E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-943678-60-4
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Eins
Fertig! Erleichtert warf Ryan Donahue das kleine Stück Zeichenkohle auf die Tischplatte, wischte sich kurz die schwarz gewordenen Finger an der Jeans ab und betrachtete sein Bild. „Mrs. Bowman, ich bin fertig. Wollen Sie es sich ansehen?“, fragte er in die Stille des Raumes hinein. Als er keine Antwort erhielt, sah er verwundert von seinem Block auf. Er war allein. Mutterseelenallein. Alle waren verschwunden. Für einen kurzen Augenblick dachte er daran, dass alle von Außerirdischen geholt worden sein könnten. Doch dann wurde ihm klar, was passiert war. Er war so vertieft in seine Arbeit gewesen, er hatte gar nicht bemerkt, dass die Schule längst aus war. Sogar Mrs. Bowmann, die Kunstlehrerin, war gegangen. Er meinte, sich vage daran zu erinnern, wie sie ihre Bildermappe zusammengeräumt und ihn aufgefordert hatte, auch endlich nach Hause zu gehen. Dann war sie auf ihren hochhackigen Schuhen davongetrippelt. Seit dem war über eine Stunde vergangen, wie ein Blick auf die Wanduhr verriet. Im Stillen schimpfte er sich einen Idioten. Hatte er wirklich unbedingt bleiben müssen? Unbedingt diese Zeichnung fertigstellen wollen? Ja. Er hatte. Es war wie ein Rausch. Er malte hier eine Linie, dort noch eine Schraffierung, einen Schatten, der ihm nicht geheimnisvoll genug erschien – er fand kein Ende. Langsam sammelte er seine Malutensilien zusammen. Jetzt saß er hier fest. Er wusste, er hatte seine Chance verpasst, mit heiler Haut davon zu kommen. Der Plan sah vor, sich im Schutz der anderen Schüler still und leise davon zumachen. Nun hatten seine beiden Peiniger leichtes Spiel, präsentierte er sich ja förmlich auf dem Silbertablett. Er war so ein Idiot! Für einen Moment war er versucht, seine Mom anzurufen. Sie zu bitten, ihn abzuholen. Doch sie hatte heute am späten Nachmittag einen Termin. Einen ganz Wichtigen. Es gab Interessenten, die das alte Anwesen der Morgans kaufen wollten. Von der Provision könnte sie einen Teil der Schulden abbezahlen, hatte sie ihm erst beim Frühstück vorgerechnet. Vorausgesetzt, dieses Treffen fand auch statt. Also würde er sie nicht anrufen. Seufzend lief er aus dem Klassenzimmer, hinüber zu seinem Spind. Dort schloss er die Bildermappe ein. Wenn sie schon auf ihn warteten, dann sollten sie nicht auch noch seine Zeichnungen in die Finger bekommen. Ryan ergriff den braunen Rucksack und warf ihn sich nachlässig über die Schultern. Langsam trottete er den breiten Flur entlang. Komisch. Wie still so eine Schule sein konnte. Heute Morgen noch tobte lautes, kreischendes Leben in dem Gemäuer und wenige Stunden später schien es völlig ausgestorben. Er musste grinsen. Was, wenn doch Außerirdische da gewesen waren, er der letzte Schüler dieser Highschool wäre? Ob er dann in jedem Fach mit einem A abschließen würde? Auf dem Weg nach draußen sah er durch die Türscheiben hindurch in die Klassenräume. Vielleicht war ja noch irgendwo ein Lehrer, der ein Elterngespräch führen musste, oder eine Klausur vorzubereiten hatte – doch so viel Glück hatte er nicht. Niemand war mehr im Gebäude. Resigniert drückte er die schwere Schultür auf, schob sich hinaus und blieb erst einmal auf der Treppe stehen. Draußen schien die Sonne, es war immer noch heiß, schätzungsweise fünfundzwanzig Grad. Es war Mitte Juni, die Ferien standen vor der Tür. Der Schulhof war leer, bis auf ein paar Getränkeflaschen, die nicht den Weg in die Mülltonne gefunden hatten. Bei den Fahrradständern stand ein einsames Mountainbike. Ryan musste kein Hellseher sein, um zu wissen, dass dieses Rad einen Platten haben würde. Es hatte andauernd einen Platten. Mal war es der Vorderreifen, der durchstochen war, mal der hintere. Die Schläuche sahen inzwischen schlimmer aus, als ein Schweizer Käse, wegen der Löcher, die er andauernd flicken musste. Bald würde es nicht mehr möglich sein, dann bräuchte er Neue. Aber die kosteten ein Vermögen. Ryan zog den Kopf zwischen die Schultern und lief rüber zu seinem Rad. Er kümmerte sich nicht um den Platten, warf nur seinen Rucksack über den Lenker und machte, dass er wegkam. Die Tore waren noch weit geöffnet, Mr. Parker, der Hausmeister, würde sie erst in einer Stunde, also gegen sechs Uhr schließen. Er überlegte kurz, Mr. Parker zu suchen und ihn um Hilfe zu bitte, doch der Hausmeister war kein netter Zeitgenosse. Man ging ihm besser aus dem Weg, ansonsten bestand die Gefahr, dass er einen zum Hof fegen verdonnerte. Oder zum Flascheneinsammeln. Oder zu anderen unangenehmen Dingen. Am Tor sah er sich hastig um. Niemand zu sehen. Es war kaum zu glauben. Sollte er vielleicht doch Glück haben? Schnell überlegte er, welche Richtung er einschlagen sollte. Nach links? Da müsste er an den Sportplätzen entlang. Da hatten sie ihm schon einmal aufgelauert, doch der Weg nach Hause war kürzer. Wenn er es hinter die Trainingsplätze schaffte, dann … „Sieh mal, wer da kommt! Wenn das nicht Klein-Ryan ist!“ Als er Allan Bakers komisch quakige Stimme hörte, zuckte er zusammen. Donald Duck mit Halsentzündung, schoss ihm durch den Kopf. Verdammt. Sie hatten ihn. Sie, das waren Allan Baker der Dritte und sein Cousin Bobby Sands. Beide waren einundzwanzig, also gut vier Jahre älter als Ryan, fast zwei Köpfe größer, mindestens fünfundzwanzig Pfund schwerer und garantiert einhundert IQ-Punkte blöder. Beide trugen mit Vorliebe Baggy Pants. Solche, die aussahen, als trüge man den Arsch tief in den Kniekehlen. Zu diesen komischen Hosen trugen A-Hörnchen und B-Hörnchen üblicherweise schlabberige Shirts mit eindeutig frauenfeindlichen Sprüchen und diese hässlichen Base-Caps. Natürlich trugen sie die Caps verkehrt herum auf ihren hohlen Schädeln. Bobby hatte sich dazu noch ein rosa Bandana um die Stirn geschlungen. Bling Bling Halsketten mit fetten Dollarzeichen und hochgereckten Mittelfingern glitzerten tussig in der Sonne. Beide sahen aus wie die billige Kopie eines Gangsta-Rappers, doch er wusste, unterschätzen durfte er die sie auf keinen Fall. Sie waren zwar so intelligent wie Pferdekacke, doch mit Rücksichtslosigkeit und Brutalität machten sie es wieder wett. Es war allgemein bekannt, dass die beiden in kriminelle Dinge verstrickt waren, doch niemand unternahm etwas dagegen. Der Großvater der beiden war der reichste Mann der Stadt. Allan Baker der Erste. König über eine Firma, die Autoteile herstellte. Größter Arbeitgeber im Umkreis. Mit dem wollte sich keiner anlegen. Auch dann nicht, wenn Junior & Co anderen Kids Geld und Handys abzogen. Oder alten Omis die Handtaschen klauten. „Was wollt ihr?“, fragte Ryan mutig, obwohl er ihre Reaktion schon erahnen konnte. Albernes Gelächter war auch prompt die Antwort. „Ist er nicht niedlich?“, rief Allan. „Was wollen wir schon, Arschloch! Dein Geld, dein Handy. Los. Her damit.“ Drohend stemmte er die Fäuste in die Seiten und schob sich noch näher an Ryan ran. Der konnte den scharfen Schweißgeruch riechen, den der Kerl verströmte. Vorsichtig ließ er sein Rad auf den Schotterweg gleiten, der Schulgelände und Parkplatz mit den dahinter liegenden Sportplätzen verband. Dann versuchte er langsam nach links auszuweichen, wurde aber sofort daran gehindert. Bobby war neben ihm aufgetaucht und versperrte den Weg. Er konnte billigen Fusel an ihm riechen. Als er gegen Bobbys schwabbeligen Körper prallte, schubste dieser ihn auf Allan zu. Der trat grinsend zur Seite – und Ryan segelte vorbei. Im selben Moment streckte Allan sein Bein aus, er stolperte darüber und flog auf die Knie. Kleine spitze Steinchen bohrten sich schmerzhaft durch den weichgewaschenen Stoff seiner alten Jeans. Nur mühsam konnte er ein Aufstöhnen unterdrücken, jeder Schmerzenslaut, den er von sich geben würde, würde die beiden nur noch mehr aufstacheln. Ryan war auf ihrem Schirm aufgetaucht, weil er vor einiger Zeit beobachtet hatte, wie sie Jeremy Dowler aus der Neunten fertigmachten. Allan und Bobby hatten ihn hinter den Sportplätzen erwischt und niedergestreckt und verabreichten ihm gerade einen Satz heiße Ohren, als Ryan dazugekommen war. Als die beiden gesehen hatten, wie er sein Handy zückte, um Hilfe herbeizurufen, ließen sie von Jeremy ab und verschwanden. Allerdings nicht, ohne ein paar ordentliche Drohungen gegen ihn, Ryan, auszustoßen. Dich kriegen wir auch noch!, hatte Bobby gerufen. Nun ja. Bislang war es bloß sein Rad gewesen, was sie in die Mangel genommen hatten. Aber anscheinend sollte es sich jetzt ändern. „Na, Feigling, willste abhauen?“ Bobby begann, hämisch zu kichern. „Ja komm, Weichbirne, lauf!“, hetzte Allan und lachte. „Dann können wir dich fangen! Wär mal was anderes, als einen von euch bloß so zu verkloppen!“ Ryan hatte sich erhoben und war mit gesenktem Kopf stehen geblieben. Seine Hände zitterten. Normalerweise machten die beiden nicht so ein Tamtam. Sonst grapschten sie das Geld, hauten wahlweise auf die Nase oder in den Magen oder verteilten ein paar kräftige Ohrfeigen und dann war es vorbei. Aber heute? Anscheinend machte der Alkohol sie besonders mutig. Was also sollte er tun? Abhauen? Oder sich verprügeln lassen? Die Entscheidung war schnell getroffen. Er würde es mit Flucht versuchen, er war klein und schlank, was für ihn von Vorteil sein würde. Gedacht. Getan. Schon wirbelte er herum und lief nach rechts, Richtung Neubaugebiet. Vielleicht konnte er sich auf irgendeiner Baustelle verstecken. Er biss die Zähne zusammen und rannte, was die aufgeschürften Knie hergaben. Die beiden fluchten laut, dann liefen sie hinter ihm her. Ihre schweren Schritte waren auf dem Schotter gut zu hören. Schnell flankte er...