30 moderne Legenden
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7109-5154-1
Verlag: Benevento
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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01
WILMA RUDOLPH
DIE SCHWARZE GAZELLE Es dürfte schwer sein, in Clarksville, Tennessee, jemanden zu finden, der nicht weiß, wer Wilma Rudolph war – aber nicht ganz so leicht, jemanden, der sie persönlich gekannt hat. Ich traf Irene Temple bei Starbucks am Ford Campbell Boulevard, eine kleine, sportliche Frau in einem dunkelvioletten Trainingsanzug, ich schätzte sie auf Mitte fünfzig, kurzes krauses Haar, an den Schläfen grau. Sie ist die Nichte von Ed Temple, der Wilma Rudolph in den Fünfzigerjahren trainierte, nachdem er sie der Basketballtruppe der Tigerbelles abgeworben hatte. Ed Temple war der Coach der Leichtathleten am Tennessee State College, der lange Zeit einzigen staatlichen Hochschule für Afroamerikaner in den USA. Ihr Onkel Ed, so erzählte mir Irene, habe die zwölfjährige Wilma gesehen, wie sie, den Ball in beiden Händen haltend, rund um das Spielfeld gelaufen sei, so schnell, dass ihr keine aus dem Team ihrer Gegnerinnen folgen konnte. Der Basketballtrainer habe sie ausgeschimpft, man dürfe den Ball nicht so lange in Händen halten, das sei gegen die Regeln, sie müsse entweder abgeben oder auftippen. Mr. Temple saß auf der leeren Zuschauertribüne und hörte und schaute zu. »Mein Onkel«, erzählte mir Irene bei Starbucks, »gab später zu, er habe gehofft, der Trainer schimpft Wilma ordentlich aus, so ordentlich, dass sie zurückschimpft, er solle sie am Arsch lecken oder so. Der Umgangston unter den Sportlerinnen war nicht weniger grob als unter den Männern, das ist bis heute so, das können Sie mir glauben, dagegen sind die Männer schon direkt höflich. Aber Wilma, so hat mir mein Onkel erzählt, hat nur ruhig zugehört und am Ende hat sie gesagt: Ich kann nicht abgeben, weil alle anderen hinter mir sind, wenn ich laufe, und ich kann auch nicht auftippen, weil der Ball viel langsamer ist als ich. Diesen Satz hat sich mein Onkel sein Leben lang gemerkt und sicher hundertmal in irgendein Mikrofon hineingesagt. Jedenfalls, nach dieser Szene hat er mit dem Trainer geredet und zu ihm gesagt: He, das hat doch keinen Sinn, die lernt es nie, gib sie mir. Und so war das dann. Wilma ist zu den Sprinterinnen gewechselt. Sie selber hat gesagt, also das hat sie gesagt, das sage nicht ich, sie hat gesagt: Ich bin zwar immer allen davongelaufen, aber den Ball habe ich nie in den Korb gekriegt. Beim Hundertmeterlauf gibt es keinen Ball. Ich sage, gut, dass sie keinen Ball in den Korb gekriegt hat, sonst wäre sie vielleicht keine Sprinterin geworden.« Wilma Rudolph wurde am 23. Juni 1940 geboren, in den Sechzigerjahren war sie der größte weibliche Leichtathletikstar der Welt. Bei den Olympischen Spielen in Rom 1960 gewann sie den 200-Meter-Lauf, den 100-Meter-Lauf und zusammen mit Martha Hudson, Lucinda Williams und Barbara Jones die 4-mal-100-Meter-Staffel. In den Einzeldisziplinen lag sie um mehrere Zehntelsekunden vor der jeweils Zweiten. Ich hatte mit Irene Temple telefoniert und ihr gesagt, dass ich über Wilma Rudolph schreiben möchte; schon eine halbe Stunde später saß sie mir gegenüber. Sie hatte drei Alben mitgebracht, in denen nur Dokumente über Wilma Rudolph eingeklebt waren, Zeitungsausschnitte, Zeitungsfotos, aber auch Originalfotos, eines, das sie zusammen mit Buford Ellington zeigt, dem damaligen Gouverneur von Tennessee, eines zusammen mit Richard Nixon, dem damaligen Vizepräsidenten und späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten, viele Fotos, die ihr Onkel gemacht hatte – oder Irene selbst, später, als Wilma nicht mehr aktiv war, aber immer noch eine enge Freundin der Familie. »Und eine enge Freundin von mir«, sagte Irene. »Ich war ja noch ein Kind, aber ich war ihr Liebling. Ich habe sie bewundert, und sie hat zu mir gesagt, das soll ich nicht, ich soll einfach nur ihre Freundin sein. Aber ich habe sie trotzdem bewundert. Dass sie jeder in der ganzen Welt kannte, das war es gar nicht, das wusste ich. Ja, aber ich war sechs Jahre alt, da kann man sich die ganze Welt nicht vorstellen. Meine Mama hat mir irgendwann erzählt, wie Wilma als Kind gewesen war und was sie gelitten hat, das war eine so traurige Geschichte, dass ich meinte, es sei doch eigentlich ein Märchen oder ein Film, ich habe sehr geweint.« Tatsächlich ist es wie im Märchen. Oder wie im Film. Ausgerechnet im Jahr 1994, dem Jahr, als Wilma Rudolph starb, kam der Film Forrest Gump in die Kinos. Darin spielt Tom Hanks einen Mann, der als Kind an Kinderlähmung litt, nur mit Stützapparaten gehen konnte und schließlich zum schnellsten Läufer wurde. Eric Roth, der Drehbuchautor, soll gesagt haben, der ganze Film sei eine Hommage an Wilma Rudolph. Wilma war im Alter von fünf Jahren an Kinderlähmung erkrankt, ihr linkes Bein musste geschient werden, der Arzt gab der Familie nur wenig Hoffnung, dass sie je normal würde gehen können. Hinken werde sie immer, sagte er, das sei das Wenigste. Wilma wuchs in einer sehr großen Familie auf. Zusammen mit ihren Halbgeschwistern waren sie achtzehn Kinder. Irene Temple: »Wilma hat oft gelacht und gesagt, der Vater habe nie, ohne länger zu überlegen, die Namen von allen seinen Kindern zusammengebracht.« Eine ihrer Schwestern – »Ich glaube, sie hieß Mary oder Marylou«, sagte Irene – hat sich um Wilma gekümmert. Sie hat ihr Beim massiert, hat mit ihr Übungen gemacht, die sie sich selbst ausdachte, und sie hat nicht aufgegeben, bis Wilma normal gehen konnte wie jedes andere Mädchen auch. Keine Spur von Hinken. Irene Temple: »Ich habe Wilma gefragt, ob sie denn gar nichts mehr spürt von ihrer Kinderlähmung. Was denken Sie, hat sie gesagt?« »Dass sie nichts mehr spürt?« »Das würde man denken, ja.« »Aber das stimmt nicht?« »Nein, das stimmt nicht. Sie hat gesagt, dass sie nicht eine Minute ihres Lebens nicht diesen feinen Schmerz im linken Bein spürt. Meistens fein, manchmal heftig, manchmal sehr heftig. Nicht eine Minute nicht.« »Auch nicht, wenn sie gelaufen ist?« »Dann nicht. Das ist ja das Wunderbare. Aber länger als 23 Sekunden ist sie nie gelaufen. Ihr Weltrekord auf 200 Meter war 22,9 Sekunden. Sie läuft und hat keinen Schmerz, und dann geht sie von der Aschenbahn in die Kabine, und da ist er wieder.« Irene zeigte mir in einem Album das Bild, auf dem Wilma 1961 im Madison Square Garden durchs Ziel läuft. Und dann das Bild von Rom ein Jahr zuvor. Typisch für sie: den Kopf weit im Nacken, lächelnd. »Sie werden kein Foto von ihr finden, ich meine, kein Foto, das sie zeigt, wie sie läuft, auf dem sie nicht lächelt«, sagte Irene. »Ich denke mir, sie lächelt, weil sie keine Schmerzen hat. Aber vielleicht stimmt das gar nicht. Sie hat immer gelächelt. Jedenfalls immer, wenn ich mit ihr zusammen war.« »Weil Sie ihr Liebling waren.« »Ja, das war ich.« Unter den Schwarzen in Clarksville wird Wilma Rudolph bis heute wie eine Heilige verehrt. Und das hat gar nicht eigentlich mit ihren Erfolgen zu tun. Auch, natürlich. Es hat in der Geschichte des Sports in den USA viele schwarze Athleten gegeben, die ebenso große Erfolge hatten – Jesse Owens, Olympiasieger in den drei Sprinterkategorien und im Weitsprung in Berlin 1936, oder Bob Beamon, legendärer Weitsprungweltrekordler in Mexiko 1968, oder Carl Lewis, Sprinter und Weitspringer, oder Florence Griffith-Joyner, Sprinterin, übrigens eine Schülerin von Wilma Rudolph – sie alle wurden verehrt, aber doch nicht wie eine Heilige. Als Wilma Rudolph nach ihren sensationellen Siegen aus Rom nach Hause zurückkehrte, wollte der Gouverneur, der bereits erwähnte Buford Ellington, ihr einen rauschenden Empfang bereiten, ein Fest, wie es Clarksville noch nie erlebt hatte. Und eben doch ein Fest wie alle anderen Feste. Nämlich ein Fest, zu dem nur Weiße eingeladen waren – berühmte Weiße, bis hinauf zum Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Richard Nixon. Alle waren da. Alle warteten in dem großen Zirkuszelt am Rand der Stadt. Clarksville verfügte über keinen Saal, in dem alle Platz gehabt hätten, die bei diesem Fest unbedingt dabei sein wollten. Sie warteten. Sie warteten auf den Star. Auf Wilma Rudolph. Irene Temple: »Mein Onkel war mit Wilma in seinem Dodge zum Zelt gefahren. Wilma wusste, dass er nicht hineindurfte. Eben weil er schwarz war. Ihm machte das nichts aus. Er war das gewöhnt. Sein Bruder war Musiker. Ich habe Onkel Willie nicht gekannt, er soll ein ausgezeichneter Jazzmusiker gewesen sein, Posaune, er hat mit Count Basie gespielt und angeblich auch mit Lester Young, aber in die Lokale, in denen er auf der Bühne stand, in die durfte er selber nicht hinein, nur auf die Bühne, unten hat er nicht einmal ein Bier bekommen. Meinem Onkel war das egal, ob er ins Zelt durfte oder nicht, die Familie hat ja auch gefeiert hinterher, das genügte ihm. Aber Wilma war es nicht egal. Sie ist im Auto sitzen geblieben. Sie müssen sich das so vorstellen: Da...