Karlweis / Sonnleitner | Das Gastmahl auf Dubrowitza | E-Book | sack.de
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Karlweis / Sonnleitner Das Gastmahl auf Dubrowitza

Roman

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ISBN: 978-3-9504158-8-9
Verlag: DVB Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sein und Schein, Trug und Blendwerk, reine Fassade – für all das gibt es seit mehr als zweihundert Jahren eine klingende Redewendung: Potemkinsche Dörfer. In ihrem 1921 erstmals im S. Fischer Verlag erschienenen Roman zeichnet Karlweis farbenprächtig und mit viel Sinn für menschliche Abgründe die berühmt-berüchtigte Fahrt Katharinas der Großen durch ihre südrussischen Provinzen an die Krim nach. Der vermeintliche Reichtum ihres blühenden Landes, ja ihr ganzes Lebenswerk, entpuppt sich dabei bald als perfide inszenierte Farce: Ihr Günstling und Liebhaber Fürst Potemkin hat ein Kartenhaus um sie herum errichtet, das der Wind des Zufalls am Ende donnernd zu Fall bringt.
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I
Jelena Wasiliewna Tschernitschewa zählte achtundzwanzig Jahre, als Alexei Orloff, ein ehemaliger Regimentskamerad ihres Gatten, des Grafen Ilja Zachariewitsch Tschernitscheff, den Kaiser Peter in Ropscha erwürgte unter Beistand etlicher halbverzweifelter Gesellen. Graf Tschernitscheff hatte die Revolution von 1762 mit inneren Vorbehalten mitgemacht; vor solcher Vergewaltigung heiliger Gesetze schauderte er zurück, seine Hoffnung auf die Kaiserin Katharina trübte sich, und der stille Wandel seiner Gesinnung wurde ruchbar. Alsbald wurde ihm ein höheres Kommando in Kiew übertragen und, obgleich gerade die Brüder Orloff auf seine Entfernung gedrungen, erschien Alexei im Augenblick der Abreise vor dem Hause Tschernitscheff, umarmte den widerstrebenden Grafen und zeigte unter tausend Tränen eine wilde und reuevolle Zerrüttung. Ilja Zachariewitsch schüttelte ihn leise ab und bestieg die Kutsche, in der Jelena Wasiliewna mit ihren Kindern saß. Den Kindern hatte sie unter irgendeinem Vorwand die Augen verdeckt, vielleicht damit sie den nicht sehen sollten, der ihrem Vater am Halse hing. Graf Tschernitscheff focht mit Glück und Tapferkeit gegen die Türken. Er erhielt den Marschallstab, aber er verblieb fern von Petersburg, denn nunmehr waren seine Talente und sein Charakter der aufsteigenden Größe Grigorij Potemkins hinderlich im Wege. Die Marschallin hatte indessen ihre beiden Kinder an den Pocken verloren und strebte keineswegs nach dem Glanze höfischen Lebens. Dennoch berührte sie dieses sichtbare Bestreben, ihren Gatten fernzuhalten, tiefer, als sie ihrer schweigsamen Art nach verriet. Nach dem frühen Tode des Feldmarschalls begab sie sich nach ihrem Gut Tschertschersk, neun Tagereisen nördlich von Kiew. Die Geistlichkeit des kleinen Städtchens zog ihr mit den Heiligenbildern der kleinen Kirche entgegen, die Leibeigenen empfingen sie mit Salz und Brot. Nebst einiger Dienerschaft brachte die Marschallin zwei invalide Offiziere niederen Ranges nach Tschertschersk. Der eine, Anton Antonowitsch Müller, hatte das rechte Bein, der andere, Karl Stepanowitsch Adam, den linken Arm verloren. Beide waren Deutsche und hatten unter Tschernitscheffs Kommando gegen die Türken gekämpft. Dienstunfähig geworden, vermochten sie trotz schriftlicher Gesuche und mannigfacher Vorstellungen ihre Pensionen nicht zu erhalten. Sie wandten sich an den Feldmarschall. Dieser schrieb nach Petersburg, allein niemand fand sich persönlich daran interessiert, ihm zu dienen. Es erfolgten zwar schönfärberische Antworten und Beteuerungen, allein die Pensionen blieben hinterzogen. Der Marschall nahm die beiden Deutschen in sein Haus, und übertrug ihnen Aufsichtsämter. Wie bitter ihn der ganze Handel, so geringfügig er war, verdroß, erfuhr mit seinem Willen nicht einmal Jelena Wasiliewna, die gleichfalls keine Silbe darüber verlor. Der Gutshof Tschertschersk, vier Werst vom Städtchen entfernt, sah aus wie ein Dorf, das vom Himmel auf eine weitläufige Waldlichtung gefallen wäre. Stallungen, Dienerhäuser, Bade- und Gästehäuser, Tennen und Scheunen scharten sich unregelmäßig um das weißgetünchte, niedere, breitflügelige Herrenhaus. Sämtliche Gebäude waren von Holz. Die Marschallin, als Tochter des russischen Gesandten am englischen Hof in London aufgezogen, machte sich sogleich daran, den Wald zu roden und einen Park nach englischem Muster anzulegen. Das Herrenhaus, von außen beinahe dürftig anzusehen, enthielt Säle und Gemächer von halborientalischer, altrussischer Pracht. Raritäten vieler Jahrhunderte füllten die Räume. Nicht allzufern wölbte sich das ungeheuere Tor von Asien. Näher noch lagerte meerverriegelnd das alte Byzanz. Es gab einen Freskensaal in der alten einstöckigen Behausung, in dem die Geschichten des alten Testaments bis zur Geburt Christi faltenreich bewegt, finsteren Geistes die gewaltigen Wände umliefen. Im Teppichsaal hing, die Mittelwand bedeckend, ein Gewebe der köstlichsten Art: griechische Mönche hatten es vor nicht weniger als dreihundert Jahren nach Kiew gerettet, sein Alter aber wurde auf achthundert und mehr geschätzt. Mündliche Überlieferung bezeichnen es als jenen berühmten Teppich, den Danielis die Argiverin dem Basil von Mazedonien, Kaiser der Romäer, von ihren Teppichweberinnen im Peloponnes hatte anfertigen lassen. Dieser Teppich stellte den Besuch der Königin von Saba am Hofe König Salomos dar; Anlage, Faltenwurf, Gestalten, Antlitze und Landschaft waren umflossen von hellenischer Harmonie. Diese Räume mit ihren aufgehäuften Kleinodien blieben versperrt. Das Rare liebte die Marschallin nicht. Sie war stolz auf ihren Besitz und Stolz war der zäheste Strang ihres Charakters. Allein ihre Sinne vertieften sich alljährlich inniger in das Gewohnte. Sie lebte in zwei Stuben mit halbbäurischem, halb aus England herübergebrachtem Hausrat. Ein riesiger russischer Kachelofen füllte die Mitte jedes Gemachs. Stühle aus der Zeit der englischen Elisabeth umstanden die Tische. Jeden dieser Stühle liebte sie, den Kachelofen liebte sie, das aufgetürmte Bett unter dem kattunen Himmel liebte sie. Das Haus im ganzen liebte sie mit all seinen versperrten Schätzen und Geheimnissen und seinen offen daliegenden, nicht immer ganz reinlichen Behaglichkeiten, wie man einen Gatten liebt, dessen erhabenes und reiches Herz keiner Prüfung mehr bedarf, während seine tägliche Art das engere Leben mit kleiner Wärme ausfüllt. Wie der Flügel eines Schrankes knirschte und der innere Geruch des Schranks, das Klatschen nackter Dienersohlen auf der hölzernen Treppe, der dunkle Raum, der abends in einer leise geöffneten Tür entstand, wie harte junge Äpfel, dicht an belaubten Zweigen, im Juli rötliche Sprenkel zeigten, prall um den schwärzlichen Butzen schwellend, wie Korn zwischen gelb und grau hinwehte und Wiese malachitgrün im verregneten Abendschimmer geschoren dalag; das wehrhafte Aufschießen einer Distel im Wellengras der Steppe: an Dinge, denen die Marschallin stündlich begegnete, hängte sich ihr Herz. Ihr Gesicht war nicht nur außerordentlich scharf, sondern auch mit einer unmenschlichen Fähigkeit des inneren Tastens begabt, so daß, was ihr Auge erfaßte, zugleich rund als Form begriffen und genossen wurde. Auch vermochte sie zu sehen, wenn sie roch. Das Gehör, von Natur weniger entwickelt, verschlechterte sich mit jedem Jahr wohl auch aus Mangel an Übung: denn redete sie selbst nur das Nötigste und selten, so hörte sie fast nie darauf, was einer zu erwidern fand. Menschen waren ihr zu beweglich. Sie hegte Mißtrauen gegen alle. Diener galten ihr als Diebe, Gleichgestellte als Betrüger. Zuweilen gefiel ihr ein Kind, wenn es still saß und auf eine Schnecke lauerte. An den Festen ihrer Leibeigenen nahm sie in einem Winkel teil, schnupperte den fetten Geruch der Kuchen und befühlte kräftige schöne junge Menschen mit ihren großen, ernsthaften Augen. Nie verkaufte sie Sklaven. Aber wenn die Aufseher einen zu Tode prügelten, scherte sie sich nicht mehr darum, als wenn die Küchenmädchen Teller zerbrachen. Truhen, die sie niemals öffnete, lagen voll brokatener Gewänder, Zobelpelze, Hermelin und Geschmeide. Sommer und Winter trug sie eine alte Männerlitewka über einem wollenen Rock, abends in ihrer Stube zuweilen einen purpurseidenen Schlafrock, dessen Pelzbesatz schadhaft geworden war. Den Kopf umschloß eine Männernachtmütze von Batist, um die ein dünner türkischer Schal als Turban gewunden war, dessen Enden den Hals umwickelten und vorn geknotet herabhingen. Ihr Gang war steif, seit die Gicht sie hin und wieder packte. In und außer dem Hause bediente sie sich daher eines Stockes von Ebenholz, dessen Krücke glatt wurde wie lebendige Haut. Im Winter erhob sie sich um fünf Uhr früh, kleidete sich an und begab sich mit der Laterne in den Kuhstall. Täglich besichtigte sie das Vieh, tätschelte das glänzende Fell der Kühe, schalt die jungen Mägde und zuweilen pfiff der schwarze Stock über einen geduckten Nacken. Dabei fühlte sie sich wohl und genoß den vanilleartigen Kuhgeruch. Sie sah die von den Eutern niederspritzende weiße Milch und schmeckte den fetten Schaum in den kupfernen Kübeln. Dazu gehörte das feste rote Fleisch der Mägde, ihr summendes Schwatzen und alle die nassen, dumpfen, klatschenden Geräusche von Mensch und Tier. Hernach biß die scharfe Morgenluft angenehm in das erhitzte Gesicht. Man blies die Laterne aus und das Unlicht der Winterfrühe gab eine fröhliche Empfindung von Geborgenheit. Sie freute sich des Reifs aus dem atmenden Mund, sie freute sich ihres alten Bärenpelzes und der Marderhaube über Mütze und Schal. Sie genoß im voraus das dampfende Frühstück und den täglichen Zank mit den beiden Invaliden, die sie des Morgens bedienen mußten. Diesen gereichte ihre deutsche Herkunft zum Vorteil, denn die Marschallin verachtete besonders ihre Landsleute, die Russen. Zwar benutzte sie die beiden Hausgenossen meist nur als Vorwand zu unwirschen Monologen, doch geschah es, daß sie eine zornig geschriene Antwort Anton Antonowitschs, des Einbeinigen, zwar nicht etwa sogleich im Verlauf ihrer Rede berücksichtigte, wohl aber im Späteren als Abart ihrer eigenen Meinung vortrug und beurteilte. Karl Stepanowitsch, ein sanftmütiger Mensch von melancholisch ausgelaugtem Ansehen, war längst in Hörigkeit versunken und öffnete fast nie den Mund. Anton Antonowitsch besaß einen trockenen, pedantischen Charakter, der mit einem unruhigen neuerungssüchtigen Temperament in unaufhörlicher Fehde lag. Sein Gesicht war daher gelblich von steter Galle, sein schwarzes Haar stand in klebrigen Büscheln auf. Emsig sammelte er Nachrichten im Städtchen, und da er wußte, daß die Marschallin ihnen keinen Glauben schenken würde, sammelte er seinen täglichen Vorrat an Ärger auf dem Heimweg. Seine Leidenschaft...


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