E-Book, Deutsch, 234 Seiten
Reihe: Rother E-Books
Tobs Thanners erster Fall
E-Book, Deutsch, 234 Seiten
Reihe: Rother E-Books
ISBN: 978-3-7633-0100-3
Verlag: Rother Bergverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tobs Thanner ist leidenschaftlicher Bergsteiger und Kletterer – und er hat nicht vor, die Zeit mit einer streng geregelten Arbeit zu vertun. Um nicht an feste Bürozeiten gebunden zu sein und sich viele Freiräume zu bewahren, verdient er seinen Lebensunterhalt neuerdings als Privatdetektiv. Ein vermeintlich leichter Job. Sein erster Fall erscheint ihm auch ganz einfach: Er soll Elena Donath, die Frau eines Geschäftsmannes, observieren und Beweise für ihre Untreue liefern.
Doch Elena Donath entgeht nicht, dass sie beobachtet wird. Misstrauisch dreht sie den Spieß um und beobachtet Thanner, was für alle Beteiligten nicht ohne Folgen bleibt. In einem Ferienhaus in den Bergen spitzt sich die Situation zu: Ein Drama aus Fragen und Zweifeln, Beschuldigungen und Verdächtigungen, das tödlich endet.
Thanner ist plötzlich nicht mehr Beobachter, er ist verstrickt in eine grauenvolle Beziehungstat. Alle Indizien deuten auf ihn hin – und nicht nur die Polizei ist hinter ihm her. Auf sich allein gestellt, flieht er in die Berge. Auf eigene Faust muss er versuchen, den Fall aufzuklären und seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
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Das Ende Welch ein Gefühl! Wer es nicht erlebt hat, nie Gelegenheit dazu hatte, vielleicht nie die Gelegenheit bekommt, kann das nicht nachvollziehen. Und wahrscheinlich vermögen alle Worte nicht, genau das zu beschreiben, was Peter Henning euphorisch empfand, wenige Augenblicke bevor er in den Tod stürzte, dabei mit seinem Körper immer wieder gegen den Fels prallte und zerschlagen und entstellt im Geröll am Fuß der Wand zum Liegen kam. Sie waren früh aufgestanden, kurz nach fünf, hatten in der Gaststube der alten Bergsteigerhütte Hinterbärenbad lustlos ein kleines Frühstück zu sich genommen, waren sodann auf Pfaden und durch Steinschutt aufgestiegen bis zum Beginn der Felsen, waren dabei wach und munter und immer unternehmungslustiger geworden, hatten dann jedoch, wie so oft am Beginn einer alpin ernsten Tour, einen gewissen Dämpfer erhalten, als sie die Wand hinaufblickten, schier endlos, bis in den Himmel. Doch das beklemmende Gefühl hatte sich verflüchtigt, nachdem jeder der beiden Seilpartner die ersten Meter geklettert war. Natürlich hatten sie beide um die bevorstehenden Schwierigkeiten und die möglichen Gefahren gewusst, doch das Klettern sammelte nun einmal alle Sinne wie in einem Trichter und fokussierte sie auf den Quadratmeter vor den Augen und die paar Meter über einem, die als Nächstes zu bewältigen waren. Kleine Halt hieß der Berg. Plattendirettissima ihre Tour. Die Halt war nicht klein und die Plattendirettissima nicht einfach. 800 Meter Wandhöhe, 32 Seillängen, teils atemberaubend schöne Felspassagen, teils kleinsplittrig und abdrängend. Und anstrengend, allein schon der Länge der Tour wegen anstrengend. Nach vier Stunden hatten sie die Hauptschwierigkeiten hinter sich gehabt. Die Wand hatte sich zurückgelehnt, die Kletterei war leichter geworden. Dritter Grad, kaum mehr, bisweilen weniger. Rinnen und Grate, die sich unschwer klettern ließen, die nichts als Spaß machendes Herumturnen erforderten, allerdings musste man konzentriert bleiben, durfte sich auch hier keine Fehler erlauben. „Jetzt könnten wir das Seil wegtun“, hatte Phil gesagt. „Kommen wir schneller voran. Außerdem ist eh alles leicht.“ „Meinst du wirklich?“, hatte Peter gefragt, doch Phil hatte seine Zweifel einfach weggewischt. So hatten sie sich ausgebunden, das Seil aufgeschossen, es in Phils Rucksack verstaut und die kleine Pause genutzt, um die letzten Reste aus ihren Trinkflaschen zu zuzeln. Peter Henning war skeptisch. Er hatte freilich schon öfter Passagen in diesen geringen Schwierigkeitsgraden ungesichert bewältigt. Doch diese Tour war lang gewesen, sie hatte ihn mehr angestrengt als erwartet, und irgendwie fühlte er sich nicht ganz wohl in seiner Haut. Ob es daran lag, dass er schlecht geschlafen hatte in der vergangenen Nacht? Er hatte nach oben gesehen. Das Gelände erschien ihm tatsächlich leicht, wenngleich immer noch mit höchster Vorsicht zu genießen. Wenn einem da Griffe oder Tritte ausbrachen, könnte das einen Sturz ins Verderben geben. Ich kann das, hatte er sich suggeriert. Ich kann das. Und wieder: Ich kann das. Dort oben, vielleicht hundert Meter über sich, hatte er den Gipfel erahnen können. Dort oben sah er den Fels sonnenbeschienen, und das war ihm nach den Stunden im Grau der nordwestlich ausgerichteten Plattenwand wie eine Befreiung erschienen. Wenn ich dort oben bin, hatte er gedacht, habe ich diese Tour gemeistert. Dann habe ich etwas geschafft, was ich mir noch vor einem Jahr nicht hätte träumen lassen. Eine richtige Bigwall, mit dreißig Seillängen. Und das in dieser wilden, rauen Landschaft des Kaisergebirges, das mit seinen Felszähnen und Abbrüchen durchaus einzuschüchtern vermochte. Achtsam war er geklettert. Immer ein Stückchen hinter Phil, der auch nach der langen Tour noch kletterte, als ob alles nur ein Spiel wäre. Henning bewunderte seinen Seilpartner. Er empfand nicht dasselbe für ihn wie für Tobias Thanner, der ihn zum Klettern gebracht und von dem er alles, wirklich alles, was er jetzt konnte, gelernt hatte. Dass er kein Naturtalent war und nie ein außergewöhnlicher Kletterer sein würde, das wusste er selbst am besten. Um das ging es ihm ja auch gar nicht. Es ging ihm darum, Freude zu haben … und die Natur, die Berge zu erleben … und sich selbst zu spüren … ja, sich selbst zu spüren und dabei auf ganz unschuldige Art zu probieren, wie weit dieses Leben dehnbar war. Wie weit kann ich gehen?, hatte er sich manches Mal schon gefragt und dabei dasselbe Kribbeln verspürt wie als kleiner Junge, wenn es um Mutproben ging, die alles andere als ungefährlich waren. Phil bewunderte er auch, aber Tobias war der Freund, der ihm in der Halle die Grundbegriffe vermittelt, der ihn sodann in den Klettergarten und anschließend in die Berge mitgenommen hatte. Tobias war derjenige, der ihm das Fenster aufgestoßen hatte. Ein Fenster zu einer Art Freiheit. Phil hingegen … Peter Henning war müde. Das Klettern strengte ihn an. Doch zugleich schwanden die Selbstzweifel. Er fühlte sich jetzt auch ohne sicherndes Seil gut, der Fels war griffig und fest, in sich spürte er nur Selbstvertrauen, ruhige Selbstgewissheit und Freude. Eine Freude, die sich in Euphorie steigerte, als er die Grenze von Schatten und Licht überschritt, herauskletterte aus dem Fels- und Nordwandgrau und hinein in die Zone, die, von der Sonne angestrahlt, hell und freundlich und unendlich vertrauenserweckend wirkte. Welch ein Gefühl! Erlösung. Belohnung. Grenzenlose Freude. Unsterblichkeit. Jemand ganz Außergewöhnliches zu sein, zumindest für diese paar Minuten, beinahe so außergewöhnlich wie damals Neil Armstrong bei seinen ersten hüpfenden Schritten in den Wüsten des Mondes. Ja! Ja! Ja! Peter Henning jubelte erst nur in Gedanken, schrie seine Freude gleichsam stumm aus sich heraus. Dann jedoch konnte er nicht mehr an sich halten, ließ seinen Emotionen freien Lauf, brüllte hinauf zu Phil, der keine halbe Seillänge entfernt bequem auf einem Felsabsatz hockte und auf ihn wartete. „Super!“, rief er. „Einfach nur super! Wir haben es geschafft! Ist das nicht Wahnsinn! So eine herrliche Tour! Und dazu dieses Wetter und diese Landschaft und diese Stimmungen.“ Und nach einer kurzen Atempause, die er nach derart vielen Seillängen dringend nötig hatte, fügte er noch hinzu: „Ich bin so was von glücklich!“ Wenig später kam er bei Phil an. Das Klettern war leicht, der Gipfel nah. Er blieb neben seinem erfahrenen Partner auf dem Felsband stehen, hielt sich mit einer Hand an einem festen Griff ein und sah hinab zum Fuß der Wand und hinaus durch das Kaisertal, das am Vortag ihr Weg ins Gebirge gewesen war. Das Wetter war großartig, mattblau der Himmel und nur ein paar vereinzelte Wolkenfetzchen darin. „Schau dir das an“, sagte Henning. „Wie Segelboote auf dem Meer…“ Phil sagte nichts. Henning packte den Griff noch fester und sah hinunter. Sie waren beinahe achthundert Meter über dem Einstieg ihrer Tour. „Da unten sieht man im Geröll den Steig, auf dem wir heute früh zur Wand gegangen sind“, sagte er. Alles an ihm, in seinen Augen und seiner Stimme, war Begeisterung. „Schau doch“, forderte er Phil auf. Der aber saß nur da und schwieg. Henning besah sich seinen Griff, einen großen, massiven Henkel aus starkem Kalkfels, noch einmal genauer, spannte seine Finger mit ganzer Kraft darum und lehnte sich ein klein wenig hinaus – nicht weit, nur weit genug, um noch besser hinabsehen, noch mehr von der unter ihnen liegenden, gigantischen Wand überblicken zu können. Das war der Moment, in dem er einen heftigen Schlag gegen die Schulter bekam. Einen Schlag, so stark, als hätte ihn ein Pferd getreten. Er spürte, wie sich seine Finger öffneten, sich vom Felshenkel lösten, wie er das Gleichgewicht verlor und vornüber kippte. Ein Schrei wollte sich aus seinem Inneren lösen, doch es kam nur ein Glucksen, einem Schluckauf ähnlich. Henning sah seine Hände, fuchtelnd und nach Halt suchend, wo es keinen Halt mehr gab. Er stürzte nach vorne, überschlug sich im leicht geneigten Fels, versuchte, mit den Fingern einen Griff zu finden, glaubte sogar für einen Moment, den Sturz abfangen zu können, doch der Schwung seines Körpers war viel zu groß. Die Fingernägel kratzten über den Fels, die Fingerkuppen platzten auf, zwei Fingernägel rissen aus den Nagelbetten. Er spürte das und sah es, doch er empfand keinen Schmerz. Keinen Schmerz und keine Panik. Er war ganz bei sich, wägte sachlich die Situation ab, prüfte die Optionen – wo war ein Felsvorsprung, der seinen Sturz noch bremsen konnte? Was würde sein, wenn nichts mehr ihn bremste? Und er nahm völlig ruhig und mit großer Gelassenheit zur Kenntnis, dass es nichts gab, was sein Leben noch hätte retten können. Sein Körper hatte sich vom Fels gelöst, und seine Seele verließ nun den fallenden Körper. Ihm war, als könnte er sich selbst beim Absturz zusehen. Beinahe emotionslos beobachtete er sich selbst, sah sich stürzen und gegen den Fels prallen, weiterstürzen und wieder aufschlagen, wieder fallen und wieder gegen den Fels geschlagen werden, und so...