E-Book, Deutsch, Band 6426, 272 Seiten
Reihe: Beck Paperback
Eine Popkulturgeschichte
E-Book, Deutsch, Band 6426, 272 Seiten
Reihe: Beck Paperback
ISBN: 978-3-406-77447-8
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als das Informationszeitalter in den 1980er Jahren in seinen Anfängen steckte, galten Nerds als misanthropische Freaks und kauzige Streber. Während sie ihre Freizeit im heimischen Keller an komplizierte Geräte vergeudeten und sich von Tiefkühlpizza ernährten, genossen die High-School-Schönlinge ihre gesellschaftlichen Privilegien in vollen Zügen. Doch der Erfolg neuer Informationstechnologien läutete einen ungeahnten Siegeszug der Nerdfigur ein. Nerds, damit verbanden sich nun Namen wie Bill Gates und Steve Jobs. Aus den einstigen Außenseitern wurden charismatische Insider: 'Nerdig' wurde das neue 'cool'. Doch seit den 1990er Jahren wird die männliche, weiße, privilegierte Nerdfigur hinterfragt und politisiert. Gerät der smarte Silicon Valley-Nerd im Licht dieser neuen Diskurse gar zum Alten Weißen Mann? Ist die große Zeit dieser für ein paar Jahrzehnte so wichtigen Sozialfigur schon wieder vorbei? In ihrem Buch zeigt die Kulturwissenschaftlerin und Bloggerin Annekathrin Kohout die wechselvolle Geschichte des Nerds, die zugleich eine Geschichte der Populärkultur und der Informationsgesellschaft ist.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Soziale Gruppen/Soziale Themen Soziale Gruppen & Klassen
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Soziale Gruppen/Soziale Themen Gender Studies, Geschlechtersoziologie
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Soziale Gruppen/Soziale Themen Sozialisation, Soziale Interaktion, Sozialer Wandel
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Spezielle Soziologie Mediensoziologie
- Sozialwissenschaften Ethnologie | Volkskunde Ethnologie Kultur- und Sozialethnologie: Politische Ethnologie, Recht, Organisation, Identität
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Spezielle Soziologie Freizeitsoziologie, Konsumsoziologie, Alltagssoziologie, Populärkultur
Weitere Infos & Material
JEDER MENSCH IST EIN NERD
EINFÜHRUNG Als ich angefangen habe, Freunden und Kollegen davon zu erzählen, dass ich ein Buch über Nerds schreibe, hat sich eine seltsam einhellige Reaktion eingestellt. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich mich denn selbst für einen Nerd hielte. Das überraschte mich. Nicht nur, weil es mir fragwürdig erschien, dass offenbar gemeinhin angenommen wird, man identifiziere sich als Kulturwissenschaftlerin zwangsläufig mit dem eigenen Untersuchungsgegenstand, sondern vor allem, weil ich nun wirklich nicht gerade dem Bild entspreche, was man sich lange Zeit von einem Nerd machte: jemandem, der Hornbrille trägt, unsozial und misanthropisch ist, im Keller haust und sich von Tiefkühlpizza ernährt, Allergien hat und unbeliebt ist. Stellt man sich unter einem Nerd nicht jemanden vor, der sich in besonderem Maße für Technik und Computer oder für Comics und Spiele interessiert? Die Nachfragen waren ein Zeichen dafür, dass sich das Bild des Nerds offentbar verändert, erweitert, differenziert hat. Dass sogar eine Frau mittleren Alters, die sich um gesunde Ernährung bemüht und für Mode interessiert, ohne überdurchschnittlich technikaffin zu sein, als nerdig durchgehen kann. Scheinbar assoziiert man mit dem Nerd nicht mehr nur das Stereotyp vom pickeligen Brillenträger, sondern vielmehr einen Habitus: Man ist nicht mehr ein Nerd, sondern agiert auf irgendeine Weise nerdig. Mir wurde schlagartig klar: Der witzige Meme-Slogan aus dem Internet – «nerd is the new cool» – ist ernst gemeint. Er belegt zudem, dass «nerdig» gegenwärtig auch als Bewertungsinstrument für ästhetische Urteile zum Einsatz kommt und als Werkzeug der Distinktion dienen kann, wenngleich er als solches jetzt schon kaum noch geeignet scheint, weil der Begriff Teil der Massenkultur geworden ist. Mittlerweile gibt es kaum einen Film oder eine Serie, die ohne Nerds auskommt – und immer häufiger werden ihnen die Hauptrollen eingeräumt. Aus der Nerdfigur ist zudem ein über den technischen Bereich hinausgehendes Konsumphänomen geworden. Ihr äußeres Erscheinungsbild wurde als begehrenswerter Stil entdeckt und von zahlreichen Modekollektionen der letzten Jahrzehnte adaptiert. Der Begriff wird vielfach in Werbung und in der Markenbildung eingesetzt. Als einer der Ersten in Deutschland hat Max Goldt den Nerd in einer Titanic-Kolumne von 1997 pointiert beschrieben: «Seit ich zurückdenken kann, gibt es junge Männer, die sich abends statt auszugehen daheim einem Steckenpferd widmen, sich von Mirácoli ernähren, keine Freundin haben, darunter nicht groß zu leiden scheinen und hellblaue Oberhemden und Hosen mit Gürtelschleifen, aber ohne Gürtel, tragen. Vor einem Jahr hörte ich erstmals das Wort ‹Nerd›. […] Er, der Außenseiter ohne Pein. […] ‹Nerds› haben sehr große Schlüsselbünde und sehr kleine Kaffeemaschinen.»[1] Dieses stereotype Bild vom Nerd hat Vorläufer, es gibt Überschneidungen mit anderen Figuren – dem Streber, dem Eierkopf, dem Hacker, dem Freak, dem Geek, dem Boffin, dem Otaku und einigen mehr. Gemein ist diesen Begriffen, so viel vorab, dass sie für die Kehrseite des Schönen und Gefälligen, des Zugänglichen und Verständlichen stehen. Nerdig zu sein bedeutet abzuweichen, aber nicht absichtlich oder gar programmatisch. Nerdig ist man, wenn einem die Abweichung unterläuft. Wenn einem egal ist, wie man sich kleidet, ernährt, in einer Gesellschaft verhält. Der Nerd hat deshalb viel mit Authentizität zu tun. Auch wenn er nicht gemocht wird – glaubwürdig erscheint er allemal. Nerdig zu sein ist keine Attitüde – glaubte man zumindest bisher. Wie keine andere Figur steht der Nerd für das Informationszeitalter, ist mit Computertechnologie ebenso assoziiert wie mit der Gamekultur und wird auf eine Weise mit der Idee von Innovation verbunden wie ehedem die künstlerische Avantgarde. Eine beliebte Erzählung lautet, dass Nerds ungefähr in den 1980er und 1990er Jahren einen Imagewandel erlebten: Als die Technikskepsis noch Common Sense war, wurde der Nerd deutlich häufiger als sozial inkompetenter, unhygienischer Eigenbrötler beschrieben; heute nimmt man ihn überwiegend als charismatischen Insider wahr, als Eingeweihten, der alle Codes knackt und daher nicht nur die technische, sondern auch die gesellschaftliche Gegenwart mehr als die meisten anderen prägen kann. Das stimmt zum Teil, es wird aber deutlich werden, wie vielschichtig und verzweigt diese Entwicklung vonstattenging. In kulturellen Debatten und gesellschaftlichen Diskursen nimmt der Nerd eine Schlüsselstellung ein. Widmet man sich seiner Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, wird deutlich, wie sich unsere Erwartungen und Wünsche in Bezug auf den technischen Fortschritt und Innovation verändert haben. Es geht in meinem Buch also nicht zuletzt um das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die entsprechende Werte, Sichtweisen und Interessen in die Figur des Nerds projiziert. Seine Geschichte mit all ihren Charakterisierungen und Umdeutungen ist zugleich eine Geschichte unseres Verhältnisses zur Technik- und Internetkultur, zu Freizeit und Arbeit, zu Konformismus und Nonkonformismus, zum Populären und Unpopulären, zum Schönen und Hässlichen, wie auch zu Fragen der Identität – der geschlechtlichen und ethnischen Zugehörigkeit. Der Nerd ist eine Sozialfigur und als solche zeittypisch. Für ihr Entstehen gibt es gesellschaftliche, kulturelle, politische Gründe, und sie dient umgekehrt dazu, unsere Gegenwart zu beschreiben, zu analysieren und nicht zuletzt mitzugestalten. Eine Sozialfigur hat kaum feste Merkmale oder Eigenschaften. Nur so viele wie nötig, um wiedererkennbar zu sein, aber zugleich so wenige wie möglich, um allseits anschlussfähig zu bleiben. Ob Mark Zuckerberg oder Daniel Düsentrieb, Harry Potter oder Michel Houellebecq: Auf alle trifft die Bezeichnung «Nerd» unter ganz bestimmten Voraussetzungen zu, sie alle lassen sich in irgendeiner Weise als Nerd beschreiben, andererseits aber auch wieder nicht – entscheidend bei solchen Zuordnungen ist, wie sinnvoll oder gar notwendig die Bezeichnung als Nerd jeweils ist. Die Tatsache, dass der Nerd in Relation zu so unterschiedlichen Figuren, aber auch Phänomenen gesetzt werden kann, zeigt – und das werde ich noch genauer ausführen –, wie stark diese Sozialfigur wirkt. Inzwischen sind wir alle irgendwie zu Nerds geworden: Internet-Nerds, Fashion-Nerds, Food-Nerds, Sport-Nerds, neulich stieß ich sogar auf einen Instagram Account, der sich «Disney-Nerds» nannte – auf dem Profilbild sah man eine schrullige Arielle mit schwarzer Hornbrille. Und weil nun alles und jeder als nerdig oder Nerd bezeichnet werden kann, wird man sich nicht mehr lange selbst als Nerd inszenieren wollen. Die Figur überrascht kaum noch, erschöpft sich so langsam und wird sich deshalb womöglich in andere Richtungen weiterentwickeln. Dass die Nerdfigur an Relevanz verliert, merkt man aber nicht nur an ihrer Bedeutungsvielfalt, die eine Verwendung willkürlich erscheinen lässt, sondern auch daran, dass ihre einstmals negativen Konnotationen unter neuen gesellschaftlichen Vorzeichen zurückkehren: Seit einiger Zeit wird aus den Reihen des Feminismus etwa kritisiert, dass Nerds das Patriarchat unbemerkt in der Gegenwart fortführten. Warum sonst gebe es keine massenmedial etablierte weibliche Form der Bezeichnung «Nerd» – oder warum seien Nerds überwiegend männlich? Lebe im Computergenie nicht die fragwürdige Idee weiter, Männer seien intelligenter als Frauen? Verhindere die Nerdfigur als weiße, männliche Figur für People of Color und Frauen nicht sogar den Zugang zu Wissenschaft und Technik? Andere mutmaßten bereits, die Nerdfigur werde im Netz mittlerweile kulturell, ideologisch und personell derart von Trollen und Neuen Rechten okkupiert, dass sie über kurz oder lang nur noch mit unschönen Rassismen besetzt sein werde, was eine positive Ausdeutung nicht mehr zulasse – ähnlich wie im Fall des Internetmemes Pepe der Frosch. Tatsächlich scheint die bisher eher als unpolitisch bis links gedachte Nerdkultur anschlussfähig zu sein für rechte Ideologien. Sei es wegen des impliziten Überlegenheitsgefühls, das durch das Spezialwissen der Nerds gegenüber der übrigen Gesellschaft vermittelt wird, oder der Selbstmystifizierung, in der mithilfe einer Opfer- sowie Heldenerzählung auch gedankenloses, unsensibles oder ignorantes Verhalten gerechtfertigt wird. Bis in die 1990er Jahre...