte Nachmittagssonne dieses Spätsommertags, wie so viele in den Nachbargärten. Erikas Mann Robert saß vermutlich vor der Glotze. Es war ja Samstag, Sportschau-Zeit, kurz nach sechs. Die Bundesliga-Saison hatte begonnen. Erika bemerkte Herbert nicht, und er wollte keinen Alarm schlagen. Es wäre ihm peinlich gewesen, zuzugeben, dass … Ach, Himmel, das Kind musste doch irgendwo zu sehen sein. Er hatte Julia nur ein, zwei Minuten aus den Augen gelassen. Allerhöchstens. In Herberts Hinterkopf meldete sich ein weiterer Gedanke, verstummte aber schnell: Wenn sich Erika allein im Garten beschäftigte, dann war Margit nicht drüben. Zusammen mit Robert vor dem Fernseher zu sitzen, womöglich mit wie auch immer gefärbtem Vereinsschal um den Hals, käme ihr nie und nimmer in den Sinn. Der schwarz-weiß geringelte Schwanz einer Katze wanderte rechts am Waldrand entlang. Lilli. Ihr Schwanz glich dem Sehrohr eines U-Bootes auf Angriffsfahrt. Er hatte die Endphase des Krieges zwar nicht bewusst erlebt, aber als Cineast kannte er natürlich diesen Film, der im nahen Grünwald gedreht worden war, Das Boot. Wenn das Sehrohr eines U-Bootes auftauchte, folgte bald der Abschuss des Torpedos. Die Katze verließ das Schröder-Grundstück und pirschte in den Wald, zum Isarkanal hin. Ihr nach, dachte Herbert. Wahrscheinlich war Julia nicht weit: Sie und diese Katze hatten schließlich ein nahezu symbiotisches Verhältnis. Nach etwa zehn Minuten, das Licht deutete bereits an, dass es bald schwächeln und in die goldene Stunde übergehen würde, fiel ihm auf, wie dämlich er sich benahm. Die Katze war verschwunden. Der Wald war unübersichtlich, verlor sich in Schatten. Hier und dort trabten Jogger an ihm vorbei, die Blicke auf Pulsarmbänder geheftet. Wieso hatte er Erika nicht gefragt, ob sie Julia gesehen hatte? Wenn Julia nach Margit suchte, dann war Erika die natürliche Anlaufstation. Julia musste bei Erika sein, weil sie Margit dort vermutete. Katze hin oder her. Erst die Oma, dann die Katze, dann … Wann komme eigentlich ICH auf der Werteskala dieses Kindes?, dachte er. Herbert stapfte verärgert zurück, nahm Kurs auf das Haus der Schröders. Als er aus dem Wald trat, fiel sein erster Blick jedoch auf die eigene Haustür. Und die stand offen. Sperrangelweit. Eine halbe Sekunde lang fühlte Herbert Erleichterung. Julia musste zurück sein und hatte, ganz Kind, vergessen, die Tür hinter sich zuzuziehen. Sein pedantisches Gehirn aber führte ihm die Geschehnisse der vergangenen Minuten noch einmal vor, und er erkannte, wer schuld war an dieser Bresche in seinem Festungswall. Er selbst. Er war einfach rausgestürmt. Hals über Kopf. Plötzlich huschte ein Mann aus dem Haus, mit einem schwarzen Kasten oder etwas Ähnlichem unter dem Arm. Ein stämmiger, dicklicher Mann, der trotz Korpulenz einen ziemlichen Zahn draufhatte. Er flitzte über die Zufahrt und bog auf die Habenschadenstraße. »He, Sie da! Stehen bleiben!« Keine Reaktion. Der Mann lief unbeirrt weiter. »Ein Einbrecher! Haltet ihn! Verdammter Lumpenhund!« Herbert setzte sämtliche Motoren seines Körpers in Gang, brach wie ein Berserker aus dem Waldsaum. Zweige und Äste knackten, verjagten die Kleintiere, auf die Lilli es womöglich abgesehen hatte. Überall in den Gärten in Rufweite blickten Nachbarn auf, rührten sich aber nicht. Der Altersdurchschnitt im Viertel lag jenseits der 60. Bevor hier irgendjemand einem Einbrecher gegenüber körperlich wurde, erlitt er einen Schlaganfall oder verlor die Kontrolle über seinen Herzschrittmacher. Der Mann war nun ohnehin außer Sicht. »Herbert? Ja, was hast denn?« Erika. »Einbrecher. Da war ein Einbrecher im Haus«, japste er. »Bei uns. Ist grad raus. Hast du Margit irgendwo gesehen?« »Naa, aber die Julia. Sie ist da eben so vor mir gestanden und sagt, die Oma is weggelaufen. Mei, des Kind und sei Fantasie. Und sie hat Hunger, sagt sie. In der Küche, da sind noch Nudeln. Robert soll sie ihr warm machen. Ein Einbrecher? Bist dir sicher? Soll i die Polizei rufen? Vielleicht irrst dich ja. Wo ist die denn hin, die Margit?« »Margit, die ist …« Herbert fühlte ein Stechen in der Brust. Das Haus … »Bin gleich zurück«, keuchte er. »Passt noch einen Moment auf Julia auf. Und lasst sie nicht nach draußen, hörst du? Das Kind muss im Haus bleiben!« »Is scho klar. Um diese Zeit werd ich sie …« »Gut auf sie aufpassen, ja?« »Bist jetzt verrückt, oder was?« Herbert hörte sie nicht mehr. Er keuchte davon, und Erika machte sich Sorgen. Sie war ja erst 69 und Herbert, aus ihrer Perspektive gesehen, womöglich schon halb jenseits der Münchner Straße. Dort lag der Pullacher Friedhof. Er hastete ins Haus, um nach dem Rechten zu sehen. Worte wie Überfall, Polizei, Fahndung gingen ihm durch den Kopf. Was, wenn Margit sich doch irgendwo im Labyrinth der Räume aufgehalten hatte? Und dann dieser Einbrecher … Julias Getrampel und ihre Oma-Rufe hätten Margit zwar hervorlocken müssen, aber man wusste ja nie. Alle Gewissheit verschwamm. Herbert eilte von Zimmer zu Zimmer. Verdammt, nach Einbruch sah es hier ganz und gar nicht aus. Hätte der Typ nicht Schränke und Vitrinen durchwühlen oder Schubladen herausreißen müssen? Wo immer Herbert nachsah, meinte er zwar, Hinweise auf eine schnell hindurchgefahrene Hand zu entdecken, doch sicher war er sich nicht. Immerhin, den mit Kühlschrank verdeckten, eingemauerten Haustresor hatte der Eindringling nicht gefunden. Er hätte ihn dort wahrscheinlich auch nicht vermutet. Auch wenn Margit jedes Mal den Kasper bekam, weil er das Gefrieraggregat bei jeder Gelegenheit vorzog und wieder zurückrückte und dabei die Lebensmittel im Inneren durcheinanderrüttelte. Und doch fehlten Dinge. Von den teuren Geräten der Hifi-Anlage zum Beispiel der Receiver. Und Schmuck von Margit, der fehlte ebenfalls. Herbert hatte da nicht so den Überblick. Er vermutete allerdings, dass in einer geöffneten Schatulle was mit Edelsteinen aufbewahrt worden war. Uhr, Armband, Halskette und so. Er riet Margit seit Jahren zu einem Schließfach. Nach und nach beruhigte er sich wieder. Die wenigen Spuren im Haus deuteten auf Diebstahl, nicht auf Entführung oder gar eine Gewalttat hin. Seine Sorgen waren zumindest in dieser Hinsicht unbegründet. Margit war nicht zu Haus gewesen, als der Lump die Gelegenheit einer offenen Haustür genutzt hatte. Sie besuchte eine ihrer überflüssigen Freundinnen und verspätete sich, wie so häufig. Und dann huschte sogar ein Lächeln über sein Gesicht. Die Sache mit der verspritzten Farbe im Künstlerstudio: Das war selbstverständlich der Einbrecher gewesen. Fast war er ihm nun dankbar. Herbert rief bei der Polizei an. Nach dem Gespräch dachte er zum ersten Mal an diesem Tag daran, es auch bei Margit telefonisch zu versuchen. Er tippte ihre Handynummer ein, wartete: Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar … Typisch, dachte er. Anschließend rief er Erika und Robert an. Sie sollten Julia während der Spurensicherung drüben behalten. Ein Kind war prima in der Lage, polizeiliche Arbeiten zu behindern. Aber bevor er auflegte, tat er etwas, das ihn selbst überraschte. Er ließ sich Julia geben. Julia fand es lustig, dass der Opa vom Nachbarhaus mit ihr telefonierte. Er sagte ihr, dass er gerade sehr viel sehr Langweiliges arbeiten müsse. Deswegen solle sie noch ein wenig bei Erika und Lilli bleiben. Vom Einbruch sagte er nichts, und er hatte auch Erika gebeten, darüber zu schweigen. Notfalls würde er selbst diese Dinge erklären, pädagogisch angemessen und verantwortungsvoll. Julia war ja noch ein Kind. Julia meinte, es sei sehr spannend, mit dem Opa zu telefonieren. Deswegen würde sie ihn jetzt häufiger anrufen. Und das tat sie in der kommenden Stunde auch. Alle paar Minuten. Herbert verdrehte jedes Mal die Augen, weil er genau wusste, dass Erika sich mühte, Julia abzulenken, und dabei total versagte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ein Streifenwagen vorfuhr. Zwei Beamte stiegen aus, kamen ins Haus und nahmen den Schaden auf. Viel war es ja nicht, und beim Schmuck mogelte Herbert ein bisschen. Versicherungen schwammen ohnehin in Geld. Nach einer weiteren halben Stunde waren die Beamten wieder verschwunden. Die Sache mit Margit hatte Herbert gar nicht erwähnt. Er wusste ja aus diversen Tatort-Folgen, dass Vermisste erst nach Tagen kriminaltechnisch interessant wurden. Ein paar Stunden waren da gar nichts. Gegen 21 Uhr 30, nachdem er ein bisschen aufgeräumt und noch mehrfach versucht hatte, Margit zu erreichen, ging er Julia abholen. Ihn plagte längst das schlechte Gewissen, weil halb zehn viel zu spät für sie war. Außerdem hatte sie ihn schon länger nicht mehr angerufen. Dafür gab es einen Grund: Julia hatte begonnen, Erika und Robert Geschichten zu erzählen. Abenteuerliches, aus dem die beiden nicht recht schlau wurden. Sie hatte behauptet, sie würde von nun an immer bei ihrer Oma wohnen und Oma und sie würden immer Nudeln kochen, denn auch Lilli mochte Nudeln. Opa würde bald mit dem Flugzeug wegfliegen. Sehr weit weg. Bis nach Amerika. Ihr Papa wäre...