E-Book, Deutsch, Band 1, 433 Seiten
Reihe: Romantic-Thriller-Reihe
Romantic Thriller
E-Book, Deutsch, Band 1, 433 Seiten
Reihe: Romantic-Thriller-Reihe
ISBN: 978-3-7325-6261-9
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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Kapitel zwei
Jaci war mit ihren Gedanken woanders, als sie die fünfzehn Meilen nach Baldwin fuhr. Der Ort war größer als Heron, konnte mit einer Kunsthochschule und mehreren Fachgeschäften aufwarten, schaffte es aber doch, sich den Charme einer Kleinstadt am Fluss zu bewahren. Jaci hielt an einem Bed & Breakfast, um ihr selbstgebackenes Brot abzuliefern, bevor sie zu dem kleinen Café fuhr, das zwischen einer Eisenwarenhandlung und einer Zahnarztpraxis eingequetscht war. Sie lenkte ihren Jeep in die nächste freie Parklücke und sprang heraus, ohne darauf zu achten, wer neben ihr einbog. Trina, die Besitzerin von Tea & Cakes, hatte bereits zweimal angerufen und nachgefragt, ob die Obstkuchen rechtzeitig zum Brunch-Ansturm kämen. Ein großer Fehler. Jaci öffnete gerade die Heckklappe ihres Wagens, als sie den vertrauten Duft nach Dolce & Gabbana wahrnahm und erstarrte. Oh … Mist. Sie blickte zur Seite, wo sie zu spät den silbernen Mercedes entdeckte, der neben ihr parkte. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht war Jaci nicht in der Lage, sich zu rühren. Wäre sie klug, würde sie in den Laderaum ihres Jeeps steigen und die Tür schließen. Mit ein wenig Turnerei käme sie auf den Fahrersitz und könnte weg sein, ehe es zu einer Begegnung kam. Stattdessen zwang sie sich, sich langsam umzudrehen und dem kritischen Blick der älteren Frau zu stellen. »Hallo, Mutter.« Sie setzte ein Lächeln auf. Loreen Hamilton war eine kleine, schlanke Frau mit rotblondem Haar, das sie zu einem losen Knoten gesteckt trug, um ihr blasses ovales Gesicht und ihre feinen Züge hervorzuheben. Mit Mitte vierzig war sie noch immer eine schöne Frau, der es gelang, trotz des hartnäckigen Regens wie aus dem Ei gepellt auszusehen. Natürlich gab sie ein Vermögen für ihre wöchentlichen Besuche bei der Kosmetikerin, der Maniküre und dem Friseur aus. Und ihr weiter schwarzer Mantel und die hohen Lederstiefel hatten vermutlich mehr gekostet als Jacis gesamte Garderobe. Hatte man Geld, war es leicht, gut auszusehen. Mit ihren kalten blauen Augen musterte sie Jaci, vom Haar, das ihr nass am Kopf klebte, über das durchweichte Sweatshirt bis hin zu den schlammverschmierten Gummistiefeln. Ihr gegenüber kam Jaci sich stets wie eine linkische, klobige Kuh vor. »Jaci.« Sie zog eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch. »Du lieber Himmel, was ist passiert?« »Nichts.« Jaci blickte verwirrt an sich hinab. »Warum?« Loreens Lippen wurden schmaler. »Du siehst furchtbar aus.« Jaci verdrehte die Augen. Sie würde nie verstehen, wie sich die hübsche Loreen mit siebzehn Jahren von einem einfachen Farmjungen hatte schwängern lassen. Natürlich wusste Jaci von Bildern, dass ihr Vater, Samuel, mit seinem goldbraunen Haar und den gemeißelten Gesichtszügen auf verwegene Art gut aussehend gewesen war. Jaci hatte seine Haarfarbe und seine blaugrauen Augen ebenso geerbt wie seine Liebe zur Natur. Leider waren ihre sonstigen Züge nicht annähernd so umwerfend. Doch Loreen hatte ihren Fehler eiligst wiedergutgemacht. Nachdem Jacis Vater von einem betrunkenen Autofahrer getötet worden war, hatte sie ihre neugeborene Tochter bei ihren Schwiegereltern abgeliefert und sofort Blake Hamilton geheiratet, damit sie in sein prächtiges Haus auf der Anhöhe mit Blick auf den Ort ziehen konnte. Sie hatte ihm auch einen hübschen Sohn, Christopher, und eine perfekte Tochter, Payton, geschenkt. Eine Bilderbuchfamilie. »Ich arbeite«, antwortete sie. »Und du hättest dich nicht ein bisschen saubermachen können, bevor du in die Stadt kommst?« Jaci griff nach dem letzten Tablett mit Pfirsichtartes in ihrem Jeep und vergewisserte sich, dass es vollständig abgedeckt war. »Ich bin seit Stunden auf und habe noch tausend Sachen zu erledigen«, sagte sie knapp. »Wenn ich wieder zu Hause bin, gehe ich duschen.« Loreen schnaubte leise. »Kein Grund, patzig zu sein.« Patzig? Benutzten Leute diesen Ausdruck noch? »Ich …« Sie verkniff sich ihre wütende Erwiderung. Sie hatte alles versucht, eine Beziehung zu dieser Frau aufzubauen. Sie hatte die folgsame Tochter gespielt, die flüchtige Bekannte, die gleichgültige Fremde. Nichts änderte sich. Ihre Mutter war so kalt und tadelnd, wie sie es gewesen war, als Jaci mit fünf Jahren nicht zur Prinzessin des Mais-Festivals gekürt worden war. Zu Loreens Freude hatte ihre zweite Tochter, Payton, den Preis danach drei Jahre lang in Folge gewonnen. »Wie dem auch sei«, sagte Jaci ächzend. »Ich muss die hier Trina bringen.« Da sie davon ausging, dass ihre Mutter dieses unerwünschte Aufeinandertreffen schnellstmöglich hinter sich bringen wollte, war Jaci verblüfft, als Loreen auf das Tablett in ihren Händen zeigte. »Warte«, befahl sie. »Ich nehme zwei von denen.« Jaci machte große Augen. »Du?« Loreen wirkte verlegen. »Ich bezahle auch.« »Das ist es nicht«, entgegnete Jaci, die unter die Plastikfolie griff, um zwei Obsttörtchen hervorzuholen. »Ich habe nur noch nie gesehen, dass du etwas Süßes isst.« Ihre Mutter zuckte mit einer Schulter und streckte eine Hand nach den Kuchen aus. »Blake hat ein Meeting mit Klienten in seinem Büro in St. Louis, aber er hat versprochen, rechtzeitig zum Dinner zu Hause zu sein. Und …« Loreens Lippen dehnten sich zu einem Lächeln. »Christopher ist zu Hause.« »Oh.« Jaci gelang es, keine Grimasse zu ziehen. Sie hasste ihren Halbbruder. Er war schon als arroganter Idiot zur Welt gekommen und dann zu einem dreisten Rüpel herangewachsen, der den Reichtum seiner Familie ausnutzte, um mit allem davonzukommen. Jaci bezweifelte, dass die letzten drei Jahre an der Washington University in St. Louis seine schleimige Persönlichkeit verändert hatten. »Sind Frühjahrsferien?« »Er ist fertig mit seinen Kursen.« Hmm. Hätte der Goldjunge tatsächlich seine Collegeausbildung abgeschlossen, würde das mit Pauken, Trompeten und einer königlichen Party gefeiert. Was bedeutete, dass er das Studium geschmissen hatte. Oder, was wahrscheinlicher schien, rausgeflogen war. »Wann ist er zurückgekommen?«, fragte Jaci. »Vor ein paar Tagen.« Tja, das war vage. »Hat er vor, hierzubleiben?« »Vorerst.« Noch vager. Komisch. »Sicher bist du froh, ihn wieder zu Hause zu haben.« »Ja. Ja, das bin ich.« Das Gesicht ihrer Mutter sah für einen kurzen Moment außergewöhnlich emotional aus, ehe es wieder kühl und überheblich wurde. »Was bin ich dir schuldig?« »Betrachte die Kuchen als Geschenk für den verlorenen Sohn«, antwortete Jaci. Etwas, was Angst sein mochte, blitzte in den blauen Augen ihrer Mutter auf. »Warum nennst du ihn so?«, fragte sie spitz. Jaci runzelte die Stirn. Was soll’s? Ihre Mutter war ständig spitz. Als wäre sie aus stacheligem karamellisiertem Zucker gemacht. Doch nun sah sie aus, als würde sie jeden Moment zerspringen. »Er war fort, und jetzt ist er wieder nach Hause gekommen«, erklärte sie genervt. »Sonst nichts.« Loreen rang sich ein kurzes Lachen ab. »Ja, natürlich.« Jaci sah ihre Mutter prüfend an. »Ist irgendwas los?« »Selbstverständlich nicht.« Das Lächeln blieb, wirkte jedoch angestrengt. »Alles ist bestens.« »Klar. Perfekt.« Ihre Verwunderung wich einem plötzlichen Misstrauen, das Jaci so finster umfing, wie es die Wolken über ihr waren. Es war ein höllischer Morgen gewesen, und ihr fehlte die emotionale Kraft, mit dieser Frau umzugehen. Mit einem resignierten Kopfschütteln wandte sie sich Richtung Café. Welche Laus ihrer Mutter auch über die Leber gelaufen sein mochte, es hatte nichts mit ihr zu tun. Und Loreen würde es ihr ganz sicher nicht danken, sollte Jaci sich einzumischen versuchen. Nein, das wäre das Letzte, was sich ihre Mutter wünschen würde. Jaci drückte die Tür mit der Schulter auf und betrat das in Rosa und Weiß gehaltene Café mit den Plüschsofas und den niedrigen Tischen. Trina kam hinter dem Glastresen hervorgelaufen, ein erleichtertes Lächeln auf dem runden Gesicht. »Gott sei Dank!« Jaci gab ihr das Tablett, kassierte ihr Geld und eilte zum Jeep zurück, ehe Trina sie in Beschlag nehmen konnte. Jeder wollte über den schaurigen Fund reden. Jeder außer Jaci. Sie wollte einfach nur ihre Einkäufe erledigen und nach Hause kommen. Es war nach elf, als Jaci endlich Baldwin verließ und über die Seitenstraßen zur Farm ihrer Großeltern fuhr. Die enge Straße war abgelegen und von einer Schlammschicht bedeckt. Deshalb rechnete Jaci nicht damit, einem großen schwarzen Geländewagen zu begegnen, als sie um eine Biegung kam. Sie trat auf die Bremse und beobachtete, wie der Wagen vorbeifuhr, wobei er ihre Stoßstange nur um Haaresbreite verfehlte. Doch noch während Jaci aufatmete, weil sie nicht zusammengestoßen waren, sah sie den Mann hinterm Steuer. Der ihr allzu gut bekannt war. Ihr Stiefvater, Blake Hamilton. Verwundert sah sie dem SUV hinterher, der um die Biegung verschwand. Der ältere Mann war CEO von Hamilton Enterprises, einem Unternehmen, das er von seinem Vater geerbt hatte. Jaci wusste nicht genau, was das hieß, abgesehen von der Tatsache, dass er haufenweise Geld verdiente. Er nutzte den kleinen Flugplatz nördlich von Baldwin für den täglichen Weg zum Büro in St. Louis. Es waren nur vierzig Minuten Flug,...