Klingemann | Nachtwachen | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 127 Seiten

Klingemann Nachtwachen

oder: Die Nachtwachen des Bonaventura. Ein satirischer Roman

E-Book, Deutsch, 127 Seiten

ISBN: 978-80-268-0599-1
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Nachtwachen' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Nachtwachen ist ein satirischer Roman, der August Klingemann zugeschrieben wird und 1804 in Penig bei Ferdinand Dienemann mit dem Zusatz 'Von Bonaventura' erschien. Er war Teil des Journals von neuen deutschen Original Romanen, in dem unter anderem auch Sophie Brentano und Christian August Vulpius publizierten. In der Forschung galt die Autorschaft des von der Kritik sehr hochgeschätzten Romans lange Zeit als ungeklärt, bis 1987 der Fund einer Handschrift in der Universitätsbibliothek von Amsterdam den Braunschweiger Dichter und Theaterdirektor August Klingemann als Verfasser bestätigte. Der Roman gliedert sich in 16 Episoden, die als 'Nachtwachen' bezeichnet werden. Unterschiedliche Textformen (Rede, Prolog, Briefwechsel, Gedicht, Essay oder Bildbeschreibung), die nicht zwingend der Handlung angehören, durchbrechen die erzählende Struktur des Textes und lassen ihn insgesamt unzusammenhängend und fragmentarisch erscheinen. Damit lehnt er sich an romantische Vorbilder wie Friedrich Schlegels Lucinde oder Clemens Brentanos Godwi an.
Klingemann Nachtwachen jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Dritte Nachtwache
Inhaltsverzeichnis

Wir Nachtwächter und Poeten kümmern uns um das Treiben der Menschen am Tage, in der That wenig; denn es gehört zur Zeit zu den ausgemachten Wahrheiten: Die Menschen sind wenn sie handeln höchst alltäglich und man mag ihnen höchstens wenn sie träumen einiges Interesse abgewinnen. Aus diesem Grunde erfuhr ich denn auch von dem Ausgange jener Begebenheit nur Unzusammenhängendes, das ich eben so unzusammenhängend mittheilen will. Über den Kopf zerbrach man sich am meisten die Köpfe, war es doch kein gewöhnlicher, sondern ein wahrhaftes Teufelshaupt. Die Justiz, der es vorgelegt wurde, wies die Sache von sich, indem sie äußerte, daß die Köpfe eben nicht in ihr Fach schlügen. Es war in der That ein böser Handel und man gerieth sogar in Streit darüber, ob man gegen den Soldat criminaliter verfahren, indem er einen Todschlag begangen, oder ihn vielmehr kanonisiren müße, weil der Erschlagene der Teufel. Aus dem leztern entsprang wieder ein neues Übel; es wurde nemlich in mehreren Monaten keine Absolution mehr begehrt, weil man den Teufel jezt geradezu läugnete und sich auf den in Verwahrung genommenen Kopf berief. Die Pfaffen schrien sich von den Kanzeln heiser und behaupteten ohne weiteres, daß ein Teufel auch ohne Kopf bestehen könne, wovon sie Beweisgründe, aus ihren eigenen Mitteln, anzuführen, erböthig wären. Aus dem Kopfe selbst konnte man in der That nicht ganz klug werden. Die Physiognomie war von Eisen; doch ein Schloß, das sich an der Seite befand, führte fast auf die Vermuthung, daß der Teufel noch ein zweites Gesicht unter dem ersten verborgen hätte, welches er vielleicht nur für besondere Festtage aufsparte. Das Schlimmste war, daß zu dem Schlosse, und also auch zu diesem zweiten Gesichte, der Schlüssel fehlte. Wer weiß was sonst für fruchtbare Bemerkungen über Teufelsphysiognomien hätten gemacht werden können, da hingegen das erste nur ein bloßes Alltagsgesicht war, das der Teufel auf jedem Holzschnitte führt. In dieser allgemeinen Verwirrung und bei der Ungewißheit, ob man ein ächtes Teufelshaupt vor sich habe, wurde beschlossen, daß der Kopf dem Doktor Gall in Wien zugesandt würde, damit er die untrüglichen satanischen Protuberanzen an ihm aufsuchen möchte; jezt mischte sich plötzlich die Kirche ins Spiel, und erklärte daß sie bei solchen Entscheidungen als die erste und lezte Instanz anzusehen sei, sie ließ sich den Schädel ausliefern, und wie es bald darauf hieß, war er verschwunden, und mehrere der geistlichen Herren wollten in der Nachtstunde den Teufel selbst gesehen haben, wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit sich nahm. Somit blieb die ganze Sache so gut, wie unaufgeklärt, um so mehr, da der einzige, der allenfalls noch einiges Licht hätte geben können, jener Pfaff nemlich, der das Anathema über den Freigeist aussprach, an einem Schlagflusse plötzlich Todes verfahren war. So sagte es wenigstens das Gerücht und die Klosterherren; denn den Leichnam selbst hatte kein Profaner gesehen, weil er, der warmen Jahrszeit wegen, schnell beigesetzt werden mußte. Die Geschichte ging mir während meiner Nachtwache sehr im Kopfe herum, denn ich hatte bis jezt nur an einen poetischen Teufel geglaubt, keinesweges aber an den wirklichen. Was den poetischen anbetrifft, so ist es gewiß sehr schade, daß man ihn jezt so äußerst vernachlässiget, und statt eines absolut bösen Prinzips, lieber die tugendhaften Bösewichter, in Ifland-und Kotzebuescher Manier, vorzieht, in denen der Teufel vermenschlicht, und der Mensch verteufelt erscheint. In einem schwankenden Zeitalter scheut man alles Absolute und Selbstständige; deshalb mögen wir denn auch weder ächten Spaß, noch ächten Ernst, weder ächte Tugend noch ächte Bosheit mehr leiden. Der Zeitkarakter ist zusammengeflikt und gestoppelt wie eine Narrenjacke, und was das Ärgste dabei ist – der Narr, der darin stekt, mögte ernsthaft scheinen. – Als ich diese Betrachtungen anstellte, hatte ich mich in eine Nische vor einen steinernen Crispinus gestellt, der eben einen solchen grauen Mantel trug, als ich. Da bewegten sich plözlich eine weibliche und eine männliche Gestalt dicht vor mir und lehnten sich fast an mich, weil sie mich für den Blind-und Taubstummen von Stein hielten.Der Mann ließ es sich recht angelegen sein im rhetorischen Bombast, und sprach in einem Athem von Liebe und Treue; das Frauenbild dagegen zweifelte gläubig, und machte viel künstlichen Händeringens. Jezt berief sich der Mann keklich auf mich, und schwur er stehe unwandelbar und unbeweglich wie das Standbild. Da wachte der Satyr in mir auf, und als jener die Hand gleichsam zur Betheuerung auf meinen Mantel legte, schüttelte ich mich boshaft ein wenig, worüber beide erstaunten; doch der Liebhaber nahms auf die leichte Achsel, und meinte der Quader unter dem Standbilde habe sich gesenkt, wodurch es das Gleichgewicht in etwas verlohren. Er verschwur jezt nacheinander in zehn Karaktern aus den neuesten Dramen und Tragödien seine Seele, wenn er jemals treulos; zulezt redete er gar noch in der Manier des Don Juan, dem er diesen Abend beigewohnt hatte, und schloß mit den bedeutenden Worten: »dieser Stein soll als furchtbarer Gast erscheinen bei unserm nächtlichen Mahle, meine ich’s nicht redlich.« Ich merkte mir’s und hörte nun noch wie sie ihm das Haus beschrieb, und eine geheime Feder an der Thür, wodurch er diese öffnen könne, zugleich auch die Mitternachtstunde zum Gastmale festsezte. Ich war eine halbe Stunde früher auf dem Plaze, fand das Haus, die Thür, nebst der geheimen Feder, und schlich leise mehrere Hintertreppen hinauf bis zu einem Saale, auf dem es dämmerte. Das Licht fiel durch zwei Glasthüren; ich nahete mich der einen, und erblickte ein Wesen in einem Schlafrocke am Arbeitstische, von dem ich anfangs zweifelhaft blieb, ob es ein Mensch oder eine mechanische Figur sey, so sehr war alles Menschliche an ihm verwischt, und nur bloß der Ausdruck von Arbeit geblieben. Das Wesen schrieb, in Aktenstöße vergraben, wie ein lebendig eingescharrter Lapländer. Es kam mir vor als wollte es das Treiben und Hausen unter der Erde schon im Voraus, über ihr, kosten, denn alles Leidenschaftliche und Theilnehmende war auf der kalten hölzernen Stirne ausgelöscht, und die Marionette saß, leblos aufgerichtet, in dem Aktensarge voll Bücherwürmer. Jezt wurde der unsichtbare Drath gezogen, da klapperten die Finger, ergriffen die Feder und unterzeichneten drei Papiere nach einander; ich blickte schärfer hin – es waren Todesurtheile. Auf dem Tische lagen der Justinian und die Halsordnung, gleichsam die personifizirte Seele der Marionette. Tadeln konnte ich’s nicht; aber der kalte Gerechte kam mir vor wie die mechanische Todesmaschine, die willenlos niederfällt; sein Arbeitstisch wie die Gerichtsstäte, auf der er in einer Minute mit drei Federzügen drei Todesurtheile vollstreckt hatte. Beim Himmel hätte ich die Wahl zwischen beiden, lieber wäre ich der lebende Sünder, als dieser todte Gerechte. Noch mehr ergriff es mich, als ich sein wohlgetroffenes in Wachs bossirtes Konterfei ihm unbeweglich gegenüber sitzen sah, als wäre es an einem leblosen Exemplare nicht genug, und eine Doublette nöthig, um die todte Seltenheit von zwei verschiedenen Seiten zu zeigen. Jezt trat die Dame von vorhin ein, und die Marionette zog die Mütze ab, und legte sie ängstlich erwartend bei sich hin. »Noch nicht schlafen gegangen?« sagte jene, »was führen Sie für ein wildes Leben! die Phantasie ewig angespannt!« – »Phantasie?« fragte er verwundert, »was meinen Sie damit? Ich verstehe die neuen Terminologien so selten, in denen Sie jezt reden.« – »Weil Sie sich für nichts Höheres interessiren; nicht einmal für das Tragische!« – »Tragisch? Ei allerdings!« antwortete er selbstgefällig, »sehen Sie hier, ich lasse drei Delinquenten hinrichten!« – »O weh, welche Sentiments!« – »Wie? Ich dachte Ihnen eine Freude damit zu machen, weil in den Büchern die Sie lesen, so viele ums Leben kommen. Deshalb habe ich auch, um Sie zu überraschen, die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage festgesezt!« – »Mein Gott! Meine Nerven!« – »O weh, Sie bekommen den Zufall jezt so häufig, daß mir jedesmal bang im Voraus wird!« »Ach ja, Sie können leider dabei nicht helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen Sie sich schlafen!« Das Gespräch war zu Ende, und er ging, indem er sich den Schweiß von der Stirn trocknete. Ich beschloß in dem Augenblicke teuflisch genug, ihm noch, wo möglich, diese Nacht seine Frau in die hochnothpeinliche Halsgerichtsordnung auszuliefern, damit er Macht über sie erhielte. Es währte nun auch gar nicht lange, als mein Mars zu seiner Venus schlich. Mir fehlte zum Vulkan, da ich von Natur hinkte, und nicht zum Besten aussah, eben wenig mehr, als das goldne Nez, indeß beschloß ich, in Ermangelung dessen, einige goldene Wahrheiten und Sittensprüchlein anzuwenden. Anfänglich ging es ganz leidlich zu; mein Bursche sündigte blos an der Poesie durch eine zu materielle Tendenz seiner Schilderungen; er malte einen Himmel voll Nymphen und sich neckender Liebesgötter an den Betthimmel unter dem er zu ruhen gedachte, den Weg dahin bestreute er mit Vexirrosen, die er zahlreich in zierlichen Redefloskeln von sich warf, und die Dornen die ihm dann und wann die Füße verwunden wollten, umging er durch leichte frivole Wendungen. Als der Sünder sich nun aber so in ein poetisches Element versezt, und die Moral völlig, dem Geiste der neuesten Theorien gemäß, abgewiesen hatte, der grünseidne Vorhang vor der Glasthür herabrollte, und das Ganze ein Gardinenstück zu werden begann,...


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.