Jacob / Zeddies | Elterliche Erziehung | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 227 Seiten

Jacob / Zeddies Elterliche Erziehung

Verstehen - Beschreiben - Unterstützen Ein Arbeitsbuch

E-Book, Deutsch, 227 Seiten

ISBN: 978-3-17-033782-4
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Elterliche Erziehung wird zwar in zahllosen Ratgeberbüchern beschrieben, jedoch gibt es wenig Literatur, die Fachkräfte bei einer wissenschaftlich fundierten Einschätzung unterstützt.
Dieses Arbeitsbuch erläutert ausführlich verschiedene Konzepte, bietet einen Leitfaden für die diagnostische Beurteilung und stellt wichtige Interventionsmethoden zur Verbesserung elterlicher Erziehung vor.
Im elektronischen Zusatzmaterial des Werkes werden ergänzend Materialien, wie z. B. Interviews, zur praktischen Anwendung bereitgestellt.
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1          Riskante Erziehung und ihre Folgen
      Konzipiert wurde elterliche Erziehung in verschiedenen Ansätzen – empirisch und theoriebasiert untersucht dagegen eher selten. Häufiger allerdings löste man einzelne Aspekte und Facetten aus diesen Konzepten heraus und machte sie diagnostisch zugänglich. Darauf wird in den folgenden Kapiteln ausführlicher eingegangen werden. Um es aber schon einmal vorwegzunehmen: Es wird deutlich werden, dass elterliche Erziehung – wenn sie untersucht wird – unterschiedlichen Konzepten folgen kann. Leider wird nicht selten das scheinbar effizienteste oder praktikabelste Instrument zur Diagnostik ausgewählt, unabhängig von dessen theoretischer Fundierung. Die Schlussfolgerungen aus diesen so erzielten Ergebnissen hingegen werden in einigen Darstellungen dann wiederum weit über den durch die Methode gesetzten Rahmen hinausgezogen. Außerdem wird dabei meistens übersehen, dass einige der separat untersuchten Erziehungsfaktoren vermutlich in einem komplexeren inneren Zusammenhang stehen und nicht unverbunden betrachtet werden können (Campbell, 1995; Rothbaum & Weisz, 1994). Als Beispiel seien hier zwei Studien erwähnt: 1.  Verrocchio, Marchetti und Fulcheri (2015) befragten 470 italienische Erwachsene anonym zum Auftreten und Erleben von psychischem Missbrauchsverhalten der Eltern in ihrer Kindheit, zur Qualität der Eltern-Kind-Beziehung, zum Selbstwertgefühl und zu generell erlebtem psychischem Leid. Immerhin berichteten ca. 80% der Befragten demnach, psychisches Leid durch ihre Eltern erfahren zu haben. Ungefähr 65 bis 70% der Befragten hätten die Erziehung durch Mutter und Vater als nicht optimal wahrgenommen. Personen, die über elterliche Kontrolle verbunden mit wenig Zuneigung (wenig Fürsorge und/oder hoher Überbehütung) berichteten, beschrieben zugleich signifikant stärkere Loyalitätskonflikte zu ihren Eltern4 im Vergleich zu Befragten, die weniger elterliche Kontrolle erfahren hätten. Statistisch signifikant korrelierten das Erleben von wenig Fürsorge, von Überbehütung sowie eines Loyalitätskonflikts des Kindes zu den Eltern positiv mit generellem psychologischem Leiden und negativ mit der eigenen Selbstwertschätzung. 2.  Cina und Bodenmann (2009) untersuchten, wie familiär erlebter Stress, Erziehungshandeln und kindliche Entwicklung miteinander verknüpft sind. Die Ergebnisse der Untersuchungen an 229 Familien zeigten, dass Stress besonders mit ungünstigen Erziehungshandlungen kovariierte, welche wiederum mit einem stärkeren Ausmaß an kindlichen Verhaltensproblemen assoziiert waren. Jay Belsky (1984) veröffentlichte 1984 das systemische Prozessmodell des elterlichen Erziehungsverhaltens, in dem die Komplexität und die kontextualistische Fundierung elterlicher Erziehung dargestellt werden. Es ist nun sehr schwierig, die einzelnen Faktoren und Bedingungen dieses Modells in ihrer Komplexität und Dynamik empirisch zu überprüfen. Erkennbar ist allerdings, dass elterliches Erziehungshandeln nicht nur von einem, sondern von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Ebenso liegt die Vermutung nah, dass die Wirkungen des erzieherischen Handelns selten kausal beschreibbar sein dürften. In der Regel nur schwach signifikante Zusammenhänge zwischen elterlichem Erziehungshandeln und dessen Wirkungen auf kindliches Erleben und Verhalten verweisen auf die dahinterliegende Komplexität und Dynamik. Anstelle einfacher Ursache-Wirkung-Analysen werden in Untersuchungen seit den 1990er Jahren daher häufig komplexere Zusammenhänge analysiert. In diesen Studien zeigt sich in der Regel, dass Beeinträchtigungen der kindlichen Entwicklung meistens auf kumulativ wirkende schwierige Bedingungen zurückzuführen sind. Dysfunktionales elterliches Erziehungshandeln bildet dabei häufig einen mediierenden, verstärkenden Faktor (vgl. hierzu bspw. Hannan & Luster, 1991; Campell, 1995; Rothbaum & Weisz, 1994; Textor, 2016 zur »NICHD Study of Early Child Care«). Was bedeutet »dysfunktionale Erziehung«? Legen wir die bereits weiter oben vorgestellte Definition nach Jacob und Wahlen (2006) der elterlichen Erziehung zugrunde, dann ließe sich bestimmen, dass … … elterliche Erziehung als dysfunktional bewertet werden sollte, wenn sie dazu beiträgt, kindliche Dispositionen und die psychische Entwicklung des Kindes zu einem autonomen und zugleich bezogenen Wesen nicht zu fördern mit der dann wahrscheinlicher werdenden Folge, dass die Entwicklung beeinträchtigt werden kann, indem sie bspw. stagniert oder regrediert. Weiter oben wurde ebenfalls erwähnt, dass nicht nur der Prozess gelingender sondern auch nicht gelingender Erziehung multifaktoriell und dynamisch konstruiert ist. Deshalb ist sowohl gelingendes als auch misslingendes elterliches Erziehungshandeln nur bei sehr wenigen – in der Regel sehr starken oder chronifizierten – negativen Handlungen, wie beispielsweise körperlicher Gewalt, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch in seiner allgemein entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkung für das Kind auch klar zu prognostizieren. Doch selbst dies hat dann oft viele unterschiedliche Facetten und Intensitäten. Korrekterweise müsste man demzufolge bei den meisten problematischen Erziehungshandlungen und -einstellungen von deren »wahrscheinlicher Dysfunktionalität« sprechen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird das Attribut »wahrscheinlich« in den folgenden Abschnitten aber im Text fortgelassen. Diese Vorbemerkungen sollten der Leserin ermöglichen, die weiter unten aufgeführten Befunde mit der gebotenen Vorsicht zu lesen und zu verwenden. Die Systematik der hier dargestellten Übersicht folgt im Übrigen leider auch keinem theoretisch begründeten Rahmen, denn so lange dieser selbst fehlt, kann sich ein Überblick über dysfunktionale elterliche Erziehung darüber nicht hinwegsetzen. Die einzelnen Abschnitte sind gegliedert nach Befunden über die Wirkung verschiedener Aspekte wahrscheinlich dysfunktionalen Erziehungsverhaltens bzw. des Ausbleibens von funktionalem Erziehungsverhalten, wie sie in der Literatur anzufinden sind. Der Auswahl liegt kein theoretisches Konzept, sondern einfach nur eine thematische Clusterung zugrunde. Mangel an elterlicher Wärme, Akzeptanz und Feinfühligkeit (dysfunktionale elterliche Bindungsangebote)
Früheste Erfahrungen mit elterlicher Zuwendung, Fürsorge und Unterstützung sammelt das Kind durch das Aktivieren elterlich intuitiven Verhaltens (Benz & Scholtes, 2015, S. 4). Erfährt das Kind prompt, entwicklungsadäquat, konsistent und kontinuierlich Trost und Schutz durch seine primären Bezugspersonen in für es bedrohlichen Situationen, entwickelt es ab dem sechsten Lebensmonat erste Konturen seines primären Bindungsmusters. Die Qualität der Bindung zwischen dem Kind und seinen Hauptbezugspersonen gilt als ein bedeutsamer Prädiktor für die sozioemotionale Entwicklung des Kindes (Gloger-Tippelt, König, Zweyer & Lahl, 2007; Bischof-Köhler, 2011). Bindung bezieht sich auf die zunächst biologisch begründete und sodann zeitlich überdauernde emotionale Qualität der Beziehung des Kindes zu seinen bedeutsamsten Bezugspersonen (meistens den Eltern). Die Qualität der Bindung ist nicht unmittelbar beobachtbar. Sie wird je nach Entwicklungsstand des Kindes in der frühen Kindheit durch Beobachtung des kindlichen Bindungsverhaltens bei der Wiedervereinigung mit der zumeist elterlichen Bindungsperson nach Trennung, Bedrohung und Schmerz erschlossen (Ainsworth & Wittig, 1969). Ab einem Alter von ungefähr vier Jahren ist sie auch auf der mentalen Repräsentationsebene erfassbar (Reichle & Gloger-Tippelt, 2007). Ab dem Vorschulalter lassen sich »innere Arbeitsmodelle von Bindung« (im Überblick: Ahnert, 2004) feststellen, welche die interiorisierten emotionalen und kognitiven Bindungserfahrungen (in Bezug auf sich selbst als auch auf die beziehungsrelevante Umwelt) in zusammengefasster Form darstellen. Es wird zwischen der sicheren, der unsicher-vermeidenden, der unsicher-ambivalenten und der hoch unsicheren Bindung unterschieden. Es folgen beispielhaft einige Befunde zur Entwicklung der Kinder in Abhängigkeit vom diagnostizierten Bindungstyp und vom elterlichen Erziehungsverhalten: Kinder, die als sicher gebunden klassifiziert werden, zeigen bspw. höhere soziale Kompetenz als unsicher oder desorganisiert gebundene Kinder (Kochanska, Forman, Aksan & Dunbar, 2005). Bei unterstützendem, emotional liebevollem und fürsorglichem Verhalten der Bezugspersonen sind sicher gebundene Kinder verstärkt bereit, Normen und Regeln einzuhalten, als bei einem strafenden, ablehnenden oder vernachlässigendem Erziehungsverhalten. Sie zeigen seltener aggressives Verhalten, weniger emotionalen...


Dr. André Jacob ist Diplompsychologe und Psychologischer Psychotherapeut, leitet aktuell eine Berliner Erziehungs- und Familienberatungsstelle und ist nebenberuflich auch als familienrechtspsychologischer Gutachter tätig. Er lehrt, unter anderem an der Psychologischen Hochschule Berlin, in den Fachgebieten der Entwicklungs-, Erziehungs- und Familienpsychologie.
Sein Werk "Interaktionsbeobachtung von Eltern und Kind" ist bereits in der 2. Auflage erschienen.
Rainer Zeddies ist Diplompsychologe und Psychologischer Psychotherapeut, arbeitete langjährig als Leiter einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Berlin und leitet seit mehreren Jahren ein Berliner Jugendamt. Er lehrt u. a. an der Psychologischen Hochschule Berlin im Fachgebiet der Hilfen zur Erziehung.


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