Wie das Leben unseren Planeten formt
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95614-646-6
Verlag: Kunstmann, A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
FERRIS JABR ist Wissenschaftsjournalist beim New York Times Magazine. Darüber hinaus schreibt er für The New Yorker, Harper's, The Atlantic, National Geographic und Scientific American. Er wurde mit einem Whiting Foundation Creative Nonfiction Grant ausgezeichnet und erhielt Stipendien der UC Berkeley und des MIT. Seine Arbeiten wurden in mehreren Ausgaben von Best American Science und Nature Writing veröffentlicht. Ferris Jabr lebt in Portland, Oregon, mit seinem Mann Ryan, seinem Hund Jack und zahllosen Pflanzen.
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EINLEITUNG
? ALS ICH KLEIN WAR, glaubte ich, ich könne das Wetter verändern. An heißen Sommertagen, wenn die Gärten in unserer kalifornischen Vorortsiedlung verdorrten und man sich am Asphalt die nackte Haut verbrannte, zeichnete ich eine dicke blaue Regenwolke, marschierte damit über den Rasen und bespritzte ihn mit einem Gebräu aus Wasser und Gartenabfällen. Wahrscheinlich sang ich dabei sogar bruchstückhaft eine Art Beschwörung vor mich hin – eine Umkehrung des beliebten Kinderliedes, in dem es heißt, der Regen solle verschwinden. Als ich heranwuchs, wuchsen auch meine Kenntnisse über Meteorologie. In der Schule lernte ich, wie Wasser aus Seen, Flüssen und Ozeanen verdunstet, in die Atmosphäre aufsteigt und sich dort abkühlt, sodass es zu winzigen Tröpfchen kondensiert. Diese schwebenden Wasserperlen stoßen zusammen und vereinigen sich, bleiben an Staubkörnern in der Luft kleben und wachsen so zu den wattigen Massen heran, die wir Wolken nennen, bis sie schließlich schwer genug sind und wieder zur Erde fallen. Regen, so brachte man mir bei, ist eine unvermeidliche Folge der physikalischen Verhältnisse in der Atmosphäre, ein Geschenk, das wir und andere Lebewesen ohne unser Zutun empfangen. Vor einigen Jahren erfuhr ich dann aber von einer verblüffenden Tatsache, die mein Denken über das Wetter und letztlich meine Wahrnehmung unseres gesamten Planeten veränderte; sie versetzte mich in ein Staunen darüber, was alles möglich ist, wie ich es seit meiner Kindheit nur noch selten erlebt hatte. Ich erfuhr, dass Lebewesen den Regen in vielen Fällen nicht einfach aufnehmen, sondern ihn herbeiführen. Betrachten wir einmal den Amazonas-Regenwald. Er wird jedes Jahr mit ungefähr 2400 Millimetern Regen durchtränkt. In manchen Teilen des Waldes liegt die jährliche Regenmenge eher bei 4500 Millimetern, mehr als dem Fünffachen des durchschnittlichen jährlichen Niederschlages in den kontinentalen Vereinigten Staaten. Zum Teil ist diese Flut eine Folge geografischer Zufälle: Die intensive Sonneneinstrahlung am Äquator verstärkt die Verdunstung des Wassers aus dem Meer und an Land, sodass es in den Himmel steigt, Passatwinde transportieren Feuchtigkeit vom Ozean heran, und die umgebenden Gebirge zwingen die einströmende Luft dazu, aufzusteigen, sich abzukühlen und zu kondensieren. Und wo es dann regnet, entstehen die Regenwälder. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Innerhalb des Waldbodens lenken riesige symbiotische Netzwerke aus Pflanzenwurzeln und fadenförmigen Pilzen das Wasser aus dem Boden in Stämme, Stängel und Blätter. Während die nahezu 400 Milliarden Bäume im Amazonaswald sich satt trinken, geben sie eine Menge Feuchtigkeit ab und sättigen die Luft jeden Tag mit 20 Milliarden Tonnen Wasserdampf. Gleichzeitig scheiden Pflanzen aller Arten Salze aus und setzen ein Bukett aus stinkenden gasförmigen Verbindungen frei. Pilze, filigran wie Papierschirmchen oder rundlich wie Türknäufe, atmen Rauchfahnen aus Sporen aus. Der Wind weht Bakterien, Pollenkörner und Blatt- oder Rindenpartikel in die Atmosphäre. Der feuchte Hauch des Waldes, gewürzt mit mikroskopischen Lebensformen und organischen Resten, schafft die idealen Voraussetzungen für den Regen. Wenn so viel Wasser in der Luft ist, das an so vielen winzig kleinen Teilchen kondensieren kann, bilden sich sehr schnell Wolken. Manche in der Luft schwebenden Bakterien können die Wassertröpfchen sogar veranlassen zu gefrieren, wodurch die Wolken größer und schwerer werden, sodass sie schneller bersten. Der Amazonaswald erzeugt in einem durchschnittlichen Jahr ungefähr die Hälfte seiner eigenen Regenmenge selbst. Letztlich beeinflusst der Amazonas-Regenwald mehr als nur das Wetter über seinen Baumkronen. Das viele Wasser, die biologischen Abfälle und mikroskopisch kleinen Lebewesen, die von dem Wald abgegeben werden, bilden einen gewaltigen schwebenden Strom – den luftigen Widerhall des Flusses, der sich durch das Unterholz windet. Dieser fliegende Strom transportiert Niederschlag zu Bauernhöfen und Städten in ganz Südamerika. Manche Fachleute sind zu dem Schluss gelangt, dass der Amazonas über seine atmosphärischen Fernwirkungen sogar in weit entfernten Regionen wie Kanada zum Niederschlag beiträgt. Ein Baum, der in Brasilien wächst, kann das Wetter in Manitoba verändern. Die geheimnisvolle Wirkung des Amazonas auf den Regen stellt unsere herkömmliche Denkweise über das Leben auf der Erde infrage. Der hergebrachten Weisheit zufolge ist das Leben auf seine Umwelt angewiesen. Würde die Erde nicht um einen Stern mit der richtigen Größe und im richtigen Alter kreisen, oder wäre sie zu dicht bei diesem Stern oder zu weit davon entfernt, sie besäße keine stabile Atmosphäre, kein flüssiges Wasser und kein Magnetfeld, das schädliche kosmische Strahlung ablenkt, und wäre unbelebt. Das Leben hat sich auf der Erde entwickelt, weil die Erde sich für Leben eignet. Seit Darwin betonen die vorherrschenden wissenschaftlichen Lehrmeinungen immer wieder, dass die sich ständig wandelnden Anforderungen aus der Umwelt im Wesentlichen darüber bestimmen, wie die Evolution des Lebendigen verläuft: Arten, die mit Veränderungen in ihrem jeweiligen Lebensraum am besten zurechtkommen, hinterlassen die meisten Nachkommen, und solche, die sich nicht anpassen können, sterben aus. Aber Darwins Erkenntnis hat eine weithin unterschätzte Kehrseite: Das Leben verändert auch seine Umwelt. Größere Anerkennung erlangte diese Tatsache in der abendländischen Wissenschaft Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Ökologie sich als formelles Fachgebiet durchsetzte. Dennoch konzentrierte man sich auf relativ kleine, räumlich begrenzte Veränderungen: beispielsweise durch den Biber, der einen Damm baut, oder durch Regenwürmer, die den Boden durchmischen. Die Vorstellung, dass Lebewesen aller Arten ihre Umwelt auch auf viel umfassendere Weise verändern können – dass Mikroorganismen, Pilze, Pflanzen und Tiere die Topografie und das Klima eines Kontinents oder sogar der ganzen Erde beeinflussen –, wurde nur selten zum Gegenstand ernsthafter Betrachtungen. »Gestalt und Lebensweise der Pflanzen wie der Tiere der Erde wurden von der Umwelt geprägt«, schrieb Rachel Carson 1962 in Der stumme Frühling. Etwas Ähnliches erklärte E. O. Wilson in seinem 2002 erschienenen Buch Die Zukunft des Lebens: »Homo sapiens ist zu einer geophysikalischen Kraft geworden und stellte damit die erste Spezies in der Geschichte des Planeten dar, die sich dieser zweifelhaften Auszeichnung rühmen kann.« Als ich zum ersten Mal etwas über den Regentanz des Amazonas erfuhr, war ich begeistert und verwirrt zugleich. Ich wusste, dass Pflanzen dem Boden Wasser entziehen und Feuchtigkeit in die Luft abgeben, aber dass Bäume, Pilze und Mikroorganismen im Amazonasgebiet gemeinsam einen so großen Teil des Regens erzeugen, nach dem ihre Heimat benannt ist, und dass die Tätigkeit der Lebewesen auf einem Kontinent das Wetter auf einem anderen verändert, rüttelte mich auf. Die Vorstellung vom Amazonasregenwald als Garten, der sich selbst bewässert, verfolgte mich. Wenn das für ein so großes Ökosystem wie den Amazonaswald gilt, stellte sich für mich die Frage: Könnte es auch in noch größerem Maßstab gelten? Auf welche Weise und in welchem Umfang hat das Leben unseren Planeten im Laufe seiner Geschichte verändert? Als ich Antworten auf solche Fragen suchte, stellte ich fest, dass die wissenschaftlichen Kenntnisse über die Beziehung des Lebens zu unserem Planeten schon seit einiger Zeit eine größere Umwälzung erleben. Anders als hergebrachte Lehrsätze es behaupten, war das Leben in der Erdgeschichte immer eine beträchtliche geologische Kraft, die häufig an die Kräfte von Gletschern, Erdbeben und Vulkanen heranreichte oder sie sogar übertraf. Im Laufe der Jahrmilliarden haben alle möglichen Lebensformen, von Mikroorganismen bis zu Mammuts, die Kontinente verändert, Ozeane und Atmosphäre umgestaltet und einen um die Sonne kreisenden Gesteinsbrocken zu der Welt gemacht, die wir heute kennen. Lebewesen sind nicht einfach nur die Produkte unausweichlicher Evolutionsprozesse in ihren jeweiligen Lebensräumen; sie arrangieren auch ihre Umwelt und sind an ihrer eigenen Evolution beteiligt. Wir und andere Lebewesen sind mehr als nur Bewohner der Erde; wir sind die Erde – das Ergebnis ihrer physikalischen Struktur und ein Motor ihrer globalen Kreisläufe. Die Erde und ihre Geschöpfe sind so eng miteinander verwoben, dass wir sie uns als ein Ganzes vorstellen können. Belege für dieses neue Weltbild finden sich überall um uns herum, vieles wurde allerdings erst vor kurzer Zeit entdeckt und muss noch ebenso weit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vordringen wie beispielsweise egoistische Gene oder das Mikrobiom. Vor fast zweieinhalb Milliarden Jahren veränderten Cyanobakterien,...