E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-641-23097-5
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Kapitel 2 Unheimlicher Besuch Ein Wind war aufgekommen und eine leichte Böe stieß das Fenster auf. Die Fensterflügel schlugen aneinander und davon wurde Theo wach. Die Blätter rauschten, und das Rauschen wurde immer lauter, als kündigte sich ein Sturm an. Verschlafen setzte Theo sich auf. Gerade als er aufstehen wollte, um das Fenster zu schließen, sah er, wie der alte Baum erbebte. Die Zweige schlugen wild gegeneinander und knackten laut. Die Blätter erzitterten und dann schob sich eine riesige dunkle Wand zwischen den Ästen hindurch und kam mit einem lauten Ächzen und Knarzen in leichter Schräglage zur Ruhe. Theo drückte sich ängstlich in die Schatten. Er war wie gelähmt. Was hatte das alles zu bedeuten? Leise Stimmen drangen von oberhalb der Wand zu ihm. Kurz darauf wurde etwas durch sein Fenster geworfen und knallte klirrend zu Boden. Es war ein Seil mit einem Eisenhaken. Das Seil wurde angezogen und der Haken verfing sich unter dem Fensterbrett. Dann sah Theo den Raben, der ihn schon mehrfach besucht hatte. Er hörte den leisen Flügelschlag und sah den schwarzen Schatten, der die Wand hinaufflog. Plötzlich war ein Surren zu hören und es erschien eine Strickleiter. Sie landete direkt auf Theos Fenstersims. Das Ganze wurde immer unheimlicher. Vorsichtig ließ sich Theo über die Bettkante gleiten und versteckte sich unterm Bett. Sein Herz hämmerte so laut, dass man es sicher im ganzen Zimmer hören konnte. Was passierte hier? Waren Außerirdische im Baum gelandet, die ihn entführen wollten? Oder waren es Einbrecher? Er wollte nach Mama rufen, aber als er den Mund öffnete, kam kein Pieps heraus. Der Mond schob sich über das Dach des gegenüberliegenden Hauses, und in seinem blassen Licht erkannte Theo eine dunkle Gestalt, die langsam die Leiter hinabkletterte. Der Mann stieß das Fenster auf und ließ sich lautlos zu Boden gleiten. Er war, soweit Theo das erkennen konnte, etwas merkwürdig gekleidet, trug kniehohe Stiefel, einen breitkrempigen Hut und eine altmodische blaue Uniformjacke mit goldenen Knöpfen. Außerdem hatte er einen Säbel und einen Revolver im Gürtel stecken. Der Mann sah sich suchend im Zimmer um, bis sein Blick auf Theos Bett fiel. Er stutzte. Ob er wohl bemerkt hatte, dass es leer war? Theo drückte sich unter seinem Bett fest an die Wand und hielt den Atem an. Der Mann ging zur Kommode, wo er nacheinander alle Schubladen aufzog und sie durchstöberte. Anscheinend fand er nicht, was er suchte, und ging zum Kleiderschrank, der direkt neben dem Bett stand. Seine Stiefel waren nur wenige Zentimeter von Theos Gesicht entfernt und rochen nach Leder und Seetang. Sie hatten Sporen und wirkten schon ziemlich abgetragen. Der Mann durchwühlte den Kleiderschrank und fluchte leise, weil er auch hier nichts zu finden schien. Kein Wunder, Theos T-Shirts und Jeans hätten ihm ganz bestimmt nicht gepasst. Der Mann wandte sich um, verließ murrend das Zimmer und verschwand im Flur. Wo wollte er jetzt hin? Theo schob sich vorsichtig ein Stück unter dem Bett hervor und lauschte. Im Flur war es still. Was machte der Eindringling wohl gerade? Ob er Martins Anzüge anprobierte? Mama würde garantiert einen Schreikrampf bekommen, wenn sie den Mann vor ihrem Kleiderschrank entdeckte. Theo stand leise auf. Sein Blick fiel auf das große dunkle Ding, das da im Baum vor seinem Fenster festsaß. Es war kein UFO mit Außerirdischen, nein, es war ein riesiges altes Schiff. Es hatte rote Segel und Ausbuchtungen für Kanonen. In goldenen Buchstaben stand ein Name am Bug. Er war leicht nach vorne geneigt und zwischen zwei breiten Ästen eingeklemmt. Theo entzifferte den Namen: Halbmond. Wieso war ein Schiff in dem Baum vor seinem Fenster gelandet? Er kniff sich in den Arm. Bestimmt würde er gleich aufwachen. Aber das Kneifen tat weh, also war es wohl doch kein Traum. Ein Windstoß fuhr durch die Äste, die unter dem Gewicht des schweren Schiffsrumpfes ächzten. Oben an der Reling bewegten sich Gestalten. Was hatte das alles zu bedeuten? Vor allem aber, was hatte dieser fremde Mann nachts in ihrer Wohnung zu suchen? Mit klopfendem Herzen schlich Theo in den Flur. Die Tür zu Mamas und Martins Zimmer war verschlossen. Theo hatte schon die Hand auf die Klinke gelegt, doch dann zögerte er. Etwas hielt ihn davon ab, die beiden zu wecken. Durch die angelehnte Küchentür schimmerte kaltes Licht. Theo schlich vorsichtig darauf zu. Er wusste, welche Dielen knarzten, und vermied es, darauf zu treten. Ohne ein Geräusch zu machen, erreichte er die Küche, schob die Tür leise auf und blinzelte. Der Schein des Kühlschranks erhellte den Raum. Der Mann stand davor und hielt die Schüssel mit den Stadttaube-Ananas-Himbeer-Resten in der Hand. Er hatte sich ein Stück Fleisch in den Mund geschoben, kaute daran herum und spuckte es wieder aus. »Widerlich«, knurrte er. »Kann deine Mutter etwa nicht mehr kochen?« Theo erschrak und wich zurück. Er wollte schon zum Elternschlafzimmer stürzen, da wandte der Mann sich um und sagte: »Keine Angst, ich tu dir nichts.« Er hatte leuchtend grüne Augen und ein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht. Sein linkes Auge zuckte nervös. Plötzlich grinste er, und Theo sah, dass er eine breite Zahnlücke hatte. »D-das Hühnchen ist von Martin«, stammelte er. »Martin?« Der Mann hob eine Braue. »Wer ist Martin?« »M-mein Vater«, murmelte Theo. »Dein Vater?« Der Mann schüttelte überrascht den Kopf. »Mein Stiefvater«, korrigierte sich Theo. »Und wer sind Sie?« »A Punkt Stiefelwein, Kapitän a. D.« »A. D.?« »Außer Dienst. Dein Stiefvater, sagst du?« Der Kapitän betrachtete ihn nachdenklich. »Ja.« Theo erwiderte seinen Blick. »Und wieso sind Sie durch mein Fenster geklettert?« Er fühlte sich inzwischen etwas mutiger. »Ich meine, Sie können doch nicht so einfach hier einsteigen.« »Stimmt.« Der Kapitän kratzte sich am Hals. »Hast ja recht.« Er sah sich um und murmelte entschuldigend: »Ich hatte Hunger. Aber das Zeug hier ist ja ungenießbar.« Theo nickte zustimmend. Der Kapitän war ihm zunehmend sympathisch. »Finde ich auch. Wir hätten da noch Brot und Käse. Mama hat immer einen Vorrat – für Notfälle.« Er holte zwei Stück Toast aus dem Brotkasten, nahm zwei Scheiben Käse aus dem Kühlschrank, belegte die Brote und reichte sie dem Kapitän, der gierig danach griff und seine Zähne hineinschlug. »Besser«, knurrte er mit vollem Mund. Wieder wechselten sie Blicke. »Wie ist Ihr Schiff überhaupt in den Baum gekommen?«, fragte Theo. »Ich meine – es ist doch nicht etwa geflogen?« Der Kapitän zuckte mit den Schultern. »Warum nicht«, nuschelte er kauend. Theo sah ihn verunsichert an. »Überrascht dich das?« Der Kapitän wischte sich mit dem Ärmel die Krümel vom Mund. »Na ja …« Theo wollte eigentlich sagen, dass er noch nie ein fliegendes Schiff gesehen hatte, stattdessen platzte er heraus: »Sind Sie wirklich nur hier, weil Sie Hunger haben?« Der Mann schob sich das letzte Stück Brot in den Mund und verschlang es. »Nicht nur«, murmelte er. »Sondern?« »Bin auf der Suche.« Er schien plötzlich in Gedanken versunken. »Nach was denn?« Theo ließ ihn nicht aus den Augen. Er hatte auf einmal so ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch. »Kann darüber nicht reden.« Theo trat vorsichtig einen Schritt näher. »Aber wenn Sie es mir verraten, kann ich Ihnen vielleicht helfen«, sagte er. »Helfen? Du mir?« Der Kapitän riss sich aus seinen Gedanken und schüttelte den Kopf. »Wohl kaum.« Er schloss die Kühlschranktür und auf einmal war es wieder dunkel im Raum. »Niemand kann mir helfen«, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu. »Leider.« Er seufzte. Theo konnte es sich nicht erklären, aber er mochte diesen merkwürdigen Typen, an dem ihm irgendetwas vertraut vorkam. Sie schauten einander einen langen Moment an, dann blickte der Mann weg. »Muss wieder los«, sagte er und ging an Theo vorbei ins Kinderzimmer. Theo folgte ihm. Der Mann stand bereits am Fenster und griff nach der Strickleiter, als er sagte: »Also Junge, mach’s gut.« »Warten Sie«, rief Theo. Er wollte nicht, dass der seltsame Mann ihn schon wieder verließ. Außerdem hatte er noch eine Menge Fragen. »Wie – wie kann so ein Schiff überhaupt fliegen?«, rief er. »Und wo – wo fahren Sie hin?« A. Stiefelwein hatte bereits einen Fuß auf das Fensterbrett gesetzt. Die Sporen an seinem Stiefel blitzten im Mondlicht. »Zu Frage Nummer eins – alles ist möglich, wenn man es wirklich, wirklich will«, sagte er, fast ein wenig spöttisch, als glaubte er selbst nicht daran. »Zu Frage Nummer zwei: Darüber kann ich noch nicht reden.« Er schwang sich aufs Fensterbrett und griff nach der Strickleiter. »Moment!« Theo war ihm zum Fenster gefolgt. »Ich … Kommen Sie mich wieder besuchen?« Der Mann wandte sich nochmals um. »Sollte ich das?«, fragte er sanft und sah Theo aufmerksam an. Ein winziges Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. »Vielleicht … kann ich Ihnen ja irgendwie bei Ihrer Suche helfen«, sagte Theo. »Suche? Woher weißt du, dass ich etwas suche?« »Weil Sie das gesagt haben. Außerdem habe ich gesehen, wie Sie meine Kommode und den Schrank...