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E-Book

E-Book, Deutsch, 444 Seiten

Jäger Stadt der Türme

Historische Geschichten aus Fritzlar

E-Book, Deutsch, 444 Seiten

ISBN: 978-3-7597-7142-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Stadt im Mittelalter: Historische Kurzgeschichten aus Fritzlar von Bonifatius bis zu den Hexenverfolgungen. Dazwischen ist viel passiert, von Königserhebungen über Kirchenbauten bis hin zu Belagerungen. Die Geschichten sind mal von Ihm erzählt und mal von Ihr, mal aus der Sicht derjenigen, die Geschichte gemacht haben, mal aus der Sicht derer, die sie aushalten mussten. Jede Geschichte wird ergänzt von zwei bis drei Seiten mit Anmerkungen zu den historischen Tatsachen.

Jahrgang 1970, bislang Bücher im Piper Verlag und im Selbstverlag, dazu einige Theaterstücke, die bei verschiedenen Verlagen vorliegen. Und natürlich immer historisch.
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Baumarbeiten (723) Gerade die Eiche hatte sie immer am liebsten gemocht. Das hatte gar nichts damit zu tun, dass der mächtige Baum geschmückt war wie ihre große Schwester Nertha zum Mittsommerfest. Und es lag auch nicht daran, dass es so viele Geschichten über die Eiche gab, die in jedem Winter aufs Neue erzählt wurden. Sie mochte den Baum, weil er das war, was er war: ein wunderschöner und uralter Baum mit einer gleichmäßigen, weit ausladenden Krone. Er war so herrlich knorrig und flößte ihr ein seltsames Vertrauen ein – vielleicht weil er sie irgendwie an den Großvater erinnerte, der zwei Winter vorher gestorben war. Auch der war schief und krumm, aber zugleich standhaft und würdevoll gewesen. Der Baum war auch größer als alle anderen Bäume, die um ihn herumstanden, und er war älter, viel, viel älter. Das behauptete jedenfalls Libes, der Göttermann, den sie schon immer gefürchtet hatte. Libes sprach nämlich mit den Göttern, so wie sie mit ihrer Freundin Frieda sprach, und die Götter sprachen mit Libes. Doch jetzt war dieser andere Mann gekommen, der von sich ebenfalls behauptete, mit den Göttern zu sprechen – oder nur mit einem einzigen, ganz bestimmten, wenn sie das alles richtig verstanden hatte. Und dieser Mann hatte angekündigt, ihre schöne alte Eiche mit einer Axt umzuhauen. Sie hätte schreien können! Warum nur ließen die Männer aus dem Dorf so einen gewähren? Eigentlich hätte sie die Ulme viel lieber mögen sollen, denn deren Namen hatte sie in ihrem eigenen: Embla – so wie die Esche im Namen ihres Bruders steckte: Ask.* Die Ulme war ein schöner Baum, großgewachsen und widerstandsfähig. Embla war stolz darauf, wie bald nach dem Winter sie schon blühte, früher als alle anderen Bäume, und darauf, wie hilfreich ein Tee aus Ulmenrinde sein konnte, wenn die Großmutter es wieder einmal mit dem Magen hatte. Doch die großen Eichen mit ihren schön geformten Kronen mochte sie einfach lieber und diese hier ganz besonders. Darin war sie so ganz anders als Ask, der den harten, kalten Baum nicht mochte und sogar ein wenig fürchtete. Lieber gab er mit seiner Esche an: Er heiße nämlich so wie der Weltenbaum. Das sagte er sehr oft. «Ach, du heißt Yggdrasil?», fragte sie dann jedes Mal belustigt, denn das war der Name der Weltesche. Er antwortete dann jedes Mal entrüstet: «Nein, natürlich nicht! Ich heiße Ask, du dummes Huhn.» Die Esche kümmerte Embla aber kaum. Sie stellte sich viel lieber vor, wie es wäre, wenn der riesige Eichenbaum gleich neben ihrem kleinen Haus stünde und seine knorrigen Äste schützend darüber ausbreitete. Dann hätte sie zu dem Baum sprechen können, wann immer ihr danach war, und die sieben Schweine ihrer Familie hätten seine Früchte zu fressen bekommen, was den Schinken so viel besser machte – da waren sich alle einig, sogar ihre Schwester, die nur zu gern eine andere Meinung vertrat als alle anderen. In schlechten Zeiten hätten sie die Eicheln – zerstoßen, gekocht und eingeweicht – leicht selbst essen können. Das war immerhin besser als Wurzelwerk und Würmersud. Aber leider stand die Eiche nicht in ihrem Dorf, sondern inmitten eines Haines von anderen Bäumen, eines heiligen Haines gar. Dorthin kamen die Männer und Frauen aus der ganzen Umgebung, sobald sie ein Anliegen an Donar hatten, den starken und ehrlichen Gott der Ackerleute, die sie doch alle waren. Denn Donar war die prächtige Eiche geweiht.* Immer, wenn Embla in dem Hain war, empfand sie Ehrfurcht, denn dann fühlte sie, dass dieser Ort etwas Besonderes war. In Worte konnte man das aber nicht kleiden, man spürte es eben. An diesem Tag hatten sich im Schatten der großen Eiche so viele Menschen versammelt, dass es kaum zu glauben war. Nie zuvor hatte Embla so viele Männer und Frauen auf einmal gesehen. Nicht nur aus Gaesmere, sondern von allen umliegenden Hügeln waren sie gekommen, um zu sehen, wie der Fremde Hand an die heilige Eiche legen würde. Libes, der mit den Göttern sprach, hätte es gern gesehen, wenn um die Eiche herum, am besten aber um den ganzen Hain, ein Flechtzaun gezogen worden wäre, damit die Wildschweine sich nicht länger die Früchte des uralten, heiligen Baumes holten. Aber bei den Ältesten von Gaesmere, der nächsten Ansiedlung, war er damit nicht durchgedrungen: Nie hatten sie sich dazu entschließen können, den Baum einzuhegen. Er gehöre nicht nur den Menschen, sondern allen Lebewesen, sagten sie. Und darum war der Eichenhain frei zugänglich geblieben. Embla hatte die Entscheidung der Ältesten sehr begrüßt. Schon die Altvorderen hatten um den großen Baum des Donar herum einen Kranz von Bäumen gefällt. In dieser schmalen Rodung standen nun der Fremde und seine Soldaten, die er aus der großen Frankenfestung von jenseits des Flusses mitgebracht hatte. Ihnen gegenüber hatte Libes Stellung bezogen, die Augen zusammengekniffen, die Faust um seinen knorrigen Stab geballt. Die Festung, behaupteten die Franken ständig, biete den Bewohnern der umliegenden Siedlungen Schutz vor den Sachsen, deren Land nur einige Wegstunden weiter nach Norden lag. In Wahrheit hatte es aber selten Schwierigkeiten mit ihnen gegeben. Der fremde Gottesmann war sehr groß gewachsen, bärtig und bereits ergraut. Er trug einen langen, dunklen Überwurf, der an ein Frauenkleid erinnerte. Es hieß, darunter würde er keine Hose tragen. Viele Dorfbewohner nahmen ihn allein darum nicht ernst. Durchaus ernstzunehmen hatte man hingegen das Werkzeug, das er in seinen Händen hielt, nämlich eine langstielige Axt mit einem breiten, scharfen Blatt. Die etwa drei Dutzend Frankensoldaten trugen im Unterschied dazu lange Spieße bei sich, und manchem hing sogar ein Schwert vom Gürtel herab. Auch einige der Dörfler hatten Spieße dabei, und das machte Embla Angst. Sie standen ebenfalls um die Eiche herum, die Männer vorn, die Frauen meist hinten. Weil es so viele waren, standen sie außerdem unter den anderen Bäumen des Haines. Jetzt hob der Fremde die Hand und begann zu sprechen. Embla konnte ihn bestens sehen und seine tiefe und geübte Stimme gut hören, denn sie stand auf einem rundgewaschenen Findling, von denen noch weitere im Hain herumlagen. Vorab hatte es geheißen, der Fremde hätte ihnen einiges zu erzählen, und da hatten sie alle geschmunzelt oder das Gesicht verzogen. Sie wussten zur Genüge, was er ihnen erzählen wollte. Ein Mann aus der Frankenfestung übersetzte seine Rede für die Einheimischen, denn die Sprache des Fremden war ihnen allen unverständlich. Zwischendurch machte der Franke kleine Pausen, in denen dann wieder der Fremde sprach, dessen Art zu reden durchaus unterhaltsam klang. Nur leider war eben nicht das Geringste davon zu verstehen. Embla wusste schon längst, dass die Franken eine Sprache benutzten, die nur die wenigsten Einheimischen beherrschten. Dabei war der große Fremde angeblich nicht einmal ein Franke, sondern von viel weiter hergekommen. «Ihr Männer und Frauen von den Hassi ...», übersetzte der Franke und wartete dann auf die weiteren Worte des anderen. Der Franke konnte die hiesige Sprache recht gut. Alle wussten, dass er zwar innerhalb der Festung lebte, aber mit einer Frau aus Gaesmere den Lebensbund geschlossen hatte. Er wurde immer dann herbeigeholt, wenn es etwas zu übersetzen gab. «An diesem Tag ... werdet ihr alle dabei sein .... ähm, Zeuge sein ... wie Gott ... der eine Gott ... wie er eine, ähm, eine große Tat wirken wird ... durch die Hand von mir ... dessen Name ist Bonifatius.» Den Namen des Fremden kannte Embla bereits seit dem vergangenen Winter, als Bonifatius in der Gegend aufgetaucht war und begonnen hatte, die Menschen in den Dörfern aufzusuchen. Dabei hatte er jedes Mal von seinem Glauben gesprochen, der ein völlig anderer als der urtümliche Glaube der Dorfbewohner war. Er handelte von einem einzigen, mächtigen Gott, seinem gütigen Sohn und dessen liebenswerter Mutter. Sein eigener Vater, behauptete Bonifatius wieder und wieder, habe ihn nunmehr beauftragt, den ungläubigen Völkern des Nordens das Geheimnis des Glaubens bekannt zu machen. Embla war an Geheimnissen immer interessiert, wähnte sich aber keineswegs im Norden. Der Norden war weit weg, Zwerge und Riesen lebten dort und die Sachsen. Emblas Eltern hatten von Bonifatius von Anfang an nichts wissen wollen. Sie ärgerten sich vielmehr, weil dieser sie ‹Heidenvolk› nannte, was immer das sein mochte ... Manche nannte er halbe Heiden, und das waren die, die bereits die Wassertaufe über sich hatten ergehen lassen, aber trotzdem so weiterlebten wie zuvor, anstatt dem neuen Glauben zu folgen. Dabei fand Embla diesen fremden Glauben gar nicht so unfreundlich, nach allem, was sie gehört hatte. Von Erlösung, Mitleid und Liebe war oft die Rede. Das gefiel ihr. Und...


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