Theorien und Konzepte für die empirische Kulturforschung
E-Book, Deutsch, 430 Seiten
ISBN: 978-3-7445-0951-0
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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Einleitung: Digitalisierung als Herausforderung der empirischen Kulturanalyse
Gertraud Koch »To some extent our culture is becoming so thoroughly digital that the term digital culture risks becoming tautological.« Charlie Gere 2008 1 Kultur digital – Kultur analog
Unabhängig von dem Stellenwert, den man der Digitalisierung hinsichtlich der Kulturalität der Computerisierung letztlich zuschreibt, ist diese zunächst einmal ein technischer Terminus, der die Umwandlung von analogen in diskrete Daten bezeichnet, also in Werte innerhalb eines gestuften Wertesystems beziehungsweise -Vorrats, die klar voneinander abtrennbar sind. Die Digitalisierung als Prinzip ist somit nicht zwangsläufig an den Computer gebunden, sondern war bereits in anderen alphanumerischen Formaten, wie etwa im Morsealphabet oder dem Fernschreiber und anderen auf analogen Technologien basierenden Kommunikationsformen, realisierbar. Und umgekehrt, auch der Computer ist ohne Digitalisierung möglich und war bereits analog als Röhrencomputer umgesetzt. Was Digitalisierung für Kultur und Soziales bedeutet, darüber herrscht keinesfalls Einigkeit. Nicht jeder wird in den Tenor des Eingangszitates einstimmen, dass die Digitalisierung als eine grundlegende Entwicklung anzusehen ist, die einen signifikanten Einschnitt für die Kultur markiert, welche hier im Sinne eines breiten Kulturbegriffs die Praxen, Deutungen und Materialitäten des Alltagslebens meint – einen Einschnitt, der so bedeutsam ist, dass tatsächlich neue kulturanalytische Zugänge notwendig werden. Vielfach wird die Digitalisierung eher als Teil der Computerisierung und damit einfach als ein weiterer Schritt in der Medienentwicklung betrachtet, der entsprechend mit herkömmlichen kulturanalytischen Mitteln aufgegriffen und fortgeführt werden kann, ohne dass grundlegend neue theoretische und konzeptuelle Zugänge notwendig wären (Horst/Miller 2012). Zweifel und Fragen werden insbesondere auch im Hinblick darauf geäußert, dass es in der Summe der verschiedenen Entwicklungen, die dazu beigetragen haben, dass die Computertechnologie in der heutigen Form und ubiquitären Anwendbarkeit entstehen konnte, ausgerechnet die Digitalisierung jenes signifikante Element sein solle. Dabei wird argumentiert, dass damit die Berechenbarkeit und Regelhaftigkeit das Eigentliche sei, was den Weltzugang mittels Computer ausmache und es damit dann der Algorithmus wäre, der das Kernstück der Computerisierung bildete. Ähnlich wie die Digitalisierung steht auch der Algorithmus in einer langen ideengeschichtlichen Tradition, die weit in die Geschichte des Homo Sapiens zurückreicht (Heintz 1993). Selbst aus Sicht der informatischen Technikentwicklung sind Potenziale und Bedeutung der Digitalisierung keinesfalls unumstritten. Die Kybernetik, als Grundlagenwissenschaft für die Entwicklung des Computers, stritt in den 1940er und 1950er-Jahren über die Bedeutung des Digitalen und seine Reichweite, auch im Hinblick darauf, inwieweit dies die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns sei. Denn wie sonst, sollten seine Fähigkeiten im Umgang mit Komplexität erklärt werden können, so die Auffassung des Computerarchitekten John von Neumann (Pias 2004)? Dabei ist zunächst festzuhalten, dass das Digitale in der Regel als Gegensatz zum Analogen konstruiert wird und beide als wechselseitig ineinander überführbar gelten. Allerdings zeigen die nähere Betrachtung und die Debatten der Kybernetiker, dass das Analoge nicht durchgängig als Akronym gegenübergestellt werden kann. So werden in der Dichotomie analog/digital beispielsweise Momente des Kontinuums oder des wechselseitig aufeinander bezogen Seins sichtbar (Schröter 2004), etwa wenn digitale Morsezeichen über analoge Sendekanäle geschickt werden. Oder aber Analoges sperrt sich gänzlich gegen eine solche Opposition, so wie der Tod, der von dem amerikanischen Philosophen John Haugeland als schlicht nicht überführbar in digitale Zustände angeführt wird, allenfalls in digitalen Medien repräsentiert werden kann (Haugeland 1981). Die Diskussion um die Unterscheidbarkeit von analog und digital wird dabei eine, die innerhalb der Kybernetik weniger epistemologisch als schließlich praktisch durch den Siegeszug des Von-Neumann-Computers zugunsten des Digitalen gelöst wird, »innerhalb derer Home- und Personal-Computer zur standardisierten Handelsware wurden und millionenfach digitale Texte, Bilder und Klänge entstanden, die noch einmal ganz andere theoretische Fragen anlocken als die wenigen proprietären Großgeräte der kybernetischen Grundlagenphase« (Pias 2004: 309). Auch wenn es wohl als Illusion gesehen werden muss, dass Computer ausschließlich digital funktionierten, so sind doch die weiteren Überlegungen dazu interessant, was die Merkmale des Konzeptes »Digitalität« charakterisieren könne und damit als für die Kulturanalyse relevante Bezugspunkte anzusehen sind. Insofern ist es dann die Von-Neumann-Rechnerarchitektur, die zum Standard wird und damit auch Digitalität als Prinzip in der Computertechnologie durchsetzt. Entsprechend denken die informationsverarbeitenden Wissenschaften in den 1960er-Jahren und weit darüber hinaus intensiv über Verfahren zur Umwandlung von analogen in digitale und digitalen in analoge Daten nach (Brennan/Linebarger 1964, Forgacs/Warnick 1967, Hoeschele 1968, Nguyen et al. 1996).1 Für die Informatik selbst scheint die Digitalisierung im Rückblick allerdings nicht zu den zentralen Paradigmen der Computerentwicklung zu gehören. Zumindest spielt dies für die Scientific Community in Deutschland, in deren Selbstreflexion zur Sozialgeschichte des Computers, keine nennenswerte Rolle, sondern rückt im Zusammenhang mit der Von-Neumann-Rechnerarchitektur eher mittelbar in den Blick (Hellige 1994). Ohne die Digitalisierung wäre der Computer in seiner heutigen Form nicht denkbar und umgekehrt ist erst mit dem Computer und seinen binären Codes die rasante Verbreitung und Anwendung des Digitalen als einem Modus der Berechenbarkeit möglich geworden. Die Speicherung und Verarbeitung von digitalen Daten bildet die Basis heutiger Computer, sodass Computerentwicklung und Digitalisierung im Allgemeinverständnis synonym gebraucht werden und mehr noch die Digitalisierung zum Sinnbild insgesamt geworden ist (Schröter/Böhnke 2004). Wie sehr sich diese kybernetischen Ideen im Kontext der Computerentwicklung in das allgemeine Verständnis eingeschrieben haben, wird vielleicht daran am deutlichsten, dass dieses Nachdenken über analoge und digitale Daten im Zusammenhang mit der Erforschung von Steuerungsprinzipien technischer, biologischer und sozialer Systeme steht, und zwar einer Steuerung, die mittels Information erfolgt.2 Diese Fokussierung auf Information lässt die Kybernetik ein Stück weit als Stichwortgeber für das Selbstverständnis gegenwärtiger Gesellschaften erscheinen, die ihre Zukunft zunächst als Informations- oder später dann – diese Idee der Informationsverarbeitung perpetuierend –als Wissensgesellschaften sehen. Sehr früh und wirkmächtig haben die informationsverarbeitenden Wissenschaften dabei just jene Begriffe geprägt und konzeptuell bearbeitet, die ab den 1990er-Jahren für die Formulierung von Leitideen von Kultur- und Gesellschaftsentwicklung herangezogen werden. Diese gesellschaftlich wirkmächtige, offensichtlich leitbildtaugliche Wissensproduktion der Kybernetik und die inhärenten Bezüge dieser Konzepte zu analogen und digitalen Daten, verdeutlichen, dass es ein technik- und ein kulturgeschichtliches Argument ist, warum Digitalisierung zu einem zentralen Konzept geworden ist. Dabei ist es vielleicht gerade die Unschärfe des Digitalen in der Relationalität zum Analogen, wie auch die gänzlich fehlenden Anschlüsse zu manchen Lebensbereichen und -formen, die die Anschlussfähigkeit des Begriffs für die Kulturanalyse ausmachen, die wiederum in ihrer Beschäftigung mit dem Kulturellen permanent mit Facettenhaftigkeit, Multidimensionalität, Paradoxien und Widersprüchlichkeiten zu tun hat. Jenseits des oben angeführten technischen Verständnisses wird dabei ganz ähnlich dem Diskurs der Kybernetik unterschiedlich ausbuchstabiert, was die kennzeichnenden Merkmale des Digitalen für das Kulturelle sind. Der Medienwissenschaftler Wolfgang Ernst beispielsweise sieht als ein wesentliches Charakteristikum, dass vollkommen identische Kopien repliziert werden können, die vom Original nicht unterscheidbar sind und mehr noch das fixe Set an diskreten Zeichen bedingt, dass eine sichere und genaue Übertragung in andere digitale Formate erfolgen kann (Ernst 2004). Solche Merkmalsbestimmungen sind notwendig eklektisch in einer Phase, in der die Explorierung digitaler Formate für kulturelle Artikulationen erst begonnen hat. Zu dynamisch und vielfältig sind die Entwicklungen noch, zu wenig kulturanalytische Forschung ist bisher geleistet, als dass hier schon umfassende Perspektiven zur Merkmalsbestimmung aufgeführt werden könnten. Es ist vielmehr ein Ziel dieses Bandes, Forschungen im Sinne einer empirischen fundierten, kulturtheoretischen Konzeptualisierung des Digitalen anzustoßen. In diesem Sinne tragen die Autoren in diesem Band überwiegend konzeptuelle Überlegungen und Zugänge aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie...