Jung | Jenseits der "Mauern kirchlicher Tradition und Gewohnheit". | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Jung Jenseits der "Mauern kirchlicher Tradition und Gewohnheit".

Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-7519-6189-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieser Band bechreibt die Geschichte des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Im Auftrag des KDA hat der Historiker Dirk Riesener dazu unterschiedlichste Quellen ausgewertet. Seine Darstellung beginnt im 19. Jahrhundert bei Gerhard Uhlhorn und Johann Gottlieb Cordes, die als erste Pastoren auf die "soziale Frage" reagierten. Riesener zeichnet von dort aus die Linien hin zur EKD-Synode in Espelkamp im Jahr 1955, auf der die Forderung aufgestellt wurde, die Kirche müsse sich jenseits der "Mauern kirchlicher Tradition und Gewohnheit" auf den Weg zu Menschen in der heutigen Arbeitswelt begeben. Die Synode von Espelkamp gilt bis heute als Geburtsstunde des KDA, der sich danach wie in anderen Landeskirchen auch in der hannoverschen Landeskirche gründete. Seine Geschichte wird lebendig erzählt anhand einer Vielzahl von Beispielen. Dabei wird deutlich, dass viele heutige Fragestellungen auf der Schwelle zwischen Kirche und Arbeitswelt auch schon in früheren Jahrzehnten unter anderen Vorzeichen diskutiert wurden. So gibt dieser Band auch Argumentationshilfen für aktuelle Debatten. Ausführliche Register erleichtern die Suche nach Ereignissen und Personen.
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Einleitung
Dieser Band behandelt die Geschichte des ‚Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt‘ (KDA) der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Es könnte ein kurzes Büchlein sein, denn den KDA gab unter diesem Namen nicht sehr lange; vielmehr ist es der Versuch, ein soziales Phänomen und entsprechendes Arbeitsgebiet der praktischen Theologie passend zu benennen. Geht man in der Geschichte zurück, findet sich eine Auswahl früherer Bezeichnungen, die nicht allein von Theologen stammten. Letztlich reicht die semantische Suche zurück bis 1848, dem Jahr der Revolutionen in Europa. Revolten, Revolutionen und die bürgerliche Furcht davor trieben die Suche nach Wegen voran, um derartiges Geschehen zu verhindern. Allmählich kam es so zu neuen Sichtweisen, Herangehensweisen und Bezeichnungen. Die ersten Kapitel skizzieren die mehr als hundert Jahre zwischen 1830 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Über lange Strecken sind sie sozial- und ereignisgeschichtlich geprägt, entsprechend der Überzeugung, dass eine bloße Abfolge von Thesen und Handlungsvorschlägen die Brisanz der Situation ausblenden würde, in der sich die Zeitgenossen befanden oder zu befinden glaubten; möglicherweise würden damit die Motive für ihr Denken und Handeln verzerrt. Ihr Denken fußte in der lutherischen Theologie, ist aber kaum verständlich ohne den unmittelbaren Zeitbezug, die Zukunftsbedenken und -hoffnungen. Im Nachkriegsdeutschland gab es noch immer keinen verbindlichen Namen für die Sache. Dafür hatte sich etwas anderes völlig verändert: Hatte die Sache in den vorhergehenden Zeiten nur einzelne Vertreter gefunden – herausgehoben werden hier Johann Hinrich Wichern, Gerhard Uhlhorn und Johann Gottlieb Cordes –, so machten sich nun viele Engagierte in vielen deutschen Regionen daran, alles gründlich neu und anders anzugehen; eine große Zahl unterschiedlicher Ansätze, die sich bald zu einem Ganzen verbinden sollten. Nachdem dies von der EKD in Espelkamp 1955 anerkannt worden war, konnten in den Landeskirchen Stellen eingerichtet und Gelder in größerer Menge zur Verfügung gestellt werden. Nur einen Namen gab die Synode dem neuen kirchlichen Arbeitsgebiet nicht. Die ‚Sozialarbeit‘, wie sie in der hannoversche Landeskirche nun hieß, vollzog sich in enger Zusammenarbeit mit Betriebsräten der Industrieunternehmen und den allgemeinen Gewerkschaften, nachdem die EKD der Zusammenarbeit mit christlichen Gewerkschaften 1955 eine Absage erteilt hatte. Im Zuge der ‚Verkirchlichung‘ des Arbeitsgebietes gab es Raum, neue Modelle der Gemeindebildung und Gemeindearbeit im sozialen Umfeld von Industriestädten zu erproben. Da sich die Vertreter der ‚Sozial- und Industriearbeit‘ untereinander austauschten, wirkten nun verstärkt Impulse von außen ins Hannoversche hinein und auch wieder hinaus. Deutschland, im windstillen Auge des weltpolitischen Phänomens ‚Kalter Krieg‘ gelegen, widmete sich geistigen und sozialen Experimenten. Die helfende Rolle der evangelischen Kirchen in der Auseinandersetzung mit sozialen Fragen bezeichnete Klaus v. Bismarck, Leiter des Sozialamtes der Ev. Kirche in Westfalen, 1960 als ‚Gesellschaftsdiakonie‘. Das änderte sich, als sich die Deutschen ihrer historischen Position und Verwicklung in weltpolitische Ereignisse wieder bewusst wurden und interne Auseinandersetzungen darüber führten. Nun geriet auch die Kirche stärker in den Fokus, sowohl aktiv durch Stellungnahmen als auch passiv durch Widerspruch und drängende Fragen. Besonders deutlich trat das Konzept ‚politischer Diakonie‘ bei der Industriediakonie Wolfsburg in Aktion. Ebenfalls deutlich wurde, dass das Ausgreifen kirchlichen Handelns in Gesellschaft, Kirche und Politik allerdings nicht unumstritten blieb.1 Mit der ‚politischen Diakonie‘ der 1960er-Jahre einher ging nämlich eine Lockerung der bisherigen Bindung an das konservative Lager sowie das Knüpfen neuer Bande in Richtung Sozialdemokratie. Dort fanden sich gemeinsame Interessen, etwa hinsichtlich der betrieblichen Mitbestimmung, vor allem aber der Ostpolitik: Die angestrebte Hinnahme der Oder-Neiße-Grenze als künftiger gesamtdeutscher Ostgrenze zu Polen wurde zur Zerreißprobe für die westdeutsche Gesellschaft mit ihrem hohen Anteil an Flüchtlingen und Vertriebenen aus den nun endgültig aufzugebenden Ostgebieten. In diesen Auseinandersetzungen nahm die kirchliche ‚Sozial- und Industriearbeit‘ eine zentrale Rolle ein, stellte sie doch „einen wesentlichen Bereich gesellschaftspolitischer Dienstleistung der Kirchen“ dar.2 Seinen heutigen Namen erhielt der KDA während der sozialliberalen Bundesregierungen; hier engagierte er sich in den Bereichen Demokratisierung und Humanisierung der Arbeitswelt. Er feierte die Durchsetzung der Mitbestimmung3, musste aber hinnehmen, dass sich die Kirche als Arbeitgeberin intern der Einbeziehung der Gewerkschaften in die Tarifverhandlungen verweigerte und stattdessen ihrem „Dritten Weg“ folgte. Zugleich erweiterte der KDA sein Arbeitsfeld auch ökumenisch, setzte sich für die Belange von Arbeitnehmern anderer Konfession oder Religion und deren Familien ein. Namentlich die Türken gerieten in Zeiten wirtschaftlicher Krisen in Gesellschaft und Betrieben unter Druck, aber auch Menschen aus (noch) nicht der EG angehörigen Ländern wie Portugal und Spanien. Gänzlich neue Rahmenbedingungen schuf dann die Massenarbeitslosigkeit ab Mitte der 1970er-Jahre. Sie war nicht mehr durch Repatriierung von ‚Gastarbeitern‘ zu bewältigen, sondern erfasste zunehmend auch deutsche Erwerbstätige, beginnend bei den Jugendlichen, die gar nicht erst in die Ausbildung gelangten. Dies hatte neben ökonomischen auch demografische Gründe: Die Generation der ‚Babyboomer‘ wurde erwachsen. Obwohl der KDA sich längst durch Sozialwissenschaftler verstärkt hatte, traf ihn diese Entwicklung unvorbereitet – Arbeitslose zählten nicht zu seiner definierten Klientel. Sozialsekretäre ergriffen als erste die Initiative und entwickelten diakonische Maßnahmen zur Unterstützung der Hilfsbedürftigen. Auffällig waren die ersten Reaktionen beim Erkennen der Lage auf dem Arbeitsmarkt: Man fühlte sich zurückversetzt in die Zeiten von Wichern, sah sich einem neuen ‚Proletariat‘ gegenüber. Nur reagierte man dieses Mal schnell und entschlossen, um die Fehler der Kirche von damals nicht zu wiederholen. Neben Hilfs- und Solidarisierungsmaßnahmen, besonders für jugendliche Arbeitslose unterbreitete man der Gesellschaft Reformvorschläge, die aber weitgehend wirkungslos verpufften. Angesichts des Strukturkonservativismus der Politik änderte schließlich auch die Kirche ihre Haltung. Damit endete um die Jahrtausendwende zugleich der ‚Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt‘ in der bis dahin entwickelten Form. Zur Quellenüberlieferung ist anzumerken, dass nur vereinzelt auf Akten zurückgegriffen werden konnte. Für eine vollständige Überlieferung seiner Akten hatte nur Sozialsekretär Gerhard Köhler (Hameln) gesorgt. Das hat zur Folge, dass die Darstellung an manchen Stellen bei Angaben zu Terminen und Beteiligten Präzision vermissen lässt. Andererseits entfalteten die in dem Arbeitsfeld Tätigen einen gewissen Publikationsdrang, so dass auf theologischer und politisch-soziologischer Ebene eine Vielfalt von Gedanken, Positionen, Praxishinweisen, Redetexten und kritischen Anmerkungen überliefert ist, aus der geschöpft werden konnte. Herauszuheben ist die verdienstvolle Sammlung von Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern der Sozialarbeit und des KDA, vorgelegt 2002.4 Auf sie wurde ausgiebig zurückgegriffen. Zu danken ist den Mitarbeiter/-innen der Bibliothek des Landeskirchenamtes und des landeskirchlichen Archivs Hannover, die mich bei der Suche nach alten Zeitschriften und Broschüren unterstützten, in denen ich ausreichend Texte fand, um diese Darstellung zusammensetzen zu können. Einiges Material fand sich auch noch in den Regalen des KDA in Hannover und bei Pastor Peer-Detlev Schladebusch in Wolfsburg, dem an dieser Stelle ebenfalls gedankt wird. 1 Vgl. dazu die Denkschrift der EKD „Aufgaben und Grenzen kirchlicher Äußerungen zu gesellschaftlichen Fragen“ von 1970, in: Kirchenkanzlei (Hg.): Denkschriften Bd. 1/1, 1981, S. 43-76. 2 Leitungsprotokoll AfG 9.9.1970, Anhang Fahlbusch: „Die Probleme und Organisationsformen der gesellschaftspolitischen Dienstleistung der Evangelischen Kirche in den nächsten Jahrzehnten“, S. 6. 3 1979 begrüßten die 30 hauptamtlichen Mitarbeiter des KDA in einer Stellungnahme die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die das Mitbestimmungsgesetz von 1976 als verfassungskonform beurteilte. Mitbestimmung bedeute weder kapitalistische noch sozialistische Unternehmensstruktur, sondern führe eine...


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