Für ein politisch engagiertes Christentum
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-7365-0212-3
Verlag: Vier Türme
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stattdessen stellt der engagierte Pfarrer den Menschen in den Mittelpunkt. Für einen gemeinsamen Dialog. Für eine ethische Zukunft. Für ein christliches Miteinander.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1 »Wer in der Demokratie schläft ...« Es gibt Momente, in denen man die Stille hören kann. Diese Momente sind angefüllt mit Gedanken und Gefühlen, die zwar nicht ausgesprochen werden, aber unüberhörbar sind. Einen solchen Moment erlebe ich, als Éva Fahidi diesen Satz sagt: »Gleichgültigkeit ist wie Gift.« Es ist so, als wäre jedem und jeder in diesem Augenblick bewusst, welche Folgen die Worte für das eigene Leben haben. Der Saal im Gemeindezentrum der Würzburger Jüdischen Gemeinde ist an diesem Abend im Frühjahr 2015 so voll, wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt habe. Über 800 – meist junge – Menschen füllen die Plätze. Viele von ihnen sitzen auf dem Boden. Sogar auf dem leicht erhöhten Podium kauern Studierende und lauschen den Worten der betagten zierlichen Frau, die neben mir Platz genommen hat. Es wirkt auf mich so, als wollten die jungen Leute der alten Frau und dem, was sie sagt, so nahe sein wie möglich. Éva Fahidi gehört zu den Menschen, die wir mit dem etwas technisch wirkenden Titel »Zeitzeugen« versehen, als wäre das, was sie tun, schon so etwas wie ein Beruf, den sie sich gewählt haben, oder wie eine Auszeichnung, die man ihnen an die Brust heftet. Dabei war es für sie – wie für alle anderen, auf die diese Bezeichnung zutrifft – nicht der Plan, den sie als junger Mensch für ihr eigenes Leben hatte. Sie hat als ungarische Jüdin die Shoa überlebt. Am 1. Juli 1944 steht sie auf der Rampe von Auschwitz vor dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele. Innerhalb von Sekunden entscheidet sich für sie, ob sie weiterleben darf oder wie ihre Familienangehörigen in die Gaskammer geschickt wird. Zum letzten Mal sieht die damals 18-Jährige ihre Mutter Irma, ihre 11 Jahre jüngere Schwester Gilike, ihre Cousine Boci und deren sechs Monate altes Kind. Alle werden ermordet. Nur sie überlebt. Davon erzählt die inzwischen 89-jährige Frau, die bei der Veranstaltung in Würzburg immer wieder freundlich, fast liebevoll ins Publikum lächelt. Sie ist berührt von den vielen jungen Menschen, die an ihren Lippen hängen. Die meisten von ihnen sind in dem Alter, in dem sie damals war, als sie der Ermordung entkommen ist. Auch sie haben Pläne für ihr Leben, wie Éva damals. Es war nicht ihre Wahl, zur Zeitzeugin zu werden. Sie hat sich nicht dafür entschieden, wie man sich in diesem Alter für einen Beruf oder für ein Studienfach entscheidet. An diesem Abend erzählt sie, wie es dazu kam. Und noch nach 70 Jahren ist sie erschüttert über die Gleichgültigkeit der ungarischen Bevölkerung, die zusah, als ihre jüdischen Nachbarn im Frühjahr 1944 während einer großen Verfolgungswelle in die Vernichtungslager deportiert wurden. Es sind etwa 450 000 Menschen, die unter den Augen der nichtjüdischen Bevölkerung zu den Bahnhöfen geführt wurden, um dort in die Todeszüge zu steigen. »Gleichgültigkeit ist wie ein Gift«, sagt Éva Fahidi. Noch immer ist ihr ihre Verwunderung und ihr Entsetzen anzumerken, wenn sie das sagt und wenn sie darüber spricht, wie Menschen einfach zuschauten und sogar mithalfen, als dieses unglaubliche Unrecht geschah. Hass und Gleichgültigkeit brachten 49 Mitgliedern ihrer Familie den Tod und machten sie zur »Zeitzeugin«. Dann spricht sie über Ungarn heute, über das Orbán-Regime, über den neu entflammten Antisemitismus und über die Stimmungsmache gegen Geflüchtete. Sie redet auch über ihre Angst, dass sich Dinge wiederholen könnten. Die Gleichgültigkeit und die Zustimmung zu offensichtlichem Unrecht wiederhole sich zumindest schon, sagt sie. Auf einmal erscheint es mir, als würde die Stille im Saal nicht nur hörbar, sondern laut. Die Betroffenheit und die Entschlossenheit so vieler junger Menschen im Raum, nicht gleichgültig Unrecht mitanzusehen, ist spürbar. Viele gehen an diesem Abend bewegt und aufgewühlt nach Hause. Manchen ist dieser Entschluss wie ins Gesicht geschrieben, nicht gleichgültig wegzuschauen, wenn Menschenrechte verletzt werden und die Demokratie in Gefahr gerät. Als sich im Jahr darauf eine Studentin zum Abschluss ihres Studiums bei mir in der Hochschulgemeinde verabschiedet, sagt sie, der Abend mit Éva Fahidi sei einer der wichtigsten Augenblicke in ihrem bisherigen Leben gewesen. Sie habe sich an diesem Abend entschlossen, sich noch mehr für andere Menschen zu engagieren und nicht nur darauf zu schauen, wie sie möglichst schnell und erfolgreich ihr Studium schaffen könne. Sie erzählt davon, dass Éva Fahidis Worte ihr den Anstoß gegeben haben, sich für die Rechte geflüchteter Menschen einzusetzen. Was ich zusammen mit vielen anderen an diesem Abend mit Éva Fahidi erlebt habe, reiht sich ein in viele Begegnungen mit Überlebenden der Shoah und mit anderen Zeitzeugen. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich tatsächlich begriff, dass die Verbrechen der NS-Zeit nicht nur Geschichtsbuchwissen sind, sondern etwas mit mir zu tun haben. Für mein Abitur habe ich im Rahmen einer Facharbeit den Widerstand eines katholischen Pfarrers in meiner Heimatgemeinde während der NS-Zeit beschrieben. Ich saß mehrere Tage im Staatsarchiv, habe Gestapo-Akten eingesehen und persönliche Aufzeichnungen des Pfarrers aus seinem Nachlass studiert. Am meisten beeindruckt haben mich allerdings die Interviews, die ich mit Zeitzeugen geführt habe. Es waren Menschen, die aus ihren Erinnerungen das Verhalten des Pfarrers beschrieben und mir einen Einblick gaben in ihre eigene Haltung. Einige von ihnen waren während der Zeit des Nationalsozialismus’ in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert. Zu dem Zeitpunkt, als ich sie interviewte, waren die meisten um die 60 Jahre alt und standen noch mitten im Leben. Es waren Menschen, die mir davon erzählten, dass sie sich als Jugendliche dafür entschieden hatten, nicht mit der Masse zu gehen. Bei geheimen Treffen in der Kirche oder in kirchlichen Räumen bestärkten sie sich gegenseitig darin, dass ihr christlicher Glaube und die Ideologie der Nationalsozialisten nicht zusammenpassten. Sie leisteten als junge Menschen keinen großen oder nach außen aufsehenerregenden Widerstand, aber sie lehnten sich in ihrem Inneren auf gegen das Unrechtsregime. Manchmal ging ihre innere Auflehnung bis hin zur Verzweiflung, weil sie in ihrem Alter so wenig gegen die Übermacht des Unrechts und der lauten Propaganda tun konnten. Immer wieder kommen mir die Worte des Holocaustüberlebenden Elie Wiesel in den Sinn: »Wenn Sie die Wahl haben, zwischen Verzweiflung und Gleichgültigkeit zu wählen, wählen Sie die Verzweiflung, nicht die Gleichgültigkeit! Denn aus Verzweiflung kann eine Botschaft hervorgehen, aber aus der Gleichgültigkeit kann per definitionem nichts hervorgehen.« (Erinnerung als Gegenwart. Elie Wiesel in Loccum [Mai 1986]. Loccumer Protokolle 25/1986, S. 157). Elie Wiesels Rat begleitet mich schon lange. Manchmal gebe ich diesen Rat jungen Leuten weiter, die daran verzweifeln, dass ihr Engagement so wenig auszurichten scheint gegen ungerechte Verhältnisse in der Gesellschaft, gegen die Ausgrenzung von Geflüchteten oder gegen die Zerstörung der Natur. Elie Wiesel bringt auf den Punkt, was sich wie ein roter Faden durch alle meine Gespräche und Begegnungen mit Zeitzeugen zieht. Manchmal habe ich dabei das Gefühl, dass die Gleichgültigkeit und das Wegschauen von Nachbarn mindestens genauso tiefe Narben bei den Verfolgten hinterlassen haben wie offene Ablehnung und Hass. Hin und wieder werde ich gefragt, warum ich mich als Priester eigentlich so intensiv für Politik interessiere, mich in verschiedenen Bündnissen für eine offene respektvolle Gesellschaft engagiere und dafür auch auf die Straße gehe. Mir wird immer mehr bewusst: Es sind vor allem diese Erlebnisse mit Zeitzeugen. Sie sind vielleicht der eigentliche Grund für mein politisches Bewusstsein, für so viele Stunden, die ich auf der Straße bei Demonstrationen, in politischen Diskussionen oder in der Begleitung von Geflüchteten verbringe. Wer einmal die laute Stille erlebt hat, die sich um Überlebende der Shoa verbreitet, wenn sie zu erzählen beginnen, kann nicht mehr wegschauen und stumm bleiben. Ich habe für mich aus jedem dieser Zeitzeugengespräche mitgenommen: Das Gift der Gleichgültigkeit zerstört die Mitmenschlichkeit und es ist die vielleicht größte Gefahr für die Demokratie. In mir hat das Erschrecken über die Verbrechen der NS-Zeit vor allem eines bewirkt: die Entschlossenheit, nicht stumm wegzuschauen, wenn Menschen in ihrer Würde verletzt werden. Das hat für mich nichts mit schlechtem Gewissen oder gar mit einem »Schuldkomplex« zu tun, wie manchmal von denen behauptet wird, die am liebsten unter die Erinnerung an die Verbrechen einen »Schlussstrich« ziehen würden. Nein, ich trage persönlich natürlich keine Schuld an den Verbrechen der Shoa, aber ich spüre: Ich bin es den Überlebenden von damals schuldig, dass ich heute gegen die Gleichgültigkeit ankämpfe. In den letzten Jahren sind zu den Zeitzeugen der Shoa aber noch andere Menschen hinzugekommen, denn gegen Gleichgültigkeit anzugehen und mich einzumischen, bin ich auch denen schuldig, die heute aus Unrechtsregimen fliehen müssen. Viele von ihnen sind mir zu Freunden geworden. Für sie ist die Erfahrung von Diktatur nicht abstraktes Wissen aus dem Geschichtsunterricht, sondern am Leib erfahrene Gegenwart. Sie wissen aus eigenem Erleben, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe nie in einer anderen Staatsform als der Demokratie gelebt. Ich konnte meinen Plänen und Träumen, die ich als junger Mensch hatte, unter den Bedingungen einer demokratischen Gesellschaft und im Frieden folgen. Die jungen Leute, die ich vor allem seit dem Sommer 2015 kennengelernt habe und die vor Krieg und Diktatur geflohen sind,...