Vulnerabilität und die Kostbarkeit des Lebens
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7867-3307-2
Verlag: Matthias-Grünewald
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hildegund Keul, Dr. theol., leitet das DFG-Forschungsprojekt »Verwundbarkeiten. Eine Heterologie der Inkarnation im Vulnerabilitätsdiskurs« und ist außerplanmäßige Professorin für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
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Einleitung
Wo sich die Kostbarkeit des Lebens offenbart
»Vulnerable Gruppen« – wie oft dieser Begriff im Jahr 2020 wohl gefallen ist? Vulnerabilität war vor kurzem noch ein unbekannter Zungenbrecher. Aber dann kam die Corona-Pandemie, und sie nötigte uns, über Verwundbarkeit zu sprechen. »Das ist, was eine Epidemie uns zeigt: wie verwundbar wir alle sind, wie abhängig von dem rücksichtsvollen Verhalten anderer, aber damit eben auch: wie wir durch gemeinsames Handeln uns schützen und gegenseitig stärken können.« (Die Bundesregierung 2020) So formulierte es Angela Merkel in ihrer vielleicht berühmtesten Fernsehansprache als Bundeskanzlerin. Aber auch schon vor der Pandemie war die menschliche Verwundbarkeit ein öffentliches Thema, vor allem dort, wo islamistische oder rechtsextreme Terroranschläge die Verletzlichkeit offener Gesellschaften auf die Agenda gesetzt hatten. Kein Wunder also, dass mit der Rede von ›vulnerablen Gruppen‹ der Zungenbrecher ›Vulnerabilität‹ 2020 in die Alltagssprache einging. In den Wissenschaften hingegen ist der Fachbegriff schon länger verwurzelt. Medizin und Psychologie wollen wissen, wie verwundbar bestimmte Menschen gegenüber Krankheiten sind, um sie besser vor einem Ausbruch zu schützen. Die Armutsforschung interessiert, wie sich sozial erzeugte Vulnerabilität im Blick auf Gesundheit, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe auswirkt. Die UN-Gremien, die sich mit Armutsbekämpfung, Gesundheitsfürsorge und Migrationsbewältigung befassen, verwenden ›Armut und Verwundbarkeit‹ als feststehenden Doppelbegriff. Die Ökologie wiederum fragt nach der Vulnerabilität von Arten, Landschaften und Ökosystemen gegenüber dem Klimawandel. Die Informatik bezeichnet damit die Sicherheitslücken von Computersystemen und die Ingenieurwissenschaften wollen Gebäude weniger vulnerabel machen, damit sie bei Erdbeben nicht zusammenbrechen. Einen besonderen Beitrag leistet die Politikwissenschaft, die der Vulnerabilität den Begriff »Vulneranz« zur Seite stellt. Damit bezeichnet sie die Bereitschaft und Fähigkeit, selbst andere Menschen zu verwunden. Jeder Staat sollte demnach seine Vulnerabilität kennen und zugleich wissen, wo er andere Personen, Institutionen, Staaten verletzen kann. Im Folgenden wird dieser Begriff aufgegriffen und in verschiedenen Kontexten weitergeführt, beispielsweise wenn es bei sexueller Gewalt nicht nur um die Vulnerabilität von Kindern, sondern auch um die Vulneranz der katholischen Kirche geht. Die Theologie schaltet sich erst spät, etwa seit 2010, in die wissenschaftlichen Debatten ein, als sich eine Wende im Diskurs vollzieht. Während die Natur- und Lebenswissenschaften Vulnerabilität ausschließlich als etwas Negatives sehen und ihre Forschungen als Schwachstellenanalyse betreiben, rücken die Geistes- und Sozialwissenschaften auch die positiven Seiten der Verwundbarkeit in den Blick. Sie verstehen Verwundbarkeit als eine Art Öffnung, die Menschen zwar Schmerz und Verlust aussetzt, aber auch befähigt, empathisch zu sein, einander zu lieben und solidarisch zu handeln. Keine Liebe ohne Verletzlichkeit. Wenn offene Gesellschaften eine besondere Vulnerabilität aufweisen, so bergen gemeinsam verschmerzte Wunden zugleich eine Chance für gesellschaftlichen Zusammenhalt. In den letzten Jahren wurde die Theologie zu einer treibenden Kraft in dem Diskurs, der Vulnerabilität grundsätzlich neu begreift. Wenn der Blick erst einmal auf die Verwundbarkeit gerichtet wird, kann die Theologie auf einen Reichtum an Traditionen zurückgreifen, welche die schöpferischen Möglichkeiten der menschlichen Vulnerabilität beleuchten. Sie gründen auf der Überzeugung, dass Gott in Jesus von Nazareth ein verwundbarer Mensch wurde: von seiner Geburt als schutzbedürftiger Säugling bis hin zum Foltertod am Kreuz. Beharrlich setzt die Theologie auf jene Geistkraft, die nicht mit Rüstung, Mauern und Waffen daherkommt, sondern mitten in schmerzlichen Wunden überraschendes Leben stiftet; eine Kraft, die Menschen beflügelt und befreit. Wenn eine Pandemie die Vulnerabilität der Menschheit bloßlegt und die Gewaltbereitschaft in einer Gesellschaft vielerorts wächst, wird es umso wichtiger, theologische Perspektiven einzubringen und gesellschaftlich fruchtbar zu machen. Menschen wollen nicht verwundet werden, denn Wunden bringen Schmerzen, behindern das Leben und bringen es häufig in Gefahr. Dass das Leben eines jeden Menschen mit dem Tod endet, ist das Unmögliche schlechthin. Aus diesem Grund ist das Anliegen vieler Wissenschaften, die menschliche Vulnerabilität so niedrig wie möglich zu halten, mehr als berechtigt. Dennoch sind Wunden nicht ausschließlich destruktiv, auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag. Das liegt nicht an den Wunden selbst, sondern daran, wie Menschen mit ihnen umgehen. Menschen können aus Wunden einen Ort der Kommunikation machen und so deren Machtwirkungen in eine andere Richtung lenken. Das lässt sich in Familien beobachten, wenn plötzlich ein Angehöriger lebensgefährlich erkrankt. Solches Unglück macht Menschen sprachlos. Aber die Sprachlosigkeit will miteinander besprochen werden, auch wenn dies nur tastend und brüchig geschehen kann. Wunden lassen Menschen zusammenrücken und miteinander auf intensive Weise kommunizieren. Wunden verbinden. Als Öffnungen sind sie zwar gefährlich, sie können aber auch Empathie und Mitmenschlichkeit wecken. Wenn sie seelisch, geistig und geistlich eine Öffnung erzeugen, ermöglichen sie intensiven Austausch, ja Intimität. Der französische Religionstheoretiker Georges Bataille (1897–1962) schrieb in seinem Buch »Die Freundschaft«: »Die Kommunikation erfordert einen Fehler, einen ›Riss‹; sie tritt, wie der Tod, durch einen Fehler in der Rüstung ein. Sie erfordert eine Koinzidenz von zwei Rissen, in mir selbst und im anderen.« (Bataille 2002, 43) Im Alltag existieren Menschen als abgegrenzte Wesen, die ihr Leben absichern und unter allen Umständen versuchen, Wunden zu vermeiden. Im Bild gesprochen: Wir laufen mit einer Rüstung herum, die Verwundungen verhindern soll. Dies ändert sich schlagartig, wenn ein Mensch, mit dem wir uns verbunden fühlen, eine tiefe Verwundung erfährt. Das kann bei Angehörigen passieren oder mit Menschen, die man gar nicht kennt – bei einem Terroranschlag, bei einer Hochwasserkatastrophe, bei einem Flugzeugabsturz. Plötzlich fühlt man sich zutiefst verbunden und legt die Rüstungen des Alltags ab. Zuvor fremde Menschen kommunizieren intensiv. Verwundete sprechen anders miteinander, wenn sie Abgrenzungen überwinden und sich in ihrer humanen Verbundenheit begegnen. Sie kommunizieren nicht oberflächlich, sondern tiefgehend – mitten in die Öffnung, mitten in den Schmerz hinein. Wird mit dieser Form intimer Kommunikation die Wunde zu einem Ort mystischer Erfahrung? Wenn Menschen in den Mühen des Alltags verstrickt sind und mit seinen Widrigkeiten zu kämpfen haben, droht die Lebendigkeit des Lebens zu entgleiten. Aber da, wo das Leben bedroht ist, leuchtet seine Kostbarkeit auf. Um diesen Zusammenhang dreht sich das Buch »Verwundbar sein«. Aufbau
Mit meinen Texten möchte ich den Blick für die vielfältigen Machtwirkungen schärfen, die aus der menschlichen Vulnerabilität entstehen und die ganz alltäglich am Werk sind – sowohl destruktiv als auch schöpferisch, sowohl im persönlichen als auch im politischen Kontext. Die verschiedenen Beiträge des vorliegenden Buchs wurden bereits in ganz unterschiedlichen Kontexten publiziert; ein Verzeichnis hierzu findet sich am Buchende (s. u. S. 180f). Im Folgenden beginnt mit jeder Überschrift ein neuer Text. Die verschiedenen Einzeltexte wurden so bearbeitet und aufeinander abgestimmt, dass ein neues Ganzes daraus entsteht. Sie wurden nach folgenden Schwerpunktthemen gruppiert: Im ersten Teil geht es um die besondere Verbindung des Christentums zur Vulnerabilität, die sich an seinen Hauptfesten – Weihnachten, Ostern, Pfingsten – zeigt. Der zweite Teil fragt, wie Menschen in einer Pandemie mit ihrer Vulnerabilität umgehen; versuchen sie, auf Kosten Anderer zu leben oder wollen sie füreinander da sein? Der dritte Teil beleuchtet die Katastrophe von Missbrauch und Vertuschung in der katholischen Kirche. Er stellt den Segen heraus, den die riskante und schmerzliche Offenlegung der Gewalt durch Überlebende bedeutet. Der vierte Teil handelt von Krieg und Frieden. Eine der wichtigsten Kompetenzen der Menschheit liegt darin, Frieden stiften zu können. Wie kommt hierbei die Vulnerabilität zum Einsatz? Im fünften Teil geht es um die Mystik, in der sich alles um die Lebendigkeit des Lebens dreht. Wo das Leben Brüche erfährt, leuchtet zugleich seine Kostbarkeit auf. Wie kann aus den Brüchen ein Aufbruch werden und neues Leben entstehen? Dank und Widmung
Die meisten kurzen sowie einige längere Texte stammen aus der österreichischen Wochenzeitung »Die Furche«. Ich bin sehr froh über die Chance, dort in interreligiöser Verbundenheit und wöchentlichem Wechsel mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Dr. Ines Charlotte Knoll und Dr. Markus Krah monatlich eine Kolumne zu schreiben. Die große Freiheit in der »Glaubensfrage«, die Dr. Otto Friedrich und Mag. Doris Helmberger-Fleckl ermöglichen, schätze ich sehr. Auch den Betreiberinnen und Betreibern der Online-Plattform »feinschwarz.net« bin ich dankbar für den Diskursraum, den sie eröffnen und mit hohem Engagement lebendig halten. Dass eine solche Plattform ehrenamtlich betrieben...